Der Junge mit den zwei Augen (eBook)
578 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-7001-0 (ISBN)
Taline Magdalena wurde 1996 in Celle (Deutschland) geboren. Ihre Eltern sind armenischen und assyrischen Ursprungs. Sie hat an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz Publizistik und Politikwissenschaft studiert und ihren Master in Political Science and International Affairs an der American University of Armenia in Jerewan absolviert. Heute lebt sie in Berlin und ist dort als Pressereferentin für eine gemeinnützige Organisation tätig. Bereits im Jugendalter hat sie ihre Liebe für das Schreiben entdeckt. "Der Junge mit den zwei Augen" ist ihr erster veröffentlichter Roman.
1
Es ist seltsam. Für die meisten Menschen sind die Erinnerungen an die Kindheit an etwas Friedliches geknüpft. An Momente der Ruhe, des harmonischen Beisammenseins in der Familie: Gemeinsame Nachmittage auf dem Spielplatz, Spieleabende im Wohnzimmer oder Gutenachtgeschichten im Bett. Sie bewahren diese Erinnerungen in sich, holen sie in schwachen Momenten wie eine Grußkarte oder einen Liebesbrief hervor, um die wohligen Gefühle von damals wiederzubeleben.
Bei mir ist das anders. Meine früheste Erinnerung ist die an eine Reise. Einer alles verändernden Reise. An Bewegungen, Lärm und dem beunruhigenden Gefühl der Ungewissheit. Eine Veränderung, die mich in ein fremdes Land bringen würde, mit Menschen, die anders aussehen als ich und meine Sprache nicht sprechen. Aber auch eine Reise, die mich zu dem Menschen bringen würde, der mein Leben für immer verändern sollte.
Wir waren in ein rostiges Auto gestiegen und stundenlang durch eine trockene Berglandschaft gefahren. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, doch irgendwann sind wir an einem Flughafen angekommen. Es war nicht allzu voll, doch unglaublich groß und weiträumig. Von dem Moment an, als wir unser Haus verlassen hatten, hatte meine Mutter die ganze Zeit über meine Hand fest in ihrer gehalten. Als hätte sie Angst, ich könnte sonst von einer fremden Person mitgenommen werden. Oder in diesem großen Flughafen verloren gehen. Ich war so verängstigt von der gesamten Situation, dass ich mich ebenfalls an sie und meinen kleinen Bruder klammerte. Ich war vier Jahre alt.
Mein Vater war kurzzeitig verschwunden und kam nach einer Weile mit Essen und ein paar Flaschen Wasser zurück. Seltsamerweise ist ausgerechnet die Erinnerung an das Essen so klar, als wäre das alles erst gestern passiert. Brot mit Würstchen und mein Lieblingssüßgebäck Gata. Es schmeckte herrlich, was wohl daran lag, dass wir seit Stunden nichts gegessen hatten.
Es dauerte nicht lange, bis wir ins Flugzeug einsteigen durften. Der Anblick der gewaltigen Maschine erschütterte mich bis ins Mark – ich hatte noch nie etwas so Gigantisches gesehen. Als ich mich aus Angst weigerte einzusteigen, musste mein Vater mich auf seinen Arm nehmen und hineintragen. Im Flugzeug war es eng und der für mich ungewohnte Geruch nach Maschine und Industrie setzte sich unangenehm in meiner Nase fest. Einer Nase, die es gewohnt war, die Luft der Berge zu schnuppern, den Duft von Natur und Freiheit. Meine Mutter schnallte mich sorgfältig an meinen Sitz, zurrte die Gurte ganz fest. Auch ihr schien diese neue Situation Angst zu machen. Sie versuchte, es vor mir zu verbergen, doch ich erkannte es an ihren nervösen Bewegungen, ihren zittrigen Händen. An der Art, wie ihre Augen pausenlos hin und her huschten. Der Abflug war wohl das bis dahin Unheimlichste, was ich in meinem Leben erlebt hatte. Die ganze Welt schien zu beben, nichts war mehr sicher. Dann dieses seltsame Gefühl, wenn man vom Boden abhebt und sich immer weiter von der Erde entfernt. Ich schloss meine Augen und versuchte einzuschlafen, doch neben mir weinte mein kleiner Bruder Grigor ununterbrochen. Meine Mutter wog ihn in ihren Armen, sang ihm leise etwas vor, doch es änderte nichts. Sein Kreischen fuhr wie scharfe Glassplitter durch meine Ohren und steigerte mit jeder Minute, die verging meine Anspannung.
Nach einer Landung, die sich wie ein Erdbeben anfühlte, erreichten wir unser vorläufiges Ziel: einen anderen Flughafen, der dem vorigen nicht im Geringsten glich. Alles sah dort viel moderner aus. War es vorher noch groß und verlassen gewesen, erschien mir hier alles drückend und vollgestopft mit Menschen. Sie drängten sich überall dicht an dicht, hatten es eilig und rempelten michmit ihren Koffern an. Ich war zu klein, um ihre Gesichter erblicken zu können und kämpfte mich an ihren Beinen vorbei. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und klammerte mich an den Beinen meines Vaters fest, vergrub mein Gesicht im rauen Stoff seiner Hose, bis er mich wie zuvor im Flugzeug wieder in seine Arme hob.
„Lilo, was hast du denn?“, fragte er mich.
Als er mich so in seinen Armen hielt, sein Gesicht ganz nah an meinem, bemerkte ich erst, wie müde und abgespannt auch er aussah. Tiefe Augenringe umrahmten seinen sonst so festen, entschlossenen Blick.
„Ich will zurück nach Hause“, entgegnete ich mit quengeliger Stimme.
„Bald sind wir in unserem neuen Zuhause, keine Sorge“, versuchte er mich zu beruhigen. Gleichzeitig wirkte es so, als müsste er sich selbst davon überzeugen.
Danach ging glücklicherweise alles schneller als zuvor. Wir schleppten uns durch ein paar Kontrollen und stiegen in ein anderes Flugzeug. Dieses Mal machte mir der Flug ein bisschen weniger Angst. Als das Flugzeug nach zwei Stunden landete, waren wir angekommen in dem Land, das von nun an meine Welt, mein Zuhause sein würde. Der Ort, in dem meine Zukunft liegen sollte.
Noch heute weiß ich ganz genau, wie meine Mutter es mir ins Ohr flüsterte, als könnte sie damit meine Ängste vertreiben: „Lilya djan, wir sind endlich angekommen. Wir sind jetzt in Deutschland.“
Meine Erinnerungen an diese Reise sind insgesamt etwas verschwommen und lückenhaft, als wäre es nur ein Traum gewesen. Als hätte ich einen Teil der Ereignisse von außen betrachtet und nicht selbst erlebt. Dennoch hat sich mir dieser Augenblick tief in mein Bewusstsein eingeprägt. Wir sind jetzt in Deutschland. Es hatte etwas Endgültiges. Ich hatte zwar schon vorher verstanden, dass wir unser Zuhause verlassen würden, doch meine Eltern hatten mir als Kind nicht zu erklären vermocht, wie groß diese Welt ist und welche kaum vorstellbaren Entfernungen man in wenigen Stunden hinter sich legen konnte. Fort vom Land, in dem der Wind immerzu in den Bergen singt. Fort von den uralten Kirchen, aus denen glockenähnliche Stimmen ihre Chöre in die Welt tragen. Fort von den Straßen, wo zahnlose alte Männer an jeder Ecke sitzen, um stundenlang das Brettspiel Tavla zu spielen. Fort von der Aussicht auf den himmlischen Berg Ararat. Fort von unserem geliebten Armenien.
Unser Weggang war geradezu überstürzt gewesen. Meine Eltern hatten es zwar schon seit geraumer Zeit geplant und sogar etwas Deutsch gelernt, doch als sie alle Papiere hatten, die wir brauchten, hatten sich die Ereignisse überschlagen und plötzlich waren wir in der Fremde. Ohne Wohnung, ohne Arbeit und ohne eine langfristige Aufenthaltserlaubnis. Eine von vielen ausländischen Familien, die ihr Land verließen, in der Hoffnung, in Europa ein besseres Leben beginnen zu können. Mein Vater hatte als Starthilfe nur den Namen und die Nummer eines alten Familienfreundes, der in einer Stadt unweit vom Flughafen wohnte und mir schon bald als Onkel Hovik vertraut werden sollte.
Wir wurden einem Asylheim in der Nähe von Frankfurt am Main zugeteilt, in dem wir uns zu viert ein Zimmer sowie Küche und Bad mit etwa 30 anderen Menschen teilten. Ich gewöhnte mich schnell daran, doch meine Eltern fanden keine Ruhe. Insbesondere die Nächte waren sehr laut und einmal hörten wir etwas, das wie eine Explosion klang, direkt vor dem Asylheim. Meine Mutter sagte mir, das sei nur eine Spielerei von Jugendlichen gewesen, doch ich hatte das Gefühl, dass sie nicht ganz ehrlich zu mir war und die Nächte darauf konnte ich kein Auge zutun. Es dauerte mehrere Monate, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, bis wir endlich ausziehen durften. Meine Eltern hatten mit der Hilfe von Onkel Hovik eine Wohnung in Wiesbaden gefunden, sie war zwar etwas klein für eine vierköpfige Familie, doch im Gegensatz zum Asylheim erschien plötzlich alles groß. Ich dachte zwar oft an unser altes Haus in Armenien zurück, das viel größer gewesen war und sogar einen angrenzenden Garten voller Pflanzen und Fruchtbäume gehabt hatte, aber im Grunde war ich zufrieden.Und ich hatte das Gefühl meinen Eltern ging es genauso. Ich war zu jung, um zu bemerken, dass die bangen Sorgenfalten immer wieder das Gesicht meiner Mutter überschatteten, sie häufig gestresst auf und ab ging und das Herrichten der Wohnung ihr lediglich zur Ablenkung diente. Dass mein Vater nicht selten in Schweigsamkeit verfiel und sein Blick, selbst wenn er mit mir spielte, oft teilnahmslos wirkte und in weite Ferne rückte.
Nur ein Anzeichen verriet mir, wie schwer meiner Mutter dieser Neuanfang fiel. Es ereignete sich eines Nachts. Wir hatten noch keine richtigen Möbel und schliefen auf dünnen Matratzen, deren Stoff alt und abgewetzt war. Ich war aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen. Als ich zurückkam, hörte ich neben meinem Vater ein unterdrücktes Schluchzen. Es war ganz leise, fast geräuschlos. Nur das ruckartige Beben ihres Körpers unter der Decke, die gelegentliche Schnappatmung ließen mich erahnen, worum es sich dabei wirklich handelte. Mit rasendem Herzen näherte ich mich der Matratze und fragte meine Mutter flüsternd, warum sie weinte.
„Tut mir leid, Lilo djan. Es ist nichts, geh wieder ins Bett“, antwortete sie und wischte sich die Tränen vom Gesicht.
„Hattest du einen bösen Traum?“, wollte ich wissen.
„Ja, genau. Ich hatte einen Alptraum, aber jetzt ist er wieder vorbei und mir geht es gut. Also geh schlafen,...
| Erscheint lt. Verlag | 17.12.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre | |
| Schlagworte | dramatisch • Familiendrama • herzzerreißend • Kindheitsliebe • Kultur • Liebesroman • Romance |
| ISBN-10 | 3-7693-7001-5 / 3769370015 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-7001-0 / 9783769370010 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich