Wettlauf mit der Zeit (eBook)
100 Seiten
Blattwerk Handel GmbH (Verlag)
978-3-69049-043-6 (ISBN)
Fee Norden drückte den Wecker aus, als er sie mit einem lauten Klingelton weckte. Sie brauchte einen Moment, um sich daran zu erinnern, wo sie war und warum sie nicht in ihrem eigenen Bett lag. Als es ihr einfiel, stahl sich sofort ein glückliches Lächeln in ihr Gesicht.
Urlaub! Sie machten Urlaub auf Langeoog, auf einer wunderschönen Insel im ostfriesischen Wattenmeer!
Es war zwar nur eine kurze Auszeit, die nicht länger als eine Woche dauerte, aber umso mehr wusste sie sie zu schätzen. Und Daniel sicher auch.
Immer noch lächelnd, drehte sie sich zu ihm um. Es war so dunkel im Zimmer, dass sie von ihm nur ein paar undeutliche Umrisse erkennen konnte. Doch sein gleichmäßiger, ruhiger Atem verriet ihr, dass er noch schlief. Fee schaltete die Nachttischlampe an. Dann kuschelte sie sich an ihren Mann.
»Guten Morgen, Schlafmütze«, wisperte sie, bevor sie ihm einen zärtlichen Kuss gab. »Der Wecker hat geklingelt.«
»Zu früh, viel zu früh«, murmelte er. »Ich schlafe noch tief und fest.«
»Schwer zu glauben, mein Schatz. Es sei denn, du sprichst neuerdings im Schlaf.« Fee gab ihm gleich noch einen Kuss. Meistens half das, um Daniels Müdigkeit zu vertreiben und ihn munter werden zu lassen. Doch heute leider nicht. Er reagierte zwar mit einem Lächeln auf ihren liebevollen Morgen-Gruß, aber er dachte nicht daran, die Augen zu öffnen. Fee seufzte. Da musste sie wohl schärfere Geschütze auffahren. Sie tastete die Wand oberhalb der Kopfpaneele ab, bis sie den Schalter für das Deckenlicht gefunden hatte. Vielleicht vertrieb ein taghelles Zimmer Daniels Müdigkeit.
»Fee!«, schimpfte er sofort, bevor er sich die Bettdecke über den Kopf zog. »Es ist mitten in der Nacht!«
»Nein, ist es nicht. Es ist genau sieben Uhr fünfzehn.«
»Viertel nach sieben! Die Sonne ist noch nicht mal aufgegangen. Willst du wirklich im Dunkeln am Strand entlanglaufen?«
»Bis wir angezogen sind und gefrühstückt haben, wird es draußen hell sein.« Fee zupfte an der Bettdecke. So schnell gab sie sich nicht geschlagen. »Ach, komm schon, Dan. Du kannst doch nicht den ganzen Tag verschlafen.«
Ihre Worte halfen tatsächlich, um Daniel hervorzulocken. Er schob die Bettdecke ein wenig hinunter und sah Fee mit hochgezogenen Brauen an.
»Den ganzen Tag? Du übertreibst maßlos, mein Liebling! Es ist noch nicht mal halb acht. Heute ist unser erster Urlaubstag. Was spricht dagegen, ihn geruhsam anzugehen und lange zu schlafen?«
»Unser Plan spricht dagegen.« Fee langte zu ihrem Nachttisch und nahm ein eng beschriebenes Blatt Papier hoch, um damit vor seinem Gesicht umher zu wedeln. »Erinnerst du dich denn nicht? In den letzten Tagen haben wir unseren kleinen Urlaub auf Langeoog sorgfältig durchgeplant.« Sie drehte den Zettel zu sich um und las dann die ersten Einträge vor. »Tag 1: Frühstück von acht bis halb neun, Aufbruch um neun zu einem Strandspaziergang, Dauer je nach Witterung ein bis zwei Stunden, dann …«
»Stopp!«, rief Daniel schnell. »Nur, um das klarzustellen: Du warst die Einzige, die diesen Plan gemacht hat. Ich war nur derjenige, der ihn stillschweigend akzeptiert hat. Und das auch nur, weil ich nicht annahm, dass du ihn durchziehen wirst.« Er strich ihr lächelnd eine vorwitzige, blonde Locke aus dem Gesicht. »Fee, mein Liebling, wir haben Urlaub. Urlaub! Was hältst du davon, ihn einfach zu genießen und nur das zu machen, worauf wir gerade Lust haben?«
»Zum Beispiel? Worauf hättest du denn Lust?«
»Och, da fallen mir ganz viele schöne Sachen ein, die auf meiner persönlichen Liste stehen.«
Fee lachte. »Du hast also auch eine Liste. Darf ich sie mal sehen?«
»Ich habe sie nicht aufgeschrieben, sondern nur hier abgespeichert.« Daniel tippte sich mit einem Finger an die Schläfe. »Ausschlafen, steht auf meiner Liste übrigens ziemlich weit oben.«
»An erster Stelle?«, fragte Fee lächelnd, die sich nur zu gern auf dieses Spiel einließ, weil sie wusste, wie es enden würde.
»Nein, mein Liebling«, sagte Daniel weich. »An erster Stelle stehst immer nur du.« Er zog sie in seine Arme und küsste sie.
Fee vergaß sofort ihre eigene Liste, weil ihr die von Daniel ausgesprochen gut gefiel. Sie war zwar kurz, aber auf ihr standen nur die Dinge, die wirklich wichtig waren. Ja, Daniels Liste war viel besser als ihre.
Später, als sie unter der Dusche war, dachte sie noch einmal über ihre Liste und den Zeitplan nach. Inzwischen sah sie ein, wie albern beides war. Daniel hatte recht. Sie hatten Urlaub und den wollten sie in Ruhe und ohne Stress verbringen. Ein strenger Zeitplan war da natürlich völlig fehl am Platz.
Sie stellte das Wasser ab und griff zum Handtuch. Dabei dachte sie an die Tage vor ihrem Urlaub zurück. Sie hatte jeden Abend stundenlang im Internet recherchiert, um sich einen Überblick über die schönsten Ausflugsziele von Langeoog zu verschaffen. Schnell hatte sie festgestellt, dass es sehr viel gab, für das sie sich interessierte und das sie machen wollte. Eine Wattwanderung sollte unbedingt dazugehören, genau wie ein Ausflug zu den Salzwiesen und eine Schiffstour zu den Nachbarinseln. Und natürlich wollte sie ganz oft am Strand sein, aufs endlos weite Meer hinausschauen und sich ordentlich vom Wind durchpusten lassen. Das landete auf der Liste von Fee, die am Ende recht voll wurde. Deshalb war Fee gar nichts anderes übrig geblieben, als einen eng getakteten Zeitplan aufzustellen. In München war es ihr wie eine gute Idee vorgekommen. Jetzt konnte sie nur noch den Kopf darüber schütteln. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht?
Dieser kleine Urlaub war eine Ausnahme und sie hatten ihn beide bitternötig. Manchmal befürchtete sie, dass sich ihr Leben nur noch um ihre Arbeit drehte und alles andere dabei zu kurz kam. Daniel sah das genauso. Das war auch der Grund, warum er ihrem Vorschlag, München für ein paar Tage den Rücken zu kehren, sofort zugestimmt hatte.
Als Chefarzt der Behnisch-Klinik war er beinahe rund um die Uhr im Dienst. Genau wie sie. Fee leitete die Pädiatrie und kannte auch keine Langeweile. Die vielen Überstunden und Wochenenddienste waren längst zur Gewohnheit geworden. Sie kosteten viel Kraft und Energie. Ihr kleiner Urlaub würde kaum reichen, um aufzutanken und sich zu erholen. Nicht, wenn Fee jeden einzelnen Tag, jede Stunde und Minute durchplante und sich keine Zeit für Müßiggang und Nichtstun gönnte. Und während Fee nun ihre Haare bürstete, nahm sie sich vor, diesen albernen Plan zu vernichten, sobald sie hier fertig war.
Eine halbe Stunde später verließen sie ihr Hotelzimmer, um unten im Restaurant zu frühstücken. Jetzt, im Januar, waren nur wenige Gäste in dem kleinen Hotel am Meer, sodass sie Glück hatten und einen freien Tisch am Fenster erwischten. Von hier aus bot sich ihnen ein überwältigender Blick auf die Sanddünen und den Strand. Das Frühstück wurde dabei schnell zur Nebensache.
Die tief stehende Wintersonne meinte es heute gut mit den Urlaubern. Bei strahlendem Sonnenschein wehte der Wind kräftig aus Nordwest und trieb die hohen Wellen bis weit auf den Strand.
»Lass uns nachher ans Wasser gehen«, sagte Fee, während sie dem Treiben der Möwen zusah, die sich vom Wind tragen ließen und durch die Luft glitten.
»Stand der Strandspaziergang nicht ohnehin auf der Liste?«
»Welche Liste?«, fragte Fee mit einem unterdrückten Lächeln und sah ihren Mann endlich wieder an. »Ich weiß von keiner Liste. Wir haben Urlaub, mein Schatz, und den lassen wir uns nicht von einem dummen Zeitplan ruinieren.«
»Heißt das, wir machen nur das, worauf wir gerade Lust haben? Ganz spontan und ohne Plan?« Als Fee nickte, fragte er weiter. »Und wir schlafen jeden Morgen aus?«
Fee langte über den Tisch und drückte seine Hand. »Versprochen, Dan.«
»Was hat dich zur Einsicht gebracht? Meine weisen Worte?«
»Ja, tatsächlich lag es an dem, was du gesagt hast, um mich zur Vernunft zu bringen.«
»Hört, hört …«
Fee lachte leise, aber als sie jetzt sprach, klang sie ein wenig wehmütig. »Wir sollten uns mehr Zeit für uns nehmen und das Leben nur mit schönen Dingen füllen.« Sie sah wieder aus dem Fenster zum Meer hinüber, das nur einen Katzensprung entfernt war. »Ein Strandspaziergang gehört zu diesen schönen Dingen und ich freue mich auf ihn.«
»Dann werden wir ihn machen«, sagte Daniel warm. Die Hand seiner Frau lag noch immer auf seiner. Er führte sie zu seinem Mund und hauchte einen flüchtigen Kuss darauf. »Und nach dem Strand überlegen wir gemeinsam, wonach uns der Sinn steht.«
*
Das Löschfahrzeug fuhr auf das Gelände der Münchener Feuerwache und dort direkt in die Fahrzeughalle. Oliver Behrens sprang vom Wagen, kaum dass der Motor aus war. Seine Kollegen folgten ihm sofort nach. Sie hatten einen Vierundzwanzig-Stunden-Dienst hinter sich und der Feierabend wartete nun auf sie. Nur noch schnell die Dienstübergabe und eine kurze Einsatznachbesprechung, bevor sie sich umziehen und nach Hause gehen konnten.
»Wie lief es?« Der Wehrführer, Konrad Hörbiger, empfing die Männer in der Halle. Er schien dort auf sie gewartet zu haben und das war sehr ungewöhnlich.
»Völlig unkompliziert, es war nur ein Mülltonnenbrand, den wir schnell im Griff hatten«, berichtete Oliver.
»Ja … äh, gut. Also dann … schön, dass Sie pünktlich zur Dienstübergabe zurück sind. Ich werde heute dabei sein, weil ich … äh … noch ein Anliegen habe und etwas mit Ihnen besprechen muss. Also, bis gleich …« Hörbiger nickte ihnen zu und ging dann wieder.
Die drei Männer und Anne, die einzige Feuerwehrfrau auf dem Wagen, sahen sich wissend an.
»Er wäre besser gleich zum Punkt...
| Erscheint lt. Verlag | 7.1.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Chefarzt Dr. Norden |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Arzt • Chefarzt • Doktor • Dr. Daniel • Dr. Laurin • Fortsetzungsroman • Klinik • Krankenhaus • Krankenschwester • Landdoktor • Martin Kelter Verlag |
| ISBN-10 | 3-69049-043-X / 369049043X |
| ISBN-13 | 978-3-69049-043-6 / 9783690490436 |
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