Helfende Hände (eBook)
226 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-0928-8 (ISBN)
Dr. med. Florian Wilutzky, Jahrgang 1937, weiß aus über 60 Berufsjahren als Notarzt und Chirurg so manche außergewöhnliche Geschichte zu erzählen. Seine Einsätze brachten ihn an Orte rund um die Welt. Doch es sind die kleinen und persönlichen Geschichten, die er erzählt. Mit viel Herz, Einfühlungsvermögen und der nötigen Prise Humor begeistert er mit seinen Geschichten von damals und heute. "Helfende Hände" ist sein zweites Buch.
Feuerzauber
An einem sonnigen Sonntag im goldenen Herbst hatte unsere erste Fußballmannschaft ihr schwierigstes Auswärtsspiel gewonnen, war mit Glück und einem Punkt Vorsprung an die Tabellenspitze gekommen und hatte berechtigte Chancen, Herbstmeister in der Staffel Süd der DDR-Liga zu werden. Das mussten wir feiern. Die Sponsoren spendierten wesentlich mehr Freibier und Sekt als üblich, und im Hof des Vereinslokals wurde ein Spanferkel zubereitet.
Für mich war das stets ein Wechselbad der Gefühle. Ausgelassene Freude und drückende Zwänge zugleich. Als Mannschaftsarzt immer ansprechbar und fit sein, als Krankenhaus-Chef viel Verantwortung und wenig Promille haben, Spaß gibt es dabei allemal. Das fröhliche Beieinander ging bis weit nach Mitternacht. Nur die Sirene auf dem Rathausdach, die völlig unpassend in die Nacht hinein heulte, gab ersten Anlass, mal auf die Uhr zu schauen und ans Heimgehen zu denken, denn um 06:00 Uhr war allgemeiner Arbeitsbeginn in den DDR-Betrieben. Vor die fröhlichen Abschiedsszenen an der Haustür des Lokales, schnellte dann ein Blaulicht blinkendes Feueıwehrfahrzeug mit quietschenden Reifen und stoppte neben mir.
„Herr Doktor, es gibt Arbeit“, rief der Fahrer. „Steigen Sie ein! Das wird ein toller Tanz“
Alles Weitere ging wortlos vonstatten.
Unterwegs fragte ich ihn: „Woher wissen sie, dass ich hier bin?"
„Der Bürgermeister wusste es und hat mich hergeschickt. Das Pflegeheim brennt."
Ein hellroter Feuerschein am Nachthimmel ersparte ihm Einzelheiten. Auftragsgemäß stoppte er jetzt neben dem Bürgermeister, welcher mit energischer Stimme versuchte, Ordnung in das Gewimmel vor dem brennenden Haus zu bringen.
„Wie kommst du denn hierher?“ fragte ich ihn.
„Als Bürgermeister ist man immer im Dienst", rief er im Weggehen und fuhr einen aufgeregt jammernden Pflegeheimpatienten im Rollstuhl an die andere Straßenseite. „Erzählen können wir später“
An die Stelle des Bürgermeisters trat, wie ein Wunder, der zweite Sekretär der Kreisleitung der Einheitspartei. Er wohnte nicht in der Kreisstadt, sondern in der Nähe unseres Pflegeheimes, und der Lärm vor dem Heim hatte ihn geweckt. Er konnte sehen, wie ein Schornsteinbrand des Hauses rasch zunahm und das Feuer sich auf den rechten Seitenflügel ausbreitete. Der Schornstein sprühte Funken und Flammen wie ein Vulkankrater, und durch die Dachziegel des Seitenflügels quoll dichter Rauch. Die Feuerwehr besaß keine Drehleiter. Sie konnte mit zwei Löschzügen Dach und Schornstein nur von unten her erreichen. Das brachte keinen schnellen Erfolg. Die Gefahr war nur allzu deutlich sichtbar und spürbar.
Für mich war das momentan Gefährlichste eine drohende Massenpanik. Die musste verhindert werden. Mit schnellem und straff organisiertem Handeln. Alle Bewohner und Patienten mussten aus dem Seitenflügel schnellstmöglich raus, zuerst aus dem Obergeschoss, wo die Rauchentwicklung rasch zunahm. Zugleich musste eine weitere Ausbreitung des Feuers verhindert werden.
Der Einsatzleiter hatte das klug angegangen und die meisten seiner Leute mit Atemschutzgeräten ins Haus geschickt. Aus dem Straßenausgang des Seitenflügels brachten sie einen nach dem anderen Pflegeheimbewohner heraus, aber viel zu langsam. Alte und Gebrechliche sind schwer beweglich und auch uneinsichtig. Manche müssen einfach mit Händen gepackt und getragen werden. Für manche genügt ein Rollstuhl. Die meisten aber kann man nur mit Krankentrage, Tragetuch oder im Bett transportieren.
Und der Fahrstuhl war zu klein und zu umständlich, sodass die Evakuierung vorwiegend über die Treppe erfolgte. Draußen waren schon etwa zehn Betten, nach Schätzung des Einsatzleiters.
„Wie viele sind noch drin"? fragte ich ihn.
„Neunzehn", rief er zurück. „Die zu bewegen wird immer schwieriger. Aber das ist unsere Sache. Die wir raus gebracht haben sind deine Sache!“
„Bringt sie nur erst mal raus"! rief ich ihm hinterher.
Er war ständig am Laufen, aber effektiv und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Der zweite Sekretär stand wieder in meiner Nähe. Er hatte eine Patientin, die schreiend umherirrte, an die Hand genommen und zu den anderen gebracht.
Ich fand ihn sympathisch. Ein stämmiger Landwirt, den einst die Funktionäre seiner Genossenschaft in die Parteizentrale abkommandiert hatten. Der Mann war belastbar.
„Überlege mal, wen wir jetzt wecken können. Wir brauchen Betreuung für die alten Leute, möglichst sachkundig und möglichst sofort.“
„Aber woher nehmen und nicht stehlen", lächelte er mit voller Kraft und Zuversicht.
Ein Machertyp, eher Pragmatiker als Politiker.
„Mir fällt da was ein, bin schon in der Spur."
Er ging an den Betten mit den Patienten vorbei und sagte etwas zu ihnen. Ein Politiker mit Herz! Schön aber selten.
Das Häuflein der Geretteten machte mir jetzt schon die nächsten Sorgen. Sie waren allein und zu nahe am Haus. Glühende Funken fielen ab und zu auf die Bettwäsche. Der Holzhausen-Hans kümmerte sich bisher als einziger um die Schutzbedürftigen. Johannes Holzhausen fiel sonst im Stadtbild kaum auf. Ein schmächtiges kleines Männlein. Gehbehindert nach Erkrankung an Kinderlähmung, lebte er bescheiden und zurückgezogen in einer ärmlichen Mietwohnung.
Hier im Schein des Feuers wurde er zum wahren Helden. Als einer der Ersten vor Ort war er kurzerhand in das gefahrenbedrohte Haus hinein gestürmt und hatte mit lauter Stimme und heftigen Gesten die ersten Insassen hinaus bugsiert. Er half noch immer mit Umsicht und Geschick bei der Bergung der Hilflosen. Er war nicht zu bremsen. Doch ohne Atemschutzgerät wurde das mittlerweile problematisch. Kurz und knapp „befahl“ ich ihm regelrecht, sich draußen um die Geretteten zu kümmern und sie aus der Gefahrenzone zu bringen.
Holzhausen-Hans legte sich sofort ins Zeug, unverdrossen, unermüdlich.
Mein Befehlston kam wider Willen. Ich war aufgeregt. Mittlerweile fanden sich noch mehr Prominente am Unglücksort ein, und wo viele kleine Könige regieren wollen, geht schnell mal was durcheinander. Da sollte wenigstens das medizinische Management übersichtlich bleiben.
Der zweite Sekretär kam wieder mit seiner Frau, einer Arbeitskollegin seiner Frau und deren Ehemann.
Gott sei Dank! Und auch dem Sekretär mit seinen Hilfsbereiten sei Dank!
Ihm erteilte ich den Auftrag, mit seinen Leuten und dem Holzhausen-Hans einen Sammelpunkt für die Geretteten einzurichten. Mit provisorischer Betreuung. Pflegeheimpersonal gab es dafür nicht. Die wenigen Altenpflegerinnen waren in diesen Stunden unabkömmlich. Bei den Promis vor Ort stand plötzlich auch der „Generaldirektor der Vereinigung Volkseigener Betriebe der Schuhindustrie“, welcher in meiner Nachbarschaft wohnte und immer einen Scherz auf Lager hatte.
„Du treibst Dich auch überall herum. Hast Du in Deinem Krankenhaus nicht genug zu tun?"
„Doch, habe ich, und auch ein kleines Anliegen.“
„Ich bin ganz Ohr."
"Postiere dich bitte am oberen Abschnitt der Straße, bis vielleicht Polizei kommt, und postiere deinen Fahrer am unteren Abschnitt. Macht die Straße dicht und leitet den Verkehr über den Thälmannplatz um. Der Trubel hier wird zu groß. Das erschwert die Arbeit. Kannst du mir auch dein Auto überlassen? Ich muss gleich ins Krankenhaus."
"Ausnahmsweise", bestätigte er.
Auf meinen Nachbar Wolfgang war Verlass. Hoffentlich wusste das die Schuhindustrie zu schätzen.
Im Krankenhaus lief ich erst über alle Korridore. Da stand Einiges herum, was weggeräumt werden konnte. Platz schaffte das kaum, aber Bewegungsfreiheit. Auf dem Dachboden standen immer ca. fünfundzwanzig Reservebetten transportbereit. Die waren leicht verstaubt aber in voller Anzahl griffbereit. Glück gehabt.
Nun bat ich die beiden Bereitschaftsärzte und drei kurzfristig entbehrliche Nachtschwestern in mein Zimmer und erläuterte ihnen, was bevorstand. Alle neunundzwanzig Hilfsbedürftigen konnten wir in unserem relativ kleinen Haus nicht sofort aufnehmen, aber dafür hatte ich auch schon Pläne. Meine fünf Nachtaktiven zeigten sich nicht besonders überrascht. Sie hatten schon etwas munkeln gehört. Doch die Unruhe stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Hier brauchte ich jedoch keinen Befehlston. Sie sollten auch selbst nicht mit zupacken. Ich bat sie nur in aller Freundschaft, auf den reibungslosen Ablauf der Aktion bedacht zu sein. Der ältere der beiden Ärzte fragte, ob der Kreisarzt schon im Ort sei.
Diese bange Frage beschäftigte mich von Anfang an, ich hatte bloß die Zeit nicht gefunden, mich darum zu kümmern. Seine Anwesenheit war, ehrlich gesagt, auch nicht gerade wünschenswert, denn seine Unbeliebtheit im Krankenhaus hätte den reibungslosen Ablauf der Dinge voraussichtlich behindert. Trotzdem beauftragte ich den Kollegen, unseren Kreisarzt anzurufen, ihn zu informieren, keinesfalls aber herzubitten.
Der Kollege verstand recht gut, warum und wieso. Dann setzte ich mich mit unserer Fahrdienstbereitschaft und der Technik in Verbindung...
| Erscheint lt. Verlag | 4.12.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-7597-0928-1 / 3759709281 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-0928-8 / 9783759709288 |
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