Spät am Tag (eBook)
180 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-78443-2 (ISBN)
Eine Geschichte wie ein Spaziergang an einem lauen Sommerabend - still, klar, voller Gefühl
Johanne ist Anfang dreißig, Schriftstellerin und auf der Suche nach Ruhe. Als sie ein Zimmer in einem weißen Haus auf dem Land mietet, ahnt sie nicht, dass ihr Leben dort eine neue Richtung nehmen wird. Schleichend entwickelt sich eine Beziehung zu Mikael, dem Mann, der dort lebt - eine Liebe, die sie über Jahre begleiten wird. Mit ihm kommen nicht nur seine Ex-Frau und seine Tochter in ihr Leben, sondern auch die karge, windgepeitschte Landschaft, die bald ihr Zuhause wird.
Siebzehn Jahre später sitzt Johanne allein in diesem Haus. Während der Herbst in den Winter übergeht, beginnt sie, ihre Geschichte aufzuschreiben - eine Geschichte von Liebe und Verlust, vom Vergehen der Zeit und von den unsichtbaren Fäden, die uns mit Menschen und Orten verbinden.
Mit leiser Intensität und poetischer Präzision erkundet Spät am Tag die Rhythmen des Lebens - die Angst vor dem Verlust und die Schönheit des Augenblicks.
Kristin Vego, 1991 in Aarhus geboren und aufgewachsen, ist Tochter dänisch-norwegischer Eltern. Nach Abschluss ihres Studiums lebte sie in Kopenhagen und Berlin und derzeit in Oslo. Für ihr erstes Buch <em>Se en sidste gang på alt smukt</em>, eine Sammlung von Kurzgeschichten, erhielt sie 2021 den Tarjej-Vesaas-Debütantenpreis und 2022 den Bogforums Debutantpris. <em>Spät am Tag</em> ist ihr erster Roman.
Erster Tag
Vor ein paar Tagen sah ich einen Mann im Fernsehen, der mich an Mikael erinnerte. Es war die Art Sendung, in der Comedians abwechselnd ans Mikrofon gehen und Oneliner improvisieren. Ich saß lange da und sah zu. Jedes Mal wenn der Mann, der Mikael ähnelte, ans Mikrofon trat, spürte ich einen kleinen Glücksrausch.
Mir ist, als ob mein Körper Zeit schinden will, heute habe ich schon den vierten Tag Schmerzen. Als ich jünger war, blutete ich zwei Tage lang stark, ohne groß etwas zu spüren. Ich stand morgens auf, ging pinkeln, und dann kam das Blut. Jetzt rinnt es spärlich und gemein, das Blut ist blassrosa und hat einen herben Geruch. Wenn ich beschreiben müsste, wie es sich anfühlt, würde ich sagen, als würde man einen dünnen Glasfaden langsam aus mir herausziehen. Heute habe ich mich niedergeschlagen und schlapp gefühlt, wie so oft an solchen Tagen, aber dann kam Leben in mich! Es war ein schöner, klarer Oktobertag. Und es hilft auch, dass Miez auf meinem Schoß liegt und schnurrt. Sie schmatzt ein bisschen, wenn ich sie am Kinn kraule, und rollt sich auf den Rücken. Heute ist so ein Tag, der sich noch auf die Hinterpfoten schwingen kann.
Ich sitze oben in meinem Dachzimmer, wie immer. Ich habe auf dem Computer ein neues Dokument angelegt.
Der Mann im Fernsehen: Vor einem Jahr hätte ich abgeschaltet und die Fernbedienung in die Ecke geschmissen. Jetzt musste ich zusehen. Irgendwas an seiner Gestik erinnerte mich an Mikaels Art, mit den Händen zu reden, wie seine Finger fast Vögel formten. Kleine Vögel, die in der Küche umherflatterten. Mikael konnte mich wahnsinnig machen. Mich mitten im Satz – so fühlte es sich an – unterbrechen und einfach reden und reden. Während ich ihm gerade etwas erzählen wollte. Das machte mich wahnsinnig! Aber schau, wie seine Hände wedeln: Wir hatten so viel auf dem Herzen, wir konnten nicht warten, wir wollten alles miteinander teilen, zusammen sein, uns das Wort aus dem Mund nehmen.
Als wir heirateten, beschloss ich, meinen Ehering an der linken Hand zu tragen. Ich hatte nie gedacht, dass ich noch einmal heiraten würde. Aber dann stellte sich heraus, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte. Ich wollte mich mit etwas Unzerbrechlichem an Mikael binden: einem Symbol. Und man sagt ja, die linke Hand kommt von Herzen. Erst als ich den Ring schon hatte ändern lassen, damit er an meinen linken Ringfinger passte, las ich im Internet: »Wir tragen den Hochzeitsring an der Rechten, der Hand, mit der wir Verträge schließen und Versprechen geben. Wenn unser Ehepartner stirbt, stecken wir ihn an die linke Hand.«
~
Heute Nachmittag bin ich eine Runde durch den Wald und dann weiter die Felder entlanggegangen. Die bleiche Sonne stand tief an einem grauen Himmel. Ich dachte daran, wie ich unsere Geschichte schreiben würde, falls ich sie schreibe. Der Gedanke ließ mich lächeln. Wenn ich an Mikael denke, denke ich an eine Hand. Immer noch überkommt mich Verzweiflung, wenn ich versuche, mir den Geruch seiner Halsbeuge oder einen besonderen Tonfall in Erinnerung zu rufen, und merke, dass ich es nicht kann. Aber ich erinnere mich – so deutlich, als läge sie jetzt da – an das Gewicht seiner Hand auf meiner Hüfte. Ich spüre seine Hand, ihren sanften Druck.
Als ich auf dem Schotterweg über die Felder ging, stieg ein kühler Nebel vom Wasser auf. Die weiße feuchte Luft hing über der Erde, um die Lampen über Haustüren und in den Gärten standen Ringe aus Licht. Bei den Strohballenstapeln waren die Scheinwerfer eingeschaltet. Im Vorbeigehen hörte ich ein Geräusch, ich drehte den Kopf und sah durchs Scheunentor die weißen Kühe in Reihen stehen. Es waren keine Menschen oder Autos auf dem Weg. Zwei Rehe standen auf der Wiese, völlig reglos; als ich stehen blieb, um sie zu betrachten, sprangen sie davon. Auf dem Rückweg sah ich noch ein Reh, es ging das kleine Wäldchen am Feldrand entlang.
Schon von fern sah ich Licht vom Haus, sowohl die Lampen draußen neben der Treppe als auch die im Inneren brannten. Es ist ein besonderes Gefühl, über den Hof auf ein großes weißes Holzhaus zuzugehen und zu wissen, dass man dort wohnt. Mir war, als sähe ich durchs Küchenfenster Mikael an der Spüle den Abwasch machen. Wie oft bin ich über den Hof gegangen und habe ihn dort stehen sehen? Er sah mich nicht, weil er drinnen im Hellen stand und ich draußen im Dunkeln. Ich stand bloß da und sah ihn an und spürte so eine Zärtlichkeit für ihn.
*
Wo soll ich beginnen?
Ich beginne mit dem Sommer vor zwanzig Jahren, der so heiß war. Die Felder schrien nach Wasser, in den Straßengräben trocknete die Erde zu hellem, aschigem Staub. Unten in der Bucht stand das Wasser still wie silbernes Blech. In dieser drückenden Hitze verbrachten Mikael und Sofia die Zeit mit ihrer vor kurzem geborenen Tochter. Sie hängten im Garten nasse Laken an die Wäscheleine und schufen eine kleine Weile eine erfrischende, kühle Wand. Wenn sie Maren unter einem Baum ins Gras legten, sah die Kleine hinauf an das schattige Blätterdach. Kam endlich ein leichter Windhauch, griff sie mit ihren Miniaturhänden nach den flimmernden Sonnenflecken.
All das habe ich natürlich erzählt bekommen. Ich war nicht dabei. Ich war in der Hauptstadt, weit weg von den Feldern, dem Wasser und dem Wald.
In jenem Sommer stank es in der ganzen Stadt nach Müll. Ich arbeitete bei einer Frauenzeitschrift in der Innenstadt, jeden Nachmittag fuhr ich den langen Weg in eine fast leere Wohnung. Beim Kiosk um die Ecke ließen die Blumen die Köpfe hängen, die Hundebesitzer hoben die Sträuße hoch und gaben ihren Tieren das Blumenwasser zu trinken. Meine erste Ehe war vorbei. Mein Mann war ausgezogen. Wir hatten früh geheiratet, ich war jetzt 27 Jahre alt und hatte mit diesem Teil meines Lebens schon abgeschlossen.
Drei Jahre vergingen. Dann kündigte ich meinen Job und fand eine Untermieterin. Eine Kollegin von der Zeitschrift hatte Lust, alleine zu wohnen, ich gab ihr die Schlüssel und behielt nur einen Kellerraum für meine Sachen. Ich wollte weg aus der Stadt. Ich hatte eine Anzeige für ein möbliertes Zimmer gesehen. Der Vermieter hatte auch etwas über sich geschrieben – er hatte sich getrennt, seine Frau war vor kurzem ausgezogen, die kleine Tochter lebte abwechselnd bei ihm und bei ihr – aber was mich anzog, war das Bild von dem weißen Haus. Diesem Haus. Das Zimmer sei nicht groß, schrieb er, aber die Aussicht sei schön. Das passte mir gut. Alles, was ich wollte, war eine kleine Zelle zum Schreiben. Das Bild war leicht schräg aufgenommen, von der Straße aus, man sah die Felder und noch einen Hauch glitzerndes Wasser und ganz am Ende der Wiese hinter dem Haus ein paar dunkle Konturen, das waren, wie ich später verstand, die Kühe. Auf dem Dach thronte ein schiefer Wetterhahn.
Ich zog mit meinen paar Habseligkeiten ein. Das meiste aus meinem alten Leben hatte ich eingelagert. Die wenigen Male, wenn Mikael und ich in den Jahren darauf in die Hauptstadt fuhren, nahmen wir etwas mit, ein paar Möbel und Bücherkisten, aber nach und nach vergaß ich, was noch im Keller stand, die Dinge fühlten sich nicht mehr an, als ob sie mir gehörten. Mein erster Eindruck von ihm war: ein hübscher Mann mit femininen Bewegungen. Er holte mich im Städtchen am Bahnhof ab, und dann fuhren wir eine Viertelstunde durch die Felder, die grün und gelb leuchteten an diesem Julivormittag. Ich war zum ersten Mal in dieser Gegend des Landes. Der Himmel war blau und fast wolkenlos, überall um das Auto war Himmel. Die Straße schlängelte sich durch die Landschaft. Dann bogen wir auf einen Schotterweg, fuhren ein Stück durch den Wald, und da sah ich das weiße Haus, das ich von dem Foto wiedererkannte, unten in einem Tal: der schiefe Wetterhahn, landwirtschaftliche Geräte an eine Mauer gelehnt, Briefkästen, Mülltonnen, ein kleines Kätzchen, das sich unter die Terrasse duckte. Das war Miez.
Ich verliebte mich sofort in das Haus. Das Dachzimmer passte gut zu meinem Temperament, es war klein und dunkel, aber das Fenster ging nach unten zum Wasser. Mikael trug ...
| Erscheint lt. Verlag | 20.8.2025 |
|---|---|
| Übersetzer | Hannes Langendörfer |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Sent på dagen |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | aktuelles Buch • Berührend • Bücher Neuerscheinung • Christa Wolf • Christina Hesselholdt • Dänemark • emotionale Wucht • Erinnerungen • Fesselnd • Intensives Leseerlebnis • karge Landschaft • Licht • Liebe • Melancholie • Natur • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Nordeuropa Skandinavien • Rückblick • Schönheit des Augenblicks • Sent på dagen deutsch • Suche nach Identität • Tove Jansson • Verlustangst • Virginia Woolf • Zerbrechlichkeit des Lebens |
| ISBN-10 | 3-458-78443-8 / 3458784438 |
| ISBN-13 | 978-3-458-78443-2 / 9783458784432 |
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