Fragment (eBook)
450 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-6429-4 (ISBN)
Über den Autor J. L. Litschko ist seit 2012 als Kameramann, Motion Designer und Regisseur tätig und bekannt für seine kreativen und hochwertigen Projekte. Nach einem erfolgreichen Einstieg als Grafikdesigner und dem Wechsel in die Animation entdeckt er nun seine Leidenschaft für das Erschaffen von Welten und Figuren durch das Schreiben. Heute widmet er sich dem Verfassen von Romanen, meist in den Genres Sci-Fi, Thriller und Crime. Seine Werke zeichnen sich durch den Anspruch an Realismus und kreative Visionen aus, die zu einzigartigen, fesselnden Welten verschmelzen. Mehr Infos: https://www.leechtm.com
EINS.
DAS ERBE DES VERGANGENEN
Seattle, 2066, 11:17 Uhr-Old Medical District
Zehn Minuten sind eine gefühlte Ewigkeit, wenn man tot war. Aber in meiner Welt war das mehr Zeit als ich ertragen konnte.
Das Erste aufeinandertreffen mit dem Tod endet immer in roten und schwarzen Farben. Hinter den eigenen Augenlidern, wenn man als Verlierer aus der letzten Situation hervorgeht. Die letzten wahrnehmbaren Farben. Danach gibt es nur noch Abstufungen von Braun. Helle, holzige Brauntöne. Dunkle, bröckelnde braune Erde und ledige, vertrocknete braune Haut. Das alles erinnerte mich stark an ein Gemälde von Anselm Kiefer, das ich vor unzähligen Jahren nur ein einziges Mal gesehen hatte. Und doch blieb es mir in Erinnerung. Und jetzt im Jahr 2066, hing es wahrscheinlich in einem alten Museum alleine an einer Wand, und moderte mit den anderen Gemälden um die Wette.
Wie die meisten Menschen, mit denen ich zu tun hatte.
Seltener Besuch. Maximal zehn Minuten.
Ein flüchtiger Gedanke. Ewiger Schmerz. Er gab mir Frieden. Aber das würde sich, wie schon viele Male zuvor, in wenigen Sekunden ändern.
Ich betrat das Zimmer mit leisem Schritt.
Jemand kann ja noch zu Hause sein.
Ich zog meinen Handschuh aus, und die Fingerspitze meiner linken Hand berührte den Eisernen Türknauf.
Ein Gefühl wie ein alter Freund, den ich lange nicht gesehen hatte. Ein vertrautes Gefühl. Eines, das ich versucht hatte, über viele Jahre auszusperren.
Aber eine Sucht ist immer da, auch wenn sie sich versteckt.
„Ich kann es dir auch in einem anderen Glas bringen, wenn du Angst hast, dich an diesem kleinen Sprung zu verletzen“, die Ironie in meiner Stimme war nicht zu überhören.
„Nein, danke“, gab Martin bewusst trocken zurück. Der Rotwein in seinem Blutkreislauf tat sein übriges, als er versuchte sich vor mir auf den Stuhl zu setzen, während ich die Tür schloss.
Ich ließ den Türknauf los und schloss die Tür hinter mir.
Meine Augen glitten über das gesplitterte Glas auf dem Boden. Daneben zwei angebrochene Flaschen extra trockener, extra günstiger amerikanischer Wein. Eine Plastik-Obstschale mit obligatorischer Wurm. Und ein eBrief, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Sehr geehrter Herr Serpentine, hiermit möchten wir Sie darüber in Kenntnis setzen, dass Ihre Anfrage über ein Darlehen in Höhe von 250.000 neuen Dollar von der Bank of America aufgrund Ihres derzeitigen US-ID-Kreditrahmens bei uns nicht möglich ist. Wir hoffen, Sie bleiben uns weiterhin treu, und wir würden uns über einen persönlichen Termin mit Ihnen ..."
Meine Augen rollten bis zum Anschlag nach hinten. Ich kannte den Rest der Floskeln bereits von meinen eigenen ,Einladungen'. Schulden waren fast das Einzige, was man heutzutage überall, schnell und unkompliziert bekommen konnte.
Neben einer kleinen Kugel aus Eisen oder Grafit, geliefert mit oder ohne Gewehr, meistens frei Haus.
„Sie waren auf jeden Fall nicht wirklich mit viel Geld gesegnet", raunte Simmons aus dem nebenan liegenden Raum zu mir herüber. Er hatte sich hinter mir durch die Tür geschoben, war den Gang entlanggegangen und betrachtete nun das Schlafzimmer der Familie Serpentine.
„Nicht viel Geld", murmelte ich vor mich hin.
Das war etwas, von dem ich mich schon beim Abbiegen von der sechsspurigen Schnellstraße in die Berington Road überzeugt hatte. Der Old Medical District, in dem die Berington Road lag, war schon lange kein Ziel mehr für kaufkräftiges Klientel. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren verschwand die Mittelschicht und mit ihr eine nicht zu unterschätzende Menge an neuen Dollar.
Wer es sich leisten konnte, und asiatischer Abstammung war, bevölkerte das Stadtviertel „Amithayus".
Ein mit einer gigantischen Mauer abgetrennter Bezirk inmitten von Seattle. Amithayus. Meines kläglichen Wortschatzes der asiatischen Sprachen nach beutetet es etwas wie ,das unermessliche Leben'.
Unermesslich voll war es dort, mit rund 24.600 Einwohnern je Quadratkilometer, und unermesslich schwierig war es auch, die Distrikt Grenze nach Amithayus zu überschreiten, wenn man nicht asiatischer Abstammung oder im Regierungsauftrag mit überzeugenden Argumenten unterwegs war. Koffer randvoll mit neuen Dollar oder aber mit dem abgetrennten Kopf eines der hiesigen verfeindeten Clans war eine gern gesehen Währung.
Freier Handel. Im Einigen Amerika. Für die „Amis" galt das nicht. Es erregte ihn ihnen etwa dasselbe Gefühl wie das der römisch-katholischen Kirche, kurz nachdem bekannt wurde, dass der 2030 gewählte neue Papst eigentlich weder männlich noch weiblich war.
Ein Sakrileg. Blasphemie.
Ab mit dem Kopf.
Im Old Medical District hingegen regierte nun das schlichte anarchische Chaos, da es weder Grenz-Kontrollen noch bewaffnete Sicherheitspatrouillen gab.
Zumindest jetzt nicht mehr.
Dementsprechend heruntergekommen wirkten auch die Krankenhäuser und medizinischen Bio-Fakultäten, die hier vor Jahrzehnten angesiedelt wurden. Sie erlebten nur einen kurzen Zustrom von Patienten, die gewillt waren, sich für bares Geld oder elektronischem Cash einer Verbesserung ihrer natürlichen Fähigkeiten zu unterziehen.
Rund sieben oder acht Jahre nach der Eröffnung des Old Medical Districts kam und ging der letzte Patient, der etwas für seine Behandlung bezahlen konnte oder wollte.
So genau weiß man das nicht mehr.
Mit der Zeit wurden die Krankenhäuser zu Sammelstellen und Auffangplätzen für Drogensüchtige und anderen verlorenen Seelen der modernen Gesellschaft. Die meisten der einst für viel Geld renovierten Wohnungen aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert verkamen innerhalb weniger Jahre zu Transitstationen für Drogen- und Frauenhandel. Meistens aus dem mittleren und südlichen Teilen des Landes, Salt Lake City und dem neuen
Las Vegas. Glücksspiel und holografische Videokabinen rundeten das Bild ab.
„Das ist einfach kein Ort für ein Pärchen, das versucht, sich in diesem Loch ein bisschen Normalität zu bewahren. Die Serpentines hatten es einfach nicht rechtzeitig geschafft, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen.
Egal, wie es war, sie hatten nun keine Probleme mehr mit irgendwelchen Geldeintreibern.
„Das war mindestens eine Kaliber neun, wenn nicht gar eine Kaliber zehn aus kürzester Entfernung, vielleicht ein Meter, vielleicht auch nur ein halber", riss mich Simmons aus meinen Gedanken. „Auf jeden Fall kam das sehr überraschend für die beiden, sie waren bis jetzt nicht wirklich lange zu Hause, vielleicht eine Stunde, maximal zwei?" Simmons sah sich weiter um im Schlafzimmer um.
„Also, wenn du mich fragst, war das eindeutig ein Versehen. Rein, Geld gesucht, nichts gefunden und dann überraschend auf das Ehepaar gestoßen. Vermutlich wurden sie einfach aus Frust heraus erschossen, da sie nichts Wertvolles hatten. Menschen werden täglich wegen Kleinigkeiten verstümmelt, erschlagen oder eben erschossen. Mal geht es, um etwas zu essen, als Nächstes den neuen Dollar, und ganz unten heißt es ständig nur:
’He Mister, haste mal eine Ampulle voll Synth-Krokodil?'", sagte Simmons leicht resigniert, während er sich einen Handschuh überzog, um keine Spuren beim Durchsuchen der Wohnung zu vernichten.
„Synth-Krokodil", überlegte ich. Eine der widerlichsten gepanschten Drogen, die ihren Ursprung im frühen 21. Jahrhundert in Russland nahm und gegen Ende der neuen 20er-Jahre auch nach Amerika schwappte.
Es ist billiger und knallt mehr.
Man sah schon nach der einmaligen Benutzung an der Einstichstelle eine grünliche Veränderung der Hautpartien und eine Verlederung der Oberflächenstruktur. Es war einfach nur widerlich anzusehen, und meistens war die Uberlebenszeit eines Krok-Abhängigen nicht länger als ein halbes Jahr.
Es ist billiger. Und knallt mehr!
„Was sollen wir jetzt mit den beiden machen?", fragte mich Simmons wieder in seiner betont rauen Art. „Sollen wir die Jungs vorn Dezernat herkommen lassen oder gleich die Plastinaten anrufen, dass sie zum Verschweißen vorbeikommen?"
Er nahm sich eine Synthetische Zigarette aus einer der vielen Schachteln in seiner Hosentasche. Er zündete sie an. Dann wartete er auf meine Antwort, obwohl er sie schon kannte.
„Ein Versehen, hast du gesagt", ich ließ mir diese zwei Worte für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf gehen, während ich ins Schlafzimmer lief.
Ich blieb vor Frau Serpentine stehen. Nachdem ich meinen Handschuh ausgezogen hatte, berührte ich sie mit den Fingerspitzen meiner linken Hand an ihrer Schulter. Der Schmerz durchzog meine Schulter und intensivierte sich in meinem Kopf. Kalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn.
Von jetzt an hatte ich zehn Minuten Zeit. Eine gefühlte Ewigkeit.
Du hast doch mit George geredet, so wie du es gesagt hast? Du weißt ja, dass er sich komisch benimmt, seit seine Partnerin ausgezogen ist. Er ist immerhin dein Bruder und nicht eine unbekannte Person...
| Erscheint lt. Verlag | 29.9.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Fragment |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | cyberpunk krimithriller reihe • Erich von Däniken • hard science fiction kindle deutsch • hard scifi bücher • Mord Ermittlung Zukunft • Roman wie Frank Schätzing • scifi krimi serie • SciFi wie Andy Weir • Technologie Krimithriller • Thriller wie Joshua Tree |
| ISBN-10 | 3-7597-6429-0 / 3759764290 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-6429-4 / 9783759764294 |
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