Aurea und die Homomaskulinen (eBook)
284 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-8081-1 (ISBN)
Marion Scheer wurde 1952 in Düsseldorf geboren. Im Anschluss an eine Banklehre und einige Jahre als Sachbearbeiterin bei einer Düsseldorfer Großbank, studierte sie Mathematik, Geografie und Geschichte auf Lehramt. Sie lebt und arbeitet seit fast vierzig Jahren an der ostfriesischen Nordseeküste und ist mehrfache Mutter und Oma. Solange sie schreiben kann, betreibt sie in ihrer Freizeit die Schriftstellerei. Dabei arbeitet sie gern tatsächliche Begebenheiten und Erlebnisse in ihre erfundenen Geschichten ein. Leider verhinderten mehrere schwere Schicksalsschläge, dass ihre Romane und Kurzgeschichten schon früher veröffentlicht wurden. Heute lebt die Schriftstellerin mit ihrem jetzigen Ehemann zurückgezogen in der Nähe von Emden.
Festtagsstimmung
Als Aurea morgens die Augen aufschlug, schien die Sonne ihr mitten ins Gesicht. Blinzelnd erinnerte sie sich, dass sie am Vorabend den Robo entsprechend programmiert hatte, sie auf diese Art zu wecken. Sie zog die leichte warme Decke über ihren Kopf und murrte leise.
Dann fiel ihr plötzlich ein, dass es ein ganz besonderer Termin war. Es handelte sich um den zweitausendsten Jahrestag der großen Rettung durch die heilige Urmutter!
Schon seit vielen Wochen und Monaten liefen die Vorbereitungen für diesen fröhlichen Feiertag. Keine Frau im Land sollte an diesem Tag einer Arbeit nachgehen. Und deshalb hatte auch Anima den ganzen lieben langen Tag frei. Frei für ihre Tochter Aurea!
Das Mädchen saß sofort hellwach auf ihrem Lager und wischte sich den Schlaf aus den Augen. "Mach das Licht aus und die Fenster auf", herrschte sie den Robo aufgeregt an. Der reagierte prompt. Von draußen strömte sofort klare Frühlingsluft ins Zimmer, und die echte Sonne stand strahlend am azurblauen Himmel.
"Ja, warum denn nicht gleich so?" Sie hüpfte aus dem Bett, breitete beide Arme aus und sang laut aus dem Fenster: "Oh, holde gnädige Urmutter, danke, dass du unsere Ahnfrauen vor dem Untergang bewahrt hast, und danke, dass wir heute den ganzen Tag feiern dürfen!"
Zwar sollte das Feiern in sehr geregelten Bahnen ablaufen, aber Aurea und ihre Mutter würden den Feierlichkeiten Seite an Seite, wenn nicht gar Hand in Hand, beiwohnen können. Nur für einige kurze Momente würde Aurea die Mutter verlassen müssen, nämlich dann, wenn sie im Schulchor der Göttin huldigen sollte. Aber dadurch hatte sie ja das Vergnügen, Anima als stolze Mutter im Zuschauerraum zu beobachten.
Welche Freude! Welche Freude!
Aurea konnte sich kaum zügeln. Sie ließ die Morgentoilette im Eiltempo über sich ergehen, so als habe sie an einem Schultag nicht früh genug aus dem Schlaf gefunden. Dann ordnete sie an, den Frühstückstisch zu decken und begab sich noch halb nackt ins Schlafzimmer der Mutter.
Der Raum war vollkommen dunkel. Sie hörte leise gleichmäßige Atemzüge. Wie sie es als kleines Kind manchmal getan hatte, kroch sie vorsichtig unter Animas Decke und kuschelte sich an.
"Huch, hast du aber kalte Beine", hörte sie eine fröhliche klare Stimme sagen. Es war nicht der Tonfall ihrer Mutter. Die rekelte sich erst jetzt und murmelte schlaftrunken: "Was ist denn hier los am frühen Morgen?"
"Deine Tochter ist gerade zu uns aufs Lager gekommen. Aber zu Dritt ist es hier ein bisschen eng. Außerdem hat das Mädchen schrecklich kalte Haxen. Hast du vielleicht in deinem jugendlichen Alter schon Durchblutungsstörungen?"
Aurea hatte die Stimme inzwischen als Doktorin Ferox identifiziert und antwortete etwas betreten: "Nein, ich war bloß so freundlich mich schon um das Frühstück zu kümmern, dabei ist mir etwas kühl geworden. Ich ziehe mich aber sofort richtig an." Enttäuscht verließ sie das Nachtlager der Mutter, während diese lachend den Befehl zum Öffnen der Fenster gab.
Aurea kleidete sich lustlos mit Hilfe des Robos in ihre weißen seidig schillernden Feiertagsgewänder. Da hatte sie sich schon seit Wochen so sehr auf diesen Termin gefreut und nun das!
Wenn Doktorin Ferox beabsichtigte, den ganzen Tag mit Anima zu verbringen, würde sie selbst keine Chance haben, die Aufmerksamkeit der Mutter für sich zu beanspruchen.
Anfängliche Wut ging langsam in eine lähmende Trauer über. Sie verspürte keinerlei Appetit mehr auf das angerichtete Frühstück. Sie hatte es ja auch nur für zwei Personen herrichten lassen. Sollte sich doch diese Ferox gleich am Morgen auf ihren Platz setzen! Sie würde auf dem Zimmer warten, bis es an der Zeit war, die Halle des Friedens aufzusuchen, um an den feierlichen Umzügen und den anschließenden Theateraufführungen teilzunehmen.
Largiri kam leise schnurrend aus ihrer Schlafhöhle. Ganz sanft, als spüre sie Aureas Seelenqualen, strich sie um das lange seidige Kleid. Das Mädchen nahm die Katze hoch und drückte das traurige Gesicht in das lila Plüschfell. Drei verlorene Tränen lösten sich dabei von den langen dichten Wimpern.
"Ach, süße Largiri, du bist wirklich die einzige Freundin, die ich auf der Welt habe", seufzte sie tief und ließ sich mitsamt dem Tierchen rücklings auf ihr Lager fallen. Dass ihr hübsches Festtagskleid dabei total verknitterte, interessierte sie nicht ein bisschen.
Das MFA an ihrem Handgelenk signalisierte, dass die Mutter sie zu sich bat. Aurea hatte bewusst das Mikro abgeschaltet und ignorierte auch den rhythmischen Ton konsequent. Sie streichelte weiter das weiche Fell ihres Schmusetierchens. Wenn Anima was von ihr wollte, sollte sie sich selbst her bewegen!
Und wirklich es dauerte kaum zwei Minuten und die geliebte Mutter stand vor der Tür.
"Aurea, Liebes, warum kommst du nicht zum Frühstück. Ich warte auf dich. Allein schmeckt es mir nicht so richtig - und schließlich ist doch heute unser Tag ..."
Aurea hatte sich eigentlich vorgenommen, sie richtig ausgiebig betteln zu lassen, aber angesichts dieser liebevollen Worte konnte sie sich nicht länger zurückhalten. Sie stürmte halb weinend, halb lachend aus ihrem Zimmer und umarmte die überraschte Mutter heftig.
Nach einer Weile löste sie sich von Animas Hals und fragte vorsichtig: "Wo ist den Doktorin Ferox? Frühstückt sie nicht mit uns?"
Während Mutter und Tochter einträchtig Hand in Hand zum Essraum schritten, erklärte Anima: "Nein, nein, sie musste sehr schnell zu ihren Versuchstieren. Die brauchen auch an einem Feiertag ihre Zuwendung. Vielleicht kann sie später zu uns stoßen, falls mit ihren Homomaskulinen alles in Ordnung ist."
Aurea war plötzlich bestens gelaunt und sprach mit großem Appetit dem leckeren Frühstück zu.
Die Feiertagsprozessionen schlängelten sich von der Halle des Friedens ausgehend durch die ganze Stadt. Euphorische Klänge aus hunderten von Lautverstärkern begleiteten die friedlichen weiß gekleideten Frauen.
Sie trugen Kränze aus frischen Blumen im Haar und winkten fröhlich mit immergrünen Sträuß-chen. Ab und zu mischten sich auch musizierende oder singende Gruppen darunter. Aurea und Anima schritten Hand in Hand in der Menge. Das Mädchen zeigte freudig gerötete Wangen.
Hier und da trafen die beiden auf Freundinnen, Arbeitskolleginnen oder Mitschülerinnen. Meistens gab es dann ein lautes Hallo, und sie umarmten einander. Heute wollte jede Frau demonstrieren, wie gut sie sich alle verstanden.
Aurea war alt genug zu wissen, dass es in Wirklichkeit auch Konflikte unter den Frauen der Gesellschaft gab. Zwar hielten die sanften Lehren der guten Urmutter alle Geschöpfe zur Friedfertigkeit an, aber nicht bei jeder Frau fiel der Same auf fruchtbaren Boden. Es gab noch immer viel zu viel Neid und Missgunst auf der Welt, wenn auch in den zweitausend Jahren seit der großen Katastrophe einige Übel erfolgreich ausgerottet worden waren.
Das MFA ihrer Mutter begann zu blinken. Anima litt unter einer chronischen Mangelerscheinung und benötigte heute eine erhöhte Dosis der Medikamente. Aurea zog sie aus der Menge an den Straßenrand, wo sich die beiden für einen Augenblick auf eine der vielen Ruhebänke setzten. Sie hatten Glück hier gerade noch etwas Platz zu finden, denn die meisten waren von sehr alten Damen besetzt, die sich immer noch ans Leben klammerten aber die aktive Teilnahme an dem Umzug nicht mehr zutrauten.
"Nun aktiviere schon endlich die Injektion, Anima! Sonst wird dir am Ende wieder so übel, wie vor zwei Wochen. Ich möchte nicht die Ambulanz rufen. Das wäre kein schöner Abschluss für unseren gemeinsamen Tag." Die Tochter ließ die Hand der Mutter los, damit diese die Medikamentenzufuhr veranlassen konnte.
Sehr schnell meldete das MFA, dass Animas Körperfunktionen wieder in Ordnung waren. Und nach einigen Minuten der Rast reihten sie sich erneut in die Prozession ein, um zum Höhepunkt der geplanten Veranstaltungen in die Halle des Friedens zurück zu gelangen.
Auf einer großen mit Blumen geschmückten Bühne stand die Oberste der weisen Frauen an einem Rednerpult und sprach zur Menge. Sie erinnerte in ihrer mitreißenden Ansprache an die verheerende atomare Weltkatastrophe vor über zweitausend Jahren.
Die meisten Gebiete der Erde waren danach stark verseucht und ohne Leben. Unter den wenigen überlebenden Menschen herrschte die Anarchie. Frauen gebaren tote Säuglinge oder schreckliche Mutanten. Bis dann die heilige Urmutter ein Einsehen hatte und durch Venia, die erste große weise Frau, wieder Frieden in diese Welt brachte.
Seither hatte die Gesellschaft der Frauen sich stetig zum Positiven weiter entwickelt. Heute herrschte Wohlstand, allgemeine Gesundheit und Zufriedenheit. Konflikte wurden meist auf friedlichem Wege beigelegt. Und der Tod kam im hohen Alter auf sanften Schwingen zu den Betagten, wenn sie des Lebens müde waren und sich selbstbestimmt dazu entschlossen, zu sterben. Selten wählten auch jüngere Frauen aus den verschiedensten individuellen Gründen den...
| Erscheint lt. Verlag | 22.11.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Aurea |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Geschlechterkampf • Matriarchat • Roboter • Sexualität • Überlebenskampf |
| ISBN-10 | 3-7693-8081-9 / 3769380819 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-8081-1 / 9783769380811 |
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