Wir sollten Ferrucci fragen (eBook)
172 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-6451-4 (ISBN)
Wilfried Schaus-Sahm Wilfried Schaus-Sahm, der 1949 in Aachen geboren wurde und in Aachen und Freiburg Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studierte, arbeitet als Künstler, Konzertveranstalter, Kurator und Autor in Duisburg. Er gründete und gestaltete als künstlerischer Leiter mehrere Musikfestivals und Konzertreihen, u.a. das internationale Traumzeit-Festival in Duisburg. Schaus-Sahm trat in Einzelausstellungen als Maler, Grafiker und Fotograf hervor. 2012 entwickelte er das Konzept der Duisburger Mercator Matineen, deren Programm er seitdem kuratiert. 2023 zeichnete ihn die Stadt Duisburg für seine Verdienste um Kultur, Wissenschaft und Bildung mit der Mercator Ehrennadel aus. Zuletzt erschienen der Roman Denner, die Konzertanekdoten Grappellis Geigenkasten und der Lyrikband Fragen an die Wissenschaft.
Floras wenig göttliche Füße
„Ich bins, Lydia. Kannst Du vorbeikommen? Es ist wichtig! Es geht um Botticelli.“
Oliver Krol absolvierte seinen morgendlichen Spaziergang. Der Arzt hatte ihm Bewegung verordnet. Die Mahnung war deutlich. Es sei zwar löblich, dass er mit dem Rauchen aufgehört habe, aber er sollte sein Übergewicht ernst nehmen. Er war nicht der Typ, der sich im Fitnessstudio quält, und so lief es auf eine übliche Runde um den Weiher hinaus, der nicht weit hinter seinem Haus lag. Zumindest ein kleiner Sieg gegen den inneren Schweinehund.
Lydia Volland hatte er vor mehr als zwanzig Jahren während des Studiums kennengelernt. Als zielstrebiger angehender Ingenieur beschäftigte er sich mit der Geschichte des Brückenbaus, sie war Feuer und Flamme für die Geschichte der Malerei.
Damals hatte sich spontan ein Spielchen zwischen ihnen entwickelt. Während er über ihre brotlose Kunst spöttelte, konterte sie mit seinem angeblichen Kulturbanausentum. Nach den Examina blieben sie aneinanderhängen, pflegten über zwei Nachbarstädte hinweg eine lockere Fernbeziehung. Er gründete in Köln ein Unternehmen, das sich auf Wasserwirtschaft konzentrierte. Sie lebte in Düsseldorf, machte sich einen Namen als Kunstsachverständige und führte ihre Geschäfte von einem Penthouse Apartment mit Dachgarten, das sie dank einiger günstiger Kontakte hatte erwerben können.
Beide gingen in ihren Berufen auf. Kinder und Familie gehörten nicht zum Lebensentwurf. Es ging ein paar Jahre gut. Sie konnten mit ihren Gegensätzen umgehen, aber irgendwann ließ sich ihr unterschiedlicher Blick auf die Welt nicht mehr vereinbaren. Er, nüchtern und prosaisch in seinen Urteilen, trat immer dominanter auf, sie hielt immer selbstbewusster dagegen. Während die Frotzeleien bissiger wurden, kam der sexuelle Appetit aufeinander abhanden. Es lief nicht mehr.
Seine Leibesfülle machte ihn mehr und mehr unattraktiv. Der Herr Ingenieur konnte die eigenen Längen- und Breitenmaße nicht mehr in eine stimmige Korrelation bringen. Sie ließ sich nicht gehen, wollte nicht als Fremde in der eigenen Weltanschauung wandeln und versuchte, mit einem definierten Körper ihre Schönheitsideale nicht zu verraten. Die Spannung verflog, sie unterzogen ihr Verhältnis einer nüchternen Revision, deren Resultat dennoch unterm Strich auf ein beachtliches Maß gegenseitiger Wertschätzung hinauslief. Auf dieser Basis blieben sie befreundet.
„Worum geht es genau?“
„Ich bekomme heute Mittag Besuch von Docteur Jérôme Nagelmackers, einem belgischen Kunstsammler. Ich hätte dich gerne dabei.“
Er steckte das Handy ein, ging zurück, duschte und machte sich auf den Weg.
Sie stand bereits in der Tür. Groß. Schlank. Mit dieser blonden Mähne, die ihn schon damals an ihr fasziniert und erotisch stimuliert hatte. Die Natur hatte ihr mit nicht zu bändigenden Wirbeln eine wilde Création geschenkt, die jeden Coiffeur vor Bewunderung sprachlos machte. Sie färbte das Haar jetzt einen Ton heller, um die Alterung des Hauttons zu kontern. Sie war nicht gewillt, der Verwitterung freien Lauf zu lassen. Alles war ein wenig getuned.
Auch mit dem vorsichtigen Einsatz von Botox, Fillern und Hyaluron im Gesicht hatte sie begonnen. Seit einem Jahr trug sie eine übergroße schwarze Designerbrille von Lindberg. Als einziges Accessoire fiel ein Spannring mit einem weißen Diamanten am Mittelfinger der linken Hand auf, womit sie ungewollt einen ´Fingerzeig` auf ihr wahres Alter gab. Die zunehmend faltigen Hände ließen sich nicht verbergen.
Dass Ästhetik in Vollands Leben eine wichtige Rolle spielte, war auf den ersten Blick zu erkennen, wenn man ihre Wohnung betrat. Ein kunterbuntes, aber geschmackvoll zusammengestelltes Potpourri aus Möbeln und Designobjekten, kleinen Skulpturen und Gemälden, die sie bei Atelierbesuchen erstanden hatte. All das strahlte dennoch Klarheit aus. Die Wände hatte sie in warmen, erdigen Farbtönen gehalten, die eine beruhigende Atmosphäre schufen.
Die Auswahl des Mobiliars ließ ihre Vorliebe für skulpturale Formen und zeitgenössisches Design erkennen. Sie hatte keinen Innenarchitekten benötigt, um ihre Wohnung einzurichten, erlag auch nicht der Versuchung, ihr Heim zu einer Möbelausstellung umzufunktionieren. Sie verzichtete auf die üblichen Eames- und Le Corbusier-Versatzstücke, kombinierte stattdessen andere Klassiker mit Fundstücken und liebgewonnenen Utensilien.
Lediglich die teure Küche schien nicht recht zu passen. Da Volland meist auswärts aß, wurde sie nicht mit Leben gefüllt.
Ihr extravagantes Penthouse stand in krassem Gegensatz zu Krols sachlichem Bungalow am Rande eines Gewerbegebiets. Bei der Einrichtung fiel nur die ständig wachsende Sammlung von Flugzeugmodellen auf, die er während des Wehrdienstes bei der Luftwaffe begonnen hatte. Auf einer schlichten Kommode thronte als Prunkstück eine handgefertigte Edition der Submarine Spitfire, eines legendären britischen Jagdflugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg.
Das Auto parkte er auf der Straße, denn in der Garage hing mit einer Spannweite von über drei Metern sein ganzer Stolz: eine maßstabsgetreue Nachbildung des legendären Spionageflugzeugs Lockheed SR-71 Blackbird.
Krol hatte viel von seiner Freundin gelernt und mit den Jahren durch sie ein Interesse an Kunst, vor allem an der Malerei - quer durch alle Epochen - entwickelt. Aber er fremdelte mit ihr, wenn sie Gemälde, Plastiken, Installationen ´Arbeiten` nannte und dabei das Wort parfümierte, als verströme es den Duft seltener Rosen aus den mit goldenen Gittern umzäunten Paradiesgärten ihrer Kunstkennergilde.
„Danke, dass Du Dir die Zeit nimmst. Nagelmackers will wissen, ob man sicher sein könne, dass er keiner Fälschung aufgesessen ist. Er hat bei einer Auktion eine große Summe für zwei Botticelli-Zeichnungen auf den Tisch gelegt. Genaues wollte er nicht sagen, aber die Preise für Renaissance-Werke gehen durch die Decke. Nagelmackers kennt das Spiel, ihm ist klar, dass es sich um einen Wettlauf zwischen Fälschern und Experten handelt. Der Fälscher muss selbst Experte auf der Höhe der Zeit sein, wenn seine Fälschungen andere Experten überzeugen sollen.
Trotz aller wissenschaftlichen Expertisen kann es vorkommen, dass die Fälscher im Zweikampf mit den Experten gerade die Nase vorn haben. Nagelmackers meint, ich könnte ihm Gewissheit verschaffen. Er hat mir die Bilder durch ein Kunsttransportunternehmen zur Vorbereitung unseres Treffens schon zukommen lassen.“
„Und wahrscheinlich für den Transport auch mit einem netten Sümmchen angemessen versichert.“
„Davon gehe ich aus.“
Er folgte ihr ins Arbeitszimmer, in dem ein mächtiger Archivschrank eine Wand des Raumes einnahm. Die lichtundurchlässig verpackten Rahmen lagen auf dem großen Arbeitstisch bereit. Mit ihren feinen noppenlosen Baumwollhandschuhen breitete Volland die beiden Werke auf der Tischplatte aus. Es war jeweils eine weibliche Figur auf rosafarben eingefärbtem Papier mit Bleiweiß gehöht dargestellt. Die skizzierten Frauen wirkten dadurch fast dreidimensional, als ob Licht auf sie fiele.
„Es sind offensichtlich Zeichnungen vom Modell, um bestimmte Positionen für spätere Gemälde zu studieren und festzulegen. Vergleichbare Skizzen von Botticelli kennt man aus der Sammlung der Medici im Archiv der Uffizien. Es könnte sich um Vorarbeiten zur Gestaltung der Flora in seinem Gemälde La Primavera handeln. Möglicherweise war das Modell Botticellis Muse Simonetta Vespucci, die Regina della Bellezza, von der Dichter wie Bernardo Pulci schwärmten, dass ihre unvergleichliche Schönheit selbst den Tod überwinde.“
Krol warf einen spöttischen Blick auf die Blätter. „Die arme Frau.“
Sie starrte ihn verblüfft an.
„Wieso?“
„Die Füße! Deine göttliche Flora hat alles andere als göttliche Füße. Die Füße passen nicht. Es ist ein Phänomen, das mich immer schon fasziniert hat. Füße scheinen kleine Geschöpfe für sich zu sein, manchmal innige Verwandte der Person, manchmal wirken sie wie missmutige Begleiter, Fremde, Feinde. Sie haben einen eigenen Charakter, können abstoßend, aggressiv, aber auch zart, verletzlich, erotisch und vieles mehr sein. Es gibt sympathische und unsympathische Füße. Sympathische Menschen können unsympathische Füße haben und umgekehrt.“
„Du verblüffst mich. Mein großer Realist besitzt eine philosophische Ader! Wahrscheinlich hast du in all den Jahren auch schon über meine Füße sinniert. Wie fiel dein Urteil aus?“
„Ich wollte Dir nicht die Komplimente machen, die so offensichtlich sind. Aber zurück zu deinen Botticellis. Diese Füße sind nicht nur einfach unsympathisch, der Zeichnung fehlt jede ernsthafte Präzision. Wo erkennt man einen Knöchel? Die Linienführung des Rists ist unnatürlich. Insgesamt sind die Füße eher grobumrissene Fleischklumpen. So ein...
| Erscheint lt. Verlag | 20.1.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Fakes • Humanoide Roboter • KI • Kunstfälschung • Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-7693-6451-1 / 3769364511 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-6451-4 / 9783769364514 |
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