Besiegter Hass Frühe Gedichte Die Geisterbrücke (eBook)
244 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-9298-2 (ISBN)
Leo Rieger war Tagelöhner, Buchdrucker, Schauspieler, Redakteur und Schriftsteller. 1864 in Lambsheim in einfachen Verhältnissen geboren, besuchte er die Lateinschule in Frankenthal, schloss sich einer fahrenden Theatertruppe an und leitete eine Lokalzeitung. Zeitlebens schrieb er Gedichte, aber auch ein Roman, Theaterstücke und Lebenserinnerungen gehören zu seinen Schriften. Leo Rieger starb 1950 in Enkenbach.
II.
Heute war der letzte Tag von Wilhelms Militärzeit. Gestern war er mit seinem Major, dessen Bursche er war, aus dem Manöver zurückgekommen, und nun wurden heute die Reservisten entlassen. In der Kaserne hatte Wilhelm von seinen Kameraden schon Abschied genommen; seine Sachen waren eingeliefert, und nun trug er schon seine Zivilkleider. Er hatte bereits in seiner Burschenkammer seinen Koffer gepackt und war eben dabei, sich von seinem Herrn Major und dessen Familie zu verabschieden.
Sie hatten ihn alle gern, im ganzen Hause, und der Herr Major hielt große Stücke auf ihn. Auch die Gnädige mochte den flinken, anstelligen Burschen recht wohl leiden; sogar die beiden Kinder im Hause hatten Wilhelm gewissermaßen liebgewonnen. Sie baten ihren Willy, wie sie ihn nannten, doch nicht fortgehen zu wollen, sondern immer bei ihnen zu bleiben; und die Mutter hatte große Mühe, den Kleinen zu erklären, weshalb nun doch mal Willy nicht bleiben könne, da doch zu Hause Vater und Mutter auf ihn warteten und froh wären, ihren Sohn wieder daheim bei sich zu haben.
Vor allem aber gab es im Hause des Majors jemand, dem Wilhelms Scheiden ganz besonders zu Herzen ging. Ach so nahe ging diese Scheidestunde, dass bittere Tränen flossen, und ein heißes Weh im Innern brannte. Es war Mathilde, das Kinderfräulein im Hause. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie, wie schwer es einem ankommt, meiden und scheiden zu müssen von einem geliebten Menschen, den man nicht lassen zu können meint, weil er einem so lieb und teuer ist wie nichts mehr auf der Welt.
Ja, sie liebten sich, Mathilde und Wilhelm. Wie das gekommen ist? – Du lieber Gott, – da sind zwei junge Menschenkinder in einem Hause beisammen – beide sind fremd in ihrer Umgebung. Alles, was sie an Freude empfinden und alles, was ihnen das Herz beschwert, sollen sie still in sich verschließen, weil sie niemanden haben, dem sie sich in Lust und Schmerz mitteilen können. Nun nimmt eins am anderen wahr, dass hier vielleicht ein Herz schlägt, dem man sich vertrauen kann. Und das Augenpaar in flammendem Blick verkündet: Ja ja, du bist es, du allein, dem ich gerne vertraute, dem ich alles, was ich Frohes und Herbes empfinde, mitteilen könnte. Und haben die Augen erst diese stumme und doch so eindringliche Sprache gesprochen, das strahlt das Antlitz freundlicher entgegen, da fühlt sich Seele zu Seele in gleichgestimmter Harmonie gezogen, und mit jauchzender Gewissheit wird die Liebe wach. Herz an Herz hat in lodernder Glut das heilige Feuer entfacht, das reine Leuchten der beseligenden ersten Liebe.
So war es auch hier. Die Liebe kam nicht erst lange, sie war gleich da, ehe sie beide es recht merkten. Freilich konnte es auch Wilhelm nicht schwerfallen, dieses sinnige, ernste Mädchen mit dem herzigen Gesichtchen und den braunen sanften Märchenaugen liebzugewinnen. So hatte er immer gedacht müsse mal das Mädchen sein, das er lieben könne; und nun fand er sie hier im Hause des Majors.
Auch ihm war Mathilde gleich von Anfang an, da er ins Haus gekommen, gewogen. Das hat Wilhelm auch verstanden, und darum ließ er sie nimmer. Größer und inniger ward seine Liebe, und das Leben schien ihm jetzt wertvoller, als es bisher war.
Mathilde, ja, die hatte ihn auch gern, so recht aus Herzensgrund. Sie hätte weinen mögen vor Glück und Freude, dass er ihr in den Weg trat, und dass der liebe Gott so gut war, ihren Wilhelm in das Haus des Majors zu führen.
Sie hatte bisher wenig Jugendfreude und Jugendglück erfahren. Ihre Mutter starb schon vor acht Jahren. Da nahm sich der Vater, – Königlicher Steueraufseher in Rosenheim, – eine zweite Frau. Doch diese wurde Mathilde nie Mutter; und wie das dann eben so geht, als sie kaum sechzehn Jahre alt war, verließ sie ihr Vaterhaus und verdiente sich, auf eigne Füße gestellt, als Bonne20 ihr täglich Brot. So stand sie eben einsam in der Welt. Aber nun war er gekommen, mit dem sie gehen konnte, an den sich sich aufranken konnte, die schwache, einsame Menschenpflanze, dass sie treulich geborgen sei in allen Stürmen und Nöten des Lebens.
Es ist abends elf Uhr.
Von dem anderen Dienstpersonal im Hause hatte sich Wilhelm eben verabschiedet.
„Hörst Wilhelm, da auf’m Gasofen steht a Töpferl mit Kaffee; Milch hab i a schun ‘reintan. Dös machst dir warm morgen fruh, dass du net mit’n leeren Mog’n dich auf d‘ Reisen mochst. Schau zu, im Schrank hob i dir a no was zum Knuspern für unterwegs z’recht g’macht, dass d‘ fei(n) nit verhungerst auf d’Hoamreisn. – So, un jetzt b’hüat di Gott, un mach, dass dei(n) Mathildl bald zu dir ‘nüber holst, in dei(n) schöne Pfalz. I kenns aa dös herrliche Ländel, war jo mit’n Herrn Major, wie er no Hauptmann war, drei Johrln in Landau g’wesen. – Na un so loss der’s holt guat gehen alleweil un denk aa alsmol an uns!“
Mit dieser langen Rede nahm die Loni, die Köchin im Hause, von unserem Reservisten Abschied.
Und nun saßen sie allein, Wilhelm und Mathilde, beisammen in der Gesindestube. Mathilde hatte ihre Handarbeit fortgelegt, denn in dieser Stunde des Abschieds war ihr alles so schwer, dass sie nicht im Stande war, die Häkelnadel zu rühren.
Wilhelm merkte wohl, wie ihr die Arbeit nicht von der Hand wollte. Er trat hinter ihren Stuhl. Sich über ihre Schulter beugend, meinte er: „Gell Schatzel, ‘s geht heunt Owend nit, des Häkele. – Na du brauchscht aach nit se schaffe in de letscht Schtunn, die wu mr beisamme sinn.“
„Die letzt‘ Stund, sagst Wilhelm, – die letzt Stund!“ seufzte Mathilde mit tiefem Atem.
„Nee nee, ich meen nit die letscht Schtunn iwerhaabt, blos die letscht in Minche. Tildche, du wääscht doch, mehr zwee bleiwen alleweil beisamme, nit? Ich hab dr’s jo gsaht. ‘s anner Johr do hol ich dich häm zu mr, nod brauscht nimmi bei fremme Leut rumsemache; nee nee, nod nimmi! Dann iwers Johr wird g’heirahd, un do gibscht mei(n) lieb, goldig Weibl, – nit Schatz? Do werscht emol sehne, des gibt e Lewe wie bei de Engel im Himmel! Un glücklich woll’n mr sei(n) und lieb woll’n mr uns hawe, so lieb, wie sich noch ke zwee Leit uff de Welt lieb g’hatt henn!“
Lächelnd hob Mathilde ihr Gesicht zu ihm auf, und Wilhelm sah nun ihre lieben Augen in Tränen schimmern.
„Hältst auch Wort, Wilhelm, wirst mich gewiss nit vergess’n, wenn du zu Haus die Pfälzer Mädle wieder siehst?“
Wilhelm war auf seines Mädchens Bedenken etwas betroffen und wusste nicht gleich, was er sagen sollte, damit er der Geliebten Besorgnisse zerstreue. Er nahm ihren lieben Kopf in beide Hände, neigte sich herab zu ihr – er spürte ihren heißen Atem – er sah, wie ihre Brust wogte, und wie sie mit halbgeschlossenen Wimpern, wie traumverloren dasaß, als ob ein tiefer Schmerz sie erschütterte, und die nagende Pein des Zweifels an ihrem Herzen säße. Da zog er sie ganz zu sich und küsste sie heiß und innig. Sie duldete seine glühenden Küsse und erwiderte sie mit der ganzen Seele und in ihrer reinen, grenzenlosen Liebe und ruhte beseeligt an seiner Brust. Er schwur ihr mit heiligen Eiden ewige Liebe und Treue zu, und Mathilde gab ihm mit den innigsten Worten die Versicherung, wie unaussprechlich gern sie ihn habe, und dass er ihr Alles auf der ganzen weiten Welt sei.
Nun saßen sie beisammen Hand in Hand; er sprach von ihrer Zukunft, und Mathilde wurde wieder ganz beruhigt, in der beglückenden Gewissheit: Wilhelm bleibe ihr treu, und sie seien verbunden fürs Leben. Ihr holdes Antlitz strahlte in diesem glücklichen Bewusstsein, sodass sie jetzt noch lieblicher und schöner erschien, und aus ihren Augen waren die Tränen gewichen, ein heiterer, lachender Himmel spiegelte sich darin.
So hatten sie denn Abschied genommen. – Morgens gegen vier Uhr, nach kurzer Nachtruhe, hatte Wilhelm das Haus verlassen.
Als er vor das Haus getreten war, sah er suchend hinauf nach Mathildens Fenster. Das Fenster, hoch oben im vierten Stock, war erleuchtet; also musste sie wohl seinem Fortgang entgegengewartet haben. Und richtig, das Fenster wurde geöffnet, und das junge Mädchen winkte schweigend ihrem scheidenden Geliebten Abschiedsgrüße zu, die Wilhelm, lebhaft seinen Hut schwenkend, ebenso schweigend erwiderte.
Sie stand noch oben und lauschte seinen in der Morgendämmerung verhallenden Schritten, die immer schwächer und leiser an ihr Ohr drangen. – Dann wards still – sie sah und hörte nichts mehr – er war ihren Blicken entschwunden – sie war allein.
Wehmütig war es ihr zumute, und sie meinte nun, ihr Liebstes verloren zu haben. Sie fühlte sich wieder so einsam stehen, so verlassen. Aber sie gedachte der treuen Versicherungen des Heißgeliebten, sie glaubte an ihn. Sie hatte die Hände gefaltet und mit frommem Blick hinauf zum dämmernden Morgenhimmel, an dem noch müde und verlöschend die letzten Sternlein flimmerten, ein heißes Gebet gesendet für ihn, den Teuren, der ihr Licht und Sonne des Lebens geworden, – den ihr aber das Geschick von der Seite geführt.
Als am andern Morgen die...
| Erscheint lt. Verlag | 16.1.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Märchen / Sagen |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Biografie • Familienroman • Gedichte • Lambsheim • Rieger |
| ISBN-10 | 3-7693-9298-1 / 3769392981 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-9298-2 / 9783769392982 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich