Yaro Im Schatten des Shogun (eBook)
260 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-6960-1 (ISBN)
Der Autor lebt mit seiner Familie in München und betreibt dort seit 45 Jahren die Kampfkünste Aikido und Iaido, die Kunst des Schwertziehens.
Entspannt saß Yamato Ichiro im Seiza auf dem dunklen Holzboden des Dojo, wo die Samurai der Leibgarde des Daimyo, des jungen Iroda Akira, bereits ihre morgendlichen Übungsstunden mit den Waffen beendet hatten. Bis auf ihn hatten alle Übenden das Dojo verlassen und sich auf den Weg zu ihren Unterkünften begeben. So saß Ichiro, der von seinen Freunden und Vertrauten auch Yaro genannt wurde, im Fersensitz, in seinem weißen Gi und grauen Hakama, an einer aufgeschobenen Shoji, eine verschiebbare, mit Reispapier verkleidete, stabile Gitterwand aus Holz, und lauschte der monotonen Melodie des Monsunregens, der die Umgebung in ein graublaues Licht tauchte.
Bald fünfzehn Jahre waren bereits vergangen, seit Yaro als zweiundzwanzigjähriger Mann an den Fürstenhof der Familie Iroda in Jatsuma, der Hauptstadt der Präfektur Tagai, berufen worden war.
Tagai lag nahe der Südspitze der Hauptinsel Honshu und wurde von drei Präfekturen begrenzt: Togari im Westen, Tairuyama im Norden und Yasatama im Osten. Im Süden grenzte der große Binnensee Seto-nakai an die Präfektur.
Wie jedes Jahr zwischen Frühling und Sommer bringt die meist vierwöchige Regenzeit den lang ersehnten Regen, der für die Wasserversorgung und die Landwirtschaft lebensnotwendig ist. Deshalb beginnen die Bauern zum Anfang der Regenzeit mit dem Anbau von Nassreis, um ihn im Spätsommer rechtzeitig vor dem Aufkommen der Taifune ernten zu können. Angesichts der lebenswichtigen Bedeutung der Regenzeit für das Land nehmen die Menschen die damit verbundenen Unannehmlichkeiten wie selbstverständlich an. Dennoch sehnen sie jedes Mal das Ende der Regenzeit herbei. Denn die hohe Luftfeuchtigkeit verhindert, dass die tagsüber getragene und nass gewordene Kleidung nicht außerhalb der Räume zum Trocknen aufgehängt werden kann. Dadurch steigt die Gefahr, dass die Kleidung leicht von Schimmel befallen wird.
Yaro empfand das Prasseln des Regens auf den mit weißen Kiessteinen aufgefüllten Wegen, die sich durch die Grünanlagen des Parks vor der Residenz schlängelten, als wohltuend und beruhigend. Doch auch er sehnte das Ende der Regenzeit herbei, denn die drückende Schwüle brachte die Übenden bei ihrem intensiven Waffentraining schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.
Die Ruhe, die nach dem unvermeidlich lauten Üben die Übungshalle nun erfüllte, übertrug sich auch auf Yaro, der nun seinen Gedanken nachhing, ohne bewusst zu meditieren. Er war inzwischen darin geübt, sich in jeder Umgebung schnell in den gewünschten Ruhezustand zu versetzen. Denn seit er vom damaligen Daimyo, Iroda Katsumura, nach Jatsuma berufen worden war, besuchte er regelmäßig das nahe gelegene Kloster Sakuraji, um seine Meditationstechniken zu perfektionieren.
Mit dem Abt des Klosters, Mori Renzo, verbindet ihn seit langem eine enge Freundschaft. Denn bei nicht wenigen gefahrvollen Unternehmungen, die Yaro seitdem im Auftrag der wechselnden Daimyo zu bewältigen hatte, nahm sich Mori-san ausnahmslos die Zeit, ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Beide genossen die offenen und tiefgründigen Gespräche über die Wechselfälle des Lebens und das Verhalten der Menschen.
Bevor Yaro seinen Geburtsort Satama verließ, um am Fürstenhof seine Tätigkeit als Leiter des Zentralen Speicheramtes aufzunehmen, riet ihm sein Sensei Okimoto Kiochi zum Abschied, das Kloster Sakuraji aufzusuchen. Denn mit dem Abt des Klosters verband ihn eine tiefe Freundschaft. Er vertraute darauf, dass der Abt den jungen Yaro in seine Gemeinschaft aufnehmen, dessen geistigen und körperlichen Fähigkeiten weiter fördern und dessen tugendhafte Gesinnung festigen würde. Mori-san war damals sehr erfreut, einen so sensiblen und interessierten Gesprächspartner wie Yaro und einen Schüler seines Freundes Kiochi zu treffen, der ihn in seiner Aufrichtigkeit und Wachsamkeit sehr an dessen Sensei erinnerte.
Später als Yaro auf Bitten des Abtes seine Mönche in der waffenlosen Kampfkunst Taijutsu und im Stockkampf unterrichtete, um das Kloster gegen Angriffe von außen wehrhaft zu machen, vertiefte sich auch sein Verhältnis zu den Mönchen so weit, dass Yaro bald als Gleichgesinnter an den gemeinsamen Meditationsübungen teilnehmen durfte.
Ein leichtes Lächeln huschte über Yaros Gesicht, als er sich an seine erste Begegnung mit dem Abt erinnerte. Denn kurz zuvor hatte er Ayumi, seine Frau und Mutter seiner Kinder Kiochi und Michiko, auf dem Weg nach Jatsuma auf abenteuerliche Weise kennen gelernt. Er hatte sie aus den Händen von Banditen befreit, nur um wenig später festzustellen, dass Ayumi aus einer Ninja-Familie stammte und wie ihre jüngere Schwester Aiko die verborgenen Kampftechniken der Ninja mit tödlicher Präzision beherrschte.
In den folgenden Jahren kam es immer wieder vor, dass die beiden Frauen Yaro aus dem Verborgenen heraus ihn bei seinen gefahrvollen Unternehmungen unterstützten, die er im Auftrag des Daimyo zu bewältigen hatte. Von seiner familiären Verbundenheit mit der Ninja-Familie Muro erzählte Yaro nur seinem Freund und Trainingsgefährten Sugita Kaito sowie dem jetzigen Daimyo und nun schon engen Vertrauten Iroda Akira. Er tat dies, als besondere Umstände es erforderten und er das auf Ehrlichkeit und Offenheit basierende Verhältnis zueinander nicht beschädigen wollte. Die Ninja waren die Feinde der Samurai des Schwertadels, da sie oft mit List und Skrupellosigkeit gegen Bezahlung und ohne jegliches Ehrgefühl Verbrechen und Morde im Auftrag der meistbietenden Geschäftsleute oder Politiker ausführten. Diese Praktiken widersprachen dem selbst auferlegten Ethos der Samurai, die nach Aufrichtigkeit und Tugendhaftigkeit strebten. Dennoch war der Daimyo Yaro und seiner Ninja-Familie wohlgesonnen.
Denn Ayumi und ihre Schwester Aiko hatten bereits ein Attentat auf Chie, der damaligen Braut und jetzigen Ehefrau des Daimyo, verhindert und sie später aus einer Geiselnahme befreit, woraufhin Aiko zu Chies persönlicher Leibwächterin ernannt wurde. Mit diesen Treuebeweisen zeigten beide Frauen ihre Loyalität gegenüber dem Fürsten, so dass der Daimyo es mittlerweile als beruhigend und hilfreich empfand, wenn sich beide Frauen in der Nähe des Fürstenpaares aufhielten und Yaro bei der Erfüllung gefährlicher Aufträge im Verborgenen unterstützten.
’Ja’, dachte Yaro, ’in den letzten fünf Jahren, seit der Heirat des Daimyo, Iroda Akira, mit seiner Frau Chie, haben sich in meiner näheren Umgebung einige Veränderungen ergeben. Diese waren jedoch überwiegend erfreulich.’
So ist die Nachfolge in der Linie der Daimyo von Tagai nun gesichert, nachdem Chie vor vier Jahren ihren Sohn Yuma und vor einem Jahr ihre Tochter Ema gesund zur Welt gebracht hatte.
Ansonsten hat sich im Umfeld des Daimyo Iroda Akira nichts Wesentliches geändert, denn die seit Jahren am Fürstenhof tätigen Nakayama Tamaro als Berater für Finanzen und Verwaltung und Sugita Masahiro als Berater für Sicherheit und Verteidigung genießen unverändert sein uneingeschränktes Vertrauen. Dasselbe gilt für Sana Hayato, den Obersten Richter, der Tada Gozo nachfolgte, welcher während der kurzen Willkürherrschaft von Akiras Stiefbruder Iroda Kamaro auf mysteriöse Weise verschwand. Es wird vermutet, dass Kamaro ihn entführen und töten ließ, um zu verhindern, dass Tada, im Auftrag des Daimyo, ein Dokument verfasste, das ihn als Erstgeborenen von der Erbfolge ausschloss. Der Verdacht erhärtete sich, als Yaro erfuhr, dass Kamaro seinen Vater, Iroda Katsumura, von Ninja töten ließ, um seine Nachfolge zu sichern.
Akira hatte es nie bereut, dem gleichaltrigen Yaro bei seinem Amtsantritt als Daimyo den Posten eines Beraters für besondere Angelegenheiten angeboten zu haben. Schon damals beeindruckte ihn Yaros tugendhafte Gesinnung und seine daraus resultierende aufrichtige Haltung. Aikra war und ist bestrebt, sein Verhalten und Handeln nach seinem Vorbild Yaros auszurichten, was sich in der Art und Weise, wie er die Präfektur regiert, in erfreulicher Weise widerspiegelt.
Aus der engen Vertrautheit ist eine enge Freundschaft entstanden, die dem manchmal noch unerfahrenen Akira das Regieren erleichtert. Denn er hatte nun einen Freund an seiner Seite, mit dem er alles besprechen konnte. Der sich aber mit wohlgemeinter Kritik nicht zurückhielt. Ein Umstand, der auch von den schon älteren und erfahrenen Beratern Nakayama-san und Sugita-san wohlwollend zur Kenntnis genommen wird.
Obwohl Yaro aufgrund seiner nicht unbedeutenden Stellung am Fürstenhof auf das Gelände der Residenz hätte umziehen können, wohnte er weiterhin in seinem Haus in der Stadt, aber in der Nähe der Residenz. Auf dem ihm überlassenen Grundstück befanden sich das Wohnhaus, in dem er mit Ayumi, seinen beiden Kindern und Ayumis Schwester Aiko lebte, sowie ein Nebengebäude, in dem Ayumis Eltern wohnten. Während sich die Großmutter Hana um den Haushalt, die Zubereitung der Mahlzeiten und - bei Abwesenheit der Eltern - um das Wohlergehen der Kinder kümmerte, pflegte der Großvater Sodo das Grundstück und die zahlreichen Gemüsebeete.
Ein hoher, mit Pflanzen bewachsener Holzzaun umgab das Grundstück, so dass es von außen nicht...
| Erscheint lt. Verlag | 26.11.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-7693-6960-2 / 3769369602 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-6960-1 / 9783769369601 |
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