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Filmen in Umbruchzeiten -  Björn Seidel-Dreffke

Filmen in Umbruchzeiten (eBook)

Deutschland und der sowjetische Dokumentarfilm im 20. Jahrhundert. Miscellen
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
236 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-7337-0 (ISBN)
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Vorliegendes Werk ist unter anderem ein Ergebnis von Recherchen im Bundesarchiv-Filmarchiv zu Berlin. Wenig bekannt ist der Fakt, dass dort ein noch aus DDR-Zeiten stammender recht umfangreicher Bestand an sowjetischen Filmen lagert. Einen Großteil bilden dabei Dokumentarfilme. Eine Auswahl davon wird in Annotationen im Buch vorgestellt. Das Buch liefert wichtige Bausteine zum Blick auf Deutschland im sowjetischen Dokumentarfilm. Der Blick reicht von den Anfängen bis in die 1970er Jahre. Dabei werden unter anderem Parallelen zwischen Dziga Wertows und Walther Ruthmanns Stadtdarstellungen aufgezeigt. Die Auseinandersetzungen mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg, aber auch der Blick auf das in der DDR entstehende Deutschland werden reflektiert. Darüber hinaus verfolgt der Autor Spuren des Einflusses der sowjetischen Kulturoffiziere auf die DEFA der frühen Nachkriegszeit. Doch auch deutscher Einfluss auf sowjetische Dokumentarfilme wird anhand der Rezeption von Richard Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk deutlich. Zwei Biografien über Hans Klering, einer der ersten DEFA-Direktoren, und den sowjetischen Dokumentarfilmer Roman Karmen runden das Buch ab. Im Anhang gibt es für Interessierte einen Einblick in die "Ostmark-Wochenschau" und die "UFA-Tonwochen" der Jahre 1938-1940.

Dr. phil. habil., geboren 1963, wohnhaft in Berlin, 1978-1982 Besuch der Russischspezialschule Wickersdorf, 1982-1987 Studium der russischen Literatur in Kasan, UdSSR, ab 1987 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR im Projekt Russische Literatur des 19. Jahrhunderts bei Prof. Dieckmann, ab 1990 Universität Potsdam, Institut für Slawistik, Gastseminare an der Universität Rostock, 1991 Dissertation zu "Die Haupttendenzen der internationalen Gogol'forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (deutschsprachiges Gebiet, USA, Großbritannien, Sowjetunion)" in Rostock, 2004 Habilitation zu "Die russische Literatur Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und die Theosophie E. P. Blavatskajas. Exemplarische Untersuchungen. (A. Belyj, M. A. Voloshin, V. I. Kryzanovskaja, Vs. S. Solov'ev)" in Halle, habilitierter Slawist (Literaturwissenschaft und Kulturgeschichte), 2004 wissenschaftlicher Dokumentar mit Feldseminaren beim SWR Baden-Baden, Bundesarchiv Filmarchiv (Bundesfilmarchiv) mit der Abschlussarbeit zu "Überlegungen zur Erarbeitung eines kontrollierten Vokabulars für den russischsprachigen Dokumentarfilmbestand im Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin" in Potsdam, 2006 DEFA-Stipendium "100 Jahre Hans Klering. DEFA-Direktor und Vorstandsvorsitzender, Regisseur, Darsteller und Sprecher, Autor und Grafiker" in Berlin, seit 2004 Privatdozent und freiberuflicher Autor, Übersetzer, Dolmetscher und Lektor, Autor zahlreicher Bücher, Aufsätze, Lexikonartikel und Internetbeiträge (seidel-dreffke.blogspot.com/p/bibliografie.html), im Ruhestand.

VORWORT


Dr. Björn Seidel-Dreffke

Slawistischer Philologe und Wissenschaftlicher Dokumentar

Die Geschichte des sowjetischen Dokumentarfilms stellt hierzulande ein echtes Desiderat der Forschung dar. Dies mag einerseits damit Zusammenhängen, dass der Dokumentarfilm an sich relativ spät als zu betrachtendes Untersuchungsobjekt in den Fokus der Forschenden gelangte. Dies erfolgte erst seit den ca. 1970er Jahren. Alle nun hier Beteiligten ist mir kaum möglich zu benennen, da es ja auch nicht um eine geschichtliche Darstellung des Dokumentarfilms gehen soll. Es sei aber an dieser Stelle auf die von Peter Zimmermann verantworteten Buchausgaben zur Geschichte des deutschen Dokumentarfilms verwiesen.1 2 Zimmermann war 1992-2006 Wissenschaftlicher Leiter des im Herbst 1991 vom Süddeutschen Rundfunk, dem Land Baden-Württemberg u. a. gegründeten „Hauses des Dokumentarfilms. Europäisches Medienforum Stuttgart e. V.“ (www.hdf.de). Im Rahmen dieser Tätigkeit stand er verantwortlich für regelmäßige Durchführungen von Tagungen, Seminaren, Workshops, Film-Retrospektiven und Ausstellungen, war Mitherausgeber der Schriftenreihe des Hauses Close up im Universitätsverlag Konstanz (UVK) und für den Aufbau einer Videothek und Datenbank zum deutschen und internationalen Dokumentarfilm.

Auf das Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart sei an dieser Stelle besonders als einen Ort verwiesen, der sich um die Sammlung des deutschen Dokumentarfilmbestandes besonders verdient gemacht hat.

Das Haus des Dokumentarfilms (HDF) in Stuttgart ist eine in Europa einmalige Einrichtung. Ihr Ziel ist, dokumentarische Filme zu fördern, zu präsentieren und zu sammeln. Mit einem umfangreichen Online-Angebot, Filmabenden, Meisterklassen und Workshops sowie jährlichen Fachtagungen wie DOKVIL-LE und dem Roman Brodmann Kolloquium richtet sich das Haus des Dokumentarfilms an Branchenangehörige, Film- und Kinofans sowie generell an kulturell Interessierte.3

Ein, nennen wir es, im „Osten zu verortendes Pendant“ dazu wäre das „Bundesarchiv-Filmarchiv“, welches natürlich nicht ausschließlich auf die Sammlung von Dokumentarfilmen spezialisiert ist und natürlich auch eine andere Geschichte und Ausrichtung hat als das HDF. Über 250.000 Dokumentar- und Spielfilme bilden den Bestand dieser Abteilung Filmarchiv des Bundesarchivs.

Besondere Schwerpunkte der filmischen Überlieferung sind:

  • Filmmaterial aus der Frühzeit des Kinos seit 1895
  • Filme aus dem Zeitraum 1930 bis 1945
  • Kinowochenschauen nach 1945
  • Filme aus der DDR
  • Auftragsproduktionen der Bundesbehörden
  • Filme, die mit Mitteln der Bundesrepublik Deutschland gefördert wurden.

Die Sammlung von filmbegleitenden Materialien umfasst u. a. Verleihkataloge, Programme, Fotos, Plakate, Drehbücher, Zensur- und Zulassungsunterlagen.4

Ein besonderer „Schatz“ sind aber auch sowjetische Spiel- und Dokumentarfilme, welche der DDR seitens der Sowjetunion als Bildungs-, Schulungs- und Forschungsmaterial zur Verfügung gestellt wurden und sich im Bundesfilmarchiv befinden. Einige davon konnten auf einer Retrospektive des Bundesfilmarchivs im Jahr 2003 vorgestellt werden, an dessen Vorbereitung ich damals das Glück hatte, beteiligt gewesen zu sein, und aus der damaligen Arbeit mit dem Filmmaterial sich eben auch Facetten des in diesem Band vorgestellten Materials ergaben.

Retrospektiven wie diese sind, wie auch vereinzelte Aufführungen sowjetischer Dokumentarfilme, aus meiner Sicht ein wichtiges Element der deutsch-russischen Erinnerungskultur. Unabhängig vom gegenwärtigen politischen Tagesgeschehen gab es mannigfach historische Wechselbeziehungen zwischen Russland und Deutschland, die ebenfalls vor allem, was den literarischen Bereich und die allgemeine Kulturgeschichte betreffen, schon hinreichend aufgearbeitet sind. Hier sei in Ermangelung der Möglichkeit einer ausführlichen Diskussion auf die Untersuchungen von Lew Kopelew (1912-1997) verwiesen.4 5

Doch hier lässt sich wie auch in anderen Publikationen zur deutschrussischen Wechselseitigkeit doch eben der Bezug zum sowjetischen Dokumentarfilm und dessen eventuellen deutschen Implikationen und Bezügen vermissen. Dies mag einerseits an einer recht konservativen Ausrichtung der Universitäten, was den Bereich der Slawistik betrifft, liegen. Der sowjetische Film war hier als Unterrichtsgegenstand und Objekt der Forschung kaum präsent und ist es, soweit ich es überblicke, bis jetzt nicht. Natürlich gab und gibt es in diesem Bereich auch „Vorreiter“.

Doch ein „Nestor“ der Erforschung des sowjetischen Dokumentarfilms in Deutschland agierte auch wiederum außerhalb des universitären Rahmens. Kurz soll hier auch an den aus meiner Sicht und ausgehend von seinen Plänen viel zu früh verstorbenen Hans- Joachim Schlegel (1942-2016) erinnert werden. Er war vor allem auf Filme aus Mittel- und Osteuropa spezialisiert. Schwerpunkte seines Schaffens bildeten dabei Sergei Eisenstein6 und Andrei Tarkowski7. Zwar hatte Schlegel Lehraufträge im In- und Ausland, eher im letzteren Bereich, aber zu einer nachhaltigen Festanstellung kam es nie. Schlegel war auch für Festivals als Scout für osteuropäische und postsowjetische Filme tätig sowie auch als Jury-Mitglied auf zahlreichen Filmfestivals. Einen wichtigen Schwerpunkt seines Schaffens bildeten die sowjetischen Dokumentarfilme.8

Der Umstand, dass das Feld des sowjetischen, aber auch postsowjetisch-russischen Dokumentarfilms in Deutschland recht wenig Beachtung im Verhältnis zu seiner eigentlichen Relevanz hat, bewog mich zur Erstellung des vorliegenden Buches. Es enthält Ergebnisse von Spurensuchen auf dem Gebiet des sowjetischen Dokumentarfilms, die während meiner verschiedenen Tätigkeiten im Bundesfilmarchiv in den Jahren 2003-2004 entstanden und weiter aktualisiert wurden. Die Idee zur Beschäftigung mit dem Dokumentarfilm erhielt ich durch Anregungen meines Aufenthalts im Haus des Dokumentarfilms im selben Zeitraum. Im Mittelpunkt stehen hier das Deutschlandbild im sowjetischen Dokumentarfilm, der Einfluss des SMAD auf die deutsche Wochenschau und Dokumentarfilmproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg in der sowjetisch besetzten Zone und in der DDR. Da ich mich in letzter Zeit intensiver mit dem Schaffen R. Wagners und entsprechenden Russland-Bezügen befasste, ergab sich daraus auch ein Aufsatz.

Um Interessenten einen Überblick über besonders wichtige, sich im Bundesfilmarchiv befindliche sowjetische Dokumentarfilme zu geben, wurden von mir verfasste Annotationen der Filme in diesen Band aufgenommen.

Doch nicht nur die Dokumentarfilme an sich, auch deren Schöpfer oder Mitschöpfer fielen vielfach nach und nach der Vergessenheit anheim. Nun galt es wieder auszuwählen, wenigstens 2 der hier etwas aus ideologischen Gründen ins Hintertreffen geratenen sollten vorgestellt werden.

Dankenswerterweise erhielt ich von der DEFA-Stiftung im Jahr 2006 ein Stipendium zur Erforschung von Leben und Werk von Hans Klering, einer der ersten DEFA Direktoren und u. a. für den Dokumentarfilmbereich und Wochenschau zuständig. Ich blieb die folgenden Jahre an seiner Biografie dran. Doch wie es oft so ist, kommt, je länger man forscht, umso mehr Material zustande. So steht die „geschriebene“ Biografie noch aus und sein Leben findet tabellarisch geordnet Eingang in diesen Band. Hinzu kommen kurze Statements seines Sohnes Pawel Klering und von Zeitgenossen, die ihn kannten.

Ein zweiter Protagonist, für dessen Vorstellung ich mich entschieden habe, ist Roman Karmen. Einer der bedeutendsten sowjetischen Dokumentarfilmer, hierzulande gerne vergessen, wie ich meine aus ideologischen Gründen. Interessant waren und blieben vor allem die, deren Leben und Schaffen gegen das Sowjetsystem gerichtet war. Doch sollte die Erinnerungskultur sich im 21. Jahrhundert dahin entwickeln, auf das Werk, die Verdienste zu schauen und weniger darauf, unterstützt die Person die gerade aktuelle Tagesmeinung oder nicht.

Als Anhang gestatte ich mir einen Aufsatz über die „Ostmark-Wochenschauen“ und „UFA-Tonwochen“ im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges anzufügen.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle noch bei den Mitarbeitern des Bundesfilmarchivs sowie des Hauses des Dokumentarfilms. Mein besonderer Dank gilt Thomas Seidel, der Lektorat und Korrektorat des Buches übernahm sowie auch dessen Layout. Ohne seine Hilfe wäre dieser Band nicht zustande gekommen.

Björn Seidel-Dreffke, Berlin, Dezember 2024

Vielleicht können unsere Filmschaffenden auf Grund der mitgeteilten Gedanken ihre Arbeit an Filmschöpfungen verdessern – das wäre doch ein Fortschritt. Vielleicht finden unsere Künstler neue Wege, wachsen über die angegebenen Beispiele hinaus — die Aneignung der Erfahrungen hätte sich gelohnt.

Hans Klering

1906-1988, deutscher Schauspieler, Regisseur, Sprecher, Grafiker und Autor, Gründungsmitglied der DEFA, einer ihrer Direktoren und Vorstandsvorsitzender, Ehrenspange zutn Vaterländischen Verdienstorden in Gold...

Erscheint lt. Verlag 21.1.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7693-7337-5 / 3769373375
ISBN-13 978-3-7693-7337-0 / 9783769373370
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