Kalaschnikow. Wie eine Waffe unser Zeitalter der Konflikte prägt (eBook)
336 Seiten
HarperCollins eBook (Verlag)
978-3-7499-0829-5 (ISBN)
Schockierend, profunde und mitreißend erzählt: Wie die Kalaschnikow ein Zeitalter der Kriege beeinflusst; vom Vietnamkrieg bis zum Gaza-Konflikt
Taxi, Cola, Kalaschnikow. Diese drei Worte versteht jeder Mensch auf der ganzen Welt. Kaum eine Waffe hat den Lauf des 20. Jahrhunderts mehr geprägt. Es ist die Waffe, die in der Geschichte der Menschheit die meisten Todesfälle verursachte. Nicht ohne Grund wurde die AK-47 zu einem Symbol der Revolte, der Massaker und Völkermorde.
Mit beispielsloser Kenntnis des Themas, mit Faktentreue und mit einer erzählerischen Wucht, die das Buch zum einem starken Plädoyer gegen die Verrohung des Menschen macht, nähert sich der preisgekrönte Kriegsreporter Domenico Quirico dieser Waffe auf zwei Ebenen: über die Autobiografie ihres Erfinders, Michail Kalaschnikow, und über eigenen Erinnerungen an die Orte, an denen er der Waffe begegnete - von Mosambik über Gaza und Somalia, bis Syrien, Tschetschenien und der Ukraine. Dabei zeigt er die Kalaschnikow nicht als Instrument des Fortschritts, sondern der Gewalt, und ermöglicht uns ein neues Verständnis der Konflikte unserer Zeit, die alle durch diese Waffe vereint sind.
»?Kalaschnikow? ist ein hartes Buch, aber eines, das das Verdienst hat, dass es uns Teile der Welt verstehen lässt, die sonst schwer zu bewerten wären.«
Provincia Granda
<p>DOMENICO QUIRICO, geboren 1951 in Asti, zählt zu den renommiertesten Kriegsberichterstattern Italiens. Er hat als Auslandskorrespondent für die Turiner Zeitung »La Stampa« viele Kriege dieser Welt vor Ort verfolgt, in Darfur, Uganda, Tunesien, Libyen und Syrien, wo er von Rebellen der al-Qaida entführt wurde. Dank der Intervention des italienischen Staates konnte er nach fünf Monaten heimkehren. Für seine journalistische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2013 mit dem Indro-Montanelli-Preis und 2015 mit dem Premio Brancati für sein Buch »Il Grande Califfato«.</p>
1
Die Flagge
Mosambik
In den 1960 er-Jahren wird Afrika unabhängig. Es ist die Zeit der Väter des Vaterlandes, des tropischen Marxismus und der Verheißung von Fortschritt. Nur die portugiesischen Kolonien bleiben bei dieser Entwicklung zunächst außen vor, weil das kleine Land, das selbst unter einem autoritären Regime, des Estado Novo, leidet, unbekehrbar bleibt und nicht von seinen Kolonien ablassen will. Mosambik, Angola und Guinea-Bissau führen blutige Unabhängigkeitskriege, müssen aber bis zur unblutigen »Nelkenrevolution« von 1974 warten, um unabhängig zu werden. Doch kaum zwei Jahre später wird der Traum in Mosambik zum Albtraum. Die FRELIMO (Mosambikanische Befreiungsfront), mit Unterstützung der Sowjetunion federführend im Kampf gegen Portugal und nun Regierungspartei, entfesselt mit ihrer Politik der Höchstforderungen die Rebellion der RENAMO (Nationaler Widerstand Mosambiks), einer bewaffneten konservativen Bewegung aus Banditen und Dissidenten. Das südafrikanische Apartheidregime schürt den Konflikt. Der erbitterte, mit Kalaschnikows geführte Bürgerkrieg verwüstet das Land und dauert bis 1992. Es kommt zu zahlreichen Massakern, bevor die Gemeinschaft Sant’Egidio mit ihrer Diplomatie des guten Willens den Frieden bringt. Die FRELIMO wendet sich vom Marxismus ab und ist immer noch an der Macht. Der Krieg geht allerdings weiter, wenn auch mit neuen Protagonisten. Nun sind es Dschihadisten mit Verbindungen zum IS im öl- und gasreichen Norden.
Das Polana-Hotel in Maputo ist ein luxuriöser Fünf-Sterne-Turm zu Babel, in dem die Gäste den Leichnam Mosambiks wie die Schmeißfliegen umschwirren. Einige wollen ihn zwar wieder zum Leben erwecken, viele andere aber gelüstet es nach seinen Überresten, um daraus politisches oder finanzielles Kapital zu schlagen. Es heißt, das Hotel gehöre einem südafrikanischen Unternehmen. Unmöglich, denke ich, denn Südafrika versorgt die Guerillas der RENAMO mit Geld und Waffen. Sie haben sich den Sturz der marxistischen Regierung zum Ziel gesetzt und zerstören wie ungeduldige Termiten alles, was sie nur können. Da Mosambik direkt an Südafrika grenzt, spielt die Regierung in Maputo eine entscheidende Rolle bei der Auseinandersetzung mit dem rassistischen Regime in Pretoria. Manche der unabhängigen Länder des südlichen Afrikas warten vielleicht darauf, dass westliche Sanktionen endlich ihre Wirkung entfalten, aber wer weiß schon, wie lange das dauern wird. Dennoch scheinen die Gerüchte über die Hotelbesitzer zu stimmen.
Im üppig begrünten Garten fliegen schwalbenartige Vögel mit blauschwarz schimmerndem Gefieder umher. Am Pool steht ein Grill, auf dem Fleisch brutzelt, während in den gefüllten Wein- und Biergläsern die Eiswürfel klirren. Ein niedergeschlagen wirkender Kellner bedient die Gäste. Er trägt eine makellos weiße Jacke und befüllt die Teller mit gesenktem Blick. Im Swimmingpool ziehen die »russischen Berater« ihre Bahnen, als würden sie für die Spartakiade trainieren. Die britischen Piloten dagegen genießen ihre Ruhezeit, denn bald schon besteigen sie wieder die Flugzeuge des Welternährungsprogramms, um die Mosambikaner, die vor dem Krieg in die Wälder geflohen und angesichts zerstörter Straßen, Brücken und Eisenbahnen nun von allem abgeschnitten sind, mit Lebensmitteln zu versorgen.
Das Polana ist auch die bevorzugte Residenz von Beamten der Vereinten Nationen und Angehörigen humanitärer Organisationen. Sie brauchen die Annehmlichkeiten eines Luxushotels, damit nichts sie von der Aufgabe ablenkt, einen Teil der Menschheit zu retten. Mit ihren grellen T-Shirts und Baseballkappen sehen sie allerdings eher aus wie Partygäste in einem Londoner Vorort. Natürlich dürfen auch die Journalisten nicht fehlen. Immer auf der Suche nach Hunger, Krieg und Sensationen, ziehen viele es vor, von hier zu berichten, anstatt unbequeme und gefährliche Reisen in die Wälder zu unternehmen. Ihnen reicht es schon, in Maputo zu sein.
Und schließlich die Chinesen und Nordkoreaner, rätselhaft, zurückhaltend, schweigsam. »Entwicklungshelfer«, erklären die teilnahmslosen Männer der regierenden FRELIMO allen, die neugierige Fragen stellen.
In Maputo kursieren jedoch Gerüchte, dass es sich vor allem bei den Nordkoreanern um Spezialisten für Folter, Verhöre und innere »Sicherheit« handelt. Das Überleben der FRELIMO, der Mosambikanischen Befreiungsfront, hängt nicht zuletzt von ihrer Fähigkeit ab, auch noch die hintersten Ecken von Verrätern und ideologisch unzuverlässigen Kantonisten zu säubern. Mit verstohlenen Gesten und knappen Worten wird man auf ein Haus, eine Villa hingewiesen. Die Portugiesen haben sie mit jenen hübschen blauen Kacheln verziert, als wollten sie die Wände ihrer Häuser mit einer Schicht aus Saudade und Nostalgie bedecken. Die Villa liegt versteckt hinter Jacarandas und einer hohen, mit Stacheldraht bekrönten Mauer, die auch jetzt noch nützlich ist, da die einstigen Besitzer geflohen sind. Der starke Duft der lilafarbenen Blüten überdeckt den Gestank brutaler Verhöre und schmutziger Abrechnungen.
Im Polana scheint die Geschichte stehengeblieben zu sein. Freunde und Feinde schleichen sich für eine Weile aus ihren Schützengräben und treffen sich hier im Niemandsland, um zu plaudern und sich zu verbrüdern. Manche werden bei einem Drink oder Hummer sogar zu Verrätern. Es ist ein Wunder oder ein Skandal, je nachdem wie man es sieht, in einem zerstörten Land, das angefüllt ist mit Toten und hungrigen Geistern.
Vor dem Polana hängt die farbenfrohe Flagge Mosambiks an einer Fahnenstange, die kurz genug ist, um alle Details gut zu erkennen. Sie ist groß und flattert munter im kräftigen Wind, der von Bucht und Ozean herüberweht. Die Sonne steht grell am Himmel, die wenigen Wolken können sie nicht abschirmen. Die würfelförmigen Häuser am Ufer erscheinen weißer und die Luft ist angenehmer. An den beinahe menschenleeren Docks löscht ein aus Odessa kommender sowjetischer Frachter seine Ladung aus Waffen, Munition und Lkw-Reifen. Der große Bruder aus dem Osten hält die Revolution am Leben, ist der ideale Verbündete für die Ausweitung des Kalten Krieges in Afrika. Niemand führt irgendwelche Kontrollen durch, nur ein paar Soldaten sehen den Schauerleuten gelangweilt bei der Arbeit zu. Das Wasser hat die Farbe von Zinn. Die Beine der Männer, die in den Einbäumen stehen, wirken überlang, weil ihre Schatten sich im Wasser spiegeln. Vielleicht war das ja das Wunder auf dem See Genezareth.
Die Flagge von Mosambik ist schön, aber recht aufwendig gestaltet. Sie besteht aus drei horizontalen Balken in Grün, Schwarz und Gelb, dazwischen je ein schmaler weißer Streifen, und einem roten Dreieck. Darin befindet sich ein Emblem: ein gelber Stern, auf dem ein aufgeschlagenes Buch, eine kurzstielige afrikanische Hacke und eine Kalaschnikow mit aufgepflanztem Bajonett dargestellt sind, eindeutig zu erkennen an der Silhouette mit dem gebogenen Magazin.
Es ist eine junge Flagge, die auf die Unabhängigkeit im Jahr 1975 zurückgeht und auf dem Banner der FRELIMO basiert. Und es ist die erste Nationalflagge der Welt, die keine mittelalterlichen Schwerter, Bogen, Speere oder Dolche, sondern eine moderne Waffe zeigt.
Jeder Bestandteil der Fahne hat eine ganz bestimmte Bedeutung. Der gelbe Stern symbolisiert die internationale Solidarität der Mosambikaner, oder zumindest die Hoffnung darauf, und vielleicht auch den Glauben an einen mehr oder weniger wissenschaftlichen Sozialismus. Das Buch steht für Bildung, von der man sich Befreiung erhofft – ein sehr ehrgeiziges Ziel für ein Land, in dem in zwanzig Jahren Krieg mindestens zweitausend Schulen zerstört wurden. Die Hacke meint die Bauern und die ländliche, maoistisch-revolutionäre Klasse, die als einzige in einem rückständigen Land existiert, das vom portugiesischen Kolonialismus rücksichtslos ausgeplündert wurde. Das Sturmgewehr schließlich, mit dem die Partisanen der FRELIMO für die Unabhängigkeit kämpften, symbolisiert die Entschlossenheit des Volkes, seine Freiheit zu verteidigen, die es nach der unblutigen Nelkenrevolution erlangt hatte, die zur Beseitigung der Diktatur in Portugal führte.
Ich betrachte die gehisste Flagge und vergleiche ihre Verheißungen mit den Geheimnissen und Geschichten, die ich in den klimatisierten Räumen des Polana zu hören bekomme. Natürlich stammen sie alle von einer garantiert zuverlässigen Quelle und werden mir wie ein exklusives Geschenk zugeflüstert: »In Memba, einer Stadt im Norden, mussten die Bewohner noch letzte Woche Ratten essen, um nicht zu verhungern.«
Jemand anderes dagegen versichert mir: »Die Ernährungssituation ist absolut unter Kontrolle, denn es hat dieses Jahr reichlich geregnet, und die Einführung des freien Marktes hat wahre Wunder bewirkt. Sicher, es gibt ein kleines Transportmittelproblem, aber langsam wird alles besser. Zumal an der Küste nun endlich auch die internationalen Hilfen ankommen …«
Doch es ist nur zu offensichtlich, dass die »Gerüchte«, die Optimismus verbreiten sollen, von Sicherheitsbeamten gestreut werden, die im Polana nach Spionen oder Verrätern Ausschau halten und nebenbei die Notizbücher leichtgläubiger Journalisten füllen.
»Aber sicher, die Hungersnot, die in einigen Provinzen während der furchtbaren Dürre von...
| Erscheint lt. Verlag | 23.9.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Kalashnikov |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft | |
| Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► 1918 bis 1945 | |
| Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Zeitgeschichte | |
| Geisteswissenschaften ► Geschichte ► Regional- / Ländergeschichte | |
| Geisteswissenschaften ► Philosophie ► Erkenntnistheorie / Wissenschaftstheorie | |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | Afghanistan • AK-47 • AK47 • Biografie Kalaschnikow • Erfahrungsbericht Krieg • Gaza • Gaza-Konflikt • Gazastreifen • Geiseln • Gewalt • HAMAS • Kämpfe • Konfliktforschung • Kongo • Kriegsführung • kriegsreportage • Kriegsverbrechen • Menschenhandel • Palästina • Politisches Sachbuch • rolle der kalaschnikow • Rüstungskontrolle • Rüstungskontrollpolitik • Ukraine • Waffen • Waffenhandel • Waffenlieferung • Waffenmissbrauch |
| ISBN-10 | 3-7499-0829-X / 374990829X |
| ISBN-13 | 978-3-7499-0829-5 / 9783749908295 |
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