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Sphäre über Berlin (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
390 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-3590-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Sphäre über Berlin -  Manuel Merk
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Wie tief kannst du in deinen eigenen Abgrund blicken? Als über dem Berliner Alexanderplatz eine schwarze Sphäre erscheint, hat dieses Phänomen drastische Konsequenzen für den seelisch geplagten Callcenteragenten Robert. Bizarre Horrorvisionen und eine unerklärliche Anziehungskraft zu der mysteriösen Kugel führen ihn auf eine leidvolle Suche nach Antworten. In einer fremden, mit Asche bedeckten Welt erwacht der von Schmerzen gezeichnete Ezra mit bruchstückhaften Erinnerungen an seine Identität. Begleitet von einem biomechanischen Wesen versucht er verzweifelt, einen Weg nach Hause zu finden. Während Robert und Ezra in ihren eigenen Kämpfen gefangen sind, ahnen sie noch nicht, dass ihre Schicksale untrennbar miteinander verknüpft sind. Begib dich auf eine melancholische Reise zwischen psychologischem Science-Fiction-Drama, Dark Fantasy und Queer Romance.

Manuel Merk, 1984 geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Ursprünglich aus dem süddeutschen Raum stammend, sammelte er vielfältige Berufserfahrungen - von Hausmeisterdiensten und Vertrieb über Büroverwaltung bis hin zum Operations-Management. Nach dem Studium der Wirtschaftskommunikation und einer Weiterbildung zum Drehbuchautor widmete er sich schließlich mit ganzer Leidenschaft dem Schreiben. In seinem Debütroman »Sphäre über Berlin« kombiniert er psychologisches Science-Fiction-Drama, Dark Fantasy und Queer Romance zu einer eindringlichen Geschichte über die Abgründe der menschlichen Seele. Abseits des Schreibens ist er passionierter Kinogänger, Videogamer und eine alles verschlingende Leseratte. Und wenn er nicht gerade in fiktive Welten abtaucht, führt er hitzige Diskussionen darüber, warum Pizza wirklich ein legitimes Frühstück ist.

Robert


Ich kotz im Kreis!

Robert eilte zu seinem Schreibtisch in Telefonblock Acht und klemmte sich das Headset schief über seine rotbraune Wuschelfrisur. »Quickel24, mein Name ist Robert König. Was kann ich für Sie tun?«, schnaufte er ins Mikrofon.

Ein Gedicht, das er täglich bis zu achtzig Mal aufsagen musste. Immer mit der gleich klingenden, aufgesetzten Freundlichkeit, immer mit der selbstverständlichen Lösung des Kundenproblems. Das Ziel war eine möglichst hohe Kundenbewertung nach dem Telefonat über einen E-Mail-Link. »Konnte ich Ihr Anliegen zu Ihrer Zufriedenheit lösen?« Ein Feedback mit zehn von zehn goldenen Quickel24-Icons war der digitale Jackpot, der bei allen Callcenteragenten eine Euphorie auslöste wie Weihnachtsgeschenke bei Kleinkindern.

Während seine Anrufer oftmals sehr angetan von Roberts fundiertem Fachwissen waren, konnten seine Kollegen nicht sonderlich viel mit ihm anfangen. Sie empfanden ihn als eigenbrötlerischen Eremiten, der niemanden gern an sich heranließ. Er war außerdem kein strahlender Sonnenschein, der seine Kollegen mit wohltuender, positiver Wärme verwöhnte. Er war eher die kleine schwarze Spinne, die hinten im Raum saß und mit der niemand etwas zu tun haben wollte. Man wusste, die Spinne war irgendwo da, aber man wollte nicht unbedingt vorbeischauen und Hallo sagen.

Seit drei Jahren arbeitete er im Callcenter des Online-Möbelshops Quickel24 am Standort Berlin Mitte. Davor telefonierte er in vier anderen Callcentern, aber hier gefiel es ihm noch am besten. Der Druck war da, aber er war hübsch verpackt, wie ein kleines, süß duftendes Geschenk, mit einem giftigen Kuchen darin. In anderen Callcentern ging es weitaus schlimmer zu; bei einem hielt er es nur zwei Monate aus, bevor er streikte.

Sein Blick wanderte zur Armbanduhr und verweilte dort einen Augenblick. Es war Donnerstag, 12:28 Uhr, am 22.10.2026. Die Sekunden schienen langsamer zu vergehen als sonst. Manchmal hatte er sogar den Eindruck, die Uhrzeiger liefen kurz rückwärts, bevor sie sich wieder vorwärtsbewegten. Er ließ seinen Blick gelangweilt aus dem Fenster schweifen und sah Menschenströme, Touristen, Leute ohne Arbeit und Leute mit Arbeit und viel zu frühem Feierabend. Er sehnte sich nach Freiheit, Ruhe und seiner Fotografie.

Im Büro des siebenstöckigen Komplexes war es selbst im Herbst so stark klimatisiert, dass man problemlos Kaiserpinguine auf den Fluren halten könnte. Ein eisiger Luftzug fuhr an seiner Nase vorbei. Die Fenster konnten nicht geöffnet werden. Robert fragte sich oft, ob sie befürchteten, dass jemand herausspringen könnte. Manchmal hatte er selbst diesen Gedanken.

Das Arbeiten im Callcenter glich einer Massentierhaltung. Unterbezahlte Nutztiere wurden auf kleinstem Raum zusammengepfercht und von den Bauern mit der Peitsche angetrieben. Dazwischen gab es ein bisschen lebenserhaltendes Futter und einen lobenden Klaps auf die Schulter, bevor es wieder ans Arbeiten ging. Irgendwann fiel das ein oder andere Vieh um und musste ersetzt werden, was heutzutage kein Problem war, der Markt war voll mit Vieh.

Er hatte sich zu sehr an das Leben im Callcenter gewöhnt, zu sehr hatte er sich damit abgefunden, hier zu sein.

»Robert, könntest du bitte wieder auf ›Verfügbar‹ gehen? Danke!« Mit einem schwülstigen Lächeln drehte sich Team-Supervisor Mike sofort wieder um und huschte zu seinem kleinen, schmucken Thron am Ende des mit hundertfünfzig Menschen vollgestopften, lärmenden Massenstalls.

Kontrolle. Kontrolle war das Wichtigste, Performance über alles. Robert sah diese Supervisoren wie Überwachungsorgane, die aus George Orwells »1984« entsprungen sein könnten. Sie saßen den ganzen Tag vor einem blinkenden Bildschirm, um zu sehen, wer gerade nicht telefonierte und wer zu lange auf der Toilette saß. Es war eines dieser hippen Unternehmen, in denen selbst das Top-Management Sportschuhe und Schlabberhemden trug. Nicht selten sah man den Personalleiter mit flauschigen Pantoffeln herumschlurfen, um die Yucca-Palmen mit dem Rest aus seinem Trinkwasserglas zu beglücken.

Um die Meute bei Laune zu halten, wurde im Team jede Woche das goldene Feedback vergeben. Wenn ein Kunde nach einem Telefonat ein besonders positives schriftliches Feedback verfasst hatte, wurde dieses feierlich vor der Gruppe präsentiert. Der Gewinner erhielt einen zehn Euro Gutschein für ein neues Möbelstück von Quickel24. Wenn das Feedback schlecht ausfiel, gab es ein Gespräch in einem kleinen, noch kühleren Besprechungsraum. Niemand wollte dorthin. Es war ein drei mal vier Meter großes Büro mit aggressivem Neonlicht und einem Vorgesetzten, der aus zwei schlecht ausgedruckten Fact-Sheets die Performance der letzten Woche herauslas. Fräulein Esmeralda und ihre beschissene Kristallkugel.

Johanna, seine beste Freundin, saß heute glücklicherweise neben ihm und schmiss ihr Headset auf den Tisch. Sie richtete sich auf und stürmte aus Telefonblock Acht.

»Hey, was ist los?«, rief Robert ihr noch hinterher.

Sie drehte sich nicht um und lief zielgerichtet auf Mikes Tisch zu. Was genau sie besprachen, konnte er nur erahnen. Wird sie die nächste sein? In letzter Zeit sind wieder viele Kollegen gegangen – beziehungsweise gegangen worden. Die Zusammensetzung aus dem zweiwöchigen Training zu Beginn hatte sich längst verändert. Wer schlechte Laune verbreitete, ging. Wer zu langsam war, erhielt noch ein oder zwei Trainings und ging dann. Konnte man Kundenprobleme nicht lösen, ging man eh. Alles lief immer nur aufs Gehen hinaus. Doch irgendwie war Robert immer noch hier.

Johanna kehrte nach ein paar Minuten mit hochrotem Kopf an ihren Platz zurück, und Robert rollte zu ihr rüber.

»Hase, was ist los?« Er legte beruhigend seine Hand auf ihre Schulter.

»Ach, so ein Vollhorst von einem Rentner schafft es nicht, sein Kloggo-Regal aufzubauen, und ich soll ihm aus der Ferne dabei helfen oder auf unsere Kosten einen Monteur schicken. Andernfalls wird er seinen Anwalt einschalten und hat meinen Namen notiert.«

»Autsch«, verzog Robert das Gesicht und fühlte mit ihr.

Kunden konnten manchmal regelrecht Bestien sein, besonders die älteren Generationen hatten oft Schwierigkeiten mit den modernen Aufbaukonzepten von Quickel24. Früher wurden Dübel in Löcher gesteckt, heute klappte man Ecken einfach um. Weniger Kleinteile, weniger Plastiktüten – alles im Sinne der Umwelt. Green Planet, Green Life, Green Washing – Quickel24, wo unterbezahlte Kinder aus ärmeren Ländern zehn Stunden am Tag giftigen Kleber einatmeten, damit die Europäer nicht so viele Dübel verwenden mussten.

»Hat er keine Familie oder Freunde, die ihm helfen können?«, fragte Robert.

»Nein, anscheinend lebt er ganz allein in einer Hütte auf dem Mond in einer anderen Galaxie.«

»Und was hat Mike dazu gesagt?«

»Na, was wohl? Ich soll mir etwas einfallen lassen! Schließlich bin ich ja sonst so kreativ bei der Lösungsfindung.«

Er senkte den Kopf und lächelte. »So kennen wir ihn, ein typischer Mike eben.«

Beide grinsten angestrengt, dann nahm sie wieder ihr Headset in die Hand. »Ich werde es schon irgendwie hinbekommen. Wie wäre es heute Mittag mit einer Asia-Box?«

Robert nickte und drehte sich zurück zu seinem Platz, setzte das Headset auf und begrüßte den nächsten Kunden mit einem überfreundlichen, künstlichen Lächeln.

Johanna hatte vor drei Jahren gemeinsam mit Robert im Callcenter angefangen. Seit der ersten Woche waren sie unzertrennlich. Ihre Freundschaft war so eng, dass einige Kollegen dachten, sie hätten sich schon vor Quickel24 gekannt. Andere hatten kaum eine Chance, sich mit einem der beiden anzufreunden. Doch was Robert an Johanna am meisten faszinierte, war ihr musikalisches Talent. Sie schrieb eigene Songs und nahm an Chanson-Wettbewerben teil, bei denen sie oft unter den besten Drei war. Sie brannte dafür. Meistens drehten sich ihre Stücke um Liebe oder den Verlust davon. Sie hatte Träume, arbeitete an ihrem ersten Album und investierte sämtliche Ersparnisse in ihre stimmliche Ausbildung.

Die beiden saßen im Imbiss um die Ecke und stocherten schweigend in ihren Asia-Boxen herum. Die Nudeln schmeckten wie gewohnt fad, mit Sojasoße übergossen und reichlich fettig. Der Preis war hier das entscheidende Kriterium; immerhin zahlte die Firma zwei Euro pro Essen dazu. Da sie beide nur durchschnittlich bis unterdurchschnittlich verdienten, war das ein unschlagbarer Bonus. Das Gehalt schwankte stark, je nach Kundenfeedback. In einem Monat mit vielen positiven Rückmeldungen gab es auch mal ein bisschen mehr. Leider konnten Kunden, trotz ihrer Zufriedenheit, aus Versehen auf den falschen Button drücken und so das Gehalt schmälern.

Die öligen Eiernudeln schafften es nicht, die Sojasoße aufzunehmen, und so bildete sich am Boden der Nudelbox ein kleiner, trauriger, schwarzer See, in den Robert das blasse Hühnchenpressfleisch ertränkte. Er steckte die Gabel in die Box und lehnte sich zurück in den sich verbiegenden Plastikstuhl.

»Das ist echt...

Erscheint lt. Verlag 4.2.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Fantasy / Science Fiction Science Fiction
Schlagworte Dark Fantasy • dystopisches Abenteuer • Melancholie • Psychologisches Science-Fiction-Drama • queer romance • Seelische Abgründe • urban mystery
ISBN-10 3-7693-3590-2 / 3769335902
ISBN-13 978-3-7693-3590-3 / 9783769335903
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