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Wackeltante (eBook)

Wie ich auf meinem holprigen Weg vorankam
eBook Download: EPUB
2024
280 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-6037-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Wackeltante - Renate Brockerhoff
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19,99 inkl. MwSt
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Geburtstrauma durch Sauerstoffmangel, neurologische Funktionsstörungen, Tetraspastik

Abitur 1984 Sprachenstudium: 1984-1988 , Übersetzen Englisch und Französisch Diplomabschluss: 1988 Anstellung Bundessprachenamt Hürth: 1993

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Nach außen hin erweckte ich den Eindruck der Unversehrtheit. Doch was gibt es bei einem Säugling schon großartig zu sehen? Er schläft oder schreit. Er schreit entweder, weil er Hunger hat oder weil die Windeln voll sind. Und ich war ein Schreihals, und was für einer. Offenbar gab es bei mir noch einen dritten Schreigrund, denn mein Schlüsselbein war ja gebrochen und verursachte wohl Schmerzen. Es sollte konservativ, also einfach so, heilen und meine Mutter sollte mich vorzugsweise auf den Rücken legen, damit die rechte, lädierte Seite vorerst nicht belastet wurde. Vielleicht veranlassten mich aber auch die durch einen erhöhten Muskeltonus verursachten Verkrampfungen der Ärmchen und Beinchen zum Schreien. Oder eine Kombination aus beidem? Leidtragende dieser ganzen Schreierei waren jedenfalls auch meine Großeltern väterlicherseits, denn in deren Haus in Bad Godesberg wohnten wir einige Jahre lang zu dritt im ersten Obergeschoss – auf der Etage, wie meine Mutter immer zu sagen pflegte. Wie in einem Einfamilienhaus so üblich, waren die einzelnen Etagen nicht voneinander abgetrennt, und man gelangte ohne Abschlusstür über eine Treppe von unten nach oben, und natürlich umgekehrt, so dass ich sozusagen bei meinen Großeltern und meinen Eltern gleichermaßen aufwuchs.

Mein Vater war Schreinermeister und arbeitete im Museum Koenig in Bonn. Seine Werkstatt befand sich im rückwärtigen Teil des Gebäudes im Keller. Dort schreinerte er alles, was auftragsgemäß aus Holz gefertigt werden sollte. Dazu gehörten Holzeinfassungen für die Schaukästen mit den Großtierausstellungen, stabile Regalwände, raffinierte Schubladensysteme für Insekten und Schmetterlinge und sonstige hochwertige Möbelstücke aller Art.

Meine Mutter stammt aus Brambauer in Lünen. Von dort wurde sie von ihrer Mutter zur Ausbildung als Hauswirtschafterin nach Bad Godesberg geschickt, wo sie dann meinen Vater kennenlernte. Beschäftigt war sie in dem in der Nachbarschaft gelegenen Haushalt, in dem sie auch ausgebildet worden war. Nach meiner Geburt arbeitete sie aber nur noch aushilfsweise in ihrem Beruf, denn sie hatte mit mir genug zu tun.

Wir lebten in recht bescheidenen Verhältnissen. Das Elternhaus meines Vaters verfügte weder über eine Heizung noch über eine Dusche. Geheizt wurde mit einem einzigen Kohleofen, der sich im Wohnzimmer der Großeltern befand. Mit Brennholz und Briketts wurde im Winter so gut eingeheizt, dass auch die angrenzende Wohnküche warm werden konnte. Auf der ersten Etage gab es nur eine Ofen-Miniaturausgabe, der seinem Namen alle Ehre machte und kaum Heizleistung erbrachte. Dementsprechend waren an kalten Wintertagen am Morgen die Fensterscheiben komplett zugefroren und von oben bis unten mit Eisblumen übersät. Tagsüber tauten sie dann allmählich ab und meine Mutter hatte ihre liebe Not, das ganze Wasser aufzufangen, bevor es über die Fensterbank auf die darunter stehende Couch floss.

Gewaschen wurde sich am Waschbecken mit einem Waschlappen. Warmes Wasser hatte man nur, wenn man es zuvor auf der Herdplatte erhitzte und in eine Waschschüssel gab. Einmal in der Woche hatte man allerdings den großen Luxus, in einer sich im Keller befindenden Zinkbadewanne baden zu dürfen. Das Badewasser wurde auf der nahegelegenen, offenen Feuerstelle erhitzt und mit Eimern in die Füßchenwanne umgefüllt. Unglaublich, welch ein Aufwand betrieben werden musste, um in den Genuss eines simplen Bades zu kommen! Für mich gab es natürlich noch eine extra Babywanne, die nicht im kalten Keller, sondern in der nicht ganz so kalten ersten Etage auf ihren Einsatz wartete.

Zur damaligen Zeit den Haushalt zu erledigen, hieß noch echte Knochenarbeit zu leisten. Waschmaschine Fehlanzeige! Auf der Feuerstelle im Keller befand sich ein großer Bottich, in dem die Wäsche gewaschen, auf einem Waschbrett gerubbelt und anschließend in einem zweiten Bottich klargespült wurde. Die mit Wasser vollgesogene und dadurch extrem schwer gewordene Wäsche musste sodann mit der Hand bestmöglich ausgewrungen und zum Trocknen auf die Leine gehängt werden. Während dieser sehr langwierigen Prozedur wurde ich dann von meiner Großmutter verwahrt, versorgt ... UND… natürlich ohne Ende verwöhnt. Wie hätte es auch anders sein können? Das Verwöhnen der Enkel gehört wohl schon naturgemäß zum Oma-Dasein dazu! Selbstverständlich war sie auch tatkräftig im Haushalt beschäftigt und sie hätte so gerne eine Waschmaschine gehabt, deren Vorzüge sie nicht müde wurde, anzupreisen. Der Großvater war jedoch immer dagegen. Er war ein überaus sparsamer Mensch, was bestimmt auch auf die langen Jahre der Entbehrungen zurückzuführen war, in denen er sich als Kriegsgefangener in Frankreich befand.

Ich kannte ihn immer nur als sehr zurückhaltenden, stillen und in sich gekehrten Menschen, der jedoch stets um mich besorgt war und sich – als ich aus dem Windelalter heraus war – rührend um mich kümmerte. Gerade weil er so ein schweigsamer und duldsamer Zeitgenosse war, war man überaus verwundert, dass er auch richtig aufbegehren konnte, wenn ihm irgendetwas nicht in den Kram passte. So protestierte er zum Beispiel eine Zeit lang aufs Heftigste gegen die Anschaffung eines Fernsehgeräts. Ob dies nun im Zusammenhang mit seiner Sparsamkeit oder mit seinen Kriegserlebnissen stand, über die er nie reden wollte, vermag ich nicht zu sagen. Durchaus vorstellbar für seinen Protest wären etwaige Befürchtungen, mit den grausamen Bildern des Kriegs erneut konfrontiert zu werden. Doch irgendwann musste er sich dem Druck seiner Frau beugen und ihrem Wunsch nachkommen. Dann geschah ganz Erstaunliches. Als nämlich das Schwarzweißgerät erst einmal im Wohnzimmer Einzug gehalten hatte, gehörten schon bald die allabendliche Tagesschau sowie der sonntagmittags von Werner Höfer moderierte „Internationale Frühschoppen“ zu seinen Lieblingssendungen. Die abends in Bild und Ton ins Wohnzimmer beförderten Politiker titulierte er nicht selten, kurz und knapp, als Quatschköpfe oder Arschlöcher. Trotz allem Verabscheuungswürdigem holte er sie sich immer wieder ganz regelmäßig auf den Bildschirm. Die sonntags in der Stammtischrunde meist mit sechs Journalisten aus fünf Ländern diskutierten aktuellen Themen verfolgte er mit häufigem Kopfschütteln, mitunter kam noch ein missbilligendes Brummen hinzu. Mehr war ihm nicht zu entlocken. Naheliegend ist, dass er noch einen durch und durch kriegstraumatisierten Zugang zur Politik und einen ganz anderen Blick auf die damit zusammenhängenden Ereignisse hatte. Möglicherweise stellte er auch umfassendere Zusammenhänge her oder zog andere Schlüsse aus dem politischen Geschehen. All das sind nur Mutmaßungen, denn er teilte sich uns ja nicht mit, sondern machte alles ganz still und leise mit sich alleine aus. Als Kind macht man sich darüber natürlich überhaupt keine Gedanken. Man merkt es noch nicht einmal, denn vom Reflektieren jedweder Vorkommnisse oder Verhaltensweisen ist man noch weit, weit entfernt. Der Großvater war für uns Kinder einfach der liebe, gutmütige Großvater, und fertig! Das hier entworfene Bild vom Großvater setzte sich ganz allmählich wie ein Puzzle-Spiel, Stückchen für Stückchen, zusammen, und konnte erst jetzt, im Erwachsenenalter, in der Retroperspektive aufgedröselt werden. Als Kernaussage gilt dies natürlich für alles hier Niedergeschriebene.

Mein Großvater war übrigens ebenfalls Schreiner. Seine Schreinerei war nur wenige Gehminuten von Zuhause entfernt und somit konnte er in seiner Pause zum Mittagessen nach Hause kommen. Für seine Frau bedeutete dies, dass pünktlich um zwölf Uhr das Essen auf dem Tisch stehen musste, denn im Anschluss daran ging es für meinen Großvater sofort zurück zur Arbeit. Ab und an nahm er morgens einen Henkelmann mit zur Arbeit, worin das Essen vom Vortag aufgewärmt wurde. Zusätzlich gab es dann noch ein belegtes Brot zum Mitnehmen, das als Hasenbrot bezeichnet wurde, wenn es unangetastet wieder mit nach Hause gebracht wurde. Sowohl das heute kaum noch geläufige Hasenbrot als auch der sehr selten gebräuchliche Henkelmann waren für mich von Kindesbeinen an ganz vertraute Begriffe, die dann ganz automatisch in meinen Wortschatz übergingen und die ich manchmal heute noch, ohne großartig drüber nachzudenken, wie selbstverständlich, verwende.

Von Opas Berufstätigkeit bekam ich nur noch wenige Jahre mit. Schon bald kündigte sich sein wohlverdienter Ruhestand an. Doch auch in der Rente wurde an dem wie eingeimpften Essensrhythmus nicht gerührt. Um Punkt 12 Uhr wurde zu Mittag gegessen – komme, was wolle! Selbst Werner Höfer und seine geladenen Gäste waren höflich genug, darauf Rücksicht zu nehmen. Denn nach ihrem großen Erfolg im Radio erschienen die Journalisten in den ersten Sendejahren bereits um 11.30 Uhr auf dem Bildschirm, und zwar qualmend. Was heutzutage undenkbar ist, war damals gang und gäbe: Im Fernsehen durfte geraucht werden. Ob nun Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen, es wurde gequalmt, was...

Erscheint lt. Verlag 9.12.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Schlagworte Autobiografie • Erfahrungen • Geburtstrauma • Hirnschädigung • Tetraspastik
ISBN-10 3-7693-6037-0 / 3769360370
ISBN-13 978-3-7693-6037-0 / 9783769360370
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