Welt ohne Zeit (eBook)
240 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-3154-7 (ISBN)
Michael Abenath ist Schriftsteller, Musiker, Komponist und Filmemacher. Er ist praktizierender Buddhist und lebt auf seine persönlichen Weise die fernöstliche Philosophie. Er beschreibt in seinem ersten Roman Welt ohne Zeit den Zusammenhang zwischen Raumfahrt, Spiritualität und religiösen Dogmen
Besuch aus der Vergangenheit
Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte erbarmungslos. Heiße Luft stieg auf, der Horizont glitzerte. An weißen Bungalows, die friedlich in einer paradiesisch anmutenden Parkanlage lagen, funkelten goldbraun getönte Fensterscheiben im Licht. Hier und dort parkten schnittige Solarautos und Fahrräder, kein Mensch weit und breit.
An diesem Sommertag im Jahr 2196 befand sich Dara Scope auf dem Weg zum U-Bahn-Lift. Am Eingang wehte ihr angenehm kühle Luft entgegen. Sie atmete tief durch und strich sich mit der Hand durch ihr langes schwarzes Haar. In wenigen Sekunden sauste der Lift in die Tiefe und öffnete mit einem sanften melodischen Klang die Tür. Die Stadt pulsierte tief unter der Erde. Große lichtdurchflutete Erlebnisplätze, kühle Eleganz aus Stahl, Chrom und Marmor.
Aus einem blau beleuchteten Tunnel sauste eine Bahn heran und stoppte vor den Wartenden, während sich die chromglänzende Seitenwand des Zuges öffnete. Dara bestieg den Zug und dachte an das neue Projekt, überlegte, was es für sie als Mitarbeiter in von Transpace an neuen Herausforderungen geben könnte.
Als ihre Mutter vor fünf Jahren vorschlug sich bei TS als Shuttlepilotin zu bewerben, befolgte sie ihren Rat. „Der Job dort ist interessant. Du hast im wahrsten Sinne Aufstiegschancen“, hatte sie augenzwinkernd gesagt.
Eine phantasievoll angelegte Pflanzenwelt schmückte die Flughafenhalle. Hoch unter der Decke hing ein historisches Shuttle. Darüber prangte ein blau leuchtender Schriftzug: Weltraumbahnhof. Dara trat in die Kontrollschleuse für Flughafenpersonal und legte die linke Hand auf den Sensor. Eine Tür aus silbern glänzenden Stahl glitt surrend auf. „Identität erfolgreich abgeschlossen, Person zugangsberechtigt“, tönte eine strenge Computerstimme. Sie betrat das Cockpit des Shuttles und ließ sich schnaufend in den Sitz fallen.
„Luxa, bist du da?“
„Aber klar und alle Systeme sind aktiviert“, antwortete die Frau im Computer. Sie war Daras virtuelle Assistentin und Ansprechpartnerin für Informationen und gleichzeitig eine treue immer präsente Freundin.
„Ich musste durch drei Barrieren, um mich einloggen zu können. Die Sicherheitsbestimmungen sind erhöht worden. Hackerinnen sind jetzt in der Endphase der Baustelle sehr aktiv“, fügte Luxa hinzu.
„Denkst du, es gibt Sabotageversuche.“
„Eher blinde Passagiere. Die Chance, unter den glücklichen Tausend zu sein, ist gering.“
„Mich interessiert, wie groß meine Chance ist“, antwortete Dara, während sie auf das Display schaute, welches eine lange Tabelle herunterkurbelte..
„Sehr hoch, Dara.“
Luxa erschien im Display, sie hatte ein zierliches Gesicht mit einer kurzen, frechen Frisur.
„Vera hat eine Stellenzusage.“ Sie schmunzelte.
„...und ihre Tochter darf mit“, fügte Dara hinzu und sprang vor Freude aus dem Sitz.
„Andockschleuse 104“, raunte eine strenge Stimme des Sicherheits - und Koordinierungssystems. Das Startzeichen. Dara betätigte einen großen Sensor. Das Rangiertriebwerk erwachte mit einem leisen aufsteigenden Summton zum Leben brachte das Shuttle an Schleuse 104, wo Arbeitskräfte und Orbit-Touristinnen bereits auf den Einstieg warteten.
Wenig später sah Dara durch die getönte Frontscheibe auf die Rollbahn, die schnurgerade, flankiert von reflektierenden Begrenzungsmarken, zu einem Fluchtpunkt zusammenliefen. Konzentriert und Kaugummi kauend saß sie im Sitz, als das Shuttle beschleunigte und die Nase schon nach wenigen Sekunden gegen den blauen Himmel streckte. Sie spürte den Druck, der sie tief in das Polster drückte, als sich die Maschine vom Boden löste, schnell an Höhe gewann und wie ein Pfeil den Himmel entgegen driftete.
„Alles ok“, meldete Luxa wenig später, „wir verlassen gleich die Atmosphäre.“ Am Horizont konnte Dara jetzt die Krümmung der Erde zu erkennen. Das blaue Licht der Oberfläche verlor sich in den pechschwarzen Weltraum und machte sich auf den Weg in die Unendlichkeit. Die Schwerkraft ließ nach. Das Triebwerk verstummte und das Shuttle ging in einem stillen Gleitflug über. Eine silbern glänzende Konstruktion lag vor ihnen. Das erste interstellare Raumschiff mit dem Namen Profectio stand unmittelbar vor der Vollendung. Ein riesiges Rad mit acht dicken Speichen. Rechts und links gigantische neu entwickelte Triebwerke, die das Schiff auf ein Drittel Lichtgeschwindigkeit beschleunigen sollen.
Tausende kleine Lichtpunkte verwandelten sich zu einem faszinierenden optischen Schauspiel, in dass das Shuttle eintauchte, als es an den Lichterreihen entlang schwebte und mit mechanischer Präzision an den gleichmäßig rotierenden Außenring an Einflugschleuse sechs andockte. Nach wenigen Minuten setzte es auf die Lande-Plattform auf.
Als die Touristinnen neugierig ihrer Reiseleiterin folgten und die Monteurinnen sich zur Arbeitsstelle begaben, beschloss Dara ihre Mutter zu besuchen, die hier oben ein kleines Apartment eingerichtet hatte. Sie lief mit großen Schritten durch halbfertige dunkle Korridore, in denen bunte Kabel aus Schächten hingen und ineinander verknotet auf dem Boden lagen. Die Türen der Quartiere standen offen. Monteurinnen, in ihrer Arbeit vertieft, hoben kurz den Kopf als Dara mit ihren hartbesohlten Schuhen laut über den nackten Metallboden stelzte. Sie gelangte endlich an Tür Nummer 157 an der rechts daneben ein aktiviertes Display leuchtete, auf dem im violetten Schriftzug „Vera S. Ingenieurin von TS“ stand. Die Tür glitt mit einem leichten Surren auf, nachdem Dara den Sensor mehrmals betätigt hatte.
Vera wirkte im ersten Moment etwas gereizt, doch ihr müdes Gesicht erstrahlte mit neuer Energie, als sie Dara sah.
Sie umarmten sich.
„Grüß dich, Ma.“
„Du, ich freue mich, dass du gekommen bist. Wie lang kannst du bleiben?“
„Zehn Minuten, dann muss ich wieder zum Shuttle.“
„Willst du was essen?“
„Nein, gib mir nur einen Vitaminshake.“ Dara setzte sich auf ein aufblasbares Sofa, welches zusammen mit einem gelben Pilztisch am Fenster stand, beugte sich vor und genoss für einen Moment den Blick auf die Erde.
Sie wandte sich Vera zu, die mit zwei Gläser Saft aus der Versorgungsnische kam. Das Sofa quietschte, als sie sich neben Dara setzte.
„Willst du dich nicht etwas netter einrichten“, fragte Dara
„Mir reicht es. Ich komme nur noch zum Schlafen hierher.“
„Du siehst schlecht aus, Ma.“
„Kein Wunder bei den Überstunden. Im Moment sind wir in der Endphase der Fertigstellung. Wenn das geschafft ist mache ich erst mal Urlaub.“ Vera schmunzelte und ihre müden Augen funkelten kurz auf.
„Was machst du danach?“
„Der Konzern bietet mir eine weitere Beschäftigung auf diesem Raumschiff an.“
„Das heißt du kannst mitfliegen?“
„Ja“. Vera nippte an den fruchtigen Saft. „Ich habe noch nicht zugesagt.“
„Aber warum nicht!“
„Es ist eine endgültige Entscheidung. Es gibt kein Zurück. Das Risiko ist hoch, keiner kann sagen, was uns wirklich erwartet, Dara.“
Vera sah nachdenklich durch das Fenster.
„Ich bin jedenfalls dabei, wenn du den Job annimmst“, sagte Dara und schmunzelte.
„Kannst du dir vorstellen, fünfzehn Jahre in einem Raumschiff zu sein und draußen nichts als schwarze Leere?“
„Ma, sieh dir das gigantische Bauwerk hier an. Du hast das Gefühl du lebst in einer Stadt. Da merkst du die Leere des Weltraums nicht.“
Vera lehnte sich weit in das Sofa zurück und starrte zur Decke.
„Lass uns ein anderes mal darüber reden, ich bin jetzt zu müde!“, sagte sie und gähnte.
Dara stand auf, und leerte das Glas.
„Ich muss gleich los, soll ich noch etwas für dich besorgen?“
„Nein danke.“
Sie umarmten sich. Das Schiff hatte sich weitergedreht. Das letzte Stück der Erdoberfläche verschwand am oberen Rand des Fensters. Vera erschrak, als sie durch das Fenster blickte und die Erde verschwunden war.
*
Lydia, eine reife, dunkelhäutige Frau, gehörte zu dem höchsten Führungsteam der Reise und Forschungsgesellschaft Transpace und lebte im Sektor 2 der vereinigten Kontinente, den man in der Vergangenheit Afrika nannte.
Daxa, Lydias Assistentin, eine mit Juwelen und Türkise geschmückte Schönheit und kunstvoll gestylten gelben Haaren, erschien auf der Projektionswand.
„Die Raumüberwachung meldet ein unbekanntes Flugobjekt, ist einfach aus dem Nichts aufgetaucht“, sagte sie.
„Analyse?“ , fragte Lydia
„Es ist eine kleine Raumfähre. Die Materialanalyse deutet auf eine ältere Bauweise aus dem 21. Jahrhundert hin.“
„Sind Menschen an Bord?“
„Ja, eine Frau, zwei Männer.“
Lydia fiel vor Schreck die Kinnlade herunter. Sie ging zum...
| Erscheint lt. Verlag | 28.11.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Lesben • Philosophie • Raumfahrt • Science-fiction • Zeitreisen |
| ISBN-10 | 3-7693-3154-0 / 3769331540 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-3154-7 / 9783769331547 |
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