Komm Kotti (eBook)
220 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-9148-0 (ISBN)
Jakob Reul -- Andere Bücher: Metaphysik, Die Schwarze Romantik, Der Mensch in den Systemen, Of Lilies and Daisies
Gestalten
Der Berliner lebt auf einem Planeten namens Berlin. Auf diesem Planeten spielt sich seine ganze Welt ab. Ein Berliner sieht alles Berlinerisch. Was da draußen passiert, das sieht er durch die Augen der Stadt. Berlin hat ein Talent, Gestalten hervorzubringen. Unikate, Exzentriker. Eine charakterliche Schrägheit. Es sind keine schrägen Ansichten, die die Berliner vertreten. Die Berliner sind keine Schwurbler, oder Weltverschwörer, all das passt überhaupt nicht zur Stadt. Ein Berliner ist eine Gestalt, die schräg aussieht und sich schräg verhält, mit der man sich aber erstaunlich gut unterhalten kann. Hier passt das eine nicht zum anderen. Der Berliner ist gleichzeitig surreal und zugänglich, weltnah und weltfremd. Im ersten Moment glaubt man, es handle sich um einen Verrückten, aber wenn man erstmal ins Gespräch kommt, dann entsteht eine ganz normale Situation. Immer noch unter schrägen Voraussetzungen, aber es funktioniert.
Der Berliner ist qua Herkunft ein Original. Seine Schrägheit ist das Produkt seines eigenen Charakters und der schrägen Stadt, die ihre Spuren in ihm hinterlässt. Der Berliner schleift seinen Charakter, wie man etwa ein Messer schleift. Jeden Tag ist er unterwegs im Berliner Dschungel, ständig kommt es zur Begegnung mit den anderen Stadttieren. Der Berliner besitzt keine Tugenden, mit denen er nicht schon irgendwie geboren wurde. Nichts prägt den Berliner stärker als die Stadt, in der er lebt. Berlin schärft seine Sinne und seinen Verstand. Vor allem seine Worte. Ein Berliner spricht immer scharf, und immer drauf los. Er lernt früh, seinen Charakter wie eine Waffe einzusetzen. Auch wie seinen Schild. Der Berliner hat nicht viel, sein Charakter gehört zu seinem wenigen Besitz. Der Berliner spricht immer aus seinem Charakter heraus. Es gibt keine höfliche Ebene mit ihm, der Berliner wird direkt persönlich. Er spricht auch in ganz unpassenden Momenten immer noch persönlich. Das ist sein Geburtsfehler, er kann sich einfach nicht anpassen. Der Berliner ist direkt, mal angenehm direkt, mal unangenehm direkt. Man muss sich daran gewöhnen, und manchmal denkt man sich im Stillen: ein bisschen weniger direkt hätte es auch getan. Trotzdem lernt man diese Direktheit zu lieben. Man fühlt sich befreit von sinnlosen Konventionen. Ein Berliner nimmt sich selbst nicht zu ernst, und er ist uneitel. In der U7 ist dein Sitznachbar entweder Professor für Volkswirtschaft an der HU oder auf dem Weg zum Arbeitsamt, man kann es von außen einfach nicht sagen.
Ein Berliner versucht nicht den großen Wurf, er versucht den kleinen Wurf, und selbst dieser misslingt ihm. Niemand ist besser darin, tragisch zu scheitern als er. Ein Berliner braucht Dostojewski nicht zu lesen, er muss sich nur mit seinem Nachbarn unterhalten. Er hat keinen Sinn für alles, was keinen Zweck erfüllt. Er fragt immer nur: wat soll dit? Ein Berliner versteht keine Mehrdeutigkeit, man kann nicht subtil mit ihm reden. Diese Wienerische Art, dieser Schmäh, überhaupt Österreich — als Land und Kultur — ist zutiefst unberlinerisch. Ein Wiener in Berlin muss sich seiner ganzen Kultur beraubt fühlen, wie ein Tänzer unter Plattfüßen. Ein Berliner Dichter ist zum Beispiel eine Vorstellung, die so komisch ist, dass man wirklich laut darüber lachen muss. Also die Vorstellung, ein Berliner Poet betritt die Bühne und dichtet, das ist wirklich undenkbar. Das Höchste, was dabei herauskäme, wäre Cabaret. Ein Berliner hat diese gedanklichen Fallstricke einfacher Geister. Etwas, das für ihn total logisch ist (aber in Wahrheit komplizierter) wird von ihm verkündet, laut und bestimmt, wie der Berliner nun einmal ist, und dann muss man darüber lachen, weil es natürlich nicht so einfach ist, aber die Art und Weise, wie er es mit voller Überzeugung ausspricht, ist lustig. Ein Berliner hat die Wahrheit nicht gepachtet, aber er hat einen direkten Draht zu ihr. Niemand ist besser darin, gleichzeitig Recht und Unrecht zu haben als der Berliner.
In Berlin gibt es keinen vorherrschenden Charaktertyp. Dadurch wird der Berliner früh damit vertraut, dass er sich nicht anpassen muss. Der Berliner hat charakterlich immer etwas Kindliches, in der Art und Weise, wie unmittelbar er sein eigenes Befinden kundtut. Es fehlt das gesellschaftliche Element in seinem Charakter. Der Berliner wird in keine Gesellschaft eingegliedert, sein Charakter bleibt roh und ursprünglich. Und dann wächst er auf in dieser Stadt, in der jeden Tag die wildesten Dinge passieren. Der Berliner saugt die Geschehnisse auf, das Wilde und Ursprüngliche resoniert und klappert in seinem wilden, ursprünglichen Charakter. Es kommt zur Steigerung seines existierenden Charakters, und zur Bildung neuer Facetten. In seinen ursprünglichen Charakter hinein bilden sich zunehmend die Exzentriken, die ihn später auszeichnen werden. Was der Berliner erlebt, das dringt in seine Seele ein, und dort klingt es von den Wänden, wie Echo in Tropfsteinhöhlen. Der Berliner erlebt die Stadt nicht wie einen Ort, an dem er lebt, sondern wie dieses wilde, ursprüngliche Wesen, das in ihm rumort. Er muss sich nicht anpassen, um in der Stadt zu bestehen. Das hat seine guten Seiten, und seine schlechten Seiten. Die guten Seiten bestehen darin, dass der Berliner authentisch ist. Ein Berliner kann sich nicht verstellen, er weiß gar nicht, wie das geht. Der Berliner behält seinen ursprünglichen Charakter, den er der ganzen Welt präsentiert. Gefragt und ungefragt, und dort beginnen dann auch die schlechten Seiten. Ein Berliner kann nicht mit sich haushalten. Es gibt ihn nur ganz oder gar nicht. Die einzige Art, wie sich ein Berliner zurückhalten kann, ist, wenn er gar nichts sagt. Sobald er spricht, feuert er die ganze Salve seines Charakters. Wenn er sich der Situation anpassen muss, dann hat er immer etwas Tragisches. Er will professionell klingen, aber das macht ihn eigentlich nur tragischer. Wenn die Situation eine andere Verhaltensweise verlangt, dann scheitert der Berliner an ihr, und zwar mit wehenden Fahnen. Er versucht es, aber schon nach wenigen Worten wird deutlich, das wird hier heute nichts.
Der Berliner ist ein Meister darin, unangenehme Situationen zu erzeugen, die er selbst nicht als unangenehm erkennt. Es fällt ihm nicht einmal auf, weil er nicht dazu in der Lage ist, die Situation neutral zu betrachten. Ein Berliner abstrahiert nicht, am wenigsten von sich selbst. Man muss die Berliner Gesprächssituation annehmen. Diese ist persönlich und ehrlich, aber immer ein bisschen hemdsärmelig. Der Berliner versteht nicht, dass unterschiedliche Situationen unterschiedliche Verhaltensweisen verlangen. Genau genommen hat er ja recht, eigentlich sollte es nicht so sein, aber es ist nun mal so, man spricht auf der Behörde nicht wie am Kiosk. Der Berliner schon. Der Berliner spricht immer gleich. Mit einem Berliner gibt es kein Abtasten, man steigt direkt thematisch ein. Was der Berliner gerade denkt, das verrät er dir. Was er von deiner Antwort hält, das verrät er dir als nächstes. Mit einem Berliner muss man alle Konventionen der Gesprächskultur vergessen. Er beginnt jedes Gespräch mit einem Fazit. Der Berliner ist immer der Elefant im Raum. Er ist der Einzige, der das Unangenehme der Situation nicht versteht. Tragisch ist das, weil er selbst die unangenehme Situation erzeugt. Also ist er nicht nur der Elefant im Raum, sondern auch noch der Elefant im Porzellanladen. Er verwendet im professionellen Gespräch kindlich naive Floskeln. Er spricht in der Ich-Form, wo es sich überhaupt nicht gehört („Ich sag’ mal so…“). Die Vokabeln, die er verwendet, sind sympathisch, aber nicht wirklich der Situation angemessen. Ein Berliner spricht immer gleich, in der U-Bahn wie beim Bewerbungsgespräch.
Alle Berliner teilen den Berlinerischen Charakter, aber jeder Berliner interpretiert ihn auf seine Weise. Der Berliner weiß: Charakter hat man nicht, Charakter ist man. Der Charakter wird in Berlin weniger geschliffen und geformt. Im Grunde wird er überhaupt nicht geschliffen und allenfalls verformt. Die Stadt lässt die Berliner sein, wie sie sind, nicht weil sie sie liebt, sondern weil sie sich gar nicht für sie interessiert. Berlin ist eine Narzisstin, das ist das Urproblem der Stadt. Die Stadt liebt sich selbst zu sehr, sie hat keine Liebe übrig für ihre Bewohner. In anderen Städten kommt es zu einer stärkeren Einflussnahme auf den Charakter jedes Einzelnen. In Berlin darf man tun, was man will. Man freut sich darüber, bis man die Kehrseite kennenlernt. Nämlich dass jeder tut, was er will. Die Stadt wirkt nur indirekt auf den Charakter ihrer Bewohner ein. Sie ist wie ein spezielles Gewürz, das man einem Gericht hinzufügt, wie Koriander. Wenn man Koriander schmeckt, dann weiß man, aha, asiatische Küche. Ähnlich ist es mit dem Berliner Charakter. Man schmeckt das Berlin immer heraus. Aus jedem Satz, und jedem Wort. Aus der bloßen Tatsache, dass gesprochen wird, wo andere schweigen. Nirgends trifft der Spruch mehr zu: Man kriegt das Kind aus Berlin, aber nicht Berlin aus dem Kind. Ein Berliner erhält immer lebenslänglich. Die Stadt hat ihm ihren Stempel aufgedrückt. Zum rohen Charakter des Berliners gesellt sich der rohe Charakter der Stadt. Ein Unglück kommt selten allein. Aber das hat zur Folge, dass sich extreme Eigenschaften weiter verzerren. Berlin hat so ein...
| Erscheint lt. Verlag | 13.1.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft | |
| Schlagworte | Berlin • Berliner • Kottbusser Tor • kotti • Kreuzberg |
| ISBN-10 | 3-7693-9148-9 / 3769391489 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-9148-0 / 9783769391480 |
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