Ein ungewöhnlicher Wahlkampf (eBook)
100 Seiten
Blattwerk Handel GmbH (Verlag)
978-3-69049-145-7 (ISBN)
»Bis dann, ich bin in einer halben Stunde wieder zurück«, verabschiedete sich Cleo von Hanno, als sie an diesem Vormittag in der geöffneten Tür der Apotheke stand, den kleinen roten Rucksack mit den auszuliefernden Medikamenten auf dem Rücken, und ihre Rollschuhe anzog.
»Immer schön vorsichtig fahren«, bat Hanno Tannwald die junge Frau in der weißen Jeans und dem gelben Pullover, die ihr dunkles Haar mit einer gelben Spange zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.
»Ich bin immer vorsichtig, Boss«, versicherte Cleo dem jungen Mann mit der sportlichen Figur und dem welligen blonden Haar, dem die Apotheke in der Fußgängerzone gehörte. Bevor sie losfuhr, winkte sie Hanno noch einmal durch das große Schaufenster der Apotheke zu, deren Holztresen aus dunkler Eiche in einem angenehmen Kontrast zu dem modernen weißen Fliesenboden und den weißen Regalen stand.
Cleo hatte gleich nach dem Ende ihrer Ausbildung zur pharmazeutischen Assistentin eine Anstellung in Hannos Apotheke bekommen. Das war jetzt zwei Jahre her, die Arbeit machte ihr nach wie vor Spaß und mit Hanno und seiner Frau Mathilda hatte sie inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis.
Den schnellen Botendienst auf Rollschuhen hatte sie Hanno gleich am Anfang angeboten, und zur Freude seiner Kunden nahm er das Angebot gleich an. Cleo hatte schon im Vorschulalter auf Rollschuhen gestanden und konnte sich absolut sicher auf ihnen bewegen. Ob Kopfsteinpflaster, betonierte Straße oder Sandwege, sie kam überall ohne Probleme vorwärts.
An diesem Vormittag führte ihr Weg zu ihrer ersten Kundin direkt an der Praxis Norden vorbei. Der Bordstein in der von Ahornbäumen gesäumten Straße war eben und leicht zu befahren. Die Sonnenstrahlen strichen durch die Äste der Bäume, ließen verwunschene Schatten auf dem hellen Pflaster erscheinen. Cleo schaute auf das Haus mit dem hellen Anstrich und den Fenstern mit den grauen Holzläden, das umgeben von einem Garten mit duftenden Rosenbüschen und hochgewachsenen Birken am Ende der Straße lag. Es war das Haus, in dem Daniel Norden mit seiner Familie wohnte. Die Räume der Praxis waren in einem Anbau untergebracht, dessen Eingang über den gepflasterten Weg neben der breiten Einfahrt zu erreichen war.
Die meisten Kunden, die zu Hanno in die Apotheke kamen, waren Patienten in dieser Praxis, das galt auch für Hanno, seine Frau Mathilda und sie. Für die Patienten war es von Vorteil, dass Daniel sich nicht davor scheute, auch hin und wieder Hannos Rat einzuholen, wenn es um die Auswahl des richtigen Medikamentes und die für den Patienten effektivste Dosierung ging.
»Ich mag ein guter Diagnostiker sein, aber über Medikamente und deren Wirkung weiß ein Apotheker, der gelernt hat, sie herzustellen, mit Sicherheit weitaus besser Bescheid als ich«, hatte er einmal zu ihr gesagt. Dass er sich nie überschätzte, immer bereit war, sich Rat zu holen, wenn es nötig war, das war etwas, was seine Patienten ihm hoch anrechneten.
»Was machst du denn da?!«, rief Cleo erschrocken, als sie den jungen Finken sah, der orientierungslos um den Stamm eines Ahornbaums herumlief. Um den Jungvogel, der vermutlich aus dem Nest gefallen war, nicht zu gefährden, wich sie ihm in einem großen Bogen aus.
Im selben Moment schloss Gustav die hintere Tür seines schwarzen Kleinbusses, der am Straßenrand parkte, und betrat mit einem Stapel von Druckdokumenten in der Hand den Bürgersteig. Cleo konnte ihm nicht mehr ausweichen, sie prallte gegen ihn, sie gerieten beide ins Stolpern, verloren das Gleichgewicht und landeten auf dem Bordstein.
»Es tut mir leid, ich habe Sie nicht gesehen. Sind Sie verletzt?«, fragte Cleo den jungen Mann in der Jeans und dem schwarzen Jackett, der auf dem Bordstein kniete und die Brille mit dem dunklen Rahmen aufhob, die ihm von der Nase gerutscht war und sie direkt in seine strahlend blauen Augen blicken konnte.
»Werde ich gleich herausfinden«, sagte Gustav und stand langsam auf, was ihm aber schwerfiel, weil ihm sein linkes Knie wehtat. Trotzdem reichte er Cleo, die noch auf dem Bordstein saß, die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen.
»Ihr Knie hat es erwischt? Es tut mir wirklich leid«, wiederholte Cleo ihre Entschuldigung, als sie sich gleich darauf gegenüberstanden und sie trotz ihrer Rollschuhe immer noch einen halben Kopf kleiner war als der Fremde, den sie gerade angefahren hatte.
»Gab es einen Grund für diesen Schlenker, den sie offensichtlich gemacht haben?«, wollte Gustav wissen.
»Ja, er ist der Grund«, sagte Cleo und deutete auf den Jungvogel, der völlig verstört an dem Baumstamm kauerte, da ihn der Zusammenstoß der beiden Menschen wohl erschreckt hatte. »Ich sollte ihn auf einen Ast setzen, damit die Mutter ihr vermisstes Kind wieder nach Hause bringen kann.«
»Auch etwas abbekommen?«, fragte Gustav, als Cleo sich auf ihren Rollschuhen auf den Baum zu bewegte und mit der linken Hand über den Ellbogen ihres rechten Arms strich.
»Nicht so schlimm«, versicherte ihm Cleo. Behutsam hob sie den kleinen Vogel auf und schaute auf das Nest, das sie, ohne in den Baum zu klettern, nicht erreichen konnte.
»Ich kann leider auch nicht helfen«, erklärte ihr Gustav, der ihrem Blick gefolgt war, mit einem bedauernden Achselzucken.
»Sie sollten Doktor Norden ihr Knie untersuchen lassen«, riet Cleo Gustav, der mit dem Rücken an seinem Auto lehnte und mit der Hand über sein linkes Knie strich.
»Ich weiß nicht, ob das wirklich nötig ist.«
»Sie hat recht, eine Knieverletzung kann äußerst schmerzhaft sein. Lassen Sie besser nachsehen«, unterstützte der attraktive Mittsechziger, der aus der Einfahrt des Grundstückes neben der Praxis Norden kam, Cleos Ratschlag.
»Danke, Herr Baumstetter, das sehe ich auch so«, bedankte sich Cleo bei Hannes, Ottilies Mann, der auch zu ihren Kunden gehörte.
»Der junge Mann wird sich bestimmt richtig entscheiden«, sagte Hannes und nickte Gustav freundlich zu. »Und jetzt zur Rettungsaktion. Ich mache das, geben Sie mir den kleinen Vogel«, bat Hannes Cleo. Er hatte ihren Zusammenstoß mit Gustav beobachtet und wollte nun nachsehen, ob er helfen konnte.
»Aber das Nest ist dort oben«, entgegnete Cleo.
»Kein Problem, das schaffe ich«, antwortete er lächelnd.
»In Ordnung«, erklärte sich Cleo einverstanden und gab ihm den piepsenden Jungvogel. Ihr Arm tat wirklich ziemlich weh, so würde sie den Baum nicht hinaufklettern können.
»Vielleicht sollten Sie auch kurz in der Praxis vorbeischauen«, stellte Hannes fest, als er bemerkte, dass Cleo ihren rechten Arm nicht ausstrecken konnte und ihren Ellbogen mit der linken Hand abstützte.
»Ziemlich sportlich«, stellte sie anerkennend fest, als sie zusah, wie der Mann in der schwarzen Hose und dem weißen Pullover geschickt den Baum hinaufkletterte und den Vogel zurück in sein Nest setzte.
»Da schau an, der Herr Meeresbiologe ist auch außerhalb des Wassers äußerst geschickt. Bravo!«, rief die rundliche ältere Frau in dem hellen Kleid mit dem Kornblumenmuster, die aus der Praxis Norden gekommen war und ihm bewundernd zusah.
»Oh, Gusti, die Familie Norden-Mai hat nicht nur ein Herz für Menschen, sondern auch für Tiere, das weißt doch«, sagte die Frau in dem grauen Kleid und dem streng zurückgekämmten Haar, die mit einem Einkaufskorb über dem Arm vor dem Baum stehen blieb, auf den Hannes geklettert war.
»Freilich weiß ich das, Leinbergerin«, antwortete Gusti Meier ihrer Nachbarin, die auf dem Weg in die Fußgängerzone war.
»Sind die Damen mit der Rettungsaktion zufrieden?«, fragte Hannes die beiden, nachdem er wieder von dem Baum heruntergeklettert war, nachdem er den kleinen Vogel zurück in das Nest gesetzt hatte.
»Wie die Cleo schon gesagt hat, sehr sportlich, Herr Baumstetter«, sagte Gusti.
»Danke, die Damen, also dann, noch einen schönen Tag für Sie«, entgegnete Hannes.
»Für Sie auch, grüßen Sie Ihre Frau von uns«, antworteten die beiden.
»Das mache ich«, entgegnete Hannes lächelnd.
»Er ist schon ein recht attraktiver Mann«, raunte Gusti ihrer Nachbarin zu, während sie Hannes nachschauten, bis er in der Einfahrt des Nachbarhauses einbog.
»Kann ich nicht widersprechen«, stimmte Frau Leinberger Gusti zu. »Und jetzt muss ich weiter.«
»Ich komme ein Stück mit, ich will noch zum Bäcker.«
»Und wir gehen in die Praxis«, wandte sich Cleo Gustav zu, der noch immer an seinem Auto lehnte.
»In Ordnung, kann ja nicht schaden. Ich lege aber zuerst die Druckdokumente zurück ins Auto.«
»Wahlkampfhilfe für Rosalinde Stromer?«, stellte Cleo fest, als sie auf den Packen bedruckter Blätter schaute, der mit einem Gummiband zusammengebunden auf dem Boden gelegen hatte und den er nun wieder aufhob.
»Sie werden hoffentlich dafür stimmen, dass sie in den Landtag gewählt wird.«
»Nein, ich denke nicht«, gab Cleo ehrlich zu.
»Vielleicht sollten Sie das Wahlprogramm ihrer Partei noch einmal lesen, das könnte Ihre Meinung möglicherweise ändern. Die meisten Leute lesen leider keine Wahlprogramme, das bedeutet, sie wissen nur das, was ihnen andere Leute über eine Partei oder einen Wahlkandidaten erzählen.«
»Ich habe die Wahlprogramme gelesen, und weil ich in allen Bereichen des Lebens auf Hintergrundwissen stehe, lassen wir jetzt einen Arzt unsere Verletzungen beurteilen. Geht es?«, fragte sie, als sie sah, dass Gustav nur langsam vorwärtskam und sein linkes Bein nicht richtig bewegen konnte.
»Es ist nicht so schlimm, wie es gerade aussieht«, versicherte er ihr.
»Ich hoffe, dass das stimmt«, entgegnete Cleo, die nicht ganz überzeugt von seiner...
| Erscheint lt. Verlag | 18.3.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die neue Praxis Dr. Norden |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Arzt • Chefarzt • Doktor • Dr. Daniel • Dr. Laurin • Fortsetzungsroman • Klinik • Krankenhaus • Krankenschwester • Landdoktor • Martin Kelter Verlag |
| ISBN-10 | 3-69049-145-2 / 3690491452 |
| ISBN-13 | 978-3-69049-145-7 / 9783690491457 |
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