Adam (eBook)
532 Seiten
NOVUM VERLAG
978-3-99130-744-0 (ISBN)
Prolog
Nun waren ganze sechs Wochen vergangen und ich versuchte weiterhin krampfhaft Fuß zu fassen, Anschluss zu finden und erneut zu fühlen. Emotionen, fernab von Schmerz und Trauer, zu empfinden, war mein oberstes Ziel.
Als ich klein war, saß ich oft am Küchentisch und Oma erzählte mir, wie es früher war. Damals, als man nicht viel hatte und doch unsagbar glücklich war. Wenn ich die Augen schließe, denke ich gerne an diese Zeit zurück. Mit Keksen und Kompott sah die Welt stets besser aus. Vielleicht war diese Sicht auf die Dinge der kindlichen Naivität und der Sorglosigkeit geschuldet, die man als Kind eben innehatte. Ich erinnerte mich gerne an meine Kindheit zurück, denn sie war von Glück, Liebe und Geborgenheit bestimmt.
Nun, zwanzig Jahre später, begreife ich, dass sich vieles verändert hat. In der Schnelllebigkeit unserer Zeit hat man oft das Gefühl, verloren zu sein. Verloren im Alltag, verloren im Umfeld, verloren im Job. Verloren oder gefangen? Gefangen in dem Pflichtbewusstsein, gefangen in der Flut an Aufgaben oder im Gedankenkarussell und der Besessenheit, alles optimieren, durchplanen und durchdenken zu müssen. Jetzt, wo ich keine Zeit habe, mir den Kopf über mein Leben und die Dinge, die schiefgelaufen sind, zu zerbrechen, bin ich froh, gefangen zu sein: gefangen in meinem Beruf. Diese Gefangenschaft raubt mir die Zeit, an meinen Kummer zu denken, an meinem Schmerz zu zerbrechen und mich in meinen Gedanken zu verlieren. An ihn will ich nicht denken und auch nicht an den Sommer im letzten Jahr, von dem ich dachte, dass er alles verändern würde. Dabei war genau dieser Sommer der Anfang vom Ende. Der Anfang vom Ende meiner Träume. Der Anfang vom Ende meines Glaubens an die Liebe. Der Anfang vom Ende meines unbeschwerten Lebens, aus dem jegliche Leichtigkeit gewichen ist.
Ich schaue aus dem Fenster meines kleinen Büros. Na ja, genau genommen sitze ich hier an einem Schreibtisch inmitten eines Großraumbüros, da diesen aber drei kleine Wände umzäunen, nehme ich es mir raus, es als mein Reich anzusehen. Sie sind 1,50 Meter hoch und wenn ich in meiner Arbeit versinke, schotten sie mich vom Trubel ab, der in einer Redaktion nun mal so üblicherweise vorherrscht. Der verbleibenden freien Wand, die mit einer kleinen Öffnung den Ein- und Ausgang gewährt, sitze ich mit dem Rücken zugekehrt. Derzeit habe ich sichtlich Mühe, mich auf meine Artikel zu konzentrieren. Ich stehe auf, nehme meine Kaffeetasse und gehe zur Fensterfront. Wie in Schockstarre bleibe ich versteift stehen. Ich schaue aus dem Fenster hinaus und blicke genau auf die Elm Street.
Ich betrachte die Menschen, die mit ihren Aktenkoffern in der Hand und dem Handy am Ohr eilig über die Ampel laufen. Ich sehe unzählige Autos, wie sie sich aneinander vorbeidrängen, um noch schnell über die soeben bereits rot gewordene Ampel zu kommen. Menschen, die gedankenverloren und pflichtbewusst, geradezu ferngesteuert, zu ihrer nächsten Aufgabe des Tages eilen.
Inmitten von all dem menschlichen Chaos sehe ich dieses eine Mädchen, das an der Hand ihrer Mutter noch hoffnungsvoll und freudig auf den Tag blickt. Sie hat ein hübsches gelbes Kleid mit einem weißen Kragen, Rüschensocken und Sandalen an. Sie trägt ihre dunkelblonden Haare gebunden zu einem Pferdeschwanz und von einem hübschen Schleifenband gehalten.
Ich schaue sie an und erkenne mich in ihr wieder. Damals, als Mama meine Heldin war, die in ihrem Alltag zwischen Beruf, Kind und Wäsche alles geschafft hatte, war ich ähnlich gekleidet. An ihrer Hand fühlte ich mich behütet, glücklich und aufgehoben. Sie erlaubte mir stets zu träumen und bestärkte mich darin, mir meine Hoffnungen zu bewahren und in mich und mein Können zu vertrauen.
Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber in der Schule war es nicht immer einfach für mich. Bedingt durch die häufigen Schulwechsel, die mit dem Job meines Vaters einhergingen, musste ich mich stets neu einleben. Während mein Vater sich als inländischer Journalist völlig unbekümmert in den nächsten Auftrag stürzte und meine Mutter ihm nur allzu häufig den Rücken freihielt, musste ich mich behaupten. Behaupten an einer neuen Schule oder in einer etablierten Clique, auf der Suche nach Freundschaften und dem Gefühl von Zugehörigkeit. Erst im Teeniealter hatten meine Eltern verstanden, dass die pubertären Entwicklungen und die damit verbundenen Veränderungen herausfordernd genug waren, und so beschlossen sie, sich niederzulassen. Sie kauften ein Haus in Newburgh und mein Vater begann für eine Zeitschrift zu schreiben. Meine Mom plante währenddessen Kinderfeiern für die hier ansässigen Familien und engagierte sich zunehmend häufiger in der Gemeinde. In dieser Zeit begann ich meine Leidenschaft fürs Schreiben zu entwickeln. Angefangen hat alles mit Tagebucheinträgen, um mir den anfänglichen Kummer von der Seele zu schreiben. Es half mir, über die erste Schwärmerei hinwegzukommen und die Lästereien von den Mädchen aus meiner Klasse zu ertragen. Irgendwann erkannte die Schule mein Potenzial, genau genommen meine Lehrerin Misses Kenns. Kaum hatte ich mich versehen, fand ich mich im ersten Lyrikkurs wieder. Mit den Jahren entfachte meine Leidenschaft zunehmend mehr und ich wählte meine Kurse entsprechend meiner Vorlieben für Gedichte und Prosa.
Mittlerweile habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht: Ich bin Anna, lebe im Trubel New Yorks und arbeite als Kolumnistin für eine Lifestyle-Zeitschrift namens Weekly Advices und befasse mich mit der Kolumne Everyday Life, genau genommen gebe ich Tipps, wie man das Positive aus Situationen zieht und wie man es schafft, unabhängig von den täglichen Herausforderungen, Erfüllung zu finden und glücklich zu leben. Es zeugt schon von Ironie, dass gerade ich mich mit Themen wie positive Verstärkung, dem Weg zum Glück und Achtsamkeit beschäftige. Dazu vergebe ich wöchentlich Ratschläge an meine treue Lesergemeinschaft.
Ich trinke meine dritte Tasse Kaffee und betrachte diese zurzeit eher als halb leer statt halb voll. Morgen ist Redaktionsschluss und während ich so vor mich hinstarre, blinkt mein E-Mail-Fach auf. Die Nachricht ist von Ryan, meinem überaus ehrgeizigen und etwas herrischen Chef, der mich zum wiederholten Male auf die Fertigstellung meines Artikels hinweist.
Anna, morgen um Punkt 10 Uhr
erwarte ich deinen Artikel
auf meinem Schreibtisch!
Ryan
Ryan ist Junggeselle, ein Mann mittleren Alters und er sieht wirklich gut aus. Er trägt meist ein dunkles Jackett, eine Jeans und ein Polo. Seine mittlerweile grau gesträhnten Haare hat er stets zurückgekämmt. Sein Style ist sportlich schick und er duftet gut. Meiner Meinung nach könnte er zwar sein Aftershave durchaus etwas dezenter auftragen, denn manchmal hinterlässt er eine solche Duftnote, dass man Kopfschmerzen bekommt, aber nichtsdestotrotz kann ich nicht leugnen, dass er überaus attraktiv ist. Dessen ist er sich aber auch mehr als bewusst. Seine menschlichen Eigenschaften lassen jedoch zu wünschen übrig.
Ryan verhält sich seinen Angestellten gegenüber oft herablassend. Insbesondere den weiblichen und jungen Kolleginnen bringt er leider nur sehr wenig Wertschätzung entgegen.
Thema meines vor mir liegenden Artikels ist Der Weg zum glücklichen Leben in zehn Schritten. Ich seufze schwer, tippe mit meinem Kugelschreiber genervt auf meinem Papierblock herum und krame verzweifelt nach einem Aufhänger in meinen Gedanken. Momentan wäre ich froh, wenn ich mich überhaupt zu einem Schritt der geforderten zehn gedanklich durchringen könnte, aber meine Kreativität scheint mich verlassen zu haben und meine Muse verreist. So sehr ich mich auch bemühe, kriege ich einfach keinen Satz aufs Papier. Ich lese Geschichten von Menschen, die wieder Freude in der Liebe, im Beruf oder auch in ihrem Leben gefunden haben. Ich stöbere in Foren herum, schaue sogar auf Seiten von Selbsthilfegruppen. Das alles scheint heute jedoch seine Wirkung zu verfehlen. Gefrustet nehme ich meine Brille ab und lasse mich ermüdet auf meine verschränkten Arme stützend auf meinem Schreibtisch sinken. Ich schließe die Augen, seufze schwer und versuche mein positives Mindset zu aktivieren, was mir heute nicht zu glücken scheint.
Während ich mich schon verloren glaube, werde ich durch das Summen meines Handys aus meiner Verzweiflung geholt. Eine Nachricht von Lisa:
Hey, Anna,
lass uns heute treffen.
Es hat ein neuer Club aufgemacht.
Ich hole dich um 21 Uhr ab.
Xoxo Lisa
Gerade als ich versuche meine Antwort zu tippen, erscheint bereits die nächste Nachricht von Lisa:
Keine Widerrede, beste Freundin.
Suche nicht nach Ausreden!
Du kommst mit,
egal, wie du um 21 Uhr vor mir stehst!
Bis später
Lisa kennt mich einfach zu gut, denke ich mir und kann mir das Grinsen nicht verkneifen. Wieder einmal hat sie es geschafft, mich für einen kurzen Moment aus meinem Trübsal herauszuholen. Sie ist meine allerbeste Freundin und das seit dem Tag, als ich an die Chemsey School kam und sie mir anbot, neben ihr Platz zu nehmen.
Es ist schon verrückt, wie gut sie mich kennt, und Gedankenübertragung scheint wirklich zu existieren. Ich war tatsächlich gerade dabei, zu überlegen, welche Ausreden ich in diesem...
| Erscheint lt. Verlag | 19.3.2025 |
|---|---|
| Verlagsort | Neckenmarkt |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Allerlei • Belletristik • Kate Soeli • Sonstiges |
| ISBN-10 | 3-99130-744-8 / 3991307448 |
| ISBN-13 | 978-3-99130-744-0 / 9783991307440 |
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