Frischer Morgen am alten Abgrund (eBook)
610 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-4296-3 (ISBN)
Die Autorin wurde 1986 in der Ostschweiz geboren. Nach der obligatorischen Schulzeit lernte sie «etwas Anständiges» und schlug den Weg in die Maschinenindustrie ein. Nach einem Wink des Schicksals evaluierte sie 2022 ihr Leben neu und begann mit dem Schreiben ihres ersten Buches.
Vor zwanzig Monaten, früh am Morgen
Wie fast jeden Tag erwachte Odelia – ohne von einem Wecker aus dem Schlaf gerissen werden zu müssen – genau zu dem Zeitpunkt, an welchem ihr Körper entschied, genug Erholung erhalten zu haben. Und wie fast jeden Morgen war dies noch vor Sonnenaufgang der Fall.
Sie besass keine Uhr und auch kein Telefon oder sonst ein stromfressendes Gerät – schon sehr, sehr lange nicht mehr –, und sie vermisste nichts davon. Sie lebte in der Natur und mit der Natur, liess ihre Zeiten durch die Sonne und das Tagesprogramm durch das Wetter bestimmen.
Odelia sass auf der Kante ihres selbstgebauten Bettes und sah durch das kleine Fensterchen, während sie sich genüsslich stöhnend streckte. Schwache rote Streifen am Himmel des Ostens verkündeten die Ankunft eines neuen Tages mit neuen Möglichkeiten und Chancen für die Bewohner dieses Planeten, welcher so viel zu bieten hätte, liesse man ihn nur.
Sie zog ihre grösstenteils selbstgeschneiderten Kleider an, bevor sie die Schlafecke zurechtmachte und sich dann auf die gegenüberliegende Seite der einfachen, zur Hälfte in einen Hang eingelassenen Hütte begab. Dort nahm sie ein Stück getrocknete Birkenrinde vom Häufchen und legte es, zusammen mit ein paar dünnen Zweigen, in ihren vor Jahrzehnten aus Steinen und Lehm gebauten Ofen, dessen russiger Innenraum in knisterndem Orange erstrahlte, als sie das Zündholz aus einem der vielen gesammelten Werbeschächtelchen an die betulinreiche Rinde hielt.
Bald erfüllte ein Duft von Eichelkaffee das bescheidene Heim. Odelia liess das Getränk, dessen Zubereitung sie in all den Jahren perfektioniert hatte, neben der Kochstelle ziehen und machte sich an die Zubereitung eines einfachen Rühreis mit gehacktem Löwenzahn und Bärlauch. Während die fettige Gusspfanne über dem Feuer die flüssige gelbgrüne Masse langsam verfestigte, sah sie schweigend in die Flammen und dachte an all jene Dinge, wofür sie im Leben dankbar war. Und wie immer während dieses Morgenrituals dachte sie auch für ein paar Sekunden an Leo – bis der löchernde Schmerz ihre Gedanken wieder von ihm wegzog.
Odelia öffnete ihre Augen, griff zur Holztasse und genoss den ersten Schluck des belebenden Tranks.
Das noch schwache Licht, welches die Morgendämmerung zwischen den dichten Bäumen hindurchzuwerfen vermochte, reichte gerade, um sich ohne Lampe zur allmorgendlichen Runde durch den Wald aufzumachen.
Odelia kannte das weite, mancherorts unwegsame Gebiet, in welchem sie sich ein sicheres Zuhause geschaffen hatte, wie ihre Westentasche. Sie kannte die besten Ernteplätze sämtlicher Kräuter und Wildpflanzen, wusste, wo und wann welche Pilze sprossen und an welchen Stellen diejenigen Energien flossen, die sie gerade brauchte.
Langsam und bewusst ging sie durch den schmalen, nur vom Wild und ihr selbst ausgetretenen Pfad, während sie mit beiden Händen die hohen Grashalme, Büsche und Baumstämme streichelte und deren Kraft durch ihren Körper strömen liess. Immer wieder hielt sie an, um ein Kraut, eine Blume oder eine wilde Beere zu pflücken. Der Wald bot alles, was man brauchte, vorausgesetzt, man brachte das notwendige Wissen mit – und das tat sie.
Mit jedem Kilometer wurde die Umgebung heller und die Farben gewannen an Lebendigkeit. Vögel begannen zu zwitschern, die Jäger der Nacht zogen sich in ihre Gemächer zurück und gaben die Bühne für den tagaktiven Teil des Tierreichs frei.
Odelia bahnte sich den Weg durch die unwegsame Tiefe der einsamen Schlucht, welche für sie ein ganz besonderer Ort war. Als sie sich damals hier niedergelassen hatte, war sie zwar bereits ziemlich bewandert gewesen, was die medizinische Anwendung heimischer Heilpflanzen betraf, doch mit unsichtbaren Begleitern und mystischen Wesen hätte ihr niemand kommen brauchen. Heute war sie sich da nicht mehr so sicher. Sie blieb stehen und stemmte ihre Hände in die Hüften. Hier hinten, wo alles etwas später erwachte und etwas länger zum Gedeihen brauchte, herrschten besondere Energien – spezielle Kräfte.
Vor vielen Jahren hatte sie angefangen, täglich hierher zu kommen und eine Weile mit geschlossenen Augen auf einem Stein neben dem Bächlein, welches im letzten Monat zu einem ärmlichen Rinnsal verkommen war, zu sitzen und sich einfach nur auf ihren Atem zu konzentrieren. An manchen Tagen ging sie danach mit der sorgenfreien Leichtigkeit eines unbekümmerten Kindes weiter – und an anderen mit einer derartigen Schwere in Gliedern und Seele, dass sie kaum noch dem Rückweg gewachsen war. Manchmal spürte sie ein Kribbeln im Rücken, manchmal begann ihr Körper zu schwitzen oder zu zittern.
Odelia atmete tief ein und streichelte den grossen Felsbrocken, bevor sie sich ihren Weg weiter in die Schlucht hinein bahnte. Während sie in ihren selbstgeschusterten Sandalen Schritt für Schritt über Steine, Grasbüschel und Wurzeln ging, warf die aufsteigende Sonne ab und zu einen ihrer sanften Strahlen zwischen den dichten Tannen hindurch an den steilen Hang und verwandelte den Morgentau auf den verblühten Löwenzahnen in magische Kristallkronen. «Danke. Danke, dass ich hier sein darf. Danke», sagte Odelia – zu wem auch immer.
Nach etwa zwanzig Metern hielt sie inne. Warum spürte sie auf einmal diese unangenehme Nervosität in sich aufkommen? Sie lauschte, sah um sich, das kühle Kribbeln im Rücken liess sie frösteln. Über ihr flatterten zwei scheinbar aufgeregte Krähen umher. Irgendetwas war heute seltsam hier hinten. Irgendetwas stimmte nicht.
Was es war, sah Odelia, als sie den nächsten Schritt machen wollte und ihre Beine stattdessen einfroren, während eine eisige Kälte sich über die Wirbelsäule in alle Regionen ihres Körpers zu verbreiten begann. Unfähig, sich zu rühren oder einen halbwegs vernünftigen Gedankengang zu tätigen, starrte sie auf den blutigen Hinterkopf des durch das dichte, sommergrüne Gestrüpp kaum sichtbaren Körpers.
Sie wusste nicht genau, wie lange sie so dagestanden hatte, als sie – auf eine Weise, welche des Menschen Verstand nicht nachzuvollziehen vermochte – spürte, dass da noch immer eine Seele hauste. Und als sie, nachdem sie mühsam die Dornen auf die Seite gedrückt hatte, neben dem auf seinem Gesicht liegenden Kopf niederkniete und ihren Handrücken an die aufgeschürfte Wange legte, war diese zwar nicht auf normaler Körpertemperatur, doch weit von der Todeskälte einer Leiche entfernt.
Nach dem erfolglosen Versuch, den Mann zum Bewusstsein zu erwecken, musste Odelia entscheiden, ob sie dem gesetzlich Vorgeschriebenen folgen und die Rettungskräfte alarmieren oder – zu ihrem eigenen Schutz – seine Überlebenschancen selbst in die Hand nehmen wollte.
Odelia entschied sich für Letzteres – nichts in der Welt konnte sie dazu bringen, sich jemals wieder in die Gefahr behördlicher Krallen zu begeben.
Sie brauchte um die vier Stunden, um den schlaffen Körper, von dem sie keinen Moment wusste, wie nahe am letzten Atemzug er sich gerade befand, auf einer behelfsmässigen Ziehbahre aus mithilfe dünner Würzelchen zusammengeschnürten Ästen die achthundert Meter Luftlinie zu ihrem Zuhause zu befördern. Immer wieder musste sie anhalten, um ihre einundsiebzigjährige Lunge zur Ruhe kommen zu lassen, sich zu vergewissern, dass keine anderen Menschen in der Nähe waren, und um den Puls des etwas übergewichtigen, von Schrammen und Beulen übersäten Mannes zu prüfen.
Als sie es endlich in die gut versteckte Hütte zurückgeschafft hatte, verfrachtete sie den Bewusstlosen vorsichtig in ihr Bett und begann den unsicheren Versuch, ihn wieder ins Leben zurückzupflegen, mit dem Reinigen und Desinfizieren seiner grausigen Wunden. Im nächsten Schritt behandelte sie das geschundene Fleisch mit jener selbsthergestellten Tinktur, welche bereits seit vielen Jahren die potente Wirkung all der in ihr enthaltenen Wildpflanzen bewies und dadurch signifikant zu Odelias bescheidenen Bargeldeinnahmen beitrug.
Tag für Tag wiederholte sie diese Behandlung. Und Tag für Tag fragte sie sich, ob der Unbekannte, dessen Lippen sie regelmässig befeuchtete und dessen Aura sie immer wieder mit dem Rauch von Föhrenharz reinigte, jemals seine Augen öffnen oder ein Wort über die Lippen bringen würde. Und während die Tage der Ungewissheit vorüberzogen, begannen sich in ihrem Kopf die verschiedensten Theorien, Vermutungen und Ängste breitzumachen. Und dann – es waren bereits zehn Tage vergangen, seit sie den Mann auf dem morgenkühlen Grund ihrer Schlucht entdeckt hatte – geschah das kaum noch erwartete Wunder.
Als sie gerade einen der mit Tinktur vollgesaugten Tupfer aus steril gekochten Baumwollfetzen in die schlimmste seiner Wunden am rechten Unterschenkel drückte, ertönte ein schwaches, kaum hörbares Stöhnen.
«Wo … was … wer … äh … was …» war alles, was ihr Patient zusammenbrachte, als er zwei Stunden nach seinem unerwarteten Erwachen das erste Mal seit Langem seinen von einigen herausgeschlagenen Zähnen verunstalteten Mund...
| Erscheint lt. Verlag | 19.3.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| ISBN-10 | 3-7693-4296-8 / 3769342968 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-4296-3 / 9783769342963 |
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