'Mama Bär' (eBook)
233 Seiten
epubli (Verlag)
978-3-8190-6572-9 (ISBN)
A. N. Drigetti arbeitet in der Kinder und Jugendhilfe.
A. N. Drigetti arbeitet in der Kinder und Jugendhilfe.
„Ich ebenfalls“, meldet sich Gina zu Wort und hebt demonstrativ wie in der Schule ihren rechten Arm, „denen sollte man die Eier abschneiden und sie ausbluten lassen!“
Margot reißt die Augen auf. Sie spiegeln ihre Bestürzung über das Gehörte wider. „Gina!“, ruft sie entsetzt und schlägt mit beiden Fäusten auf den Tisch, dass das Geschirr klirrt und die Mädchen zusammenzucken. Gleich darauf faltet die WG-Mutter ihre Hände wie zum Gebet und bittet wimmernd um Vergebung. „Es tut mir leid! Sorry. Bitte verzeiht mir. Ich bin ausgerastet. Kommt nicht wieder vor. Entschuldigung!“ Margots Blässe ist verschwunden. Schamesröte überzieht ihre Wangen. Sie ist nicht in der Lage, zu verbergen, wie peinlich es ihr ist, vor ihren Schützlingen die Beherrschung verloren zu haben.
„Ich bin ehrlich, Margot, ich denke wie Peggy. Ich fühle mich besser, wenn ein Monster wie Hebel tot ist“, gesteht Stella.
Die Sozialpädagogin holt tief Luft. Sie versucht, ihre innere Balance wiederzufinden. „Ich verstehe. Ihr habt Schreckliches erlebt. Dunkle Gefühle kommen hoch. Das ist in Ordnung. Aber denkt nach. Ihr redet über die Todesstrafe. Ist euch das bewusst? Wo bleibt bitte die Nächstenliebe?“
„Ernsthaft? Kommst du uns mit der Bibel, oder was?“
„Nein Peggy. Ich glaube, dass Hass nie zu Gutem führt.“
„Das ist Schwachsinn, Margot“, schimpft Gina, „wenn es nichts Gutes ist, das eine Drecksau wie Hebel stirbt, was dann?“
„Was hast du für Ausdrücke? Man muss sich schämen. Sag das nicht außerhalb der Wohngruppe. Es wirft ein schlechtes Licht auf mich.“
„Ach daher weht der Wind. Es geht um dich! Hört euch die feine Dame an!“
Margot hat ihre Emotionen an diesem Morgen nicht unter Kontrolle. Sie ist kurz davor, in die Luft zu gehen. Für einen Moment schließt sie die Augen, atmet tief durch die Nase ein und durch den Mund aus, um ihr inneres Gleichgewicht zu aktivieren. Die Meditation bringt die Sozialpädagogin zur Ruhe. „Liebe Gina“, eröffnet sie in zuckersüßer wohltönender Sprachmelodie eine Erklärung, „meine Aufgabe ist es, euch Normen und Werte unserer Gesellschaft zu vermitteln. Mord und Totschlag gehören nicht dazu“.
Ginas Gesichtsausdruck verrät, dass sie nicht begreift. „Hä? Das checke ich nicht. Was ist damit gemeint?“
„Normen und Werte helfen uns, zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Werte sind Ziele, wie Ehrlichkeit und Respekt. Normen sind konkrete Verhaltensregeln, wie Gesetze und Verkehrsregeln. Verstehst du das?“
„Nicht so richtig.“
„Normen zeigen dir, was in einer Gesellschaft als normal und wünschenswert gilt. Wenn du dich an sie hältst, erfüllst du die Erwartungen.“
Im Stillen denkt Gina, dass Margot wieder sozialpädagogisch redet, was sie doof findet, weil sie diese Sprache nicht versteht. Sie lässt es sich nicht anmerken und fragt: „Wie erfülle ich Normen?“
„Du sollst zum Beispiel nicht bei Rot über die Straße gehen.“
„Das ist alles? Das kann ich!“
„Na ja, es gibt mehr. Du sollst nicht stehlen. Du sollst anderen helfen. Und was in unserer Gesellschaft von großer Bedeutung ist: Du darfst nicht töten!“
Peggy mischt sich ein. „Normen hin, Werte her. Ich finde, es stimmt was nicht in diesem Land, Margot!“
„Was sprichst du konkret an?“
„Wenn Kinderschänder zu Geldstrafen verurteilt werden oder auf Bewährung freikommen, ist das keine gerechte Strafe.“
„Ich nehme diese Meinung mal unkommentiert zur Kenntnis.“ Margot wendet sich an Stella. „Wie ist deine Einstellung zum Thema?“
„Ich stimme Peggy zu. Wie es zurzeit ist, gefällt es mir nicht. Geldstrafen sind ein Witz. Der Kinderschänder läuft frei herum und bleibt eine Gefahr. Das ist ungerecht, den missbrauchten Kindern gegenüber, denn sie leiden ein Leben lang. Ich finde die Gesetzgebung in unserem Land zu weich. Man sollte darüber nachdenken, ob die Normen und Werte noch zeitgemäß sind. Wenn Kinderschänder überführt sind, müssten sie, meiner Meinung nach, mit dem Tod bestraft werden.“
Margot fällt fast vom Stuhl, denn sie hatte eine andere Antwort von Stella, erwartet. „Du weißt, wir haben ein Grundgesetz, das dir Rechte garantiert. Es schützt dich und mich und alle, die hier leben.“
„Es schützt uns? Erzähl das Mal Missbrauchsopfern. Wenn es Schutz böte, müsste es dafür sorgen, dass Personen, die Kinder missbrauchen, das nicht mehr tun können. Ich verstehe nicht, warum das nicht passiert, und finde es scheiße, dass wir keine Todesstrafe haben.“
Margot ist schockiert über die Einstellung ihrer Schützlinge. Woher kommt dieses Denken? Was habe ich bei der Erziehung falsch gemacht? Sie hinterfragt ihre pädagogische Kompetenz. Mit Mühe bleibt sie ruhig. „Das wir keine Todesstrafe haben, hat einen Grund.“
„Der wäre?“
„Weil die Menschen, die das Grundgesetz erdacht haben, überzeugt waren, dass sie gegen das Recht auf Leben verstößt“, erklärt sie, „Die Artikel schützen uns vor Willkür, Unrecht und Gewalt durch den Staat.“
„Ist mir zu hoch. Kapier ich nicht“, stöhnt Gina.
Margot meint, gegen die Wand zu reden. „Die Gefahr, einen Unschuldigen zu töten, ist groß. Was, wenn ein Verdächtiger zu Unrecht hingerichtet wird?“
„Hm?“ Gina legt die Stirn in Falten.
Dass ihr Schützling über das Thema reflektiert, verbucht Margot als pädagogischen Erfolg. Mehr verlangt sie nicht von Gina, die aufgrund ihrer Lernschwäche Neues schwer aufnehmen und verarbeiten kann. Sie schaut auf die Uhr. „Wir diskutieren nach dem Mittagessen weiter, wenn ihr mögt. Ich muss zu einer Besprechung und ihr in die Schule.“
„Wir sind nachmittags bei den Pfadfindern“, erklärt Stella.
„Dann wünsche ich euch einen schönen Tag. Wir sehen uns heute Abend.“
*
Teil 4. Ermittlungen.
Der Regierungsbezirk zu dem das Dorf Ostholzlinden gehört, hat keine Mordkommission. Aus diesem Grund obliegt die Bearbeitung von Tötungsdelikten dem Landeskriminalamt (LKA).
Auf Anordnung des Landrats wird den beiden ermittelnden Kriminalbeamten ein provisorisches Büro im Rathaus der Kreisstadt zur Verfügung gestellt. Kriminalhauptkommissar (KHK) Markus Stutz (34) leitet die Untersuchung im Mordfall Pfarrer Hebel. Kriminaloberkommissar (KOK) Oskar Beizer (31) ermittelt mit ihm. Beide Fahnder verfügen über mehrjährige Berufserfahrung in der Aufklärung von Schwerstkriminalität.
Nach der Besichtigung des Tatortes und einem kurzen Aufenthalt in der Kreisstadt, um das improvisierte Büro mit dem Nötigsten auszustatten, geht es für die Ermittler wieder gen Ostholzlinden, um die Untersuchungen aufzunehmen.
Ihre erste Station ist das Haus von Agathe Christensen, der Haushälterin des ermordeten Pfarrers.
KHK Stutz diktiert in seinen Audiorecorder: „Unterredung mit Frau Christensen, wohnhaft Pfarrgasse 2 in Ostholzlinden“. Das unscheinbare digitale Aufnahmegerät steht auf dem Küchentisch.
Die alte Dame sitzt dem Kommissar gegenüber. Sie zeigt Anzeichen von emotionaler Erregung. In ihren Händen hält sie ein Taschentuch, das sie in verkrampfter Weise umfasst. Sie wischte sich wiederholt Tränen aus den Augen.
„Sind Sie in der Verfassung, mit mir zu sprechen?“, fragt KHK Stutz besorgt.
„Einen Moment.“ Sie schnäuzt sich geräuschvoll die Nase.
„Wir können uns morgen unterhalten, wenn Sie keine Kraft haben“, bietet er an.
„Nein, ist in Ordnung. Je eher, desto besser.“
Er eröffnet die Befragung. „Sie sind am 23. Februar 1930 geboren und 72 Jahre alt?“
Sie nickt und haucht zur Bestätigung „Ja“.
„Ihr Vorname ist Agathe?“
„Richtig.“
„Ihre Konfession ist katholisch?“
„Ja.“
„Obwohl Sie Rentnerin sind, führen Sie den Haushalt von Pfarrer Hebel. Warum?“
„Es fand sich niemand sonst. Deshalb bin ich eingesprungen.“
„Übten Sie diesen Beruf schon vorher aus?“
„Ich bin gelernte Hauswirtschafterin. Nach der Lehre übernahm mich die Gemeinde. Das war 1947, mit 17 Jahren. Ich bin bis heute geblieben. Mein Berufsleben verbrachte ich im Pfarrhaus.“
„Eine beachtliche Lebensleistung“, kommentiert der Kommissar respektvoll.
Sie lächelt verschmitzt. „Es brachte mir im Dorf einen Spitznamen ein.“
„Ach ja?“
„Man nennt mich die Perle von Ostholzlinden“, verrät sie, übers ganze Gesicht grinsend.
„Das ist ein ehrenvoller Titel.“
„Ich bin ein bisschen stolz darauf.“
„Das dürfen Sie. Christensen ist Ihr Geburtsname, ja?“
„Jawohl. Ich war nie verheiratet.“
„Sie haben keine Kinder?“
„Natürlich nicht!“, antwortet sie mit Nachdruck und empörtem Gesichtsausdruck.
Stutz nimmt es stumm zur Kenntnis. „Wann wurde Pfarrer Hebel Ihr Dienstherr?“
„Am 1. Januar dieses Jahres.“
„Er war erst etwa zehn Monate hier?“
„Richtig.“
Er trinkt einen Schluck vom Kaffee, den sie zubereitet hat. Das Gebräu könnte Tote wecken. Stutz gießt mehr Kaffeesahne in die Tasse. „Frau Christensen, kennen Sie den Grund für die Versetzung des Pfarrers nach Ostholzlinden?“
Agathe runzelt die Stirn. „Inoffiziell!“
„Was heißt das?“
Zögernd folgt die Antwort. „Ich erfuhr es von einer Freundin, die bei der Kirchenverwaltung arbeitet. Sie verriet mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass Pfarrer Hebel im Verdacht steht, eine Vorliebe für Jungs zu haben“. Sie schüttelt sich angewidert.
„Fiel er Ihnen in dieser Hinsicht auf? Suchte er Kontakt zu...
| Erscheint lt. Verlag | 28.3.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Betreutes Wohnen • Entführung • Erzieherin • Häusliche Gewalt • Missbrauch • pädophil • Spannunbg • Spannung |
| ISBN-10 | 3-8190-6572-5 / 3819065725 |
| ISBN-13 | 978-3-8190-6572-9 / 9783819065729 |
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