KOREABOO DETOX (eBook)
300 Seiten
Dittrich Verlag
978-3-910732-32-2 (ISBN)
Hendrik Hwang, 1966 in Johannesburg als Sohn deutsch-italienischer Eltern geboren, wuchs in Deutschland auf und besuchte dort die Schule. Nach Groß-und Außenhandelskaufmannslehre studierte er Kunst in L'Aquila (Italien) und absolvierte ein Modedesign Studium in Mailand. Erste Reise nach Korea im Jahre 1996, mehrere Jahre Arbeit als Designer und später Modemanager in Italien und Deutschland. Seit 2001 mit einer Koreanerin verheiratet, eine Tochter. 2014 wanderte er nach Erhalt eines Executive Stipendiums der Europäischen Kommission mit seiner Familie nach Korea aus. Nach einem Sprach- und Managementstudium an der Yonsei Universität Seoul wurde er dort Gastprofessor im Bereich Modemarketing. Er schrieb Kolumnen für das koreanische Online Medium Must-News, war Manager in verschiedenen Firmen in Korea und Cross-Culture Trainer für deutsche Firmen in Korea und für koreanische Firmen mit europäischen Mitarbeitern. Hwang gründete 2021 DEHANMIN, ein Deutsch-Koreanisches Studium- und Arbeitsmentoring.
Hendrik Hwang, 1966 in Johannesburg als Sohn deutsch-italienischer Eltern geboren, wuchs in Deutschland auf und besuchte dort die Schule. Nach Groß-und Außenhandelskaufmannslehre studierte er Kunst in L'Aquila (Italien) und absolvierte ein Modedesign Studium in Mailand. Erste Reise nach Korea im Jahre 1996, mehrere Jahre Arbeit als Designer und später Modemanager in Italien und Deutschland. Seit 2001 mit einer Koreanerin verheiratet, eine Tochter. 2014 wanderte er nach Erhalt eines Executive Stipendiums der Europäischen Kommission mit seiner Familie nach Korea aus. Nach einem Sprach- und Managementstudium an der Yonsei Universität Seoul wurde er dort Gastprofessor im Bereich Modemarketing. Er schrieb Kolumnen für das koreanische Online Medium Must-News, war Manager in verschiedenen Firmen in Korea und Cross-Culture Trainer für deutsche Firmen in Korea und für koreanische Firmen mit europäischen Mitarbeitern. Hwang gründete 2021 DEHANMIN, ein Deutsch-Koreanisches Studium- und Arbeitsmentoring.
Prolog S. 7
Zeit der Unschuld – Meine Zeit vor Korea S. 13
Zwischen Umbruch und Aufbruch –
Das Rufen eines Sehnsuchtsortes . S. 31
Die Vertreibung aus dem Paradies
– Acht Jahre Aufenthalt S. 71
Uegug-in, Aliens und Koreaboos
– Der kleine feine Unterschied . S. 76
Blicke hinter die Kulissen S. 86
Lernen, Lehren und … Staunen S. 94
Hierarchien oder die Ordnung der Dinge S. 116
Korea und seine Nachbarn S. 135
K-Drama, K-Pop, Pop-Up Entertainment
und K-Movies S. 143
Grand Open und Passion Pay
– Startups und Ausbeutung S. 149
Manner vs. Nunji S. 157
Ajummas – Unantastbare Heilige S. 166
Ajeoshis – Die ewigen Verzweifler S. 171
Highspeed – Wo Schnelligkeit der Standard ist S. 178
Die koreanische Ungeduld … und Geduld S. 184
Politik und religiöser Fanatismus S. 191
Die Attraktivität der Größe
– Das Kugelfischsyndrom S. 199
Sampo, Wanpo und Suizid S. 207
Fighting – Motivation durch Konglisch S. 215
Meog Bang – Wenn es nicht nur ums Essen geht S. 220
Ghosting
– Soziale Distanzierung ohne Vorwarnung S. 229
Drive me crazy
– Vorfahrt auf Koreanisch S. 233
Die Sache mit der Liebe
– Sogaeting, Sex und Blitzhochzeiten S. 241
Norebang und Roomsalon S. 246
Der Detox-Prozess oder: Die Entzauberung S. 254
Epilog S. 259
Glossar S. 262
Danksagung S. 268
Zwischen Umbruch und Aufbruch – Das Rufen eines Sehnsuchtsortes
»Überall geht ein früheres Ahnen dem späteren Wissen voraus.«
Alexander von Humboldt
Als sich die Tür des Flugzeuges Anfang September des Jahres 1996 am Flughafen Gimpo öffnete und die schwül-heiße Luft des koreanischen Spätsommers meine Schläfen in einen Schraubstock spannte, spürte ich sofort, dass alles, was jetzt kommen würde, so anders sein würde als das, was ich schon erlebt hatte. Allein der Geruch hier war so fremd und für einen kurzen Moment stand ich wieder im Kunstbedarfsladen in Mailand, hinter der jungen koreanischen Frau.
Abgeholt wurde ich am Flughafen von Woong, einem Sohn der Gastfamilie und eben jenem Freund von Stella. Auch er hatte in Mailand studiert und sprach ein gutes Italienisch. Er wirkte froh, einen italienischen Gast begrüßen zu können, und wir unterhielten uns ausgiebig auf dem Weg zu seinem Zuhause.
Auf der Fahrt fielen mir die unzähligen Apartment-Wohnblöcke auf, die den breiten Han Fluss säumten und die vorherrschende Bauweise zu sein schienen. Auch meine Gastfamilie lebte in einem ähnlichen Wohnblock. Als Europäer war ich es nicht gewohnt, in großen Wohnanlagen zu wohnen. Jugendstilvillen waren angesagter, mit ihren hohen Decken und alten Gemäuern. Aber gut.
Ich war entspannt und ließ mich auf alles ein. Meine Grundstimmung war positiv. Als wir die Wohnung erreichten, war die Gastmutter da und begrüßte mich mit einem sehr freundlichen, etwas verlegenen Lächeln. Sie zeigte mir mein Zimmer, welches ich für mich allein hatte. Das Bad sollte ich mit Woong teilen, dessen Zimmer gegenüber lag. In meinem Zimmer stand der einzige Personal Computer des Hauses und er hatte die erste Version von Windows mit Internetzugang, was für mich eine absolute Sensation war, zumal ich die Erlaubnis hatte, ihn zu benutzen. Der anschwellende Klingelsound beim Hochfahren des Rechners ist mir heute noch so präsent, als wäre es gestern gewesen.
Mit meiner Gastfamilie hatte ich einen Glückstreffer gelandet. Die Mutter war eine außergewöhnlich freundliche Person, zu deren Leidenschaften das Kochen und das Erlernen der japanischen Sprache zählte. Der Vater war ein hoher Beamter in einem Ministerium und die beiden Söhne durchwegs nette Kerle. Woongs Bruder hieß Lim und arbeitete bei einem US-Koreanischen IT-Unternehmen im Stadtteil Yeouido9, damals in Nachbarschaft von SBS und KBS, den koreanischen Fernsehsendern. Er sprach sehr gut Englisch und hat mich ziemlich rasch zu sich in die Firma eingeladen. Als er mir sein Büro zeigte, antwortete er auf meine Frage, wie lange er hier arbeiten wolle, nicht ohne Stolz in der Stimme: »Hendrik, du musst eines wissen: Eine Firma in Korea ist so etwas wie eine Familie. Du fängst an, in einer zu arbeiten und du lebst in ihr. Ich verbringe die meiste Zeit hier. Nach der Arbeit gehe ich mit meinen Kollegen essen und trinken oder zum Golf spielen. Ich werde immer hier arbeiten. Die Firma sorgt für einen. Wir können uns aufeinander verlassen. Jederzeit.« Dass diese Worte aufgrund der Asienkrise bald eine besondere Brisanz bekommen sollten, war uns beiden damals noch nicht klar. Nach der Firmenführung machten wir einen Abstecher zur Golfübungsanlage, wo er gewöhnlich während der Mittagspause Bälle schlug. Es sind spezielle wohnblockgroße Käfige über mehrere Etagen, in denen zumindest das Abschlagen des Golfballes geübt werden kann, denn die richtigen Golfplätze liegen überwiegend außerhalb der Stadt. Ich war begeistert von dieser so andersartigen Arbeitskultur.
Nach nur wenigen Tagen der Akklimatisierung begann mein Koreanisch-Kurs. Der Weg mit der U-Bahn dauerte rund 40 Minuten und führte über eine lange Brücke über den Han-Fluss. Seit dem ersten Mal, als ich den Fluss querte, war der Weg über die Brücke immer ein erhebender Moment für mich. Bis heute ist das so geblieben. Von der U-Bahn-Station Shinchon bis zum KLI-Gebäude auf dem Yonsei Campus war es nochmals ein strammer Fußmarsch entlang am Severance Krankenhaus.
Zu Beginn des Studiums gab es für die neuen Studenten in einem großen Hörsaal einen Empfang. Eine Vielzahl von Reden wurden zur Begrüßung gehalten; eine davon hat sich bei mir besonders eingeprägt. Es war die Rede eines älteren, hochgewachsenen Amerikaners mit weißem Haar, er war wohl so etwas wie ein Botschafter gewesen. Unter anderem sagte er: »Ich lebe nun auch schon einige Jahre in Korea und es hat lange gedauert, bis ich mir über verschiedene Dinge bewusst geworden bin. Eines der Dinge ist, dass sich die Menschen hier andere Märchen erzählen als bei uns. Unterschätzen Sie die Märchen als Kulturgut nicht. Märchen enthalten so viele Botschaften. Deshalb haben wir eine Prägung von Kindesbeinen an. Manche Koreaner kennen auch europäische Märchen, aber die meisten erzählen sich andere, koreanische Märchen eben. Um es kurz zu machen, wer sich andere Märchen erzählt, denkt anders und handelt anders. Und lassen sie mich Folgendes sagen: Egal wie sehr wir uns bemühen, wir können deshalb niemals Koreaner sein und werden.«
Ich weiß nicht, wie es den anderen ging, ich aber war geschockt von dieser Aussage und hätte ihn am liebsten an seiner langen Nase von der Bühne gezerrt. Was sollte das bedeuten, »wir werden niemals Koreaner werden können?« Ich empfand ihn als übergriffig, als jemanden, der vorschreiben wollte, was andere zu denken hatten. So habe ich es damals gesehen. Doch nicht er war verrückt, sondern ich war es.
Es schien mir damals in der Tat so, als gäbe es seit Urzeiten eine Verbindung zwischen Korea und mir. Schon allein deshalb, weil ich denselben Vornamen trug wie der erste Europäer, der jemals über Korea berichtete. Hendrik Hamel10 erlitt 1653 vor der südlich gelegenen Insel Jejudo mit seiner Mannschaft Schiffbruch und wurde mit den anderen Überlebenden zuerst gefangen genommen und dann in die Stadt Hanseong gebracht, wie Seoul damals hieß. Ihm gelang erst 1666 über Japan die Flucht aus dem von der Außenwelt völlig abgeschotteten Land. Es schien mir außerdem, dass ich ein koreanisches Gesicht hätte, ich demnach aus koreanischen Augen auf die Welt schaute. Ich war tief gefangen in meiner Vorstellung und Faszination hinsichtlich dieses Landes, sodass ich auch sofort beleidigt war, wenn jemand etwas Negatives auf das Land kommen ließ. Sobald ich die koreanische Nationalhymne hörte, wurde ich sehr emotional, was mir bei der deutschen Nationalhymne selten passierte. Es musste etwas Tieferes geben, da war ich mir sicher. Ich wollte wissen, was es war.
Mit glühendem Eifer kam ich jeden Tag in die Uni und genoss jede Minute des Lernens. Die Klasse bestand zur Hälfte aus reinen Ausländern und zur Hälfte aus Auslandskoreanern. Die als ›Gyopos‹ bezeichneten Studenten kamen aus Amerika und die ›Goryeo Saram‹ von der russischen Insel Sachalin. Ein Inder, ein Bangladeschi, ein Amerikaner aus Albany und ich waren die einzigen Ausländer ohne koreanische Wurzeln. Ich freundete mich mit Scott, dem Amerikaner, und mit Johnson, dem Inder, an.
Unsere Sprachlehrer waren fast alle sehr gut und wir wechselten zwischen Klassenunterricht und Sprachlabor, was damals als letzter Schrei in der Lerndidaktik galt. Alles ging gut, bis Johnson und ich eine Kontroverse mit einer der Lehrerinnen hatten. Wir fühlten uns von ihr schlecht behandelt, hatten das wiederholte Male an sie herangetragen und sprachen dann, nachdem sich nichts änderte, mit dem Hauptlehrer darüber. Der berichtete ihr davon und natürlich rächte sie sich an uns, ohne nochmals auf unsere Argumente einzugehen, indem sie uns im Abschlusstest in die Mangel nahm. Ich werde ihren Blick nicht vergessen, während sie mich abfragte. Da waren gleichzeitig Kälte und Genugtuung in ihren Augen. Ich konnte den Test dennoch bestehen, weil ich bei den anderen Lehrern bessere Punktzahlen erhielt. Ich meine sogar, dass diese Lehrerin später noch eine wichtige Rolle innerhalb des Lehrerkollegiums gespielt hätte. Die Episode minderte aber nicht im Geringsten meine Begeisterung für das KLI.
Dass mein Aufenthalt in Korea ein so schönes Erlebnis wurde, hatte ich neben der Familie im Besonderen zwei Personen zu verdanken. Zum einen war das die bereits erwähnt Stella, und zum anderen Ms. Cheon, eine junge Firmenangestellte, die ich über meine Koreanisch-Lehrerin kennenlernte. Mit beiden konnte ich durch Korea reisen und viele Orte erkunden; viele wichtige historische Stätten und Tempel habe ich Dank ihnen besucht. Ms. Cheon hatte einen schicken roten Sportwagen von Hyundai, und mit Stella habe ich entweder den Zug oder den Bus genommen.
Korea war in den 1990ern tatsächlich noch ein Land der Morgenstille. Es befand sich zwischen außenpolitischem Dornröschenschlaf und innenpolitischem Aufbruch. Im Jahre 1988 fanden in Seoul die Olympischen Spiele statt, noch im Einfluss einer de facto Diktatur unter den Präsidenten Cheon Doo-hwan und Roh Tae-woo11. Letzterer, immer noch in diktatorischer Rolle, eröffnete die Spiele und führte letztendlich Südkorea an die internationale Staatengemeinschaft heran. Ob die Olympischen Spiele dazu beitrugen, die Wende hin zur Demokratie einzuleiten, vermag niemand wirklich zu sagen. Sicher ist, dass die demokratische Zukunft für Korea unaufhaltsam voranschritt.
Der Weg zur Demokratie war lang, länger als die Trennung von West- und Ostdeutschland. Er führte nach dem Koreakrieg 1950–53 fast unmittelbar in die Militärdiktatur. Nach einem Staatsstreich und unter der Führung des ersten Diktators, Park Cheong-hee, startete Südkorea seinen kometenhaften...
| Erscheint lt. Verlag | 1.10.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | Weilerswist |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Schlagworte | Deutsche in Korea • Deutsch-koreanisch • faszination korea • hallyu • Korea • koreaboo • koreanisch-deutsch • K-Pop • Leben in Korea • Popkultur • Subkultur |
| ISBN-10 | 3-910732-32-1 / 3910732321 |
| ISBN-13 | 978-3-910732-32-2 / 9783910732322 |
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