Nach der Zerstörung (eBook)
318 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-7519-0 (ISBN)
Rebekka Gusia wuchs in einem kleinen Dorf im oberbergischen Kreis mit ihrer jüngeren Schwester und vielen Nachbarskindern auf. Schon von klein auf las sie Unmengen von Büchern aus der Bibliothek der nahen Kleinstadt. Je älter sie wurde, desto mehr lernte sie vor allem das Romance-Genre lieben, in dem auch ihre eigenen Geschichten spielen. Sie zog für ihr Germanistik- und Pädagogikstudium nach Köln. Das Schreiben sieht sie als kreativen Ausgleich zu ihrer fordernden Arbeit bei einem Jugendhilfeträger.
1. Kapitel
Raja
„Herzlichen Glückwunsch, Raja und alles Gute zum Geburtstag.“ Rajas Worte verhallten ungehört im Raum.
„Oh, danke. Ich freue mich, dass ihr an mich gedacht habt. Und es gibt sogar Kuchen!“, antwortete sie und betrachtete den Apfel vor sich, in dem eine brennende Kerze steckte. Einen echten Kuchen hatte sie seit Jahren nicht gegessen. Allein Mehl herzustellen, war viel zu viel Arbeit. Ganz davon abgesehen, dass das Getreidefeld hinter dem kleinen Wäldchen größtenteils verwildert war.
„Ja, puste die Kerze aus und wünsch dir was!“
Sie warf ihren Zopf über die Schulter und musste nicht lange nachdenken, was sie sich wünschte. Es war in den letzten Jahren immer das Gleiche gewesen. Sie schloss die Augen. Kaum zu glauben, dass heute ihr neunzehnter Geburtstag war. Es kam ihr nicht so vor, als wäre sie schon so lange allein. Andererseits hatte sich jeder der vergangenen Tage wie eine kleine Ewigkeit angefühlt. Raja schüttelte den Kopf, verscheuchte die ungebetenen Gedanken, atmete tief ein und pustete die Kerzen aus.
„Was hast du dir gewünscht?“, fragte sie sich und öffnete die Augen.
„Das darf ich doch nicht verraten, sonst wird es nicht wahr.“
Floh hob seinen Kopf von Rajas Füßen und gab ein fragendes Grunzbellen von sich.
„Ist schon gut. Ich habe langsam auch das Gefühl, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben.“
Raja biss krachend in den Apfel. Der Vorteil am Alleinsein lag auf der Hand: Man musste seinen imaginären Kuchen mit niemandem teilen und konnte in Ruhe Selbstgespräche führen.
Nur Floh wich nie von ihrer Seite und ihr zottiger Hund verurteilte sie nicht. Das wusste Raja sicher.
Meistens.
Raja aß den Apfel mitsamt Kernen und Gehäuse auf. Früher wäre jetzt der Moment zum Geschenke auspacken gekommen. Im zweiten Jahr hatte sie sich tatsächlich selbst beschenkt. Aber es war einfach nicht dasselbe, wenn man wusste, was sich in den Päckchen befand. Also gab es dieses Jahr keine Geschenke.
Raja schubste sanft Flohs Kopf von ihren Füßen, stand auf und stellte ihren benutzten Teller zu dem Geschirr von gestern in den Bambuskorb, den sie letzte Woche geflochten hatte. Sie pfiff nach dem schwarzen Hund, nahm Flohs aktuellen Lieblingsstock mit – ein überdimensioniertes Exemplar von einem Ast – und hob den Korb auf ihre Hüfte. Raja blieb für einen Moment in der offenen Tür stehen, Floh drängelte sich sofort an ihr vorbei und rannte raus auf die Wiese. Er drehte den Kopf und Raja trat einen Schritt aus der Tür heraus auf einen Trittstein und holte mit dem Arm Schwung, um den Ast möglichst weit fliegen zu lassen. Floh stürzte los, die Schlappohren flatterten hinter ihm. Raja ließ den Blick seufzend über die altbekannte Landschaft wandern. In etwa zwanzig Metern Entfernung plätscherte der Fluss stetig durch die wilde Blumenwiese. Auf der anderen Uferseite kroch der kleine Wald im Halbkreis, den Fluss verschluckend, ein Stück den Berg hinauf, der sich hinter dem großen, alten Gebäude erhob, das sie ihr Zuhause nannte.
Raja hob den Korb auf ihre andere Hüfte und folgte dem Weg über die Trittsteine, die sie durch den Gemüseacker und den verwilderten Kräutergarten führten. Hinter dem Acker endeten die Steine und gingen in Wiese über, die bis zum Fluss reichte. Auf halbem Weg hielt sie kurz inne, als ein leichtes Beben die Erde erschütterte. Sie rollte mit den Augen, glich die Bewegung des Bodens mit den Beinen aus und sah nach Floh, der jedoch unbekümmert die Gegend erkundete, ab und zu irgendetwas anbellte, sein Geschäft verrichtete und tat, was Hunde so taten.
Raja kontrollierte automatisch das alte, alleinstehende Schulgebäude. Doch es zeigte nicht mehr Schäden als sonst. Am hinteren Teil waren zwei Räume nicht mehr begehbar, doch der Rest trotzte den Naturgewalten. Ihr Vater hatte immer erzählt, wie er und ihr Onkel das Haus gefunden und bewohnbar gemacht hatten. Raja hatte nicht immer allein hier gelebt, sie waren eine Zeit lang weit mehr als zwanzig Leute gewesen. Das Gebäude war viel zu groß nur für sie, aber das einzige noch bewohnbare Haus in der Gegend. Es stand außerdem weit oben auf einem Berg, ohne die Gefahr von nahen Häusern. Zudem hatte sie hier mit ihrer Familie gelebt und wollte sie nicht ver lassen. Die ganze Gruppe hatte damals das Gebäude gesichert und aufgeräumt und so waren die Räume, die Raja nun allein bewohnte, leicht instand zu halten.
Sie schüttelte den Kopf und bewegte sich zum Fluss, um abzuspülen. Das saubere Geschirr legte sie auf den schrägen Stein mit der Kante, der schon immer der Abtropfstein genannt wurde. Das Besteck kam in einen hohen Behälter, der bereitstand. Aus den Augenwinkeln konnte Raja immer wieder die Wechslinge aus dem Wasser springen sehen. Die hübsch anzusehenden Fische, deren Farbe sich je nach Lichteinfall änderte, waren eine nicht zu verachtende Nahrungsquelle. Sie könnte in den nächsten Tagen mal wieder Fisch essen.
Wenig später pfiff sie schrill nach Floh, der sofort angerast kam und sein Spielzeug mitbrachte. Mit leichtem Ekel nahm sie den angesabberten Stock entgegen und warf.
Das war mit dem Riesenstock umständlicher, als es hätte sein müssen. Aber Floh war etwas eigen mit seinen Stöcken.
Der Hund hechtete mit flatternden Ohren wie ein Wahnsinniger hinterher und fing den Stock noch im Flug. Sofort brachte er ihn zurück, wobei dankenswerterweise ein Teil unter den großen Hundezähnen abbrach.
Raja hob einen Finger. Floh kauerte sich augenblicklich nieder und Raja warf das Holzstück. Der große Mischling blieb liegen. Oma hatte ihn immer eine Promenadenmischung genannt. Flohs schwarzes Fell glänzte in der Sonne, doch sie konnte die Knoten in der Unterwolle sehen. Das war der Nachteil an seinem langen Fell, das ihn noch wuchtiger erscheinen ließ, als er ohnehin schon war.
„Hol!“ Das war Flohs Startschuss, er rannte los und suchte den Stock.
Irgendwann lag Floh japsend zwischen den blühenden Wiesenblumen. Raja ließ sich neben ihm ins Gras fallen und genoss für einen Moment die Sonne auf ihrem Gesicht. Sie schien so warm, dass es angenehm und noch nicht zu heiß war. Raja ließ den Kopf in den Nacken fallen und schloss die Augen. Auf einem der Trittsteine sonnte sich eine Echse, die sich bei Flohs plötzlichem Kläffen im hohen Gras verkroch. Raja öffnete die Augen und folgte seinem Blick. Doch sie konnte nicht sehen, was er anbellte.
„Schon okay“, beruhigte sie ihn und streichelte ihn hinter den Ohren. Sofort rollte er sich auf den Rücken und streckte alle Viere von sich, damit sie seinen Bauch kraulte.
Das erledigte sie ausgiebig.
Als ihr Magen knurrte, erhob Raja sich, schob ihren langen Zopf über die Schulter zurück und holte das Geschirr vom Fluss.
„Komm, Floh. Wir gehen rein. Ich will was essen und ein bisschen aufräumen.“
Floh rappelte sich auf und trottete neben Raja her. Beim Anblick des großen, teilweise verfallenen Gebäudes konnte Raja ein Seufzen nicht unterdrücken. Der schwarze Rüde stupste ihr aufmunternd gegen den Ellenbogen und Raja tätschelte ihn dankbar. Sein dichtes Fell schrie förmlich nach einer Bürste.
An der Tür in den Wohnraum, knurrte Floh und Raja öffnete die Seitentür. Der große Hund drängte sich an ihr vorbei und verkroch sich in seinem Körbchen. Wobei die Bezeichnung Körbchen eindeutig verniedlichend war. Sie sollte eher Korb sagen. Floh spürte vermutlich ein größeres Beben nahen. Um ihn und sich selbst zu beruhigen, holte Raja die Bürste aus dem kleinen Korb in dem Regal neben der Küchenzeile. Floh beobachtete jede ihrer Bewegungen. Sein flauschiger Schwanz schlug freudig auf den Boden. Raja schob ihn mit beiden Armen zur Seite und der Hund machte widerwillig Platz, damit sie in den Korb passte. Dann legte sich das schwere Tier quer auf ihren Schoß und schloss die Augen.
Eine gute halbe Stunde später durchfuhr die Bürste das Fell ohne Widerstand und neben Raja türmte sich ein Pelzhaufen aus den Haaren, die sie immer wieder aus der Bürste gezupft hatte, auf.
Raja warf einen Blick aus dem Fenster und es war nicht einmal Mittag. Sie schob den schnarchenden Floh von ihren Beinen und bewegte sie vorsichtig, um das Blut wieder zirkulieren zu lassen. Das Gewicht des Hundes war nicht zu verachten. Sein gewaltiger Brustkorb hob und senkte sich mit jedem Atemzug.
Sie rappelte sich auf und holte den alten Eimer, um Wasser zu holen. Raja ging zwei Mal, da sie spontan beschloss, den Boden zu wischen. Wie ihre Mutter es immer gemacht hatte, wischte sie erst mit Wasser und einem Schluck Essig darin. Den Essig setzte sie nach altem Familienrezept mehrmals im Jahr selbst an. Zwanzig Minuten später hatte sie den großen Raum ordentlich gewischt. Das benutzte Wasser verteilte sie auf verschiedene Beete. Unsicher, welche Pflanzen den Essig vertrugen, gab sie jeder ein bisschen. Die Nutzpflanzen mickerten sowieso eher vor sich hin. Seit Leo sich nicht mehr mit Yuna um den Garten kümmerte, war dort nicht mehr viel zu holen. Raja ließ den leeren Eimer...
| Erscheint lt. Verlag | 27.2.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Dystopie • Liebesgeschichte • Romance • Romantische Dystopie • Young Adult |
| ISBN-10 | 3-7693-7519-X / 376937519X |
| ISBN-13 | 978-3-7693-7519-0 / 9783769375190 |
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