Der Arzt und seine Familie (eBook)
100 Seiten
Blattwerk Handel GmbH (Verlag)
978-3-69049-203-4 (ISBN)
»Was ist denn heute eigentlich los?«, murmelte Sophia, als es noch nicht einmal neun Uhr war und es im Wartezimmer der Praxis Norden keinen freien Platz mehr gab.
»Keine Ahnung«, entgegnete Lydia achselzuckend, als bereits die nächsten Patienten durch die Eingangstür kamen. »Möglicherweise eine Grippeepidemie«, stellte sie leise fest, als auch die neuen Patienten, genau wie diejenigen, die schon da waren, über Kopf- und Halsschmerzen, leichtes Fieber und Gliederschmerzen klagten.
Damit die Patienten nicht stehen mussten, holten sie und Sophia die weißen Klappstühle, die sie für solche Fälle bereithielten, aus der Abstellkammer und stellten sie in der Empfangsdiele auf.
»Sie auch, Frau Meier?«, fragte Lydia, als Gusti Meier um kurz nach neun in die Praxis kam. Die Mittsechzigerin in dem moosgrünen Dirndl gehörte zu Daniels Patienten der ersten Stunde und kam regelmäßig in die Sprechstunde, um gesund zu bleiben, wie sie sagte.
»Sie sprechen von dieser merkwürdigen Grippe, nehme ich an«, sagte Gusti, während sie nachdenklich in das Wartezimmer und auf die Leute schaute, die auf den Stühlen in der Diele saßen.
»Haben Sie grippeähnliche Symptome?«, wollte Lydia wissen.
»Nein, glücklicherweise nicht, aber meinen Toni hat es erwischt. Er liegt mit Fieber im Bett, hat ein bissel Kopfschmerzen und fühlt sich müde. So wie es im Moment ausschaut, wird er aber wohl in ein paar Tagen wieder auf dem Damm sein.«
»Das heißt, er braucht keine ärztliche Hilfe, aber was können wir dann für Sie tun?«, wunderte sich Lydia.
»Ich wollt nur sichergehen, dass es kein schlimmes Virus ist, das sich gerade verbreitet. Wenn es so wäre, dann müsst der Toni sicher etwas einnehmen, um Komplikationen oder einen Rückfall zu vermeiden.«
»Ich kann Ihnen noch nichts dazu sagen, Frau Meier. Wir hatten zwar in den letzten Tagen einige Patienten mit grippeähnlichen Symptomen, aber nicht annähernd diesen Ansturm wie heute«, ließ Lydia sie wissen. »Sollte sich der Zustand Ihres Mannes wieder verschlechtern, melden Sie sich.«
»Freilich, das mach ich. Und Sie sagen uns Bescheid, falls ein gefährliches Virus im Umlauf ist«, bat Gusti.
»Das machen wir«, versprach ihr Lydia.
»Also, Ludgenbauerin, dich hats aber auch recht erwischt«, stellte Gusti fest, als Marlene Ludgenbauer, die Leiterin der Stoffabteilung des Kaufhauses in der Fußgängerzone, in die Praxis kam. Die rundliche Blondine in dem roten Hosenanzug, trug wie auch die anderen Patienten, die von Husten geplagt waren, eine Maske, um die Ansteckung für bisher nicht Infizierte zu minimieren.
»Ist nur ein grippaler Infekt«, erklärte Marlene.
»Hoffentlich, meinen Toni hat es auch erwischt«, erzählte Gusti ihrer Bekannten. »Ich wünsch dir gute Besserung«, verabschiedete sie sich und verließ die Praxis.
»Nehmen Sie Platz, Frau Ludgenbauer«, bat Sophia Marlene, nachdem sie sich bei ihr zur Sprechstunde angemeldet hatte.
»Es wird wohl eine Weile dauern«, sagte Marlene.
»Davon ist heute wohl leider auszugehen«, stimmte Sophia ihr zu.
»Dann üben wir uns heute einfach mal alle ein bissel in Geduld oder nutzen die Zeit für eine kleine Plauderei«, entgegnete Marlene, als sie Elvira Schneider, eine ehemalige Schulkameradin, die zu ihrem Bekanntenkreis gehörte, unter den Wartenden in der Diele entdeckte.
»Geh her, Marlene«, sagte Elvira, eine brünette Frau in lila Cordhose und weißem Pullover, als ein Stuhl neben ihr frei wurde. Der junge Mann, der dort gesessen hatte, war in das Wartezimmer mit den gelben Sesseln und den hochgewachsenen Grünpflanzen, das nur durch eine Glasscheibe von der Empfangsdiele getrennt war, gewechselt.
»Seit wann hat es dich erwischt?«, wollte Marlene von Elvira wissen.
»Seit drei Tagen, es geht auch schon ein bissel besser, aber ich möcht sichergehen, dass dieses Virus nicht wieder aufblüht. Und du? Wie lang bist du schon krank?«
»Seit zwei Tagen, aber jetzt brauch ich eine Krankmeldung. Mir geht es echt nicht gut«, seufzte Marlene.
»So wie allen, die hier sitzen«, entgegnete Elvira mit einem nachdenklichen Blick.
Daniel ging von einer Grippewelle aus, als ihn, nicht nur am Vormittag, sondern auch am Nachmittag, ungewöhnlich viele Patienten mit Grippesymptomen aufsuchten. Er verschrieb Medikamente, kümmerte sich um die Krankmeldungen für die, die sie brauchten, und bat alle Erkrankten, sich sofort zu melden, sollten ihre Beschwerden sich verschlimmern.
Dana und Bernhard waren an diesem Nachmittag seine letzten Patienten. Die junge Bibliothekarin und der junge Physiker wohnten im selben Haus, sie im zweiten Stock, er im dritten Stock, direkt über ihr. Obwohl sie beide schon seit einem Jahr in diesem Haus wohnten, hatten sie bisher noch nie mehr als ein paar höfliche Worte miteinander gewechselt. An diesem Nachmittag, als sie beide mit Fieber und hustend allein in Daniels Wartezimmer saßen, kamen sie einander auf einmal ungewöhnlich vertraut vor. Dana fasste zuerst den Mut, um dieses Gefühl, das sie gerade empfand, laut auszusprechen.
»So richtig kennengelernt haben wir uns ja bisher nicht, obwohl wir schon so lange Nachbarn sind. Soweit ich weiß, leben Sie allein, genau wie ich. Vielleicht sollten wir uns in den nächsten Tagen gegenseitig ein wenig unterstützen, um diesen Infekt zu überwinden«, schlug sie Bernhard vor.
»Ich danke Ihnen, dass Sie das ansprechen. Es wäre für uns beide auf jeden Fall von Vorteil, uns zu unterstützen. Ich bin dabei, zumal wir uns ja nicht mehr gegenseitig anstecken können«, entgegnete Bernhard lächelnd.
»Richtig, so ist es, Verwandte und Freunde sollten wir im Moment besser meiden, um sie nicht anzustecken«, stimmte Dana ihm zu.
»Haben Sie denn Fieber?«, fragte Bernhard und sah die zierliche junge Frau in dem hellroten knielangen Kleid an, die ihm schon immer gut gefallen hatte. Ihre großen blauen Augen, das schulterlange dunkle Haar, das schmale Gesicht, wenn er ein wenig mutiger gewesen wäre, hätte er schon längst versucht, sie näher kennenzulernen.
»Bisher habe ich kein Fieber, was hoffentlich ein gutes Zeichen ist«, sagte Dana.
»Davon gehe ich aus.«
»Das heißt, Sie haben bisher auch kein Fieber.«
»Nein, glücklicherweise nicht.«
»Also dann, wir hören hoffentlich voneinander«, sagte Dana, als Daniel sie in diesem Moment aufrief.
»Ich wollte heute Abend etwas vom Italiener bestellen, wollen Sie sich anschließen? Ich meine, wollen wir zusammen essen?«, fragte Bernhard.
»Klingeln Sie doch nachher bei mir, wenn Sie nach Hause kommen, dann können wir das besprechen«, entgegnete Dana und nickte dem jungen Mann mit den hellen Augen und dem welligen braunen Haar noch einmal zu, als sie das Wartezimmer verließ.
»Das mache ich, bis dann«, antwortete Bernhard. Was auch immer aus dieser unerwarteten Begegnung wurde, er würde die nächsten Tage nutzen, um Dana ein wenig besser kennenzulernen.
*
»Ich gehe davon aus, dass Ihnen diese Symptome heute schon unzählige Male geschildert wurden«, sagte Dana, als sie ein paar Minuten später, nachdem Daniel sie abgehört und ihren Blutdruck gemessen hatte, ihm gegenüber an seinem Schreibtisch saß.
»Da kann ich Ihnen nicht widersprechen«, stimmte Daniel ihr zu.
»Dann ist es wohl ein Virus, das gerade grassiert.«
»So stellt es sich im Augenblick dar.«
»Wie schlimm kann es noch werden? Im Moment habe ich nur Husten und fühle mich ein wenig matt.«
»Sie sagten, die ersten Beschwerden hatten Sie am Sonntag, also vorgestern.«
»Am Samstagabend habe ich mich auch schon ein bisschen matt gefühlt, ich bin ungewöhnlich früh schlafen gegangen.«
»Solange Sie kein Fieber bekommen, gehe ich davon aus, dass es sich um einen leichteren grippalen Infekt handelt. Ich verschreibe Ihnen etwas gegen den Husten und gebe Ihnen eine Krankmeldung, damit Sie sich ein paar Tage Ruhe gönnen können. Sollten sich Ihre Beschwerden verstärken oder Sie Fieber bekommen, melden Sie sich bitte.«
»Das werde ich tun, vielen Dank, Herr Doktor. Ich nehme an, dass dieses Virus ansteckend ist und wir uns von anderen fernhalten sollten«, sagte Dana, die ihre Maske wieder aufsetzte, die sie abgenommen hatte, damit Daniel ihr auch in den Hals sehen konnte, um eine Entzündung auszuschließen.
»Ich gehe von einer Ansteckung aus, das heißt aber nicht, dass sie auf der Straße eine Maske tragen müssen. In einem engen Raum ist es im Moment aber sicher eine gute Idee.«
»Das gilt aber nicht, wenn ich mit einem an demselben Virus Erkrankten in einem Raum bin, selbst, wenn es dem anderen schon besser als mir geht.«
»In diesem Fall müssen Sie sich keine Sorgen um eine Ansteckung machen, einen Nachschlag mit demselben Virus halte ich für äußerst unwahrscheinlich.«
»Das war wohl eine dumme Frage«, entgegnete Dana und schaute auf die schöne alte Standuhr in dem roten Ahornholzgehäuse, die in dem Sprechzimmer mit den modernen weißen Möbeln immer wieder die Blicke der Patienten auf sich zog.
»Nein, das war keine dumme Frage. Viren und Bakterien sind äußerst anpassungsfähig.«
»Deshalb nehmen Antibiotikaresistenzen ja auch zu, was natürlich nur für Bakterien zutrifft. Gegen Viren sind Antibiotika ohnehin unwirksam.«
»Bedauerlicherweise ist das so, aber was dieses Virus betrifft, müssen Sie sich sicher keine Gedanken machen. Sie sind jung und haben ein gesundes Immunsystem. In ein paar Tagen wird es Ihnen wieder gut gehen«, versicherte Daniel seiner Patientin.
»Ich danke Ihnen, Herr Doktor, ich wünsche Ihnen einen schönen...
| Erscheint lt. Verlag | 15.4.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die neue Praxis Dr. Norden |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Arzt • Chefarzt • Doktor • Dr. Daniel • Dr. Laurin • Fortsetzungsroman • Klinik • Krankenhaus • Krankenschwester • Landdoktor • Martin Kelter Verlag |
| ISBN-10 | 3-69049-203-3 / 3690492033 |
| ISBN-13 | 978-3-69049-203-4 / 9783690492034 |
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