Der salzige Geschmack unserer Freiheit (eBook)
220 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-8353-9 (ISBN)
Christopher Abendroth wurde 1977 in Berlin geboren und ist dort in einer christlichen Familie aufgewachsen. Mit dem Informatik-Diplom in der Tasche siedelte er nach Frankfurt am Main über und betrat dabei auch beruflich neues Terrain. Als Führungskraft im Kundenservice befasst er sich seitdem mit den Dingen, die ihn wirklich faszinieren: Menschen mit all ihren Eigenarten, die Kommunikation zwischen ihnen sowie Konflikte und deren Bewältigung. Sein Leben spiegelt sich ebenfalls in seinen Geschichten und Büchern wider. Seit 30 Jahren schreibt Christopher Abendroth passioniert Science-Fiction und Fantasy. Dabei spielen neben fantastischen Abenteuern auch das Zwischenmenschliche und ein humanistisches Weltbild eine wichtige Rolle. Mit "Der salzige Geschmack unserer Freiheit" legt er jetzt sein Debüt vor, das mit dem Deutschen Preis für Phantastik, dem SERAPH 2023 als "bester Indie-Titel" ausgezeichnet wurde. Privat ist er Familienvater mit Leib und Seele. Wenn ihm das Schreiben Zeit dazu lässt, durchstreift er als Khajiit die Reiche Tamriels oder verbringt verträumte Tage in der freien Natur. Im Urlaub bereist er gerne ferne Kulturen und Naturwunder.
Ungebrochen
Wie ein Schlafwandler, der in einem surrealen Traum gefangen war, betrat David Blake die VIP-Lounge von Anthrotec, um einen Sklaven zu kaufen. Sein Körper bewegte sich gegen seinen Willen und vor seinen Augen lief eine Geschichte ab, die unmöglich die seine sein konnte.
»Ihre persönliche Beratung wird in wenigen Minuten beginnen, Mister Blake«, holte ihn die zittrige Stimme der Sekretärin ein Stück weit zurück in die Realität. »Bitte sehen Sie uns die Verzögerung nach … Hätten Sie sich angemeldet, wäre das nicht passiert.«
Erst als das Schweigen sich dehnte und ihre Augenbrauen immer erwartungsvoller nach oben wanderten, erkannte er die Notwendigkeit einer Antwort. »Ich wollte keinen…Wirbel darum machen, wenn Sie verstehen.«
Das eifrige Nicken der Sekretärin zeigte ihm, dass sie nicht verstand. Ganz im Gegenteil sahen sich ihre blassblauen Augen an ihm satt, als wäre er Naschwerk. »Oh, das kann ich gut nachvollziehen, Mister Blake. Ich lese alle Interviews mit Ihnen und weiß, wie sehr Sie Trubel um Ihre Person hassen.«
Einige Momente der peinlichen Stille später schien sie seine Irritation endlich zu bemerken und fand zu einem professionelleren Auftreten zurück. »Seien Sie versichert, dass Diskretion bei Anthrotec großgeschrieben wird.« Mit der Hand deutete sie auf einen schweren Ledersessel vor einem Schreibtisch aus zweifelsohne echtem Mahagoniholz. »Wünschen Sie einen Drink, Mister Blake? Vielleicht Ihren Lieblingscocktail – Caipirinha, richtig?«
Eigentlich trank er am frühen Morgen keinen Alkohol. Heute indessen verspürte er den Drang, sich den Tag schönzutrinken. »Das wussten Sie ohne Abruf meiner Präferenzen?«, fragte er, nun doch ein wenig geschmeichelt. Sie musste die Interviews nicht nur gelesen, sondern verschlungen haben. »Sehr gern, danke.«
Ihr aufflammendes Lächeln, das mehr zu einer Frischverliebten passen mochte, verbarg sie rasch mit einem Nicken. »Kommt sofort, Mister Blake.« Eifrig huschte sie davon und ließ David im geräumigen Büro allein.
Kaum dass er das vertraute Terrain verließ, einer Bewunderin Aufmerksamkeit zu schenken, kehrte das verstörende Gefühl zurück, am falschen Ort zu sein. Alles, was er hier sah – der platindurchwirkte Marmorboden, die weinroten Seidentapeten und zwei Skulpturen gefragter Künstler – waren mit Sklavengeld bezahlt worden. Wohl sollte die hochwertige Dekoration den Kunden den Eindruck geben, einflussreich und wertvoll zu sein. Für David hingegen haftete diesem Raum der fauligsüße Geruch spätrömischer Dekadenz an.
Kopfschüttelnd nahm er im angebotenen Sessel Platz und würdigte den Katalog mit dem Titel Ich lebe, um zu dienen keines zweiten Blickes. Er musste nicht irgendwelche Broschüren wälzen, wusste er doch, was er brauchte, und es würde ihn einen beträchtlichen Teil seines Wohlstandes kosten. Ein Vermögen, das all den sündhaften Pomp finanzieren würde.
Oder sorgte der Luxus dafür, dass Kunden wie er viel Geld bezahlten? Denn als sich David noch einmal umsah, wurde ihm eines deutlich: Dies war das Empfangszimmer für die exklusive, männliche Kundschaft. Die gediegene Herrenclubatmosphäre sprach Bände. Das erklärte auch die laszive Pose der unbekleideten Löwenfrau auf dem Katalogtitel. Diesen Katalog hatte es in der Öffentlichkeit nie gegeben.
In diesem Augenblick kam auf flüsterleisen Sohlen die Vorzimmerdame hereingeschwebt. Auf einer Hand balancierte sie mühelos ein winziges Tablett mit dem Drink. Die andere jedoch verbarg sie seltsam umständlich hinter ihrem Rücken. David stellte den Caipirinha neben den Katalog auf das Beistelltischchen.
»Vielen Dank, das …« Als er sich wieder der Sekretärin zuwandte, reckte sie ihm mit kolibrihaft flatternden Augenlidern ein aufgeschlagenes Buch entgegen. Überrumpelt starrte er auf sein eigenes Autorenfoto des Einbandes hinab. Seine braunen Augen sahen gutmütig aus seinem ovalen Allerweltsgesicht zurück. Damals hatte er versucht, sich und seine schwarzen Haare mit einer Sturmfrisur verwegen aussehen zu lassen.
Eher aus Reflex nahm er den abgegriffenen Band an sich und warf einen Blick auf den Buchrücken: Der Ruf der Freiheit.
»Wegen dieses Buches habe ich bei Anthrotec angefangen«, plapperte die Sekretärin los, als er fragend zu ihr aufschaute. »Ich wollte ein Teil davon sein, dass aus dem Traum von Tiermenschen Wirklichkeit wird. Sie sind so eine Bereicherung für unser graues Dasein, nicht wahr?« Sie schloss ihren Stakkato-Monolog mit einem letzten Augenklimpern und verfiel in ein erwartungsvolles Starren.
Für einen Augenblick wusste David nicht, was er erwidern sollte. Wenn er jemals die Illusion gehabt hatte, mit seinen Büchern die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem er Menschen zum Nachdenken brachte, dann zerschellte sie gerade an dieser Frau. Anthrotec erschuf Sklaven, verdammt!
»Kann ich … ein Autogramm haben?«, fragte sie mit immer leiser werdender Stimme.
Mit einer Kälte, zu der er sich nicht fähig gewähnt hatte, schaute David in ihre Augen, in denen Angst und Hoffnung hin und her wogten. »Nein.« Mit einem Stich von Reue sah er ihrem erwartungsvollen Lächeln beim Sterben zu, das zuvor durchaus ansprechend gewesen war. Ebenso konnte er geradezu beobachten, wie hinter ihrer Stirn die Worte »arroganter Arsch« auf Wanderschaft gingen. Beinahe tat sie ihm leid. Ohne einen weiteren Laut holte sich die Sekretärin das Buch zurück und verschwand.
Und wieder ein Fan weniger, dachte er und nippte ein Quäntchen wehmütig an dem Drink. Wenn es in den kommenden Wochen schlecht lief, würde sie nur die erste unter vielen sein.
Ein kaum hörbares Klicken im hinteren Teil des Büros erlöste David aus seinem Grübeln. Selbstverständlich war es eine schlanke Schönheit, die – auf klackenden Stöckelschuhen – durch eine andere Tür den Raum betrat. Ihr Anblick sollte ohne Frage seinen männlichen Sinnen schmeicheln: brünettes, schulterlanges Haar, ein schmales, ebenmäßiges Gesicht und dunkelbraune Augen. Reflexhaft erhob er sich.
Ein zarter Geruch von Frühlingsblumen umgab sie, als sie ihm lächelnd die Hand reichte. »Es ist mir eine Freude, Sie persönlich begrüßen zu dürfen, Mister Blake. Ihre Anwesenheit ehrt unsere Firma. Wenn es Ihnen gefällt, können sie mich Sandy nennen.«
David vermutete, dass sie das zu jedem der wohlhabenderen Kunden sagte, bemühte sich aber dennoch seinerseits um ein Lächeln und erwiderte: »Anthrotec steht im Ruf, die besten Morphs zu verkaufen. Darum bin ich hier.«
Sandy – ohne Nachnamen – zeigte sich deutlich erfreut über die Schmeichelei und bot ihm an, sich wieder zu setzen. Bar jeglicher Hast nahm sie ihrerseits hinter dem Schreibtisch Platz.
»Mister Blake, Sie wirken auf mich wie ein Mann, der weiß, worauf er aus ist«, sagte sie immer noch gewinnend lächelnd, jedoch dezent genug, um nicht falsch oder aufdringlich zu erscheinen. »Was kann Anthrotec für Sie tun? Für namhafte Kunden wie Sie steht selbstverständlich unverändert die gesamte Angebotspalette offen – trotz dieses … bedauerlichen Justizfehlers.«
»Ich würde mir gern Morphs ansehen, die für das … häusliche Umfeld geeignet sind.« Die Branche hatte es mit sich gebracht, dass man solche wohlklingenden Umschreibungen für Sklaven gebrauchte. Niemand sprach freimütig die hässlichen Dinge aus, die hinter den schönen Worten standen. Ein Haussklave war ein Haussklave, außer er war ein Morph. Dann nannte man ihn einen »Morph für das häusliche Umfeld«, weil selbst die Bezeichnung »Diener« inzwischen einen negativen Anklang besaß.
»Also schließen Sie Leibwächter sowie belastbare Arbeiter von vornherein aus.« Sie tippte etwas in den Computer ein – die neuste Generation mit einer holographisch projizierten Tastatur, die gleichzeitig als Bildschirm diente. Kein Zögern, nicht die Spur von Bedenken – sie folgte lediglich einer Standardprozedur.
»Wünschen Sie eine weibliche oder eine männliche Variante?«, fuhr sie fort. »Wir haben sogar ein paar Exemplare designt, die gemischte Primärmerkmale besitzen.«
David fühlte sich von dieser Frage überrumpelt, spielte das Geschlecht für sein Vorhaben doch nicht die geringste Rolle. Dennoch musste er sich entscheiden, schließlich wollte er kein Aufsehen erregen. »Weiblich.«
Ein langsames, geradezu verständnisvolles Nicken und eine Eingabe in den Computer später fragte Sandy: »Welche Rasse bevorzugen Sie?«
Äußerlich gelang es David, Ruhe zu wahren, auch wenn es in ihm allmählich gärte. Mit all der Politur ihrer Worte durch die PR hatten es Firmen wie Anthrotec fertiggebracht, den Rassebegriff wieder salonfähig zu machen. »Das ist mir egal.«
Sandy hob...
| Erscheint lt. Verlag | 28.3.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-7693-8353-2 / 3769383532 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-8353-9 / 9783769383539 |
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