Julia (eBook)
270 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-3698-6 (ISBN)
Zwischen Wien und Würzburg ... bin ich eingetaucht in die Geschichte und in die Geschichten von Interpreten des Lebens, zwischen Schmäh und Wahrheit, zwischen Walzer und Wagner, zwischen Zweig und Hesse. Gegraben habe ich in karolingischen Siedlungen, in Hegelschen Begriffen, in genealogischen Lebenswelten und kulinarischen Schatzkammern. Wiener Charm und fränkische Reserviertheit müssen kein Widerspruch sein. Tafelspitz und Bratwürste können Freunde werden. Seit Jahren bin ich beiden Welten verbunden. In den Fünfzigern in Franken geboren. Grafisch und fotografisch ausgebildet, theologisch Magister geworden, kurz- und weitgereist, habe Menschen in die Augen gesehen und ihnen mein Ohr geschenkt. Heute ist auch Würzburg neben Wien Heimat und Inspiration.
Ich bin Julia.
An einem Wintersonntag um 8 Uhr morgens wurde ich im Jahre 1893 im Herzogthum Sachsen-Meiningen geboren. Ein kleines Dorf. Bauern. Schweine und Rinder, Gänse und Hühner. Und eine Kirche.
Und ein Hochwürdiger Herr.
Dunkel war dieser Morgen. Schwarz der Rauch aus dem Glaszylinder der Petroleumlampe. Lange die Schatten, die ihr fahles Licht warf. Bitter die Kälte in der kleinen Bettstube. Nur lauwarm das Wasser vom Feuer des Ofens für die klammen Tücher, die das Blut von ihren Beinen, der Bettstatt und den hölzernen Dielen wischten, so erzählte Mutter.
Im 30sten Jahr war sie. Lange hat sie gekämpft, bis ich zur Welt kam. Nur die Bäuerin vom Hof nebenan hat geholfen. Die Hebamme kam erst später. Draußen im Stall bei den Kühen schaffte Vater. Hochwürden Pfarrer Martin Deppisch hat mich getauft. Heute denke ich zurück. Heute, 21 Jahre und einen Tag später. Es war der 10. Dezember.
11. Dezember 1914
Heute wurde diese Photographie von mir gemacht. Erwachsen bin ich nun, 21 Jahre alt und richtig stolz. Vater hat mich in die Stadt Seiner Durchlaucht Herzog Bernhard III. gefahren.
Im Atelier des Photographen Meffert in Meiningen sind wir angemeldet. Das lange Stillsitzen war anstrengend. Aber schön ist das Bild geworden. Ich muß gestehen, daß ich mir auf der Photographie gut gefalle. Meine Schwester Regina wird staunen.
Heute ist ein guter Tag.
Nach der Aufnahme haben wir Zeit, uns in der Stadt Meiningen umzusehen. Soldaten, überall Soldaten, am Bahnhof, auf den Straßen. Krieg ist.
Offiziere spazieren in dicken Pelzen. Einfache Soldaten in grauen langen Mänteln und Kappen. Uniformierte marschieren im Gleichschritt und ihre Säbel blitzen.
Anfang August gings schon gegen die Russen und dann auf die Franzosen. Vater ist begeistert. „Bald semma in Paris un feiere. Un mir, Jule, mir dürfe des dalab.“ Ich denke an meinen Bruder, den Aloys.
27 Jahre alt ist er. Wann werden sie ihn holen? Und den Kilian. Ob der schon gezogen wurde? Erst 19 ist er. Ob ich ihn wiedersehe?
Wir gehen ein paar Schritte. Nachdenklich schaue ich die Straße entlang. Vorne, da vorne, am Randstein, da liegt ein Papier, eine Postkarte. Ich bücke mich. Ein Soldat. Und auf der Rückseite …
Morgen gehts nach Rußland, schreibt er seiner Tante Luise. So ein hübscher Kerl.
Traurig wird sie sein. Verloren hat sie die Karte wohl hier in der Stadt.
Aber an diesem Tag habe ich nur Augen für diese Stadt.
Eine prächtige Stadt, dieses Meiningen.
Wir stehen vor dem Theater.
Das Theater des Herzogs. Erst im Juni ist Herzog Georg II., der Vater Seiner heutigen Durchlaucht Bernhard III. verstorben.
Georg II. machte das Theater in aller Welt bekannt. Er inszenierte die Regie ganz neu.
Regie, ein Wort meines Vaters, das ich nicht verstehe und inszenierte auch nicht. Große Künstler holte er an die Hofkapelle, Max Reger und Richard Strauß, von denen ich noch nie etwas gehört habe.
Kalt ist es. Wir haben uns in dicke Mäntel gepackt. Um uns herum hasten Menschen die Straße entlang. Schleppen prall gefüllte Körbe und Rucksäcke.
Es riecht nach Kohle. Aus tausend Kaminen strömt süßer Rauch, kriecht über die Dächer und legt sich zwischen die Häuser. Vor den Kellern vieler Häuser liegen Haufen schwarzer Kohle, die noch nicht durch die unteren Fenster geschaufelt wurden.
Wir im Dorf schüren mit Holz. Die in der Stadt hier, die besseren Leute, die haben Geld für Kohle. Vater ist ganz woanders in seinen Gedanken.
„Denkt Er noch an den Herzog?“ frage ich ihn.
Er schaut bitter, als er zu erzählen beginnt.
Eine Bürgerliche hatte der 1873 heimlich geheiratet, die Ellen Franz, keine von Adel, eine Schauspielerin.
Nur Dirnen standen schlechter da als so eine. Ein Skandal.
Mit ihr tingelte er im Ausland herum. Mit ihr zog er sich immer wieder heimlich auf die Heldburg ganz in der Nähe unseres Dorfes zurück.
Dort ist er mit ihr vor dem Kamin gesessen und ließ es sich gut gehen. Weit weg vom Volk, das sich das Maul zerrissen hat über seine Sünde. Sie saß am Klavier und phantasierte übers Theaterspielen.
Ich mache mir meine Gedanken.
So ein junges Ding mit so einer alten Hoheit.
Und was damals von ihren vielen Freunden geschrieben worden ist.
Jahre später habe ich die Frauen Zeitung von 1882 in die Hand bekommen. Was für ein Schmalz über ihr ausgeschüttet wurde. Es ist nicht zu glauben. Ich muß es einfach hier aufschreiben.
„Ihre Ehe mit dem Herzog Georg ist die glücklichste; der Fürst findet bei der klugen, feingebildeten und warm empfindenden Frau inniges Verständnis für seine künstlerischen Ideale und bei derer oft so mühseliger Verwirklichung in seiner Gemahlin eine treue, von gleicher Begeisterung erfüllte Helferin, - und stets noch war das wahre Glück die sichere Begleiterin der Wesen, welche eins im Leben, eins im Sterben.“
Ein feines Weib, das in der Mode- und Unterhaltungswelt seine Kunst verbreiten kann und dem Herzog willfährig zu Diensten ist. Eine Berliner Zeitung schreibt das auch. Wie die die Ellen in den Himmel lobt. Keine Scham, kein Ehrgefühl, kein Anstand, kein Glaube.
Heute ist sie „Helene, Freifrau von Heldburg“.
Von Herzog Georg geadelt, damit sie sich wieder mit ihm sehen lassen konnte.
Und Helene war eifrig dabei, ihre Freundschaften mit einer Cosima, einem Richard Wagner und einem Johannes Brahms für das Theater zu nutzen. Diese Namen hat mir Vater genannt.
Wie soll ich die kennen. Schauspiel ist ihre Leidenschaft. Schauspieler. Gaukler? Was sind das nur für Leute.
Wir arbeiten im Stall und auf dem Feld. Da ist keine Zeit für Trallala und Hopsasa.
Vor sechs Jahren versank das Theater in Feuer und Rauch. Immerhin hat es der Herzog neu aufbauen lassen.
Fein geworden. Neugierig wäre ich schon, mal reinzuschauen.
Wer weiß, ob ich irgendwann mal eine Aufführung besuchen darf. Wir waren noch nie in einem Theater. Als Bauern haben wir weder Geld noch schickliche Kleidung, um eingelassen zu werden.
Wir kommen am Sächsischen Hof vorbei. Eine Menge Leute, die da herumstehen. Eine Feuerwehrübung ists nur.
Laute Kommandos hallen über den Platz. Männer eilen zu Pumpwägen und Schläuchen. Die Eisenräder der Spritzwägen klirren über das Pflaster.
Mit kräftigen Armen heben und senken Feuerwehrmänner die Holme der Pumpen, blähen Schläuche auf, bis Wasser aus den Spritzen schießt.
Eine Übung wars nur. Wenn es nur nicht mal wieder ernst wird und die halbe Stadt im Feuer untergeht. Aber davon werde ich später schreiben.
Wir haben Zeit. In Meiningen gibts viele Wirtshäuser zum Einkehren. Und heute ist ja mein Ehrentag.
Wir müssen nicht lange suchen. Der Gasthof zum Stern ist eine gute Adresse, meint Vater. Gediegen und nicht teuer.
Viele ältere Männer an den Tischen. Die Jungen sind wohl schon gezogen worden. Wer weiß, wann sie ihre Väter wieder sehen. Bald, heißt es, bald ist der Franzos am Ende und der Sieg unser. Heil dem Kaiser. Wir nehmen an einem Tisch in der Ecke Platz.
Kaffee lassen wir uns bringen.
Und Kuchen nur für mich. Vater steckt sich eine Zigarre an. Heute darf es uns gut gehen. Heute ist mein Tag.
Und wir haben Zeit.
Abends gibts eine Überraschung, meint Vater. Wir müssen nicht zurück ins Dorf. Ich bin schon jetzt neugierig. Er zieht tief an der Zigarre und schmunzelt nur. „Words ab, Jule. Bist a Neugieriche. Wirst scho sehn, wo mir bleibe wean.“
Ein Mann kommt herein, schaut sich um und kommt auf unseren Tisch zu. „Is no Platz do?“ fragte er forsch. Als wir nicken, hockt er sich hin, legt seinen Hut und eine abgewetzte Ledertasche auf den Tisch und schaut uns an.
„Ihr seid’s vo drauße, ned vo Mäninge, is woar?“ Er hats uns angesehen wohl wegen unserer bäuerlichen Kleider. „Müßt‘s euch ned versteck. Mir höm nix geche ehrliche Löit vom Dorf. Muß a welche geb, die schaffe, daß die Großkopferte leb könn.“ Und zu uns gebeugt flüstert er noch „so ana wie una letzta Herzoch.“
Er ruft nach einem Krug Bier, kramt Feuerzeug und Zigarettenetui aus dem Rock, steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zündet sie an. Mit geschlossenen Augen zieht er den Rauch tief ein und bläst ihn mit spitzem Mund zu uns über den Tisch.
„So, etz verzählt amol, wos ihr in Mäninge mächt.“
Als wir ihm sagen, was wir heute alles gesehen haben und auch vom Herzog, da verzieht sich seine Mine und seine Augen werden schmal. Und wieder beugt er sich zu uns.
„Der Herzoch. ich sach euch, der wor a ganz a Schlaua. Der mit seiner Ellen. So schö häd ich’s a amol höm möcht. A jungs Madla heian, seine annern Weibsbilda vergeß und dann in da Welt rüm reis.
Mir häide im Joah 89 gern unnan...
| Erscheint lt. Verlag | 24.3.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Schlagworte | Franken • Grabfeld • Heimat • herman hesse • Kirche • Kultur • Literatur • Politik • Religion • Theologie |
| ISBN-10 | 3-7693-3698-4 / 3769336984 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-3698-6 / 9783769336986 |
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