Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Der Hund des Terroristen (eBook)

Autobiografischer Roman
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
360 Seiten
Verlag immergrün
978-3-910281-99-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der Hund des Terroristen -  Harry Stürmer,  Sheila
Systemvoraussetzungen
9,99 inkl. MwSt
(CHF 9,75)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Sheila - die »Hündin des ?Terroristen?« - erzählt von Harry in einer Zeit sozialer und linksradikaler Aufbrüche: Von den Essener Songtagen 1968 über die Arbeit mit proletarischen Kindern und Kontakten mit Stadtguerillaaktivist:innen und der folgenden Isolationshaft in den 1970/80er Jahren sowie den Hausbesetzungen und der Solidarität mit Gefangenen und Drogenabhängigen im Westberlin der 1980/90er Jahre.

PART II

Umzug nach Berlin

Nach bestandenem Vordiplom zieht HAP – mit Gudrun und mir – nach Westberlin. Zwei groβe Koffer stellt Gudrun bei ihren Eltern unter, während das Notwendigste in den bunt gestrichenen VW-Käfer gepackt wird, auf dessen Motorhaube in grüner Farbe das Wort »rot« gemalt ist.

HAP will an dem als rot und marxistisch verschrienen Holzkamp-Institut der FU sein Psychologiestudium fortsetzen. Und sich endlich in der kommunistischen KPD/ML23 organisieren. Als er das letzte Mal in Berlin war, um sich an der Uni zu informieren, hatte er Reiner P. kennen gelernt. Beide freundeten sich schnell an und Reiner hatte ihm (uns) zugesagt, dass wir fürs erste in seiner WG unterkommen könnten, bis wir eine eigene Wohnung finden.

An der Grenze Marienborn werden wir rausgewinkt. Erst wollen die Grenzsoldaten der Nationalen Volksarmee meine Papiere sehen. Zum Glück bin ich nicht reinrassig und muss deshalb meinen Stammbaum nicht vorweisen. Sie geben sich mit dem Impfpass zufrieden. Dann fragen sie HAP, ob er »Waffen, Sprengstoff oder Funkgeräte« mit sich führe. Als er verneint, muss er unser ganzes Gepäck ausladen und zur Kontrolle in eine Baracke bringen.

Die ausgiebige Kontrolle verzögert unsere Ankunft in Berlin. Aber schlieβlich erreichen wir erwartungsvoll unser Ziel in Westberlin, die Baerwaldstraβe in Kreuzberg, wo wir sogar direkt vor der Tür von Reiners WG einen Parkplatz finden.

Es gibt zwar kein freies Zimmer, aber wir sind froh, dass wir im »Berliner Zimmer«, dem Durchgangszimmer der einst hochherrschaftlichen Wohnung unterkommen, das gleichzeitig als Gemeinschaftsraum der WG benutzt wird.

Wolle – einer der wenigen »reinrassigen« Berliner, die ich in Berlin kennen gelernt habe – hat für den nächsten Tag ein Abendessen vorbereitet. Indisch. Alle sitzen um den runden Tisch, unter dem ich es mir bequem gemacht habe. Noch Stunden nach dem Essen sitzen sie da mit Berliner Kindl und einem Joint, der rundgeht und für gute Laune sorgt. Entspannt lauschen sie den Erzählungen von Wolle über seine Reiseabenteuer. (HAP meint danach allerdings, dass der Joint bei ihm nichts ausgelöst habe, weshalb er für alle Zukunft auf das Rauchen verzichten will.) East of Eden tönt vom Plattenteller.

East of Eden Northern Hemisphere

We like the Northern Hemisphere/That’s where the strangest things appear

Für das nächste Wochenende verabreden sie einen »Subbotnik«24-Einsatz, um einiges in der Wohnung zu renovieren. HAP streicht mit Adelheid A. (die mich instinktiv irgendwie an Birgit erinnert – keine Ahnung, ob es das Lächeln ist, ihre Stimme, der Duft …) das einzige hohe Fenster in »unserem« Zimmer. Adelheid muss sich eigentlich auf die Prüfung zur Schauspielschule vorbereiten, aber Subbotnik geht vor. Und ich erkenne, dass HAP und Adelheid gerne zusammenarbeiten. Sie verstehen sich gut. Ich spüre die positiven Schwingungen und kann sie nachvollziehen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass beide sich später aus den Augen verlieren. (Erst viele Jahre später sollte HAP Adelheid im Kino wiedersehen – als Freundin von Rosa Luxemburg. Auf der Leinwand.)

Einen Monat später bekommt HAP als verheirateter Student einen Wohnberechtigungsschein und mietet eine Zweizimmerwohnung des Sozialen Wohnungsbaus in Schöneberg.

Studium in Berlin

Mit der U-Bahn macht HAP sich auf den Weg zum Campus der FU in Dahlem, wo er ein Vorlesungsverzeichnis kauft und sich für Psychologie und Soziologie einschreibt.

Mit seinem langen Bart und den langen Haaren unterscheidet er sich äuβerlich nicht wesentlich von den anderen Studenten. Trotzdem fühlt er sich noch irgendwie fremd in der bewegten Metropolen-Uni. HAP ist fest entschlossen, sich zu integrieren und, vor allem, sich zu organisieren. Im Psychologischen Institut sucht er Kontakt zur studentischen Zelle der KPD/ML (Roter Morgen). Dem bart- und humorlosen Studenten mit ordentlichem Linksscheitel erzählt er von seinem Studium in Bochum, der Brelohstraβe und seinem Wunsch marxistische Psychologie zu studieren, um der Arbeiterklasse zu helfen.

»Als revolutionäre Studenten müssen wir der Arbeiterklasse dienen und von ihren Kämpfen lernen. Wenn du wirklich zur Revolution beitragen willst, kannst du dich hier in die Liste eintragen und erstmal Flugblätter vor AEG oder Siemens verteilen«, lautet die enttäuschende Antwort.

Drei- oder viermal nimmt HAP mich frühmorgens mit zu AEG, wo wir uns mit der KPD/AO25 und SEW26 um den besten Verteilerplatz streiten. Die meisten Arbeiter und Arbeiterinnen ignorieren uns.

»Geht doch nach drüben«, hören wir, falls uns mal jemand wahrnimmt. Und HAP ist emotional ziemlich am Boden, als ihm ausgerechnet ein junger, langhaariger Arbeiter grimmig entgegenschleudert: »Lass mich in Ruhe mit deinem kommunistischen Scheiβ!«

Ein paar Tage später erzählt sein früherer Mitbewohner Reiner, dass sie in der Baerwaldstraβe mit Freund:innen ein wöchentliches Treffen organisieren, um über die Programme der verschiedenen K-Gruppen zu diskutieren. Die Partei aufbauen heiβt das kleine rote Buch, in dem alle Partei-Plattformen abgedruckt sind. HAP und Gudrun sagen ihre Teilnahme zu. Schade nur, dass Adelheid nicht dabei ist. Sie ist vollauf mit der Aufnahmeprüfung für die Max-Reinhardt-Schauspielschule beschäftigt.

Zwei Monate später hat die Lesegruppe alle Parteien durch. Und niemand ist überzeugt. Niemand organisiert sich. Lieber treffen sie sich spontan in Schöneberg im »Liliom«, wo sie weiter über Politik diskutieren und Bob Dylan oder Lou Reed in der Musikbox drücken. Während die anderen Bier trinken, stellt Kneipier Axel H. mir einen Napf mit Wasser neben den Tresen. Und Wirt Hansi S. wirft mir schon mal ein Stück Salamibrot zu.

Lou Reed – Walk on the Wild Side

She said, »Hey, babe/Take a walk on the wild side«/I said, »Hey, honey/Take a walk on the wild side«

Als Lou Reed in der Musikbox gerade für ein wildes Leben wirbt, platzt in diese angenehme Atmosphäre die Nachricht, dass die Bullen in Schöneberg Georg von Rauch27 bei einer Groβfahndung erschossen haben.

5 Monate vorher hatte er die Berliner Polizei und Justiz der Lächerlichkeit preisgegeben. Georg war zusammen mit seinem Freund Thomas Weisbecker 1970 verhaftet worden, weil sie angeblich dem reaktionären Hetzjournalisten Horst Rieck von der Illustrierten Quick zu Hause an die Wäsche gegangen seien und die Möbel geradegezogen hätten. Im Prozess verurteilt der Richter Georg, spricht aber Thomas Weisbecker frei. Georg, der wie Thomas einen afro-mäβigen Haarschmuck á la Jimi Hendrix trägt, steht bei diesen Worten auf, umarmt Thomas und verlässt unbehelligt das Gericht. Als die Schlieβer dann Thomas abführen wollen, protestiert der natürlich lautstark und verweist auf den Richter, der ihn gerade vor ein paar Minuten freigesprochen hat.

Eine Woche nach der Erschieβung besetzt in Kreuzberg eine Gruppe von Jugendlichen nach einem Teach-in mit Ton-Steine-Scherben-Konzert in der TU ein Nebengebäude des leerstehenden Bethanienkrankenhauses. Spontan taufen sie es »Georg-von-Rauch-Haus«. Polizei und reaktionäre Presse toben.

Ton Steine Scherben – Rauchhaus-Song

Und wir schreien es laut/Ihr kriegt uns hier nicht raus/Das ist unser Haus.

Die Besetzung ist gut vorbereitet und zählt auf einen breiten Unterstützerkreis, zu dem auch Universitätsprofessoren und Sozialarbeiter:innen gehören. Die Vollversammlungen, auf denen über das weitere Vorgehen diskutiert wird, sind öffentlich. Wir waren nicht in der TU und kommen erst am zweiten Abend in Bethanien an. Das Haus ist abgedunkelt wie im Krieg und rundum bewacht von zottelhaarigen Jugendlichen, einige in Begleitung von gefährlich aussehenden Hunde-Artgenossen. Nachdem die Wachposten uns in Augenschein genommen haben, zeigen sie uns den Weg zum versteckten Hintereingang. Als die Tür auf Klopfzeichen hin von innen geöffnet wird, schlagen uns eine dicke Rauchwolke und ein hitziger Wortwechsel um das weitere Vorgehen und die Verhandlungsstrategie entgegen. Manfred K., einer der Profs, die auf Sperrmüllstühlen sitzen, schlägt die Bildung einer Delegiertengruppe vor, die mit dem engagierten »linken« SPD-Stadtrat Beck in Verhandlungen treten soll.

»Die hau’n uns doch eh nur wieder in die Pfanne«, entgegnen einige stimmgewaltige, mit Bierflaschen bewaffnete Treber:innen28. »Politiker sind alles professionelle Lügner.«

HAP hat seine Lederjacke an, die er beim Urlaub in Paris auf dem Flohmakt gekauft hat. (Ähnelt der Jacke, die Bob Dylan auf dem cover von Blonde on Blonde trägt.) Er versucht, cool auszusehen. Trotzdem sieht man ihm auf den ersten Blick an, dass er nicht zu den Besetzer:innen gehört. Die Rauch-Haus-Jugendlichen kommen aus einer anderen sozialen Welt. Ein Teil sind Lehrlinge, andere Treber:innen, die von zu Hause oder aus Heimen abgehauen sind. Die Straβe ist ihr Zuhause. Gudrun und HAP stehen etwas verschüchtert an der Wand und trauen sich nicht zu Wort. Fühlen sich fremd. Ich selbst fühle mich auch nicht besonders. Vor allem,...

Erscheint lt. Verlag 1.2.2025
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Baskenland • Hausbesetzung • Knast • linke Bewegung • radikale Linke
ISBN-10 3-910281-99-0 / 3910281990
ISBN-13 978-3-910281-99-8 / 9783910281998
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Roman

von Wolf Haas

eBook Download (2025)
Carl Hanser (Verlag)
CHF 18,55

von Takis Würger

eBook Download (2025)
Diogenes Verlag AG
CHF 22,45