Diebstahl (eBook)
363 Seiten
Penguin Verlag
978-3-641-33380-5 (ISBN)
Tansania, heute. Drei junge Menschen wachsen hier auf: Karim, der nach seinem Studium mit Ehrgeiz und großen Ideen in seine verschlafene Heimatstadt Daressalam zurückkehrt. Fauzia, die in Karim nicht nur ihren geliebten Partner, sondern auch die Chance sieht, einer allzu behüteten Kindheit zu entkommen. Badar, ein mittelloser Junge, der in Fauzia und Karim Freunde findet und von ihnen Hilfe erfährt, obwohl nicht klar ist, was und ob die Zukunft überhaupt etwas für ihn vorgesehen hat. Als Fortschritt und Tourismus in ihrem abgelegenen Winkel der Welt Einzug halten, nimmt jeder der drei das Schicksal in die eigenen Hände. Auf der Suche nach Erfolg, Glück und Bedeutung kämpft insbesondere Badar mit den langen Schatten eines Diebstahls.
»Absolut fesselnd . . . In diesem ruhigen, reifen Roman gibt es keine einfachen Wahrheiten, was ihn als Ganzes so wahrhaftig macht.« Wall Street Journal
»Gurnahs Sätze fließen wie der Lauf eines alten Flusses, selbst wenn er komplizierte moderne Leben beschreibt.« Washington Post
»Ein straff konstruiertes Familiendrama mit überraschenden Wendungen.« Kirkus Review
»Wenn die Geschichte zu Ende ist – wenn auf der letzten Seite endlich alle Fäden zusammenlaufen –, kann der Leser nicht anders, als Gurnahs Können zu bewundern.« Financial Times
»Eine wichtige Bereicherung für Gurnahs bemerkenswertes Werk; ein Roman, durchdrungen von Schmerz und Verlust, doch nicht von Verzweiflung.« The Guardian
«Kulturell spezifisch und zugleich emotional universell . . . Gurnah in Höchstform.« Publishers Weekly
»Eine leise kraftvolle Demonstration erzählerischer Meisterschaft, zugleich Coming-of-Age-Kammerstück und breit angelegtes postkoloniales Panorama.« Observer
»Der neue Roman des Nobelpreisträgers ist ein Knüller.« The London Standard
»Nichts am menschlichen Verhalten überrascht Gurnah, und durch das Lesen seines weisen neuen Romans mit dem sanften und schönen Ende sind wir Leser etwas weniger vorschnell mit Urteilen und eher bereit zu verstehen, was es bedeutet, zu kämpfen, zu wagen, zu lieben – was es bedeutet, Mensch zu sein.« Elif Shafak, New Statesman
»Eine meisterhaft inszenierte Auseinandersetzung mit Freundschaft und Verrat.« The Economist
Abdulrazak Gurnah (geb. 1948 im Sultanat Sansibar) wurde 2021 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat bislang elf Romane veröffentlicht, darunter »Paradise« (1994; dt. »Das verlorene Paradies«; nominiert für den Booker Prize), »By the Sea« (2001; »Ferne Gestade«; nominiert für den Booker Prize und den Los Angeles Times Book Award), »Desertion« (2006; dt. »Die Abtrünnigen«; nominiert für den Commonwealth Writers' Prize) und »Afterlives« (2020; dt. »Nachleben«; nominiert für den Walter Scott Prize und den Orwell Prize for Fiction). Gurnah ist Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent. Er lebt in Canterbury. Seine Werke erscheinen auf Deutsch im Penguin Verlag.
1
Raya wurde überstürzt verheiratet. Ihr Vater hatte herausgefunden, dass ein bestimmter junger Mann ihr äußerst viel Beachtung schenkte, anfangs nur durch lange Blicke und ein verstohlenes Lächeln im Vorübergehen, später dann, der Vater hatte es selbst gesehen, indem er sich ihr dreist in den Weg stellte und sie in minutenlange Gespräche verwickelte. Wahrscheinlich drängte er auf ein heimliches Treffen und machte ihr unsinnige Versprechungen, alles vor den Augen ihres Vaters. Das Verhalten des jungen Mannes war unanständig, dreist und respektlos. Der Vater machte sich nicht zuletzt deshalb solche Sorgen um Raya, weil er den jungen Mann kannte. Wäre er ein Fremder gewesen, hätte die Sache natürlich noch schlechter ausgesehen, trotzdem war der drohende Schaden groß genug. Der junge Mann hieß Rafik und war in der ganzen Nachbarschaft bekannt, wobei Rayas Eltern im Laufe der Jahre nur wenig Kontakt zu seiner Familie gehabt hatten. Er war zusammen mit anderen Jugendlichen durch die Straßen gezogen und hatte am Strand Fußball gespielt, und später, als der Versuch, die Briten loszuwerden, das Land in Aufruhr und Chaos stürzte, hatte er sich den sogenannten Genossen angeschlossen und war in die Umma-Partei eingetreten. Die Partei hatte ihn und viele andere Freiwillige zur militärischen Grundausbildung nach Kuba geschickt – mit Wissen der britischen Kolonialbeamten, die den Sinn der Exkursion nicht verstanden, oder vielleicht war es ihnen auch egal. Eigentlich warteten sie nur noch darauf, das Land verlassen zu können.
Nach seiner Rückkehr war Rafik ansehnlicher denn je; er hatte sich in einen schlanken, heldenhaften Krieger verwandelt und trug jetzt eine leuchtend grüne Uniform und dazu eine runde Kappe, wie sie niemand zuvor gesehen hatte. Er und die Genossen waren gerade rechtzeitig zurückgekommen, um bei der Revolution mitzumischen. Die Soldaten jener Zeit, und Rafik war einer davon, hatten nichts Besseres zu tun, als die Bevölkerung zu terrorisieren, denn schließlich war nirgendwo ein Feind zu sehen, stattdessen aber viele verängstigte Zivilisten. Doch selbst Wörter wie »Zivilist« oder »Bürger« waren umstritten, und die Krieger nutzten das gerne aus. Dann hältst du dich also für einen Bürger? Zeig mal deine Geburtsurkunde her. Was soll das heißen, du hast keine? – Besonders oft traf es Menschen fortgeschrittenen Alters, die nie auf die Idee gekommen waren, sich eine solche Urkunde zu besorgen; und nach Papieren gefragt wurde natürlich nur, wenn es jemanden zu demütigen oder einzuschüchtern galt, oder beides. Du Schmarotzer gibst dich als Bürger aus? Zu den Freuden der Macht gehörte auch, willkürlich bestrafen, schikanieren und vertreiben zu können.
Jedenfalls kehrte Rafik in einer schicken Uniform aus Kuba zurück, und mit einer Kappe, wie Fidel Castro sie zu tragen pflegte. Manchmal trug er auch eine schwarze Baskenmütze wie Che Guevara, und seine Kameraden grüßte er mit neuen Parolen, die schon bald vertraut klangen: venceremos, la luta continua, vamos. Ungefähr zu der Zeit begann er, Raya mit Blicken zu verfolgen, sie auf der Straße keck anzulächeln und schließlich anzusprechen. Alle konnten sehen, was er im Schilde führte. Sie war siebzehn und schön, und er hatte den Ruf, junge Frauen ins Unglück zu stürzen.
Wie er mit dir gesprochen hat, gefällt mir gar nicht. Du weißt, wie diese Leute sind, sagte ihr Vater wütend. Mach mir nichts vor. Usindanganye. Du hast ihn angelächelt, als hätten seine Schmeicheleien dir gefallen. Er ist hinter dir her, merkst du das nicht? Er wird dich entehren und uns alle in Schande stürzen.
Raya protestierte. Hatte sie eine Wahl? Sie konnte ja wohl schlecht so tun, als würde sie den jungen Mann nicht kennen. Sie wollte ihn nicht kränken. Ihr Vater hob den Arm und bedeutete ihr mit einer schwungvollen Geste, zu schweigen und ihm aus den Augen zu gehen. Er beriet sich mit seinem älteren Bruder Hafidh, der sich ebenfalls sehr vor der Schande fürchtete und daher nachvollziehen konnte, warum Rafiks Verhalten bei Rayas Vater eine solche Panik auslöste. Erst töten sie unsere Söhne, und dann wollen sie unsere Töchter entehren, sagte Hafidh. Die Brüder wussten, was auf dem Spiel stand, und so hielten sie verzweifelt nach jemandem Ausschau, der Raya – und damit sie alle – vor Demütigung und Schande retten würde. Rayas Vater wandte sich an seinen älteren Bruder, wann immer er einen guten Rat oder Geld brauchte oder, wie in diesem Fall, beides. Denn selbst wenn sie einen geeigneten Kandidaten fanden, würden sie eine Feier ausrichten und Geschenke und das Essen bezahlen müssen, und im Gegensatz zu seinem älteren, zum Glück sehr großzügigen Bruder hatte Rayas Vater fürs Geldverdienen überhaupt kein Talent.
Am Ende stießen sie auf Bakari Abbas, einen freundlichen Mann jenseits der vierzig, der in Pemba lebte. Er war geschieden und hatte es als Bauunternehmer zu einigem Wohlstand gebracht. Auf Nachfrage äußerten sich seine Bekannten wohlwollend über ihn, und so machten die Eltern sich daran, Rayas Leben an seiner Seite zu planen. Ihr Vater informierte sie davon in dem selbstmitleidigen Tonfall, den er immer anschlug, wenn er Raya oder ihre Mutter zu irgendetwas überreden wollte, deshalb glaubte sie nicht, eine echte Wahl zu haben. Entweder sie fügte sich in das Arrangement, das den guten Ruf und die Ehre ihrer Familie rettete, oder sie entschied sich für den Rabauken vom Militär. Niemand außer ihr selbst kam auf die Idee, sich zu fragen, ob sie ihr Glück lieber mit dem Krieger versucht hätte. Doch Raya verdrängte den Gedanken und sprach mit niemandem darüber. Die Planungen waren schon zu weit gediehen, außerdem würde am Ende ja vielleicht alles gut werden.
Und so kam es, dass ihr Vater, der zwar körperlich schwach, aber von herrischem Temperament war, Raya dazu brachte, in eine Ehe einzuwilligen, vor der sie größte Bedenken hatte. So war sie erzogen worden, so lebten alle in ihrem Umfeld. Die hektischen Vorbereitungen ließ sie ebenso über sich ergehen wie die guten Ratschläge ihrer Tanten und Freundinnen, die sie zurechtmachten und umarmten und ihr sagten, sie müsse sich der männlichen Lust unterwerfen. Die Freuen flüsterten Raya zu, das Begehren ihres Mannes würde sie zur Erwachsenen machen und ihre Leidenschaft wecken; seine liebevolle Zuwendung würde sie erfüllen, und Gott würde das Ergebnis segnen. Und dann, am Abend ihrer Auslieferung, lag sie im Bett von Bakari Abbas und erlebte zum ersten Mal und mit Schrecken, wie sich ihr ein fremder Körper aufdrängte. Sie wehrte sich nicht, weder in dieser Nacht noch in den darauffolgenden Nächten, denn so hatte man es ihr beigebracht. Er hatte ein Anrecht darauf, und sich ihm hinzugeben, war ihre Pflicht.
Bakari Abbas war ein Mittvierziger von angenehmem bis gefälligem Äußeren, sehnig und stark und mit seinen eins sechzig durchschnittlich groß. Draußen in der Welt gab er sich liebenswürdig, denn als Geschäftsmann besaß er tadellose Manieren und jene Höflichkeit, die Leute seines Berufsstandes auszeichnet. Nur Raya gegenüber war er kurz angebunden, außerdem verlangte es ihn pausenlos nach ihrem Körper, eigentlich täglich, und manchmal sogar zwei oder drei Mal am Tag. Was ihr zunächst befremdlich und beängstigend erschien, wurde mit der Zeit zu einer lästigen und irgendwie demütigenden Pflichtübung; doch sie fügte sich, weil sie es nicht besser wusste. Sie sagte sich, dass jede Frau das energische Eindringen ertragen müsse, um die Bedürfnisse ihres Mannes zu befriedigen; sie müsse versuchen, dem Ganzen irgendein Vergnügen abzugewinnen. Sie hätte sich verstellen und Lust heucheln können, um seine Dominanz ins Leere laufen zu lassen, aber dafür war sie zu jung und zu angeekelt. Während er Spaß hatte, verzog sie das Gesicht, kniff die Augen zu und wand sich innerlich. Ihre verzagte Art brachte ihn zum Lachen; er versuchte, sie mit leisem Geflüster und kleinen Küssen zu locken, und als das nicht funktionierte, forderte er sie ganz unverhohlen auf, seine Bemühungen mit ein bisschen mehr Begeisterung zu belohnen. Ihr Zaudern und ihr stummer Widerstand machten ihn umso entschlossener, ihre, wie er es nannte, Leidenschaft zu entfachen. In solchen Momenten lächelte er auf eine ganz bestimmte Weise. Komm, mein Vögelchen, gib mir ein winziges Körnchen Lust, murmelte er und schlug seine knochige Hüfte gegen ihre weichen, weit gespreizten Schenkel.
Sie lernte, den Schmerz zu minimieren, indem sie ihren Körper auf den Moment vorbereitete. Um ihrem Mann nicht restlos ausgeliefert zu sein, erlangte sie eine gewisse Kontrolle. Sie lernte auszuweichen, zu verzögern und Lust vorzutäuschen. Sie sagte Nein, wann immer es möglich war, und auf seine Forderungen und Einschüchterungsversuche reagierte sie mit wüsten Beschimpfungen. Es war ein Albtraum, von dem sie niemandem erzählen konnte. Manchmal fragte sie sich, ob sie es mit dem schönen Rafik besser getroffen hätte, dabei wusste sie bereits, auch das hätte ein böses Ende genommen. Rafik war ein Jahr nach ihrer Verheiratung bei einem Blutbad erschossen worden.
Mit Bakari zankte sie sich pausenlos, und nach der Geburt ihres Sohnes Karim wurde es noch schlimmer. Als sie sich weigerte, so kurz nach der Entbindung wieder mit ihm zu schlafen, wurde Bakari ungeduldig, und jede neue Zurückweisung quittierte er mit einem Tobsuchtsanfall. Dem Ruf, ein umgänglicher Mensch zu sein, wurde er nach wie vor gerecht, denn zu anderen Leuten war er, soweit Raya das beurteilen konnte, weiterhin sehr charmant. Er sparte sich seine Grausamkeiten für sie allein auf und fand ein so großes Vergnügen daran, dass sie fürchtete, er könnte eines Tages...
| Erscheint lt. Verlag | 10.9.2025 |
|---|---|
| Übersetzer | Eva Bonné |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Theft |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Adichie • Afrika • Bestsellerautor • Beziehungen • Chimamanda Ngozi Adichie • Coming of Age • Daressalam, Ostafrika • Das verlorene Paradies • eBooks • Gesellschaftliche Zwänge • Identität • Junge Generation • Liebesgeschichte • Literaturnobelpreisträger • Nobelpreis für Literatur 2021 • Roman • Romane • Sharon Dodua Otoo • Starke Frauen • Tansania • Tariye Selasi • Theft • Tourismus |
| ISBN-10 | 3-641-33380-6 / 3641333806 |
| ISBN-13 | 978-3-641-33380-5 / 9783641333805 |
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