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Die bestmögliche Vermutung (eBook)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
200 Seiten
Arisverlag
978-3-907238-47-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die bestmögliche Vermutung -  Manuel Gübeli
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Er trifft auf Elena. Er ist introvertiert, fühlt viel, hinterfragt alles, auch sich selbst - erlebt aber sein Denken als limitiert. Elena ist herausragend clever, voll von Leben, denkt klar und folgt radikal ihrer Bestimmung - der eigenen Erfüllung in der Kunst. Damit bringt sie all das in sein Leben, was er bisher zu vermissen glaubte. Und auch sie scheint etwas ganz Spezielles in ihm zu sehen. Zwischen Elena und ihm entsteht etwas, was sich richtig und intensiv und gross anfühlt. Bis es um die Vollendung ihres ultimativen Werkes geht. Und sich rausstellt: Nichts ist, wie es scheint. «Ein Buch, wie es die heutige Gesellschaft braucht: aufwühlend und provozierend, mal zärtlich, mal brutal, schmerzhaft ehrlich, aber dann dich eiskalt hinterrücks erwischend.» Dominic Deville, Satiriker, Punk, Late Night Host «Ich konnte diese Geschichte für keinen Augenblick weglegen und sie begleitet mich bis heute. DIE BESTMÖGLICHE VERMUTUNG beschreibt die unbehagliche Tonspur einer Ära. Die Sprache ist messerscharf, das Buch hat kein Wort zu viel.» Helen Iten, Journalistin und Autorin «Dieser Roman ist eine Umwälzung. Weil er so eine Wucht entwickelt, weil er das Innere nach aussen kehrt, einen mitnimmt, abholt und durchschüttelt. Und dies elegant, klug - und durchgehend lustig.» Renato Kaiser, Satiriker und Komiker

Manuel Gübeli ist Filmemacher, Künstler und Autor. Seine Filme liefen an zahlreichen internationalen Festivals und gewannen diverse Auszeichnungen. Er ist Absolvent der Journalistenschule MAZ, hat an der Hochschule Design & Kunst in Luzern Film studiert und am Filmhaus Babelsberg Weiterbildungen in Drehbuch und Schauspielführung abgeschlossen. Er schreibt regelmässig für Bühne, Fernsehen und Print. Manuel Gübeli lebt in Basel und Berlin. manuelguebeli.com

Manuel Gübeli ist Filmemacher, Künstler und Autor. Seine Filme liefen an zahlreichen internationalen Festivals und gewannen diverse Auszeichnungen. Er ist Absolvent der Journalistenschule MAZ, hat an der Hochschule Design & Kunst in Luzern Film studiert und am Filmhaus Babelsberg Weiterbildungen in Drehbuch und Schauspielführung abgeschlossen. Er schreibt regelmässig für Bühne, Fernsehen und Print. Manuel Gübeli lebt in Basel und Berlin. manuelguebeli.com

ZWEI

ER

Das erste Kärtchen klebt außen an meiner Wohnungstür. «Umdrehen» steht darauf. «Nicht die Karte. Dich.» steht auf der Rückseite. Ich schaue hinter mich und sehe das hässliche weiße Schuhregal meines Vormieters, das da nur noch steht, weil ich mich damals bei der Wohnungsübergabe nicht zu einem Nein habe durchringen können. Ich schaue mich weiter um und werde dabei leicht hektisch, weil hier jeden Moment irgendwo eine Tür aufgehen könnte und ich nur wenig mehr hasse, als im Treppenhaus irgendwelchen Nachbar*innen zu begegnen. So nahe am eigenen Safe Space doch noch von jemandem mit potenziellem Mitteilungsbedürfnis erwischt zu werden, fühlt sich immer wie die ultimative Niederlage an.

Völlig überraschend hilft die aufkeimende Hektik bei der Suche nicht, sodass ich erst die Übersicht und dann vom Geräusch der sich vier Stockwerke unter mir öffnenden Eingangstüre auch noch die Nerven verliere. Ich verstecke mich in meiner Wohnung, atme ein paar Minuten tief durch und öffne die Tür erst wieder, nachdem ich lange an ihr gehorcht habe.

Diesmal fällt mir schon beim ersten Schritt zurück ins Treppenhaus die mit Bleistift auf die Stirnseite des Schuhregals gekritzelte Karte auf. Ein Kreis markiert darauf einen Ort und am Ende des Pfeils, der auf diesen Kreis zeigt, steht «Donnerstag, 19 Uhr» und «Du bringst den braunen Stuhl aus deiner Küche mit.»

Ich bin gleichzeitig total erfreut und extrem verwirrt, was dazu führt, dass ich vollkommen vergesse, wie unwohl ich mich hier draußen eigentlich fühle. Die auf der Karte markierte Stelle muss eine Bushaltestelle sein und weil die Karte gut gezeichnet ist, weiß ich auch sofort welche. Ich feiere diese Entdeckung innerlich so lange, bis meine kalten Füße mich daran erinnern, dass ich ja im Treppenhaus stehe. Schlagartig kehrt die Hektik zurück und in einer ersten Übersprungshandlung teste ich die Radierfähigkeiten meines Daumens an der Skizze. Sie liegt auf einer Skala von eins bis zehn bei etwa zwei. Ich bin sofort etwas verzweifelt, obwohl das unsägliche Möbel ja mir gehört. Da mir auf die Schnelle aber keine andere Lösung einfällt, lasse ich die Zeichnung Zeichnung sein, gehe zurück in meine Wohnung und schließe die Tür. Dann setze ich mich in die Küche und bin erst mal ganz lange überfordert.

ELENA

Sie sah ihn schon eine ganze Weile warten. Er war zu früh, was einerseits am Busfahrplan lag, andererseits aber auch an ihm. Schließlich hätte es auch einen späteren Bus gegeben, den, der um zwei nach ankommen würde. Er hätte also auch einfach ein klein wenig zu spät kommen können. Wollte er aber offensichtlich nicht.

Obwohl er seinen Stuhl dabei hatte, stand er.

Sie war begeistert.

ER

Elena kommt von hinten angerannt, wirft mir noch bevor ich mich umdrehen kann ihre Arme um den Hals und küsst mich lang. Obwohl ich die ganze Szene mehr betrachte als miterlebe, genieße ich sie außerordentlich. Jetzt erst fällt mir auf, wie groß Elena eigentlich sein muss, denn ich küsse nach oben. Ich versuche, meinen Blick unauffällig nach unten gleiten zu lassen um herauszubekommen, ob sie hohe Schuhe trägt, bleibe dann aber an dem Bild hängen, wie Elena meine Hand langsam unter ihr Shirt schiebt. Ich schaue fragend in ihre hellblauen Augen. Die bereits tief stehende Sonne beleuchtet ihre rotblonden Haare effektvoll von hinten und sorgt so für eine Art Aura, die ihre helle Haut noch irrealer wirken lässt, als sie sonst schon ist. Das Licht lässt die Haare glühen und Elena lacht. Irgendwie lacht Elena immer und das ist wunderbar. Dann löst sie sich von mir, greift nach meiner linken Hand und nimmt meinen Stuhl in ihre andere. Wir gehen los und werden beide den Stuhl den ganzen Abend nicht ein einziges Mal erwähnen. Elena trägt keine hohen Schuhe.

Ihre Wohnung liegt gleich um die Ecke und ich erinnere mich, hier früher schon einmal vorbeigegangen zu sein, finde aber partout nicht heraus, wann das gewesen sein könnte. Das Gefühl sagt vor Kurzem, die Logik hält dagegen. Da ich den Straßenbelag in meinem Kopf als neu und makellos abgespeichert habe, muss es wohl doch schon länger her sein, schließlich wird der ganze Abschnitt gerade wieder neu geteert.

Woran ich mich klar erinnern kann, ist, dass mir das Haus, vor dem wir jetzt stehen und in dem Elena offensichtlich wohnt, schon damals aufgefallen ist. Weil ich fand, dass die Architektur des Gebäudes etwas Menschliches hat. Ich sage das Elena und sie sagt, ja, das liege an der ungleichmäßig strukturierten Fassade, den kleinen Erkern und den sich mit der Witterung farblich stetig verändernden Holzpaneelen.

Ich schaue Elena an, nicke und glaube, dass sie recht hat, hätte ihr in diesem Moment wohl aber auch das Gegenteil abgenommen.

Und dann stehen wir in ihrer Wohnung und ich bin überrascht, dass es da so aussieht wie es aussieht. Was verwirrend ist, denn bis gerade eben habe ich gar noch nie darüber nachgedacht, wie Elena wohl wohnen könnte. Ich bin also überrascht von etwas, von dem ich gar nie eine Vorstellung hatte, also auch keine, die sich nun als falsch hätte herausstellen können. Das ergibt keinerlei Sinn, was mir aber egal sein kann, denn jetzt stehe ich ja hier und weiß ab sofort und für immer, wie Elena wohnt. Mein Hirn wird sie, wann immer ich an sie denke, in diese Umgebung setzen können, in ein in mir unwiderruflich abgespeichertes 3D-Modell ihres Wohnraums.

Da ist erst mal der schmale und endlos lang wirkende Flur, der von Elenas Haus- und gleichzeitig auch Wohnungstür zu den zurückversetzten zwei Wohnräumen ihrer Erdgeschosswohnung führt. Da ist am Kopfende dieses Flures das kleine weiß gekachelte Bad, links davon eine ähnlich kleine Küche und rechts das Wohnzimmer, das für diese Art Bau eindrückliche Ausmaße hat und vermutlich erst durch das Entfernen einer Wand überhaupt zu dieser Größe gekommen ist. Da ist ebenfalls rechts und nur durch das Wohnzimmer erreichbar das kleine quadratische Schlafzimmer, das dank der hohen Decke etwa die Form eines Würfels hat. Und da wäre dann vor allem auch die Einrichtung dieser Räume. Sehr reduziert. Minimalistisch. Pragmatisch. Nicht kühl, aber praktisch. Einrichtung als Zweck.

Im Schlafzimmer steht ein riesiges, ebenfalls quadratisches Bett, das den Raum fast vollständig füllt. Sein Rahmen ist weiß, der Bezug ist es auch und der Raum selbst sowieso. Generell sind alle Wände der Wohnung leer, mit zwei Ausnahmen. Eine Wand im Wohnzimmer ist durchgehend mit deckenhohen Metallregalen verstellt, auf denen sich regelmäßig arrangierte graue Kunststoffboxen stapeln. Und an der stirnseitig zum Esstisch stehenden Wand hängen zwei kleine gerahmte Bilder, die je eine Frau und ein Kind ungefähr um die vorletzte Jahrhundertwende zeigen. Schätze ich mal.

Dann beginnt Elena zu reden und ich merke, dass wir beide noch kein Wort gesagt haben, seit wir hier in ihrer Wohnung stehen.

Ich bin nicht der Spitzendeckchen-Rüschentyp, falls du das gedacht haben solltest, sagt sie und muss gleich selbst darüber lachen.

Ich überlege, was ich darauf antworten könnte, und fahre dabei mit meinen Fingern sachte den Kanten einer Kunstoffbox entlang. Ich sage, dass ich die Wohnung sehr mag. Ich sage, dass Elena den kleinen Holztisch mit den zwei Stühlen zum unbestrittenen Star des Wohnzimmers gemacht habe, indem sie ihm den notwendigen Platz lasse. Ich sage, dass der etwas abgenutzte olivgrüne Ohrensessel jedem Designsofa problemlos die Schau stehlen würde, weil man hinter seiner Herkunft eine Geschichte vermute.

Dann sage ich nichts mehr, um auf Elenas Reaktion zu warten. Und weil die nicht sofort kommt und ich, soviel habe ich ja bereits gelernt, Stille deutlich weniger entspannt ertrage als sie, füge ich jetzt noch Sätze an, die da eigentlich gar nicht hingehören.

Dass die zwei Bilder, na ja, vielleicht etwas austauschbar wirken, was aber auf eine seltsame Art wieder zu den normierten Lagerregalen und den Kisten passe, da diese Industrieprodukte ja speziell so gestaltet worden seien, dass sie jederzeit und ohne großes Aufheben ersetzt werden können.

Und noch während diese Worte meinen Kopf verlassen, beginne ich mich bereits für sie zu schämen. Was für ein bescheuerter, pseudointellektueller Scheißkommentar! Da lässt mich Elena in ihren privatesten und intimsten Ort und ich werde aus Angst vor einem klitzekleinen Moment Stille und dem unterschwelligen Gefühl, nicht clever genug für diesen außergewöhnlichen Menschen zu sein, zum lächerlichen Besserwisser.

Ich beschließe, mit einem Kompliment vom gerade Gesagten abzulenken, aber da der Arbeitsspeicher meines Hirns gerade mit Selbsterniedrigung ausgelastet ist, fällt mir kein einziges ein. Mein Blick huscht hektisch durch den Raum und bleibt dann wieder am Tisch hängen, den ich aber ja bereits gelobt habe, worauf ich mir vorzustellen beginne, wie ich mich in Fötusposition unter ihn lege.

«Austauschbar», wiederholt Elena interessiert und kommt dann langsam auf mich zu. Dann nimmt sie meinen Kopf in ihre Hände, zieht ihn zu sich und küsst mich tief und lange.

Als sie sich wieder löst, legt sie ihre Stirn an meine und flüstert.

Wenn du wüsstest, wie richtig du damit liegst.

Einmal mehr fühle ich mich überfordert, von der Situation, von Elena, vom Leben. Da ich darin mittlerweile aber schon etwas Übung habe, sage ich nichts und drücke Elena einfach fest an mich. Sie versteht es als Aufforderung.

ELENA

Natürlich hatte er keine Ahnung. Natürlich wurde er von ihr gelenkt. Natürlich wusste er nicht, warum er hier war. Natürlich diente ihr seine Anwesenheit nicht nur zur Befriedigung ihrer Lust, auch wenn...

Erscheint lt. Verlag 20.3.2025
Verlagsort Embrach
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Ängste • Fiktion • Genderrollen • Identität • Kunst • Liebe • nicht binär • Queer • Realität
ISBN-10 3-907238-47-8 / 3907238478
ISBN-13 978-3-907238-47-9 / 9783907238479
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