In einem Land nach unserer Zeit - Teil 2: Die Reisende (eBook)
322 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-8192-5266-2 (ISBN)
1968 in Kassel geboren, wächst Anette Schaumlöffel auf dem Land auf. Ihre Kindheit ist geprägt von Natur, Büchern und einem in der Familie gepflegten Interesse an fast allem. Nach einem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften ergreift sie den Beruf der technischen Redakteurin und beginnt gleichzeitig ihren ersten Roman. Während sie zum Brötchenverdienen Bedienungsanleitungen schreibt, verfasst sie ihre fantastischen Geschichten am liebsten in den frühen Morgenstunden. Sie lebt mit Katze in Köln und züchtet Eichen auf ihrem Balkon.
Kapitel 1
Traum vom Fliegen
Die schwarze Katze mit dem Namen Alice putzte sich in aller Ruhe. Während sie mit ihrer rosafarbenen Zunge die Unterseite ihrer rechten Pfote bearbeitete – die einzelnen weiß behaarten Zehen weit auseinandergespreizt und die schwarzledrigen Ballen nach oben gekehrt – fluchte ihre menschliche Begleiterin leise vor sich hin.
Wie wichtig so eine einzelne, kleine Schraube sein konnte. Besonders, wenn sie nicht mehr ihren Dienst tat, weil sie einfach zerbrochen, genauer noch: in Stückchen zerkrümelt war.
Ragin konnte von Glück sagen, dass der finale Zusammenbruch dieser Schraube nicht in der Luft stattgefunden hatte. Anderthalb Tage waren sie mit dem Kopter über die Landschaft geflogen, immer in Richtung Süden. Die dichten Wälder nahe der Station, von wo sie aufgebrochen waren, hatten Graslandschaften abgelöst, diese wieder Wälder. Sie hatten die stillen Ruinen einer Stadt überflogen. Kilometerweit hatte sie unter sich die von Bauwerken und Asphalt versiegelten Böden gesehen, durch die sich unaufhaltsam das Leben der vielfältigen Pflanzen kämpfte. Aktuelle Spuren menschlichen Lebens hatte Ragin zumindest bei ihrem raschen Vorüberflug keine entdecken können. Die Katze hatte nicht nach unten geschaut.
An ihrem ersten Flugtag war Ragin überrascht gewesen, wie schnell Alice sich daran gewöhnt hatte, in einer Box auf der kleinen Ladefläche des Kopters hoch über der Erde dahinzurasen. Die Katze verschlief tatsächlich die meiste Zeit ihrer erzwungenen Untätigkeit. Was sich als weise Voraussicht erwies, denn sobald sie gelandet waren, verschwand das ausgeruhte Tier und erkundete seine Umgebung. Dabei blieb sie so lange weg, dass sich ihre menschliche Freundin sorgte, sie könne nicht zu ihr zurückfinden.
Ragin hatte sich nach kurzer Überlegung dagegen entschieden, ihre pelzige Gefährtin festzubinden. Die kleine Katze hatte vor ihrem Zusammentreffen allein gelebt und war bei der Menschenfrau geblieben, nachdem sie einander das Leben gerettet hatten. Eine Freundschaft zwischen zwei Warmblütern, die auf Freiwilligkeit beruhte, sollte nicht durch Zwang vergiftet werden. Also sah Ragin mit einem mulmigen Gefühl das schlanke Geschöpf im hohen Gras verschwinden und kümmerte sich um ihre eigenen Angelegenheiten.
Zwar hatte sie den Rucksack vor ungefähr fünfhundert Jahren selbst bestückt und gepackt, doch hatte sie die Ausrüstung darin noch nie ausprobiert. Das Zelt hatte sich als die erste Überraschung herausgestellt. An dem grünen, eng gewickelten Päckchen aus einem seidigen Kunststoffgewebe hatte eine rote Schnur darauf aufmerksam gemacht, hier bitte zu ziehen. Ein Hinweis, dass man das erst an dem Ort tun sollte, der sich zum Zeltplatz eignete, wäre hilfreich gewesen, dachte Ragin, als sie das wundersam aufgeploppte Zelt über dem Bach balancierte, an dessen Ufer sie sich nach einem guten Platz umgesehen hatte. Es gelang ihr zu verhindern, dass sie mehr als eine Ecke des Zeltes ins Wasser tunkte und sie bugsierte das luftige Gebilde in das hohe Gras hinter sich. Nachdem sie auf ähnliche Weise eine Matte und einen Schlafsack aus ihrer hochverdichteten Verpackung befreit hatte, fragte Ragin sich, ob sie die jemals wieder so klein zusammenpacken könnte.
Aber das war das Problem eines anderen Tages. Am ersten Abend ihrer Reise freute sie sich erst einmal über die schöne Lichtung, auf der sich ein kleiner Wasserlauf zwischen Eichen hindurchwand. Das klare, leicht bräunliche Wasser war nach einem kleinen Umweg durch ihren handlichen Reinigungsfilter köstlich und erfrischend. Ihr Körper war nach vier Stunden in der Luft steif und sie würde morgen Muskelkater haben. Sie fühlte sich überaus lebendig im Grün des allüberall wuchernden Bewuchses.
Bevor sie in den Kälteschlaf gegangen war, hatte sie Natur stets als etwas wahrgenommen, das draußen stattfand und nicht mehr funktionierte, weil es von den kurzsichtigen Handlungen des Menschen an den Rand des Abgrunds gedrängt worden war. Die unter der Hitze, den Stürmen, den Überflutungen leidenden Wälder und Wiesen waren schließlich abgelöst worden von einem in Eis und Schnee erstarrten Friedhof, in dem sich die große Zivilisation der Menschen selbst begraben hatte. Nun, fünfhundert Jahre später, war es eine Lust, den Bäumen, den Sträuchern und Gräsern dabei zuzusehen, wie sie die bebaute, zerlegte, ausgelaugte Erde wieder zurückeroberten.
Eine solche Idylle wie hier an diesem Bachlauf hatte Ragin noch nie erlebt. Sie bemühte sich, nur totes Holz zu sammeln und bald brannte ein kleines Feuerchen in einem Ring aus Steinen, die sie aus einer trockenen Stelle am ausgewaschenen Bachufer gebrochen hatte. Beim Sammeln hatte das eiskalte Wasser an ihren Füßen sie entzückt. Der silbrige Fisch, der plötzlich an ihren Waden vorbei in die Strömung gesprungen war, erschreckte sie, doch pochte ihr Herz danach laut vor Glück. Ein weiteres Lebewesen, das dem großen Artensterben entkommen war.
Auf einem aufgeklappten, feuerfesten Gitter stand nun ein Topf mit Wasser, in das sie nach dem Erhitzen ein Pulver einrührte. Das Ergebnis war ein Proteinbrei, den sie mit Alice zu teilen bereit war. Die jedoch ließ sich nicht blicken. Erst als Ragin im Zelt schon ein paar Mal eingeschlafen und wieder aufgeschreckt war – es war schon seltsam, nur durch eine dünne Plane geschützt, im Draußen zu schlafen – hörte sie endlich das Reiben einer Pfote an der Zeltplane. Die Katze, die durch den geöffneten Spalt hereinkam, bohrte sich schnurstracks in den Schlafsack ihrer Freundin und legte dieser sehr kalte Pfoten auf den warmen Bauch.
Der zweite Tag Fliegen hatte sie dann über die riesige Stadt geführt. Nach der üppigen Schönheit der Natur mit ihren weichen, abgerundeten Formen waren die eckigen Betonruinen eine Beleidigung für das Auge. Im Zentrum der Stadt, unweit des großen Flusses, der noch immer in seinem eingemauerten Bett gefangen war, ragten Hochhäuser in den Himmel, die Glasfassaden vielfach durchlöchert. Der Kopter wackelte in den Aufwinden, die sich zwischen den riesigen Gebäuden tummelten und Ragin war froh, als sie wieder ausreichend Abstand zu ihnen hatte. Doch die Häuser und Hallen und Straßen zogen sich noch weit unter ihr her und es war fast Mittag, bis sie endlich nur noch Wald unter und vor sich sah.
Nicht an allen Stellen hatte die Eroberung der Welt durch die Pflanzen so gut funktioniert. Woran es lag, dass manchmal nur trockene Wüste vom Tod des Lebens dort zeugte, wusste Ragin nicht. Sie würde sich später darum kümmern. In der Station, die sie bewohnte, lagerten noch Samen und eingefrorene Lebewesen vieler Arten, mit denen man vielleicht auch diesem ausgelaugten Boden wieder Leben einhauchen konnte. Doch zunächst hatte sie eine andere Aufgabe. Ein weiterer Kälteschläfer aus der Zeit des großen Vorher, der Zeit, in der die menschengemachten Katastrophen eine nach der anderen einschlugen, brauchte ihre Hilfe und so befand sie sich auf dem Weg zu ihm.
Die zweite Nacht war schon deutlich ruhiger als die erste, wieder hatte sie eine gute Stelle mit ausreichend Wasser gefunden, wieder kam die kätzische Herumtreiberin erst nach dem Zapfenstreich nach Hause, aber Ragins Schlaf war diesmal ruhiger. Beim Frühstück freute sie sich schon aufs Fliegen. Durch die Augments – in ihren Körper eingepflanzte Erweiterungen, die ihre Körperfunktionen unterstützten und verstärkten – waren ihre Muskeln schneller in der Lage, sich an neue Anforderungen zu gewöhnen. Und sie wurde es nicht müde, diese Welt ohne Menschen in ihrem Zustand der Genesung zu bewundern.
Doch brach am zweiten Morgen ihrer Reise beim Einsteigen in den Kopter eine Verbindung in zwei Teile, die die Sitzfläche der Fliegerin mit dem Rahmen verband, der die vier Propeller trug. Eine einzige Schraube. Sie war noch nicht mal so lang wie Ragins kleiner Finger. Bei der Wartung war sie ihr entgangen, sie hatte sich schlecht zugänglich unter einer festen Verblendung befunden. Diese musste jetzt Ragins verärgerter Untersuchung weichen. Der Bösewicht war gefunden, in orangefarbene Bröckchen zerkrümelt. Schlimmer noch war jedoch, dass die sieben anderen Schrauben, die an anderen Stellen die gleiche Funktion erfüllten, bei genauer Betrachtung preisgaben, dass auch sie nur noch ein Gebet und schiere Gewohnheit davon abhielten, ebenfalls zu Staub zu zerfallen.
Bei einer einzigen Schraube hätte sie vielleicht noch gewagt, diese durch ein hartes Hölzchen zu ersetzen. Alle Schrauben zu verlieren, kam jedoch einem sehr klaren Urteil gleich. Dieser Kopter konnte nicht mehr benutzt werden, bevor er nicht fachgerecht instandgesetzt worden war.
Ragins hochfliegendes Wohlbefinden fand ein jähes Ende. Alle Pläne, die sie geschmiedet hatte, waren zunichte gemacht und sie befand sich in einer Situation, aus der sie nicht so schnell wieder herauskam. Von wegen: schnell zu Roger, dem in Not geratenen Zeitgenossen, und dann rasch wieder zurück. Wenn sie ihren bisherigen Weg richtig auf das virtuelle Kartenmaterial übertragen hatte, befand sie sich genau in der Mitte zwischen den beiden Stationen. Grob überschlagen würde sie zu Fuß statt anderthalb...
| Erscheint lt. Verlag | 20.3.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror | |
| Schlagworte | animal companion trope • cozy Science-Fiction • Humor • utopische Postapokalypse • weibliche Heldin |
| ISBN-10 | 3-8192-5266-5 / 3819252665 |
| ISBN-13 | 978-3-8192-5266-2 / 9783819252662 |
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