Kerstin verliert ihren Hass (eBook)
100 Seiten
Blattwerk Handel GmbH (Verlag)
978-3-69049-244-7 (ISBN)
Andrea, die blutjunge Frau des beliebten Tierarztes Dr. Hans-Joachim von Lehn, stand stirnrunzelnd vor ihrem geöffneten Kleiderschrank und schob die Kleider auf den Bügeln hin und her. Dann wandte sie sich zu ihrer Stiefmutter Denise von Schoenecker um. »Mutti, was soll ich nur mitnehmen?«, fragte sie ratlos.
Denise lachte: »Kind, das sollte doch kein Problem für dich sein. Jedes deiner Kleider ist entzückend.«
»Meinst du das wirklich? Wenn man auf dem Land lebt, kann man keine Vergleiche mit den Frauen in den Großstädten anstellen. Paris ist die Stadt der Mode, und die Pariserinnen sollen nicht nur sehr schick, sondern auch auffallend hübsch sein.«
»Ich glaube, dass sind nur Illusionen. Auch in Paris gibt es Frauen, die nicht nach der Mode gekleidet sind. Aber selbstverständlich gibt es dort auch sehr elegante Frauen – wie überall auf der Welt. Zudem bleibt ihr ja kaum eine Woche in Paris. Du brauchst also keinen Schrankkoffer voller Kleider mitzunehmen«, scherzte Denise.
»Mutti, ich möchte aber alle Frauen in Paris ausstechen. Hans-Joachim soll stolz auf mich sein. Er soll erst gar nicht auf den Gedanken kommen, andere Frauen zu bewundern.«
»Deine Sorgen möchte ich haben, Andrea.« Denise lachte herzlich auf. »Ich hätte gar nicht gedacht, dass du so eifersüchtig sein kannst.«
»Ich denke immer noch an die Zeit, als Hans-Joachim in Amerika war. Damals hat man viel über ihn geredet. Er soll viele Freundinnen gehabt haben. Wenn ich ihn nach dieser Zeit frage, hüllt er sich in geheimnisvolles Schweigen.«
»Damals wart ihr ja noch nicht einmal verlobt, Andrea. Jeder junge Mann stößt sich erst die Hörner ab, bevor er heiratet. Gerade Männer, die ihr Leben in jungen Jahren genossen haben, werden die besten Ehemänner. Das ist eine alte Weisheit, Andrea.«
»Andererseits sagt man aber auch, dass die Katze das Mausen nicht lässt.« Andrea musste plötzlich lachen. Dann aber wurde sie wieder ernst. »Ich bin eine pflichtvergessene Mutter!«, rief sie in einem völlig veränderten Ton. »Ich mache mir Sorgen um meine Garderobe, statt an Peterle zu denken, den ich nun fünf Tage allein lassen muss.«
»Du bist gut, Andrea. Allein lässt du ihn gewiss nicht. Oder willst du behaupten, dass ein Kind in Sophienlust allein ist?«
»Natürlich nicht. Bei dir ist mein kleiner Sohn in den besten Händen. Nicht wahr, du nimmst ihn am Abend mit nach Schoeneich?«
»Das habe ich dir doch schon versprochen. Die Kinder in Sophienlust können es kaum erwarten, dass Peterle zu ihnen kommt. Besonders Pünktchen und Heidi warten voller Sehnsucht auf diesen Augenblick.«
»Aber du überlässt Peterle keinen von ihnen. Heidi ist doch erst vier. Und Pünktchen? Na ja, sie ist schon sehr vernünftig mit ihren zwölf Jahren. Aber eben doch noch ein Kind. Am liebsten würde ich hierbleiben. Soll ich Hans-Joachim nicht doch allein nach Paris fliegen lassen?«
»Das würde ich an deiner Stelle lieber nicht tun«, neckte Denise ihre bildhübsche Stieftochter. »Denk an die eleganten schönen Pariserinnen.«
»Ach, Mutti, du willst mich doch nur hochnehmen!« Übermütig blitzte es in Andreas blauen Augen auf. »Ich werde Hans-Joachim auf keinen Fall allein fliegen lassen. Gelegenheit macht Diebe, heißt es doch.«
»Was höre ich da?«, rief Hans-Joachim von Lehn von der Tür her. »Du willst mir nicht einmal Gelegenheit zu einem Seitensprung geben, teures Weib?«
»Das könnte dir so passen, du Wüstling.« Andrea umarmte ihn und zupfte ihn dabei ziemlich kräftig an seinen blonden Haaren. »Ich werde meine Augen in Paris offenhalten, um dir keine Möglichkeit zu geben, dich fortzuschleichen. Paris ist nun mal ein Sündenbabel.«
»Du tust mir weh, du grobes Weib.« Lachend befreite er sich und sah seine hübsche Schwiegermutter verschmitzt an. »Da habe ich mir etwas zusammengeheiratet.«
In diesem scherzenden Ton wäre es noch ein Weilchen weitergegangen, wenn Peterle sich nicht durch empörtes Schreien im Nebenzimmer bemerkbar gemacht hätte. Auch die Dogge Severin bellte laut.
Andrea eilte, gefolgt von Denise, in das mit weißen Schleiflackmöbeln ausgestattete Kinderzimmer, wo ihr Sprössling im Stubenwagen lag und erbärmlich schrie. Aufgeregt stand die schwarze Dogge Severin neben dem Wagen. Andrea hob ihren Sohn hoch. »Was fehlt dir denn, Peterle?«, fragte sie erschrocken. »Hoffentlich wird er nicht krank. Dann muss ich dich wirklich allein nach Paris fliegen lassen«, wandte sie sich an ihren Mann, der ebenfalls ins Kinderzimmer gekommen war.
»Wenn du nasse Windeln als Krankheit bezeichnest, dann dürfte dein Sohn chronisch krank sein«, neckte Denise sie.
»Seine Windeln sind tatsächlich nass. Ich bin wirklich dumm«, klagte Andrea sich an. »Das kommt nur daher, dass ich ganz durcheinander bin vor Freude über die Pariser Reise, Hans-Joachim.«
»Dann solltest du lieber daheimbleiben, Andrea«, schlug er vor und brachte sich schnell in Sicherheit, als sie ihn mit funkelnden Augen ansah.
Denise verabschiedete sich nach einer Weile. Andrea begleitete sie zu ihrem Wagen. »Morgen früh bringen wir Peterle zu dir. Dann fahren wir gleich weiter nach Frankfurt, Mutti. Unsere Maschine fliegt gegen Mittag.«
»Ich werde gegen neun Uhr in Sophienlust sein. Ich nehme an, Vati kommt auch mit, um sich von euch zu verabschieden.«
»Das ist fein. Hans-Joachim und ich wären ja heute Abend gern noch nach Schoeneich gekommen, aber es geht nicht. Hans-Joachim hat noch eine Menge zu tun. Schließlich muss er die Praxis fünf Tage allein lassen. Ein Glück, dass unser Tierpfleger, Herr Koster, schon fast ein halber Tierarzt ist. Die leichten Fälle kann er übernehmen. Sonst müssen die Leute mit ihren Tieren nach Roggendorf zu Dr. Petzold fahren. Aber Hans-Joachim will sich den Tierärztekongress in Paris auf keinen Fall entgehen lassen.«
»Womit er auch recht hat.« Denise gab ihrer Tochter einen Kuss, dann stieg sie in ihren Wagen ein und fuhr los. Ihr Weg führte sie über Sophienlust, wo sie bereits sehnsüchtig von ihrem Jüngsten erwartet wurde.
Denise fuhr Henrik liebevoll durch seinen meist schwer zu bändigenden braunen Haarschopf. »Bist du mit den Schulaufgaben fertig?«, fragte sie.
Schelmisch blitzte es in den grauen Jungenaugen auf. »Ja, Mutti, aber Nick hat mir geholfen. Er kann ganz toll rechnen.«
»Ich weiß das, Henrik. Wo steckt er denn?«
»Er ist bei den Ponys und gibt den beiden neuen Kindern die erste Reitstunde. Mutti, ist es wahr, dass das Pony Nicki schon sehr alt ist? Nick hat erzählt, dass er es geschenkt bekam, als du noch nicht mit meinem Vati verheiratet warst.«
»Das stimmt, Henrik. Nick war damals erst fünf. Also zwei Jahre jünger, als du heute bist.«
»Und ihr seid damals hierhergekommen, weil Nicks Urgroßmutter gestorben war und Nick Sophienlust geerbt hatte.« Henrik kannte diese Geschichte bereits auswendig, aber er wollte sie immer wieder hören, weil sie ihm so gut gefiel. Er vergötterte seinen Halbbruder Nick und ahmte ihn in allem nach. Als er noch jünger war, hatte er nicht verstehen können, dass Nicks Urgroßmutter nicht auch die seine war. Aber nun wusste er, dass seine Mutti früher einmal mit einem Herrn von Wellentin verheiratet gewesen war, der noch vor Nicks Geburt tödlich verunglückt war. Danach hatte es seine Mutti sehr schwer gehabt. Sie war damals arm gewesen und hatte Nick, der eigentlich Dominik hieß, in einem Kinderheim unterbringen müssen, das aber lange nicht so schön gewesen war wie Sophienlust.
Doch dann hatte Nick Sophienlust geerbt, und seine Mutti hatte seinen Vati kennengelernt. Die beiden hatten geheiratet, und dann war er, Henrik, geboren worden. Aber nicht nur seine Mutti hatte schon ein Kind gehabt, sondern auch sein Vati. Er hatte sogar zwei Kinder aus erster Ehe gehabt: Andrea und Sascha.
»Mutti, bitte erzähle mir doch noch mal die Geschichte von Vati und dir«, bat Henrik und strich Denise schmeichelnd über den Handrücken.
»Ja, Henrik, aber erst auf der Fahrt nach Schoeneich. Ich muss jetzt ein paar Dinge mit Frau Rennert besprechen.«
»Tante Ma ist bei Magda in der Küche, Mutti.«
»Bleib bitte in der Nähe, Henrik. Ich möchte dann gleich nach Schoeneich fahren. Kommt Nick mit?«
»Nein, Mutti, er will heute hier übernachten. Nicht wahr, wenn ich älter bin, bekomme ich auch ein eigenes Zimmer in Sophienlust?«, fragte Henrik gespannt.
»Ja, Henrik.« Denise stieg die Freitreppe des schönen alten Herrenhauses empor. Sie hatte das Äußere dieses Hauses so gelassen, wie es von Anfang an gewesen war. Innen waren allerdings einige Veränderungen nötig gewesen, als das Haus in ein Kinderheim umgewandelt worden war. Nur die Wohnhalle mit dem offenen Kamin, dem hochlehnigen Sofa, dem antiken Tisch und den bequemen braunen Ledersesseln und das stilecht eingerichtete Biedermeierzimmer hatten ihren ursprünglichen Charakter behalten.
Denise fand die Heimleiterin, Frau Else Rennert, die Kinderschwester Regine und die Köchin Magda in der Küche. Gemeinsam besprachen sie nun den Wochenspeiseplan für die Kinder und Erwachsenen in Sophienlust.
Henrik lief indessen zu den Koppeln, wo Nick zwei Brüdern, die vor ein paar Tagen nach Sophienlust gekommen waren, die erste Reitstunde gab.
Nick war ein hoch aufgeschossener hübscher Junge mit dunklen Augen und schwarzlockigen Haaren. Er hatte viel Temperament und ein Herz für alle Kinder und Tiere. Überall war er beliebt. Er liebte Sophienlust sehr und zeigte offen, wie stolz er auf sein Erbe war.
»Na, Kleiner, willst du auch reiten?«, fragte er seinen kleinen Halbbruder lächelnd.
»Ich kann jetzt nicht, Nick. Mutti wartet auf mich. Wir fahren...
| Erscheint lt. Verlag | 22.4.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Sophienlust Bestseller |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Familiengeschichte • Familienroman • Familiensaga • Familienzwist • Heimatroman • Liebesgeschichte • Mami • Martin Kelter Verlag • Patricia Vandenberg • Sonnenwinkel • Sophienlust |
| ISBN-10 | 3-69049-244-0 / 3690492440 |
| ISBN-13 | 978-3-69049-244-7 / 9783690492447 |
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