Bernadette Swifts Gespür für Bücher (eBook)
368 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-78439-5 (ISBN)
In den Sechzigern gibt es in New York keine Verlegerinnen. Noch nicht.
Bernadette Swift, junge Lektorin bei Lenox & Park Publishing, will hoch hinaus: Sie träumt davon, als erste Frau an die Spitze eines Verlags zu gelangen. Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht. Auf der Suche nach Verbündeten schließt sich Bernadette einem Buchclub für Frauen an. Entschlossen kämpft sie für ihre Karriere und für Gleichberechtigung - gegen ihren herablassenden Chef und eine intrigante Kollegin, die ihr Steine in den Weg legt. Zum Glück gibt es nicht nur ihren Buchclub, sondern auch einen charmanten Kollegen, der mehr als nur berufliches Interesse an ihr hat. Vielleicht, nur vielleicht, kann Bernadette den Durchbruch schaffen - für sich und alle Frauen, die nach ihr kommen.
Eliza Knight ist Journalistin, Podcasterin und Autorin. Sie hat zahlreiche historische und romantische Geschichten veröffentlicht. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Florida.
1
New York City
Sommer 1963
Wenn sie einige der Fähigkeiten aufzählen sollte, die sie aufgrund ihres Summa-cum-laude-Abschlusses am Barnard College und ihrer nun schon einige Jahre währenden Arbeit bei Lenox & Park Publishing besaß, hätte Bernadette Swift sich als Eliminiererin von falschen Subjekt-Verb- respektive Pronomenbezügen, Verfechterin der korrekten Kommasetzung und Beseitigerin von Klischees und Mehrdeutigkeiten im Text bezeichnet.
Momentan jedoch schien ihr Vorgesetzter das Namensschildchen auf ihrem ordentlich aufgeräumten Schreibtisch nicht wahrzunehmen, auf dem stand: BERNADETTE SWIFT, JUNIORLEKTORIN.
Statt ihr ein Manuskript zur Überprüfung zu reichen, hielt er ein verknittertes weißes Oxford-Button-down-Hemd mit einem Kaffeefleck in der Hand.
Seit über einem Jahrtausend sind Frauen dafür zuständig, Flecken aus Männerkleidung zu beseitigen. Kaffee ist besonders schwierig aus gestärkten weißen Stoffen zu entfernen. Dabei war Bernadette weder Mr Walls Ehefrau noch seine Sekretärin. Allerdings konnte sie keine dieser Tatsachen laut aussprechen, wenn sie ihren Job behalten wollte.
Also schwieg sie, während sie beobachtete, wie sich seine Lippen bewegten. Wie seine Augen sie musterten – nicht nur ihr Gesicht. Und dachte, wie sie ihm schon seit Urzeiten den Kaffee holte und gefühlt länger als ein paar Jahre seine Hemden in die Reinigung brachte, weil er die Vorderseite regelmäßig mit dem Heißgetränk besudelte. Er gehörte den Artiodactyla an, genauer gesagt der Suidae-Familie, mit anderen Worten: Er war ein Schwein.
Von ihrem Veterinärsvater kannte sie die korrekten biologischen Ausdrücke, die sie mit großem Vergnügen auf menschliches Verhalten anwendete.
Doch eigentlich war das den Schweinen gegenüber nicht fair, oder? Die auf der Farm ihrer Familie waren selbst dreckverschmiert entzückend gewesen. Besonders ihr Herzenstier Amaranth, benannt nach ihrer Lieblingsfarbe – obwohl ein Schwein natürlich niemals ganz so rot sein konnte. Aber sie liebte nun mal große Worte und benutzte sie, wann immer sie konnte, sogar bei einem knuddeligen Schwein.
So viel stand allerdings fest: Mr Wall war keinesfalls entzückend.
Das Schnippen fleischiger Finger riss sie aus ihren Tagträumen. »Miss Swift? Haben Sie mich gehört?«
Leider ja.
Bernadette ließ den Blick über die klappernden Schreibmaschinen schweifen, die Männer mit den lässigen Beach-Boys-Frisuren, die mit ihren Rotstiften über Fahnen gebeugt saßen und eifrig im Webster’s Third New International Dictionary blätterten, kurzum über all die geschäftigen Leute im Raum, die nicht in ihre Richtung schauten.
Möglicherweise bemerkten sie das, was da gerade vor sich ging, wirklich nicht. Sie taten ziemlich oft so, als gäbe es sie – die einzige weibliche Juniorlektorin – gar nicht. Ihre männlichen Kollegen mussten nie so niedere Tätigkeiten für ihren Chef verrichten. Tätigkeiten, die nicht zum Aufgabenbereich eines Lektors gehörten. Und sie war Lektorin. Was Mr Wall häufig ignorierte. Doch eines Tages, wenn ihr Name auf dem Schild neben der Tür zum Büro der Verlagsleiterin stand und ihr tadellos aufgeräumter Schreibtisch sich in dem Zimmer dahinter befand, würde er sie nicht mehr missachten können.
Bernadette sah ihrem Chef in die Augen, die so wässrig blau waren, als hätte ein Kind seine Farben in dem Versuch, die Pigmente zu neuem Leben zu erwecken, sehr stark verdünnt. Am liebsten hätte sie ihn an den Enden seines dunklen gewachsten und gezwirbelten Schnauzbarts gepackt und ihm mit einem Ruck das süffisante Grinsen aus dem Gesicht gezogen. Stattdessen blieb sie, die Hände mit den ordentlich geschnittenen und pink lackierten Fingern unter den Oberschenkeln, sitzen und sagte: »Ja, Mr Wall.«
Für gewöhnlich besaß Bernadette schier unerschöpfliche Geduld. Da sie umgeben von Männern arbeitete, die das Lektorat als eine Art Herrenklub erachteten, brauchte sie die auch. Doch ihr Chef weckte etwas in ihr, das ihre Freundinnen ihren »Nett-nett-Schutzschild« nannten. Der legte den Teil von ihr lahm, der dagegen rebellieren wollte, dass sie Aufgaben erledigen sollte, mit denen ihre männlichen Kollegen niemals belästigt wurden.
Bislang hatte sie diesen Teil niedergerungen und sich zum Fußabstreifer degradieren lassen. Sobald so etwas eingeschliffen war, ließ es sich nur schwer ändern.
Außerdem gab es lediglich zwei Alternativen: Entweder sie wehrte sich gegen die Ungerechtigkeit oder sie behielt ihren Job. Und den liebte sie, außer sie hatte mit Mr Wall oder anderen wie ihm zu tun. Also stand sie von ihrem Stuhl auf, dessen Knarren in den Arbeitsgeräuschen der Kollegen unterging. Als sie nach dem Hemd griff und ihre Finger die von Mr Wall berührten, hätte sie fast vor Ekel eine Gänsehaut bekommen.
»Ich brauche es bis Mittag. Dann muss ich in eine Besprechung.« Mr Walls Blick wanderte zu ihren Lippen, die sie in einer instinktiven Abwehrreaktion einsaugte.
»Versuchen Sie, ein bisschen öfter zu lächeln.« Er bedachte sie mit einem anzüglichen Grinsen. »Frauen sind einfach hübscher, wenn sie lächeln.«
Was für ein Klischee! In einem Manuskript hätte sie das fett rot markiert und geschrieben: »Zu abgegriffen.«
Wall drehte sich ohne ein Dankeschön weg. »Und das Manuskript muss bis vier bei mir sein«, erklärte er über die Schulter gewandt.
Bernadette betrachtete das verschmutzte Hemd stirnrunzelnd. Ein unbeteiligter Beobachter hätte sie bestimmt für Mr Walls persönliche Assistentin gehalten. Obwohl auch Sekretärinnen nicht für die Reinigung von Kleidungsstücken zuständig waren. Jedenfalls laut der schriftlichen Arbeitsvereinbarung. Diese und andere Pflichten schienen sich durch einen kurzen Zusatz zu legitimieren, den jemand, mit Sicherheit ein Mann, in den Text des Arbeitskontrakts eingefügt hatte: »und andere zugewiesene Aufgaben«.
Besagter Zusatz wäre realistischer gewesen, hätte er gelautet: »und andere zugewiesene Aufgaben, vorausgesetzt bei der Ausführenden handelt es sich um eine Frau«.
Zugegebenermaßen wäre ein solcher Zusatz in der Stellenbeschreibung eines Juniorlektors vor Bernadettes Verpflichtung überhaupt nicht nötig gewesen, denn sie war die erste und einzige weibliche Lektorin bei dem renommierten Verlag Lenox & Park. Man hatte sie kurz nach ihrem Collegeabschluss eingestellt, gerade als die Einzelkomponenten zu einem Haus mit Doppelnamen verschmolzen. Ich war die Beste meines Jahrgangs in Anglistik, nicht in Reinigung.
Sie hatte erst die Hälfte des Korrekturfahnenstapels auf ihrem Schreibtisch bewältigt, neben dem ihr Rotstift lag. Beide flehten sie an, sie nicht im Stich zu lassen, aber was blieb ihr anderes übrig?
Ihr Seufzen wurde übertönt vom Klappern der Schreibmaschinen und Rascheln des Papiers, wenn es vom Eingangs- auf den Ausgangsstapel wanderte. Zehn Leute arbeiteten in dieser Abteilung unter Mr Wall: sechs Juniorlektoren und vier Lektoren. Bernadette befand sich irgendwo in der Mitte. Sie war seit mehreren Jahren für den Verlag tätig, und die Mehrzahl der Bücher, die sie bearbeitet hatte, stand auf den Bestsellerlisten.
Worte waren für sie Leben, und in einem Verlag zu arbeiten, war ihr Traum, seit sie im Alter von sieben Jahren in der Buchhandlung Lewis Carrolls Alice im Wunderland und die Fortsetzung Alice hinter den Spiegeln entdeckt und mit ihrem Geburtstagsgeld bezahlt hatte. Das war der Ursprung ihrer Wortliebe gewesen, besonders für blume wie gurgen, elump oder wichernd sprengen – allesamt vom Autor selbst erfundene Ausdrücke. Wenn sie nicht gerade Romane las, hatte sie das Wörterbuch studiert, ein Hobby, über das sich ihr Bruder Benjamin oft lustig machte. Doch das Lachen verging ihm immer schnell, sobald er ihre linguistisch geschliffenen Erwiderungen hörte, die ihn ärgerten, weil er ihre Bedeutung oft nicht ...
| Erscheint lt. Verlag | 12.10.2025 |
|---|---|
| Übersetzer | Sonja Hauser |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Confessions of a Grammar Queen |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 1960er Jahre • aktuelles Buch • Bibliophil • Bonnie Garmus • Booklover • bookshop • Buchbranche • Buchcafé • Buchclub • Bücher • Bücherfreunde • Bücherliebe • Bücher Neuerscheinung • Bücherwurm • Buchhandel • Buchhändler • Buchhändlerin • Buchhandlung • Buchladen • Buchliebhaber • Buchliebhaberin • Charme • Confessions of a Grammar Queen deutsch • Eine Frage der Chemie • Empowerment • erste weibliche Verlegerin • Feminismus • Freunschaft • Gleichberechtigung • heart warming • herzerwärmend • Humor • Hund auf Arbeit • Karriere • Lektoratsassistentin • Lektorin • Liebe zu Büchern • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Nordamerika (USA und Kanada) • Romantik • Roman über Bücher • Roman über Buchhandlung • Vereinigte Staaten von Amerika USA • Verlag • Verlagswesen • warm • Witz |
| ISBN-10 | 3-458-78439-X / 345878439X |
| ISBN-13 | 978-3-458-78439-5 / 9783458784395 |
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