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Zeit der Weichenstellung -  Martina Naubert

Zeit der Weichenstellung (eBook)

Historischer Roman nach wahren Begebenheiten - Das Erbe der Frauen Buch 3 (1920 - 1923)
eBook Download: EPUB
2025 | 2. Auflage
248 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-8801-5 (ISBN)
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Illustrierte Ausgabe: 1920 sind Maria und Ida bald 21 Jahre alt. Trotz einiger Neuerungen, die den Frauen mehr Rechte gebracht haben, besteht das Patriarchat fort, die Vormundschaft für die jungen Frauen geht nahtlos vom Vater auf den Ehemann über. Nach den schweren Jahren des Ersten Weltkrieges und trotz der immer wieder aufflammenden, politischen Unruhen geht es in der Weimarer Republik zunächst aufwärts. Marias und Fritzens Liebe trotzt allen Widerständen. Sie heiraten. Maria schwebt im siebten Himmel. Doch dann kommt alles anders, als sie es sich vorgestellt hatte. War ihre Familie vom Krieg verschont geblieben, so ereilen sie jetzt im Frieden wahre Dramen. Während Maria lernen muss, sich ihr Glück im Sturm der Ereignisse zu bewahren, wird die Trauung von Ida und Gottfried immer wieder verschoben. Der Tod des Vaters raubt ihr die letzte Sicherheit der bürgerlichen Familie. Sie versucht festzuhalten, was nicht zu halten ist, fällt von einer Verzweiflung in die nächste.

Martina Naubert wurde 1960 in Kanada geboren, wuchs in Neumarkt i.d.Opf auf und verbrachte dort viele Jahre. Sie lebte mehrere Jahre in Kanada und Frankreich, kehrte zurück in die Oberpfalz und siedelte 2010 nach Italien über, wo sie heute mit ihrer Familie lebt. Während ihrer Ausbildung in Transaktionsanalyse, die ihre Arbeiten nachhaltig beeinflusst, beschäftigte sie sich intensiv mit der eigenen Familiengeschichte. Neben Romanen schreibt sie Märchen für Erwachsene auf Basis der TA.

Pleureuse4 und Putsch


Familie Heym, 13. März 1920

Altstadt Regensburg; Blick über die Donau;

„Das sieht aus wie ein Gefängnis!“

Achilles steckte die Hände in die Manteltaschen und blickte die massive Mauer hinauf und an ihr entlang bis zur Straßenecke, wie jemand, der versucht, eine geheime Tür in einem Festungsgürtel zu finden, der ihm den Weg versperrt.

„Warte nur, bis du es von innen siehst“, unkte Ida und zog an der Glocke.

„Sie kann doch nicht den Rest ihres Lebens hinter diesen Mauern verbringen wollen?“ Achilles schlug den Kragen seines Mantels hoch, denn ein kalter Luftzug pfiff über die Straße und blies ihm direkt in den Nacken. Sie waren mit den ersten warmen Strahlen der Märzsonne in den Zug gestiegen, aber hier im Schatten, wo sie nun vor dem großen Tor auf Einlass warteten, war es immer noch winterlich kalt, besonders in der flussfeuchten Luft Regensburgs.

„Das darfst du mich nicht fragen!“, zog Ida die Brauen hoch, senkte die Augenlider und schüttelte gleichzeitig den Kopf. „Ich verstehe es auch nicht.“ Dann drehte sie ihrem Bruder das Gesicht zu. „Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie es sich noch anders überlegt. Sie hat sich nicht endgültig entschieden, odr5? Und es kommt öfter vor, als man denkt, dass eine Anwärterin feststellt, dass sie doch nicht so gut für das Klosterleben geeignet ist wie sie gedacht hat.“

Achilles konnte nicht mehr antworten, denn sie wurden eingelassen und in das Besucherzimmer im ersten Stock des Klostergebäudes geführt. Ida und er folgten der alten Dienerin schweigend. Achilles, weil er betreten die dicken, weiß gekalkten Wände, die Gitter, die in dunklen Farben gehaltenen Ölgemälde mit christlichen Motiven und die schlichte Einrichtung der Räume betrachtete; Ida, weil sie mit diesem Ort keine guten Erinnerungen verband. Hier ruhte Marthas Geheimnis, das nur sie beide kannten, hier hatte Martha ihr Kindlein verloren, das kein Grab und keine Gedenkstätte besaß. Vielleicht war das der Grund, warum Martha um jeden Preis hierbleiben wollte? Ida versuchte, das beklemmende Gefühl zu verdrängen, das sich in ihr ausbreitete wie Tinte im Wasser.

Seit dem Tod ihres Vaters war das, was früher allein unangenehme Erinnerungen gewesen waren, Episoden, die man mit zunehmendem Alter zu vergessen versucht, zu einem einzigen, bleischweren Brei zusammengequollen. Marthas Geheimnis war eine Zutat in diesem Brei. Idas eigene bittere Erfahrungen taten den Rest. Ihre Umgebung hielt ihre immer wieder unerwartet auftauchenden Tränen für die berechtigte Trauer einer Tochter, aber Ida wusste es besser. Sie trauerte nicht um den Verlust des Vaters, sondern um den Verlust der Hoffnung, dass dieser Vater eines Tages all die schlimmen Erinnerungen doch noch in Ordnung bringen würde. Aber er war gegangen, ohne es zu tun. Er hatte sie in ein Loch gestürzt, aus dem sie kaum herausschauen, geschweige denn herauskriechen konnte.

Zum Glück war ihr Bruder Achilles da. In seiner Gegenwart bewegte sie sich wie auf Bewährung, sie atmete frei, sie lebte, aber sie konnte nicht daran denken, was sein würde, wenn er eines Tages wieder gehen würde. Denn das hatte er bereits angekündigt: Er wollte in die Schweiz zurückkehren, sobald alles geregelt war. Dann würde sie allein mit ihrer Stiefmutter und ihren beiden jüngeren Halbgeschwistern zurückbleiben. Sobald sie daran dachte, wurde die Verlobung mit Gottfried der einzige Silberstreif am düsteren Horizont ihrer Zukunft. Aber auch dieser leuchtete nicht besonders hell. Immer wieder überkamen sie Zweifel, ob sie die richtige Wahl getroffen hatte, als sie den Ring an ihren Finger gesteckt hatte?

„Achilles! Ida!“

Martha stand bereits auf der anderen Seite eines großen Innenfensters, das den Besucherraum mit engmaschigen weißen Gittern vom Klosterinneren trennte, und winkte ihnen über das gedämpfte Gemurmel der anderen Besucher im Raum hinweg zu. Fast jedes der vier großen Innenfenster war mit Gästen besetzt.

Ida lief freudig auf sie zu und griff mit beiden Händen und allen Fingern in das Gitter: „Martha! Wie schön, dich zu sehen! Geht es dir gut?“

Martha legte ihre Hand von der anderen Seite auf Idas und scherzte: „Nicht so stürmisch! Du drückst noch das Gitter ein! Wie geht es Gottfried?“

Ida zuckte mit einem "gut" die Schultern und legte Schal und Mantel ab. Eigentlich konnte sie das gar nicht behaupten, denn sie und ihr Verlobter hatten sich lange nicht gesehen. Er hatte eine befristete Stelle im Landeskirchenamt in München angenommen. Sie korrespondierten zwar, aber ihre Briefe waren bisher oberflächlich geblieben, so als schreibe sie immer noch an den Frontsoldaten.

Achilles stand im Hintergrund und beobachtete die seltsam anmutende Begrüßung seiner Schwestern, bis Martha endlich auch ihren Blick auf ihn richtete: „Achilles, schön, dass du gekommen bist!“

Ihr Bruder trat ebenfalls an das Gitter. Er streckte die Hand zum Gruß aus, ließ sie aber auf halbem Weg in der Luft hängen. Er stand da wie eine dieser Modepuppen, die bei Ambach & Kraus im Fenster die neue Frühlingskollektion präsentierten. Martha streckte ihm einen Finger durch das Gitter entgegen und winkte, als wolle sie ihn anlocken.

„Mein Gott, Martha!“, entsetzte er sich, fasste diesen einen Finger mit zwei Fingern seiner Hand und schüttelte ihn, „man kann dir nicht einmal die Hand geben! Das ist schrecklich! Warum sperrt man dich so ein? Muss das denn sein?“

„Niemand sperrt mich ein, Achilles. Die Regeln der Dominikanerinnen sind ein wenig streng, aber das hat alles seinen Sinn“, erklärte sie lächelnd.

Das Tor am Judenstein 10 zum Kloster Hl. Kreuz in Regensburg;

„Setzt euch doch!“ Sie deutete auf den bereits mit Kaffee und Hefezopf gedeckten Tisch auf der Besucherseite.

Achilles legte seinen Mantel über eine Stuhllehne und ließ sich nieder. „Dass du nicht zur Testamentseröffnung kommen konntest, ist ja noch zu verschmerzen. Aber das hier? Das ist wie im Gefängnis! Man kann nicht einmal mit dir anstoßen!“

„Gibt es denn etwas, worauf wir anstoßen können?“, wunderte sich Martha und sah ihre Schwester an. Sie dachte wohl, wenn es eine freudige Nachricht gäbe, dann von dieser. Immerhin war Ida seit einigen Monaten verlobt.

„Eher das Gegenteil“, brummte Ida und setzte sich auf die andere Seite des Tisches. Ihr Ton entsprach ihrem Gefühl, entsprach der Absurdität dieser Frage, entsprach der Umgebung, entsprach allem, was seit ihrem letzten Geburtstag im Juni geschehen war. Deshalb hielt sie sich auch nicht zurück, ihr wahres Empfinden zu zeigen. Sie hatte einfach nicht die Kraft für das, was man Contenance nannte.

„Ich meinte es auch eher exemplarisch“, erklärte Achilles beiläufig und zog einen Stapel Dokumente aus seiner Aktentasche, die er sorgfältig mit beiden Händen vor sich aufbaute, wie ein Postbeamter, der Briefe abstempeln will.

Während ihr Bruder damit beschäftigt war, Papiere und Dokumente auf dem Tisch auszubreiten und hin und her zu schieben, Füllfederhalter und andere Schreibutensilien wie Soldaten griffbereit auf dem Tisch in Reih und Glied anzuordnen, beugte sich Ida näher zu ihrer Schwester.

„Unser Zuhause ist jetzt eine Pension“, verkündete sie leise. Ein bisschen genoss sie den kurzen Moment des Schreckens, der sich auf Marthas Gesicht abzeichnete. Es war weniger Schadenfreude als ein Gefühl des Teilens, des Teilens einer unschönen Sache. So wie sie früher immer Freud und Leid geteilt hatten, als Martha noch ihr Zimmer neben ihrem bewohnt hatte.

„Aber unsere Stiefmutter hat doch bestimmt eine ansehnliche Rente von unserem Vater? Sie müsste doch gut versorgt sein?“

„Ja, eine Rente“, gestand Ida, die ihrem Bruder nicht vorgreifen wollte und auch nicht konnte, weil sie es nicht wusste, und sich deshalb mit einer abweisenden Bemerkung begnügte. „Aber die Zeiten sind hart. Für alle.“

Martha nickte verständnisvoll und griff nach ihrer Tasse.

„Sie hat jetzt zwei Zimmer untervermietet“, fuhr Ida fort. Deines und das große Zimmer. Sie wohnt jetzt in der Bibliothek. Sie sagt, sie ertrage das Schlafzimmer nicht mehr, seit unser Vater dort gestorben ist.“

„Das kann man verstehen“, senkte Martha den Kopf, sichtlich mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt.

Auch Ida kämpfte wieder gegen eine Flut von aufflatternden Emotionen an, die bei dem Wort "Vater" stärker aufstiegen, als sie erwartet hatte. Nie rechnete sie mit diesen tückischen Überfällen. Sie versuchte, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Aber genau deshalb überfielen sie sie auch immer wieder aus heiterem Himmel. Es übermannte sie jedes Mal mit einem dumpfen Gewicht im Magen, das die Macht gehabt hätte, sie in jedem Gewässer zu ertränken, obwohl sie eine hervorragende Schwimmerin war.

Martha wischte sich eine Träne aus den Augen. „Sind das nette Leute, die die Zimmer mieten?“

„Eigentlich...

Erscheint lt. Verlag 21.3.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
ISBN-10 3-7693-8801-1 / 3769388011
ISBN-13 978-3-7693-8801-5 / 9783769388015
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