Schlupfwinkel (eBook)
128 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-78389-4 (ISBN)
Ein kleines Dorf in Bayern, Ende der 1950er Jahre: Ein Kind kommt zur Welt aus einer Verbindung, die hier niemand für möglich gehalten hätte. Die Mutter ist Schlesierin und gehört zu den »Heimatvertriebenen«, die sich ein Jahrzehnt zuvor im Ort niedergelassen haben. Der Vater ist ein Medizinstudent aus Syrien, der ins Dorf kommt, um am Goethe-Institut Deutsch zu lernen. Zum Zeitpunkt des Kennenlernens hatten sie keine gemeinsame Sprache, und ihr gegenseitiges Sprechen blieb ein Leben lang brüchig. So wächst das Kind in einer Atmosphäre des Schweigens auf, sucht nach einem Schlupfwinkel für die eigene Existenz und findet ihn in der Literatur.
Schlupfwinkel beschreibt den Werdegang eines Autors, der zwar zu einer eigenen Sprache findet und damit Erfolge feiert, doch im Leben ein Verlorener bleibt. Es ist gleichzeitig ein Versuch, die Geschichte der Eltern aus der Distanz heraus zu verstehen und den Momenten nachzuspüren, wo sie vielleicht eine Chance gehabt hätten, eine ausgeglichene Familie zu werden. Und schließlich ist es eine Geschichte von Flucht und möglichem Ankommen, die sich in den »Wirtschaftswunderjahren« abgespielt hat, aber bis heute nachhallt.
Friedrich Ani, geboren 1959, lebt in München. Er schreibt Romane, Gedichte, Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher. Sein Werk wurde in zehn Sprachen übersetzt und vielfach prämiert, u. a. sieben Mal mit dem Deutschen Krimipreis, dem Crime Cologne Award, dem Burgdorfer Krimipreis, dem Adolf-Grimme-Preis, dem Bayerischen Fernsehpreis und der Goldenen Romy. Friedrich Ani ist Mitglied des PEN-Berlin.
Aus freien Stücken
Um das Jahr 1945 herum zogen Karawanen entwurzelter Menschen durch Europa, auf der Suche nach einer Herberge. Ihre Elternhäuser lagen in Schutt und Asche, Freunde und Angehörige hatten im Bombenhagel, an der Front, im Schützengraben ihr Leben verloren, ausländische Mächte die Kontrolle über das Land übernommen. Hunger und Elend bis zum Horizont. Was blieb ihnen übrig, als zu fliehen, mit nichts als ein paar Habseligkeiten, ohne Gedanken an die Strapazen, die auf sie warteten, Hauptsache weg, in eine ferne Freiheit.
So strandeten Abertausende dieser Kriegsopfer auch in Süddeutschland, in Oberbayern, in einem kleinen Dorf sechzig Kilometer südlich der Landeshauptstadt. Ihre letzte Station war Kufstein in Österreich gewesen, von dort wurden sie auf das Nachbarland verteilt. Ein Finger des Schicksals zeigte exakt auf den Ort am Alpenrand. Niemand hatte dort auf Schlesier oder Sudetendeutsche gewartet. Trotzdem: Häuser wurden errichtet – mehr Baracken als heimelige Wohnstätten –, in der Maschinenbaufabrik, in der Reißverschlussfabrik, in den wenigen Gasthäusern, auf den Bauernhöfen und im einen oder anderen bescheidenen Familienbetrieb standen manche der Neuankömmlinge nach einiger Zeit in Lohn und Brot.
Allmählich gewöhnte sich die Landbevölkerung an die Fremden – immerhin benutzten sie weitgehend dieselbe Sprache –, man kam sich näher, Beziehungen entstanden, Kinder erblickten das Licht der neuen Welt.
Erst einmal besuchte meine Mutter mit ihren Geschwistern die Volksschule, schloss Freundschaften, galt als halbwegs integriert. Natürlich blieb eine Schlesierin eine Schlesierin, zumal der örtliche Dialekt nie in ihrer Stimme ankam – wie übrigens auch nicht in den Stimmen aller anderen Flüchtlinge, die bis weit in die sechziger Jahre hinein immer noch Flüchtlinge hießen.
Das Wirtschaftswunder erreichte auch das Voralpenland, die Dörfler lebten vom Tourismus, sommers wie winters, neue Wirtshäuser und Pensionen mit so genannten Fremdenzimmern entstanden. Wanderwege und Seilbahnen wurden gebaut, Skilifte und Spaßbäder. Und im Windschatten all des kommerziellen Unterhaltungs- und Vergnügungstrubels eröffnete auf einem Hügel am Dorfrand ein Goethe-Institut.
Ein Goethe-Institut? In einem 4000-Einwohner-Ort? Warum? Für wen? Und wer sollte da hinkommen und … womöglich Bayerisch lernen? Wer?
Ganz einfach: Lauter »wunderbare Neger«, um den herzigen Ausdruck eines bayerischen Innenministers zu gebrauchen, oder, um ein Idiom von Peter Handke zu entfremden, lauter Andershäutige.
Und, o Wunder: Diese jungen Leute, Studenten allesamt, vornehmlich aus Afrika und dem Nahen Osten, verhielten sich tatsächlich wunderbar. Bald beherrschten sie die deutsche Sprache besser als die meisten Mitglieder der Staatspartei. Sie mischten sich ins Dorfleben ein, indem sie neben ihrem Studium in Geschäften oder Restaurants aushalfen, und viele von ihnen wohnten zur Untermiete bei örtlichen Familien. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.
Sudetendeutsche, Schlesier, Schwarze, Hellhäutige, Dunkelhäutige, ein babylonisches Sprachengewirr, das einen einzigartigen Klang erzeugte, kosmisch eingebettet ins tägliche Glockengeläut der katholischen und evangelischen Kirche, in die Aufmärsche der Blaskapellen und das Donnern der Gebirgsschützen. Und an einem Sonntagnachmittag im Frühjahr 1958 – im traditionsreichsten Gasthaus des Ortes wurde zum allwöchentlichen griabigen Beisammensein für Jedermann geladen – erschien der Syrer meiner Mutter auf der Tanzfläche.
Schock: Der Araber machte sich nicht, wie erwartet, aus dem Staub. Er studierte: Deutsch (in Le Chok) und Medizin (in München). Irgendwo hatte er ein kleines Zimmer und fuhr mit dem Zug jeden Tag sechzig Kilometer zur Uni. Wo genau im Dorf er sein Zimmer hatte, blieb im Dunkeln. Tatsache war, dass er nie in das ehemalige Bauernhaus zog, in dem meine Großeltern, meine Mutter und später auch ich wohnten. Ein Zimmer mit ausziehbarer Couch, wo Opa und Oma schliefen und auf den Fensterbrettern Opas Aquarien grün blinkten und die Familientreffen stattfanden. Eine Kammer, in der Mutters und mein Bett standen. Eine Küche mit Kohleofen und Waschbecken. Und ein Kalte Küche genannter Raum, früher ein Stall, in dem verderbliche Lebensmittel aufbewahrt wurden, weiters ein Schrank und eine Truhe für Klamotten, Regale voller Krimskrams – und es blieb sogar noch Platz für ein Sofa, falls eine meiner Tanten aus der Stadt zu Besuch käme.
Elektrisches Licht. Keine Heizung. Kein Bad. Die Toilette im Durchgang zum Nebenhaus mit dem Käsegeschäft. Am Rand des bullernden Ofens thronte eine weiße Kaffeekanne mit unerschöpflichem Vorrat für längst erwartete Briefträger und unverhofft hereinschneiende Nachbarinnen. Eine Oase der wohligen Zeitlosigkeit, in der sich der Araber selten niederließ – häufiger vielleicht vor meiner irdischen Zeit?
Der Syrer hatte geschwängert und die Schlesierin sich schwängern lassen.
Die Frage, wie und wo der Geschlechtsakt sich abgespielt haben mochte, wurde vermutlich, angesichts der angespannten psychologischen Gesamtsituation innerhalb der Familie, unter den Tisch gekehrt (in der Küche stand ein Tisch, auf dem gegessen, gebacken, gekartelt, der Lottoschein ausgefüllt und das Baby in einer Zinkwanne gebadet wurde).
Die Frage, wie die beiden einander relativ unbekannten sich Liebenden kommuniziert haben mochten, enthielt ein wesentlich höheres Humorpotential. Der Araber beherrschte ein wenig Schulfranzösisch und sprach ansonsten Hocharabisch, sein Deutsch steckte noch in den Kinderschuhen. Der Schlesierin, zur Zeit der Empfängnis dreiundzwanzig Jahre alt, hatten sie weder in der Schule noch außerhalb Französisch beigebracht, und in ihrer schlesischen Umgebung beherrschte kein Mensch eine orientalische Sprache. Was tun? Gerüchten zufolge verständigten sie sich anfangs auf Englisch. Fabelhafte Brücke – hatten doch weder Vater noch Mutter jemals Englischunterricht erhalten. Sie schafften es irgendwie, berichteten Ohrenzeugen. Und da ich beide schließlich kennenlernte und etliche Jahre mit ihnen verbrachte, vermute ich, dass die frühen Unterhaltungen meiner Eltern nicht allzu hürdenhaft verlaufen sein mussten: Keiner redete eine Silbe zu viel, und wenn doch, dann laut und in einer unverständlichen Sprache.
Die Liebenden könnten sich beim Kennenlernen natürlich auch ansatzlos verstanden haben, um später, als die Offenbarung nahte, in ein überfordertes Schweigen zu wechseln. In meiner Jugend verwandelte sich dieses über die Jahre konservierte Schweigen in fliegende Unterteller und Milchkännchen. Worum es bei den jeweils in der Küche unserer ersten gemeinsamen Wohnung ausgetragenen Dispute ging? Schleierhaft. Scherben sprechen nicht.
Wahrscheinlich waren die Keramik katapultierenden Worte vor meinem Verlassen des Kinderzimmers gefallen, oder die Eltern hatten beim Essen Esperanto benutzt, und ich hatte vielleicht in mich hineingelacht und war abgelenkt gewesen.
Wäre allerdings ungewöhnlich gewesen. Bis heute kann ich mich nicht erinnern, während meiner Unmündigkeit jemals gelacht zu haben.
Geweint öfter.
Geheult eher.
Kein Problem, solche Momente abzurufen. Auch jene, in denen ich meine Tränen mit Macht zurückgehalten hatte. Das passierte von meinem siebten Lebensjahr an dauerhaft. Mit vierzehn schwor ich mir, dass Mutter und Vater mich nie wieder weinen sehen würden. Ausgeheult, nach außen hin. Ohne den Showdown vorwegzunehmen: Ich habe durchgehalten.
Ob andere Besitzer meiner DNS ihren Umgang mit Tränenflüssigkeiten ähnlich organisiert hatten, wusste ich nicht, genauso wenig wie die Antwort auf die uralte Frage: Wieso halste der Araber sich ein uneheliches Kind und im Schlepptau eine ihn bei jedem Abendgebet in die Wüste schickende schlesische Familie auf, anstatt ungebunden sein Studium fortzusetzen, sich das nötige Deutsch anzueignen, zu promovieren und in die heimische Wüste zurückzukehren, ausgerüstet mit einem Doktortitel und einer...
| Erscheint lt. Verlag | 14.10.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | aktuelles Buch • Andreas Hoh Krimifestival-Preis 2024 • Autofiktion • Autor • Bayern • Bücher Neuerscheinung • Crime Cologne Sonderpreis 2017 • Deutschland • Erinnerungen • Existenz • Familiengeschichte • Flucht • Gedanken • Geschichte der Eltern • Heimat • Herkunft • Leben • Mitteleuropa • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Rückblick • Schicksal • Schweigen • Selbstreflektion • ST 5517 • ST5517 • Stuttgarter Krimipreis 2016 • Südostdeutschland • suhrkamp taschenbuch 5517 • Verschweigen • Wirtschaftswunderjahre • Zugehörigkeit |
| ISBN-10 | 3-518-78389-0 / 3518783890 |
| ISBN-13 | 978-3-518-78389-4 / 9783518783894 |
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