Mit Mutti ist die Welt erst schön (eBook)
100 Seiten
Blattwerk Handel GmbH (Verlag)
978-3-69049-245-4 (ISBN)
Es war kurz nach halb sieben, als der letzte Kunde die kleine Löwenapotheke verließ. Frau Dr. Eveline Dehnhoff begleitete ihn bis zur Tür, um sie gleich nach ihm abzuschließen. Es war ein fast komischer Seufzer, der sich jetzt ihrer Brust entrang. Frau Dr. Dehnhoff war nicht die Frau, die zum Leiden neigte. Ihr ganzes Leben war voller Aktivität gewesen. Als ihr Mann vor einigen Jahren gestorben war, hatte sie die Leitung der Apotheke bald danach ganz allein übernommen. Sie konnte sich nicht vorstellen, den ganzen Tag in ihrem hübschen Haus zu verbringen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Nein, das konnte sie wirklich nicht.
Aber an diesem Tag war etwas geschehen, was sie zum ersten Mal hatte spüren lassen, dass sie doch schon auf Hilfe angewiesen war. Besonders auf Julias Hilfe.
Eveline ging daran, die Ladenräume vorschriftsmäßig zu verschließen. Auch dies war eine Aufgabe, die sonst Julia ausführte. Aber Julia hatte mitten am Nachmittag während des größten Geschäftstrubels die Apotheke plötzlich verlassen, als widere sie der Betrieb auf einmal an.
Nachdem alles Nötige getan war, zog Eveline Dehnhoff ihren Kittel aus, hängte ihn an einen Haken und stellte sich vor einen kleinen Spiegel. Obwohl sie schon bald fünfzig wurde, war ihr Gesicht noch straff und ihre Haut nur von einigen feinen Fältchen durchzogen, die eine gehörige Portion Humor und eine fast ständige Lachbereitschaft verrieten. Während sie mit einem Kamm durch ihre graugesträhnten Haare fuhr, blickte sie sich einen Moment fragend an, als erwarte sie von ihrem Spiegelbild eine klare Auskunft. Wie sollte sie sich Julia gegenüber verhalten? Sollte sie ihr Vorwürfe machen? Oder sollte sie ihre Tochter fragen, was sie eigentlich bewogen habe, sich mitten im größten Geschäftsbetrieb einfach davonzuschleichen? Ob sie krank war?
Eveline schloss die Tür der Apotheke noch einmal auf, um nun selbst ins Freie zu treten. Von außen brauchte sie drei Schlüssel, um abzuschließen. Dann aber trat sie mit leichtfüßigen Schritten in den kühlen Märzabend hinaus. Schon nach einigen hundert Metern stand sie vor ihrem Grundstück.
Die Gartenpforte war nur angelehnt, in der altmodischen kleinen Villa brannte Licht. Dort saß Julia. Eveline wusste es. Seit ihr einziges Kind zu ihr zurückgekehrt war, bewohnte sie dieses hübsche Häuschen zusammen mit Julia. Zwischen Mutter und Tochter war es noch nie zu einem Streit gekommen, seit Julia ihren Ehemann verlassen hatte und nun in der elterlichen Apotheke ihrem erlernten Beruf nachging.
»Julia?«, rief Eveline leise, als sie das Haus betrat. Als niemand antwortete, stellte sie ihren Schirm ab, zog ihren sportlichen Mantel aus und trat dann ins Wohnzimmer.
Im Kamin knisterte ein wärmendes Feuer. Davor saß Julia in einem Schaukelstuhl und drehte ihrer Mutter den Rücken zu.
»Na, reizend!« Eveline sagte es fast spöttisch. Dann setzte sie sich ihrer Tochter gegenüber und blickte genauso sinnend ins Feuer. Aber das hielt sie nicht lange aus. Sie erhob sich wieder und holte sich eine Zigarette.
»Ach bitte, Mutti…« Fast wehmütig lächelnd streckte nun auch Julia ihre Hand nach der Schachtel aus. Die beiden Frauen waren gewohnt, sich untereinander mit nur wenigen Worten zu verständigen. Sie kannten sich zu gut, um irgendwelche abgedroschenen Höflichkeitsfloskeln benutzen zu müssen.
Eveline hatte sich wieder gesetzt. Schweigend nahm jede der Damen einige Züge.
Julia war eine hübsche Frau. Das konnte Eveline ohne Mutterstolz feststellen. Ihr halblanges, kastanienbraunes Haar fiel weich und ungekünstelt herab. Dichte Ponyfransen verdeckten in einem Bogen die Stirn und betonten Julias grünliche Augen, die durch die langen Wimpern wie von einem feinen Strich umrandet waren. Julias Mund war dagegen fast etwas zu groß. Aber ihre wohlgeformten Lippen waren glatt und jugendlich. Nur an den Mundwinkeln zogen sie sich ein wenig nach unten. Dort sah man, dass Julia Erfahrungen gemacht hatte, an denen sie noch immer litt.
»Wenn du mich das nächste Mal einfach so hinter dem Ladentisch sitzen lässt, dann sage bitte vorher Bescheid.«
»Verzeih, Mutti.« Mehr sagte Julia nicht.
Eveline unterdrückte jeden Vorwurf. Dass Julia weder krank noch müde war, das sah sie mit geübtem Auge.
Aber sie ahnte auch, was ihre Tochter quälte. Sie kannte ja diesen hoffnungslosen Blick von Julia, dieses deprimierende Schweigen, das so ganz anders war als das, was sonst zwischen ihnen bestand. Dieses Schweigen hatte nichts mit einem heiteren Einverständnis zu tun. Es drückte Kummer aus, tiefen Kummer.
Frau Dr. Dehnhoff hatte nie den Anspruch erhoben, die beste Freundin ihrer Tochter zu sein. Solche Sentimentalitäten lehnte sie ab. Julia war ihre erwachsene Tochter, weiter nichts. Ein Mensch, der eine glückliche Kindheit und eine erstklassige Erziehung genossen hatte. Ein Mensch, dessen Intelligenz und Verantwortlichkeit vollauf genügte, um mit beiden Beinen im Leben zu stehen, um Fehler zu machen, sie einzusehen und in Zukunft zu vermeiden.
Eveline warf einen letzten mürrischen Blick auf Julia und drückte ihre Zigarette aus. Dann erhob sie sich und ging in die hübsche Küche. Sie hatte Hunger und wollte für sich und Julia Abendbrot richten.
Gerade, als Eveline vier Eier in kochendes Wasser gelegt hatte, stand Julia in der Küche. »Verzeih, Mutti«, sagte sie noch einmal, und diesmal klang echtes Bedauern aus ihrer Stimme. »Ich bin so schnell gegangen, weil Frau Witt mich nach Guido gefragt hatte.«
Blitzschnell drehte Eveline sich zu ihrer Tochter um. »Frau Witt? Die von dem Möbelgeschäft? Was weiß die denn von Guido?«
»Sie hat ihn in Stuttgart als ›Prinz von Homburg‹ gesehen. Irgendjemand hat ihr erzählt, dass er mein Mann ist.«
»Ach, Gottchen!«, stieß Eveline belustigt hervor. »Und deswegen musst du gleich türmen?« Als Julia jedoch nicht antwortete, fuhr sie heiter plaudernd fort: »Was willst du eigentlich, Julia? Dass Guido dein Mann ist, weißt du seit fünf Jahren. Dass er nicht der richtige Mann ist, weißt du seit zwei Jahren. Wenn du mit ihm verheiratet bleiben willst, obwohl du ihn seit zwei Jahren nicht mehr wiedergesehen hast, bitte schön. Du wirst deine Gründe haben. Aber dann halte dein Herz auch fest, wenn es zu taktlosen Bemerkungen kommt. Schließlich ist Guido Staal ein berühmter Schauspieler.
Eveline wusste ja, wie sehr Julia unter der Ehe mit Guido gelitten hatte. Ihr kopfloses Verhalten am Nachmittag zeigte, dass sie noch immer litt. Aber konnte sie ihr helfen? Konnte sie ihr raten, sich scheiden zu lassen?
»Dr. Fechter war noch da«, warf Eveline schnell hin, um das Schweigen zwischen ihnen nicht allzu lastend werden zu lassen. »Er lässt dich grüßen.«
Über Julias Gesicht huschte ein kleines Lächeln. Sie ergriff den Wasserkessel und setzte Teewasser auf. »Ach, Dr. Fechter…«
»Dr. Fechter ist ein Mann, nach dem sich alle Mädchen der Stadt die Finger lecken, Julia«, begehrte Eveline auf. Sie musste zugeben, dass ihr der junge Tierarzt noch vor einigen Jahren selbst hätte gefährlich werden können. Denn obwohl sie mit Julias Vater bis zum Schluss eine glückliche Ehe geführt hatte, war sie doch den Freuden des Lebens sehr zugetan gewesen. In aller Anständigkeit natürlich. »Ich lecke mir aber nicht die Finger nach einem Mann, Mutti. Einmal und nicht wieder.«
»Sprich nicht so, Julia. Du bist erst sechsundzwanzig. Du musst doch nicht deshalb, weil Guido an anderen Mädchen Gefallen gefunden hat, gleich versauern.«
Ein energisches Klingeln unterbrach Evelines temperamentvolle Rede.
»Hoffentlich ist das nicht wieder Jochen Fechter«, schimpfte Julia und ging zur Tür.
Es war nicht Dr. Fechter. Es war der Eilbote. Er überreichte Julia ein Einschreiben. Sie unterschrieb mit Julia Staal, wie sie es gewohnt war. Dann ging sie mit dem Brief in die Küche zu ihrer Mutter. Ein Instinkt sagte ihr, dass sie nicht allein sein sollte, wenn sie den Umschlag öffnete.
Eveline unterbrach ihre Tätigkeit nicht, als ihre Tochter auf einen Stuhl sank. Julia war blass geworden, ihre Lippen bebten. »Guido…«, stammelte sie verwirrt und betroffen. »Guido will die Scheidung.«
»Na, endlich.« Eveline atmete auf, obwohl sie sah, wie sehr Julia unter dieser Nachricht litt.
Julia verließ wortlos die Küche. Langsam stieg sie die Treppe hinauf in den ersten Stock. Dort – in ihrem Zimmer – ließ sie sich auf ihr Bett fallen. Den Brief presste sie dabei an ihre Brust. Es dauerte sehr lange, bis sich die ersten Tränen aus ihren Augen lösten. Eine Welt brach für sie zusammen. Es gab nun keine Hoffnung mehr für sie. Guido liebte sie nicht mehr. Wild schluchzend verbarg Julia mit den Armen ihre Augen.
*
»Ich wünsche Ihnen alles Gute, Herr Staal.« Guidos Anwalt war ein rundlicher Mann mit einem freundlichen Gesicht und einer dunklen Hornbrille. »Ihnen natürlich auch, Frau Staal«, fügte er schnell hinzu.
Alles Gute? Konnte man Frischgeschiedenen alles Gute wünschen? Nachdenklich sah Julia ihm nach, als er den langen Flur des Justizgebäudes entlangeilte.
Guido riss Julia aus ihren Gedanken. »Du siehst sehr gut aus, Julia. Es geht dir bestimmt gut bei deiner Mutter, nicht wahr?«
Julia blickte ihn an. Guido war ein schöner Mann. Sein hellbondes Haar fiel ihm wie einem kleinen Jungen frech ins Gesicht, und seine blitzblauen Augen strahlten mit einer fast hypnotischen Kraft unter den blonden Strähnen hervor. Er lachte. Sein kraftvoller Charme hatte etwas Bezwingendes. Julia konnte nicht glauben, dass sie seit zehn Minuten von ihm geschieden war, dass nun endgültig alles zu Ende sein sollte.
Julia schnürte den Gürtel ihres
Trenchcoats...
| Erscheint lt. Verlag | 29.4.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Sophienlust Bestseller |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Familiengeschichte • Familienroman • Familiensaga • Familienzwist • Heimatroman • Liebesgeschichte • Mami • Martin Kelter Verlag • Patricia Vandenberg • Sonnenwinkel • Sophienlust |
| ISBN-10 | 3-69049-245-9 / 3690492459 |
| ISBN-13 | 978-3-69049-245-4 / 9783690492454 |
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