Musik über den Wassern (eBook)
352 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-7217-5 (ISBN)
Felix Söring, geboren 1967 in Hamburg, arbeitete nach seinem Studium der Betriebswirtschaft und Soziologie für verschiedene Großunternehmen als Führungskraft. Daneben betrieb er ein Tonstudio in Hamburg, in welchem zahlreiche Musikproduktionen entstanden. Als freier Musikjournalist schrieb Söring für diverse Zeitungen und Zeitschriften. Inzwischen arbeitet er als Berufsschullehrer. 1999 erschien sein Kinderroman »Wammeltin Wammel - Abenteuer eines Bergmonsters«, 2014 der autobiographische Romanbericht »Penne auf Herz!«. Für seinen Roman »Auf deinem Mond ein Feigenbaum« wurde er 2019 für den Deutschen Selfpublishing-Preis nominiert. Felix Söring lebt in einer bunten Patchwork-Familie in Hamburg.
Das Erwachen
»Können Sie mich hören, Herr Pohlmann?«, fragte eine unbekannte Männerstimme. Sie klang seltsam gedämpft, als käme sie von weit her.
Erik versuchte zu antworten, aber es gelang ihm nicht. Weder Lippen noch Stimmbänder ließen sich bewegen. Zudem grub sich augenblicklich ein scharfer Schmerz in seinen Kopf.
»Er ist tatsächlich aufgewacht«, hörte er eine Frau sagen. Auch ihre Stimme erschien ihm fremd.
»Herr Pohlmann, Sie sind hier im Universitätsklinikum Eppendorf. Mein Name ist Hilbert, Ihr behandelnder Arzt. Wenn Sie mich hören können, geben Sie mir bitte ein Zeichen.«
Erneut versuchte Erik sich bemerkbar zu machen. Vergeblich. Nicht mal einen Finger konnte er bewegen, geschweige denn ein anderes Körperteil. Dazu diese berstenden Kopfschmerzen, die sekündlich schlimmer wurden. So schlimm, dass er befürchtete, jeden Moment das soeben wiedererlangte Bewusstsein zu verlieren.
Erik spürte, wie sich der Arzt über ihn beugte und erst sein rechtes, dann sein linkes Lid anhob. Außerdem strahlte er ihm mit einem grellen Licht in die Augen, was eine weitere Schmerzattacke auslöste. Er wollte schreien, doch es war, als würde ein Pfropfen in seiner Kehle stecken. Panik stieg in ihm auf und sein Herz begann zu rasen. Was zum Teufel war nur los mit ihm?
»Herr Pohlmann, ich drücke jetzt Ihre rechte Hand. Können Sie bitte versuchen, den Druck zu erwidern?«
Erik wusste, wenn er jetzt kein Lebenszeichen von sich gab, er vermutlich ewig in diesem Zustand ausharren müsste. Und tatsächlich, mit einer letzten gewaltigen Kraftanstrengung gelang es ihm, seinem rechten Daumen ein minimales Zucken zu entlocken.
»Großartig, Herr Pohlmann«, lobte der Arzt die zarte Regung. »Sie hatten Recht, Schwester Beatrice. Er ist tatsächlich zurück. Würden Sie schnell mal schauen, ob Sie Frau Professor Allgoever irgendwo auftreiben können?«
»Natürlich, Herr Doktor, ich mach mich sofort auf den Weg.«
Die Stimmen, die Erik eben noch weit entfernt erschienen, wie vom anderen Ende einer großen Halle, wurden nun immer lauter. Unerträglich laut, als hätte man ihm einen Tausend-Watt-Verstärker ins Ohr gepflanzt. Ähnlich verhielt es sich mit den umliegenden Geräuschen. Die herauseilenden Schritte der Schwester sowie das Surren der elektrischen Tür hämmerten gegen sein Trommelfell wie Kanonensalven.
»Herr Pohlmann, ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern können«, fuhr der Arzt mit sachlicher Stimme fort, »aber Sie hatten eine schwere Lungenentzündung in dessen Folge sich als Komplikation eine akute Sepsis entwickelte. Seitdem liegen Sie hier in unserem Krankenhaus. Beide Erkrankungen sind inzwischen ausgeheilt. Allerdings befanden Sie sich für längere Zeit im Koma.« Hilbert machte eine kurze Pause und nahm zwei tiefe Atemzüge. »Herr Pohlmann, ich will ganz offen zu Ihnen sprechen. Es sah nicht gut aus, gar nicht gut. Wir waren uns nicht sicher, ob Sie wieder aufwachen würden.«
Lungenentzündung, Sepsis, Koma? Erik fühlte sich durch die Fülle an Informationen erschlagen. Sein schmerzgeplagter Kopf bekam das alles nur schwer untergebracht. Sprach der Arzt wirklich von ihm? Zwar konnte er sich schemenhaft erinnern, dass er krank gewesen war und ihn ein heftiger Husten gequält hatte. Aber davon fiel man ja nicht gleich ins Koma. Auch waren wiederkehrende Atemwegsinfekte bei ihm nichts Ungewöhnliches. Seit er sich als Kind eine schwere Tuberkulose zugezogen hatte, blieben Lungen und Bronchien seine Schwachstellen. Die ständige Husterei war zwar lästig, ernsthafte Komplikationen entwickelten sich bislang aber nicht daraus. Umso erstaunlicher, dass es diesmal offenbar anders gewesen war. Ebenso merkwürdig, dass er nichts davon mitbekommen haben soll. Eine Lungenentzündung war schließlich kein Herzinfarkt und kündigte sich üblicherweise an. Es war daher durchaus Skepsis angebracht. Aber warum sollte der Arzt ihn anlügen? Irgendeinen Grund musste es für seinen Zustand ja geben.
Erneut versuchte er die Augen zu öffnen, aber noch immer war es, als hielte sie ihm jemand zu. Auch alle anderen Befehle, die er seinem Körper sendete, verliefen ins Leere. Da war nur sein pfeifender Atem, sein innerliches Zittern und Stöhnen. Ein Gefühl vollkommener Verlorenheit, das immer mehr anschwoll und ihn wie ein unsichtbares Monster zu verschlingen drohte.
»Herr Pohlmann, das alles ist bestimmt erstmal schwer zu begreifen«, gab sich der Arzt mitfühlend. »Wichtig ist, dass Sie jetzt vor allem wieder zu Kräften kommen. Dabei werden wir Sie natürlich unterstützen. Während der Aufwachphase werden Sie allerdings noch starke Schmerzen haben. Das ist völlig normal und wird sich mit der Zeit geben. Ihre Muskeln und Organe hatten schließlich lange nichts mehr zu tun. Wir haben aber gute Schmerzmittel, die Ihnen Linderung verschaffen werden.«
»Einen Scheiß habt ihr«, dachte Erik. Wo ist das Zeug, von dem der Arzt sprach? Wenn er nicht bald eine kräftige Dosis davon bekam, würde er unweigerlich zugrunde gehen. Diese Schmerzen waren kaum auszuhalten. Besonders jetzt, wo sich schon wieder dieses laute, messerscharfe Surren durch seine Hirnwindungen fraß.
»Das ist ja mal eine erfreuliche Nachricht an diesem trüben Vormittag«, hörte Erik eine weitere unbekannte Frauenstimme sagen.
»Ja, es grenzt tatsächlich an ein Wunder«, antwortete der Arzt.
»Kann er sprechen?«
»Nein, er ist noch paralysiert, scheint mich aber offenbar zu hören. Leichte Lid- und Fingerreflexe. Zudem ein beschleunigter Puls, wenn ich ihn anspreche. Korneal- und Schmerzreize sind ebenfalls recht ausgeprägt, bei allerdings völlig stabilem EEG.«
»Wie lange jetzt schon ohne Intubation?«
»Fast zwei Stunden.«
»Na, das hört sich doch alles super an. Wir geben ihm noch ein bisschen Flow über die Maske und erhöhen die Metamizol-Zufuhr nochmal um zehn Milligramm.«
»Endlich«, dachte Erik erleichtert. Wenn er auch sonst nichts von dem verstand, was die Ärzte sich in ihrer Fachsprache erzählten, Metamizol war ihm ein Begriff. Das hatte er früher nach seiner Blinddarm-OP verschrieben bekommen. Insofern wusste er auch, dass es ein Mittel gegen Schmerzen war, ein ziemlich starkes noch dazu. Allerdings sollten sie sich jetzt wirklich beeilen, da schon wieder ein heftiger Krampfanfall durch seinen Körper zog.
Mitten in diesen Schmerzschwall spürte er, wie sich erneut eine Hand in die seine grub. Sie fühlte sich anders an als die vorherige, wärmer und weicher.
»Hallo, Herr Pohlmann. Schön, dass Sie wieder bei uns sind. Mein Name ist Bettina Allgoever. Ich bin die leitende Oberärztin der Neurologie. Das ist die Station, auf der sie sich momentan befinden. Mein Kollege hat Sie ja schon über Ihren Zustand aufgeklärt. Wir werden jetzt alles in die Wege leiten, damit sie schnell wieder auf die Beine kommen. Sie können uns dabei unterstützen, indem Sie versuchen, Ihre inneren Kräfte zu mobilisieren.«
Dann ließ sie seine Hand wieder los, um sich offenbar mit ihren Kollegen beratend in eine andere Ecke des Raumes zurückzuziehen. »Gibt es jemanden, den wir benachrichtigen müssen?«, fragte die Ärztin mit deutlich gesenkter Stimme.
Ihr konspirativer Flüsterton ließ erahnen, dass Erik nicht mitbekommen sollte, worüber sie sich unterhielten. Dafür hätten sie ihm allerdings die Ohren zuhalten oder den Raum verlassen müssen. Sein geschärfter Gehörsinn ermöglichte es ihm, jedes ihrer Worte zu verstehen. Er hätte gern darauf verzichtet. Schließlich trug der folgende Wortwechsel nicht gerade dazu bei, seine Verwirrung zu mildern.
»Ich wüsste nicht, wen wir informieren sollten«, antwortete die Schwester mit etwas Verzögerung. »Sein Vater ist schon lange tot und seine Mutter schwer an Demenz erkrankt. Soweit ich weiß, soll sie in Blankenese in einem Heim untergebracht sein. Auch verheiratet ist er nicht. Allerdings gibt es noch einen erwachsenen Sohn. Der hat sich allerdings schon ewig nicht mehr blicken lassen.«
»Haben wir seine Telefonnummer oder Adresse?«
»Hatten wir, ist beides offenbar nicht mehr aktuell. Ich kann aber später nochmal in die Akte schauen.«
»Weitere Kontaktpersonen sind nicht bekannt?«
»Anfangs bekam er gelegentlich noch Besuch von einer mysteriösen blonden Dame, offenbar seine Freundin«, erinnerte sich Doktor Hilbert.
»Lady Di«, ergänzte die Schwester.
»Ja, so haben wir sie zumindest intern genannt, wegen ihrer dunklen Sonnenbrille und ihrem Schlapphut«, lachte der Arzt. »Als die Seuche wieder ausbrach, ließ auch sie sich nicht mehr blicken.«
»Vermutlich ebenfalls ohne Kontaktdaten zu hinterlassen«, warf die Chefärztin schlussfolgernd ein.
»Richtig. War wohl keine ganz lupenreine Sache, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Ich kann es mir in etwa vorstellen. Ähnlich wie bei deinen...
| Erscheint lt. Verlag | 29.11.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Amnesie • amnésie • Dystopie • Endzeitthriller • Endzeit-Thriller • Hamburg • Liebe • Pandemie • Selbstfindung |
| ISBN-10 | 3-7693-7217-4 / 3769372174 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-7217-5 / 9783769372175 |
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