Cambridge, 1950. Milla Taylor arbeitet als Nachtwächterin in einem Museum. Bisher hat es das Leben nicht gut mit ihr gemeint, und Milla, die als Waise aufwachsen musste und nie richtig lesen und schreiben gelernt hat, mischt sich so selten wie möglich unter Menschen. Bei einer Silvesterparty lernt sie Monty Chester kennen. Einst begnadeter Taucher, ist er seit einem Unfall zum Einzelgänger geworden. Während das Fest in vollem Gange ist, überredet Monty sie, in seinen alten Tauchanzug zu steigen. Als Milla ihren ersten Tauchgang im Gartenteich des Anwesens macht, ist sie wie verzaubert. Wie bizarr und friedlich die Welt unter Wasser ist! Schnell ahnt sie, dass sie ihr Herz nun gleich zweimal verloren hat. Millas Liebe zum Tauchen wird sie um die ganze Welt führen. Die Gefühle, die Monty in ihr auslöst, wiederum auf so manche Irrwege ...
Sophie Hopper hat sich als Kind am liebsten unter Möbeln versteckt oder ins Reich ihrer Fantasie geflüchtet. Als Erwachsene erwachte ihre Abenteuerlust. Sie tauschte die Plätze unter Tischen und hinter Sofas gegen solche in Zügen und Flugzeugen ein, schnorchelte in Mexiko und Malaysia, reiste per Interrail quer durch Europa, arbeitete auf Zeltplätzen, schlief an Schweizer Bahnhöfen oder auf Verkehrsinseln mitten in Paris und plante, nach Schweden auszuwandern. Letztlich entschied sie sich für Berlin, wo sie seither die Welt auf dem Papier erkundet und liest und schreibt, so viel sie kann.
1
Fünf Monate zuvor
Cambridge
Dezember 1950
»Sie machen das?«, fragte ihr neuer Kollege zum dritten Mal.
Er hatte Milla im Foyer abgefangen, als sie von rußigem Regen nur so triefend hereingekommen war. Skeptisch betrachtete er sie von unten herauf. Sein Gesicht war so faltig, dass es aussah wie von einem Spinnennetz durchzogen.
»Ja, ich mache das. Milla heiße ich. Milla Taylor. Hallo.« Nachdem sie ihm die Hand gereicht hatte, schälte sie sich aus ihrem nach nassem Schaf riechenden Mantel, von dem nach wie vor Regentropfen auf den abgeschabten Dielenboden perlten.
»Smith«, stellte sich der Tagwächter vor und tippte an seine Kappe, unter der flaumiges silbernes Haar hervorquoll. »Harry. Ich weiß ja nich, ob Sie es wissen, aber Sie sind hier nur auf sich gestellt. Ohne n Mann, der Ihnen zur Seite steht!« Die Empörung darüber, dass im Museum für orientalische Geschichte und Archäologie ausgerechnet eine Frau für Sicherheit und Ordnung sorgte, war ihm deutlich anzuhören. »Ich könnt aber noch n Weilchen bleiben, wenn Sie möchten. Um auf Sie aufzupassen und auf den ganzen anderen Rest hier.«
»Das ist nett von Ihnen, danke, aber nicht nötig.« Milla hatte Mühe, weiterhin freundlich zu klingen. Bis vor fünf Jahren hatte sich schließlich niemand daran gestört, dass sich Frauen der Marine anschlossen, als Ingenieurin arbeiteten oder als Funkerin. Auch hatte sich kein Mensch darüber beschwert, wenn ihre Nachbarinnen der Frauenhilfsluftwaffe beitraten und die Bomber der Deutschen mit Sperrballons vertrieben sowie, um auch das nicht zu vergessen, im Winter Bäume fällten, Holz hackten oder Busse steuerten.
»Ich arbeite schon seit zwei Jahren hier, Mr Smith. Und bisher bin ich noch nie in eine verzwickte Situation geraten.«
Der Tagwächter aber gab so schnell nicht auf. »Ach was, ich bleib noch n bisschen. Nur damit hier keiner reinkommt und was Wertvolles klaut.«
»Mr Smith, bin ich die Nachtwächterin, oder sind Sie es? Außerdem bin ich einen Kopf größer als Sie und um einiges jünger. Wer ist wohl schneller und geschickter, wenn es darum geht, einen Dieb zu schnappen?« Mist. Musste sie, wenn sie wütend war, immer alles rausplärren, was ihr durch den Kopf schoss?
Geknickt sah er sie an.
»Es tut mir leid, Mr Smith«, versuchte sie einzulenken. »Das wollte ich nicht … so … sagen. Möchten Sie sich noch einen Moment setzen? Immerhin haben Sie den ganzen Tag gestanden.« In dem Versuch, ihren Patzer wiedergutzumachen, zeigte Milla auf die Klappstühle, die sich hinter dem Kassenhäuschen versteckten. »Und wie wäre es mit einer Tasse Tee?« Sie kramte ihre Thermosflasche aus dem Stoffbeutel und hielt sie einladend in die Höhe.
Aber Mr Smith schien nicht bereit, ihr so schnell zu vergeben. Mit Trippelschritten – er war wirklich sehr klein – durchmaß er den Raum, der zusammen mit allen noch folgenden des Museums Millas liebster Platz auf der Welt waren. Doch im Gegensatz zu Milla, die jeden Abend voller Begeisterung vor der Tonstatue des Osiris und dem Pappmachénachbau eines Tempels aus der Uruk-Zeit stehen blieb, schien er weder das eine noch das andere wirklich wahrzunehmen. So wenig wie den wunderbaren Duft nach morschem, wurmzerfressenem Holz und Weihrauch. Stattdessen blieb er vor der Tür, die zur Personalgarderobe führte, stehen und sagte: »Das war nich nett von Ihnen.«
»Nein«, gab sie zu. »Es tut mir leid. Wenn Sie vielleicht doch eine Tasse Tee mit mir …« Sie wurde von dem Heizkörper unterbrochen, der laut vor sich hinzublubbern begann, um anschließend vernehmlich zu knacken. »Haben Sie vergessen, die Heizung runterzudrehen, Mr Smith?«
Was schon wieder nicht sonderlich liebenswürdig klang. Aber Milla konnte sich nicht helfen. Der uralte Radiator hätte schließlich weit vor Ende der Besuchszeit runtergeregelt werden müssen, so hatte es Mr Ashcroft sämtlichen Angestellten eingetrichtert. Fünf Jahre nach Kriegsende fehlte es im Land schließlich an allem, warum sollte ausgerechnet für die Nachtwächterin geheizt werden?
Gekränkt verzog Mr Smith das Gesicht. »Nee, hab ich nich. Weil … Ach, das hab ich eben ja ganz vergessen. Ich hab die Heizung angelassen, weil Sie heute noch Gesellschaft bekommen.«
Gesellschaft? Bitte nicht! Milla liebte ihre Arbeit als Nachtwächterin schließlich vor allem deswegen so sehr, weil sie dabei nie einer Menschenseele begegnete. Nur sie, die Stille und wunderschöne Artefakte aus längst vergangener Zeit. Was konnte es Besseres geben?
»Wer sollte mir Gesellschaft leisten?«
Der winzige Mr Smith verschwand fast hinter der größten Vitrine des Foyers, in der sich die Miniaturnachbildung einer altägyptischen Stadt befand. Er musste ordentlich den Kopf recken, um sie über die Glasoberfläche hinweg herausfordernd anzusehen. »Mr Ashcroft!«
Der Museumsdirektor? Milla fuhr es kalt den Rücken runter. Wieso sollte er sich an einem ungemütlichen Dezemberabend hier einfinden, wo er doch gewöhnlich von seinem Büro in seinem Haus im noblen Viertel Newton aus arbeitete? Mr Ashcroft verschlug es nur selten ins Museum, und wenn doch, dann meist bloß für drei hektische Minuten während des Tages, von denen Milla erst erfuhr, wenn er längst wieder weg war. Immerhin war er nicht nur Direktor, sondern auch Vorsitzender diverser Ausschüsse, Universitätsprofessor und noch etwas, das Milla entfallen war. Er hatte sie zwei Jahre zuvor eingestellt und sich seither so viel um sie gekümmert wie ein Mondfisch um seine Nachkommen. Dass der Direktor plötzlich persönlich mit ihr sprechen wollte, konnte nichts Gutes bedeuten.
Ob ihm reichlich verspätet die gleichen Bedenken wie Mr Smith gekommen waren und er nun plante, sie zu feuern und einen Mann an ihrer Stelle einzusetzen? Mit dem Gefühl, einen Medizinball verschluckt zu haben, drehte Milla den Kopf zum Eingang. »Hat er auch gesagt, was er vorhat?«
»Na, also, nee. Das weiß ich nich. Ich hab doch nich selber mit ihm geredet.«
»Und woher wissen Sie dann, dass er überhaupt kommt?«, stieß sie hervor, während ihre Gedanken bereits um die Frage kreisten, woher sie ohne eine Stelle Geld für das nächste Essen nehmen sollte – oder die Pence für den Gaszähler. Aber auch von diesen profanen Dingen einmal ganz abgesehen war die Vorstellung, wieder tagein, tagaus im Bett zu liegen und auf die sich langsam lösende Tapete neben ihrem Fenster zu blicken, derart deprimierend, dass sie am liebsten laut geschrien hätte. Sie fragte sich bloß, warum ihr der Direktor nicht einfach eine schriftliche Kündigung geschickt hatte …
»Miss Hutchinson hat davon geredet«, beantwortete der Tagwächter ihre Frage. »Sie hat überlegt, ob sie nich n bisschen länger bleiben soll. Weil’s sich doch so gehört, wenn der Chef kommt, wie? Liebe Frau, ne? Bisschen aufdringlich, aber, tja …«
Oh, über die Kassiererin Miss Hutchinson könnte Milla vieles erzählen, Gutes wäre allerdings nicht dabei.
Eine lauter werdende Stimme unterbrach ihre düsteren Gedanken. Sie erkannte das dunkle Timbre Mr Ashcrofts, untermalt von Schritten durch den Hof, der das Museum von der belebteren Straße im Zentrum von Cambridge trennte. Die Tür ging auf, und der Museumsdirektor, voluminös und untersetzt, mit einem Stiernacken, der fast so breit war wie sein Kopf, trat ein. Er trug einen schwarz glänzenden Anzug, der ziemlich knapp saß, kombiniert mit einer leuchtend roten Krawatte.
Zu Millas Entsetzen war er nicht allein, obwohl Mr Ashcrofts Begleiter neben dem Museumsdirektor fast unsichtbar erschien. Bestürzt musterte Milla den jungen Mann. Hatte ihr Chef ihren Nachfolger etwa gleich mitgebracht? So einen Hänfling? Sie schätzte ihn auf Mitte bis Ende dreißig; er war blass und etwas gelbstichig um die Nase herum, auf der eine kreisrunde Brille saß. Das dürftige Haar trug er streng zurückgekämmt.
»Da ist sie ja!«, dröhnte der Direktor, der den Raum trotz seiner geringen Körpergröße komplett auszufüllen schien. Als er und sein Begleiter auf Milla zutraten, nahmen sie ihre Hüte ab und reichten sie ihr wie einer Garderobiere. Milla betrachtete die beiden Fedoras in ihren Händen eine Sekunde lang ratlos und legte sie dann aus Mangel an anderen Ideen auf einer der Vitrinen ab.
»Miss Taylor – Mr Horn«, machte Mr Ashcroft den Hänfling und sie miteinander bekannt. Beide nickten einander stumm zu. Aus dem Nebenraum erklang das leise Knacken des Kanonenofens, vor dem sich Milla im Winter zwischen ihren Runden gern ausruhte.
»Soll ich Sie herumführen, Mr Horn?«, fragte Milla nach einer Weile, in der Mr Ashcroft zufrieden den Blick durch das Foyer hatte wandern lassen. »Möchten Sie sich vielleicht zuerst den Umkleideraum ansehen?«
Womöglich würde er es sich dann noch einmal überlegen, ob er wirklich hier arbeiten wollte. In ihren Ausmaßen ähnelte die Garderobe nämlich einer Büchse Corned Beef, wenn auch mit durchdringendem Käsegeruch. So niedrig, dass sich niemand über eins sechzig darin aufrichten konnte, fensterlos und voller Mäusedreck, war sie eigentlich nur für männliche Nachtwächter gedacht, aber Milla benutzte sie aus Mangel an Alternativen ebenfalls.
»Also, jeden Raum muss Mr Horn beileibe nicht sehen«, schaltete sich Mr Ashcroft ein. »Besser wäre es wohl, wenn Sie ihm von sich erzählten.«
Verdutzt blickte Milla vom Direktor zu dem Hänfling, der sie auf nervtötende Weise über seinen Brillenrand hinweg anstarrte. »Von mir?«
»Natürlich«, ließ sich wieder der...
| Erscheint lt. Verlag | 30.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Archäologie • Bonnie Garmus • eBooks • Elisabeth Zott • Frankreich • Frauen in Wissenschaft • Geschenkbuch für Frauen • Griechenland • Historische Romane • Honor Frost • Meer • Mexiko • Mrs Quinn • Roman • Romane • Schwimmen • Strandlektüre • Tauchen • Urlaubslektüre |
| ISBN-10 | 3-641-31008-3 / 3641310083 |
| ISBN-13 | 978-3-641-31008-0 / 9783641310080 |
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