S. F. Williamson war schon immer von Sprachen fasziniert. Sie ist davon überzeugt, dass Sprachen lebendige Wesen sind, die sich ständig verändern und anpassen, deswegen hat sie Französisch und Italienisch studiert. Ihr Roman »Die Sprache der Drachen« ist von ihrer Arbeit als Übersetzerin inspiriert, bei der ihr bewusst wurde, dass immer etwas verloren geht, wenn man eine Sprache in eine andere überträgt.
2
Jetzt, wo ich mich an die Übersetzung des Wortes in einer der Drachensprachen erinnere, fallen mir auch weitere ein. Die Übersetzungen rollen mir von der Zunge, während ich mit wild durcheinanderwirbelnden Gedanken Richtung Esszimmer laufe.
Faitour. Slangrieger. Izmamnees.
Zwei Friedenswächter stehen in der Eingangshalle, um ihre Füße herum überall die Scherben der eingeschlagenen Haustür. Das Lampenlicht wird von Visieren zurückgeworfen, die ihre Augen verbergen. Als Dad aus dem Esszimmer stürzt, komme ich schlitternd zum Stehen.
»Wie können Sie es wagen, mein Haus zu betreten …«
Durch die kaputte Eingangstür kommen nun noch weitere Wächter marschiert, das Glas knirscht unter ihren schweren Stiefeln. Sie ergreifen Dad.
»Lasst ihn los!«
Ich mache eine Bewegung auf meinen Vater zu, aber Onkel Thomas ist schneller am Ziel. Er wirft sich zwischen Dad und die Wächter, und ich höre ein abscheuliches Geräusch, als sein Fuß auf ein Knie trifft. Einer der Wächter geht zu Boden.
»Vivien!«
Mama ruft von der Tür aus nach mir. Ich erreiche sie gleichzeitig mit einem Wächter, der seine Waffe auf uns gerichtet hält. Ursa schreit und windet sich in Marquis’ Griff, versucht, zu Dad zu gelangen. Marquis wirft seinen freien Arm vor Mama und mich und starrt dem Wächter ins Visier.
»Tut ihnen nicht weh«, sagt er. »Bitte.«
Ich stehe da wie festgefroren und starre auf den Lauf der Kanone, die nun gegen Marquis’ Schulter gedrückt wird. Ursa kauert sich hinter Mama zusammen und vergräbt ihr Gesicht in deren Rock, als der Wächter plötzlich die Waffe senkt.
»Helina Featherswallow, John Featherswallow, Thomas Featherswallow«, sagt er, »Sie sind wegen des Verdachts auf zivilen Ungehorsam verhaftet.«
Ziviler Ungehorsam?
Mindestens zehn Wächter befinden sich nun in unserer Eingangshalle. Dad und Onkel Thomas werden auf den Boden gedrückt, ihre Hände auf dem Rücken in Handschellen gelegt. Ich starre Mama an. Sie weint leise vor sich hin und streichelt über Ursas Kopf. Warum erklärt sie den Wächtern nicht, dass das hier ein schreckliches Missverständnis sein muss?
»Sag es ihnen, Mama«, flehe ich sie an. »Sag ihnen, sie haben das falsche Haus erwischt.«
Mamas blaue Augen sind wie elektrisiert. »Nimm deine Schwester und deinen Cousin und verschwinde aus London«, sagt sie auf Bulgarisch zu mir. Nun werden ihre Hände vorne am Körper in Handschellen gelegt. »Lauft so weit fort von hier, wie es geht.«
Mein Herz sinkt.
»Mama!« Stolpernd läuft Ursa hinter Mama her, während zwei der Wächter sie vorwärts Richtung Haustür stoßen und dabei ihre Taschen durchsuchen. Draußen auf der Straße warten ein paar elegante schwarze Wagen. In den Fenstern der benachbarten Häuser zucken die Gardinen. Der Himmel ist dunkel wie Drachenrauch.
»Dad, bitte sag mir, was hier los ist!«
Ich nehme kaum Notiz von Marquis, der sich an Onkel Thomas’ Schulter festkrallt und ihn anschreit, während die Wächter ihn an den Armen davonzerren. Ich bin zu beschäftigt damit, zuzusehen, wie mein eigener Vater in einen der Wagen bugsiert wird. Ich kämpfe mich so dicht an ihn heran, wie sie mich lassen.
»Dad?« Ich versuche, meine Stimme fest klingen zu lassen.
Er schluckt sichtbar, und ich strecke eine Hand aus, um sein Gesicht zu berühren. Er lehnt sich nach vorn, die Augen rotgerändert. Ich rieche Wein, doch der Blick, mit dem er mich ansieht, ist vollkommen nüchtern.
»Ein Volk sollte seine Premierminister nicht fürchten, Vivien«, sagt er. »Premierminister sollten ihr Volk fürchten.«
Sie drücken ihn auf den Sitz, und dann wird die Wagentür hinter ihm zugeworfen. Laut rauscht das Blut in meinen Ohren, und ich taumle rückwärts. Das Kopfsteinpflaster des Fitzroy Squares verschwimmt vor meinen Augen. Von irgendwoher weit weg höre ich ein Geräusch wie Fäuste auf Glas, kurz darauf zerreißt ein schriller Schrei die Luft.
»Komm, Liebes, nun lass schon los.«
Hollingsworth kniet neben der schluchzenden Ursa und versucht, sie dazu zu überreden, Mama loszulassen. Es ist der Anblick meiner Schwester und ihrer kleinen Fingerchen, die sich fest in den Stoff des Rockes meiner Mutter krallen, der mich wieder zurück ins Hier und Jetzt bringt.
»Wagen Sie es nicht, mit ihr zu sprechen!«, drohe ich, eise Ursas Faust los und hebe das brüllende Kind mit einem Ruck vom Boden auf. Hollingsworth erhebt sich ebenfalls, die Lippen geschürzt.
»Denk an das, was ich dir gesagt habe«, flüstert mir Mama auf Bulgarisch zu.
In ihren Augen liegt nun eine gewisse Härte. Ihr Handrücken fährt über meinen, eine fast unsichtbare Geste der Zärtlichkeit, die hundert Dinge gleichzeitig ausdrückt. Dann küsst sie Ursa auf die Wange und steigt in den Wagen, verschwindet hinter dessen getönten Scheiben. Noch immer rieche ich ihr Parfüm. Als der Wagen davonbraust, entfährt mir ein ersticktes Schluchzen, und Übelkeit steigt in mir hoch. Ursa hängt schlaff in meinem Arm.
»Klassenpass«, blafft mich ein Wächter an. »Zeig ihn mir.«
Ich greife nach dem Pass um meinen Hals und halte ihn ihm hin.
»Zweite Klasse. Siebzehn Jahre«, meldet er seinem Anführer.
»Und der da?«
Der Anführer zeigt auf Marquis, der den Blick starr auf den Fleck gerichtet hält, an dem gerade noch der Wagen mit seinem Vater gestanden hat. Der andere Wächter nimmt nun auch seinen Klassenpass in Augenschein.
»Zweite Klasse. Achtzehn Jahre.«
Der Anführer nickt, und dann packt der Wächter Marquis am Arm und legt ihm Handschellen an.
»Nein!«, schreie ich auf. »Er hat nichts getan. Er ist …«
»Vivien Featherswallow, als Minderjährige werden Sie nicht verhaftet. Aber Sie stehen unter Hausarrest, bis Ihren Eltern der Prozess gemacht wird und Ihre Unschuld bewiesen werden kann.«
Marquis starrt erst mich an, dann Ursa. Seine Kiefer arbeiten.
»Die Strafe für Nichtbeachtung dieser Anweisung ist sofortige Verhaftung«, fährt der Anführer fort. »Haben Sie das verstanden?«
»Ja, aber mein Cousin …«
»Ist erwachsen und wird als solcher vor Gericht gestellt«, schnauzt mich der Anführer an.
Ursa hickst in meinem Arm und streckt eine Hand nach Marquis aus, doch der wird bereits in den letzten noch bereit stehenden Wagen gestoßen.
»Keine Angst, Marquis«, rufe ich und werfe mich gegen den Wagen, ehe mich jemand daran hindern kann. »Sie werden dich gehen lassen, sobald ihnen klar wird, dass ihr alle unschuldig seid!«
Er sieht mich mit einem Blick vollkommener Verzweiflung an, dann reißt mich jemand zurück, und die Tür wird zugeknallt.
Ich drehe mich um und sehe einen weiteren Wächter aus unserem Haus kommen, er trägt eine Kiste unterm Arm und an seinem Gürtel baumelt ein Messer in einer Lederscheide.
»Das wird die Premierministerin interessieren. Hab ich im Arbeitszimmer in einem Geheimschrank gefunden.«
Ein Geheimschrank? In unserem Haus?
Der Wächter stellt die Kiste auf dem Boden ab. »Der Schlüssel war unter dem Kleid der Mutter versteckt.«
Eine Welle der Wut kocht in mir hoch. Er sieht mich an und grinst.
»Lächeln, Süße.«
»Wenn Sie meine Mutter anfassen …«
Der Schlag kommt wie aus dem Nichts. Ich taumle rückwärts, tanzende Punkte vor den Augen. Marquis, im Wagen gefangen, brüllt irgendetwas, und Ursas hysterische Schreie gellen durch die Straßen. Der Wächter schiebt sein Visier hoch und sieht mich mit einer Spur Belustigung im Blick an.
»Na, na, Wächter 707«, tadelt ihn sein Anführer. »So behandelt man doch keine Bürgerin der Zweiten Klasse. Miss Featherswallow bittet dich lediglich, ihre Mutter mit dem Respekt zu begegnen, den ihre Klasse verdient. Selbst wenn sie ein bulgarischer Schmarotzer ist.« Sein schallendes Gelächter dringt durch seinen Helm hindurch. Ich wende mich ab.
»Ruhig, Ursa«, tröste ich meine Schwester und versuche, meine eigenen Schluchzer unter Kontrolle zu halten.
»Bring das Beweisstück direkt zu Premierministerin Wyvernmires Büro«, sagt der Wächteranführer jetzt. »Sie wird es sich nach ihrer Rückkehr aus den Drachenterritorien morgen früh ansehen.«
»Macht schnell«, fügt eine kühle Stimme hinzu. »Die Angelegenheit ist von höchster Dringlichkeit.« Rita Hollingsworth lässt das Papier, das sie vom Schreibtisch meines Vaters genommen hat, in ihre Tasche gleiten. Durch meine Tränen hindurch erkenne ich eilig mit türkisfarbener Tinte hingekritzelte Zeilen.
»Sie haben sich nie für die Forschung meiner Mutter interessiert. All das war nur ein Vorwand, um in unser Haus zu kommen. Sie haben sie verraten …«
»Nein, Vivien«, antwortet Hollingsworth. »Ihre Eltern haben Sie verraten. Und Ihre Schwester. Und Ihr Land.«
»Das ist nicht wahr!«, rufe ich. »Sie haben die Falschen verhaftet!«
Ein weiteres Auto kommt herangefahren und hält hinter dem, in dem Marquis sitzt.
»Premierministerin Wyvernmire ließ euer Haus monatelang beschatten«, sagt Hollingsworth. »Ließ Sie beschatten. Ich sagte ja bereits, Vivien, dass Sie Ihre Zukunft an unerwarteten Orten finden könnten. Und wenn es so weit ist, dann müssen Sie zugreifen und daran festhalten, koste es, was es wolle.« Ihre genialen Augen leuchten auf, und sie sieht mich fest an. »Wir sehen uns schon bald wieder, davon bin ich überzeugt.«
Sie steigt in den Wagen und zieht die...
| Erscheint lt. Verlag | 1.6.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Sprache der Drachen |
| Übersetzer | Nina Lieke |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Language of Dragons |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | a language of dragons • Babel • Bletchley Park • Booktok • dark academia • Drachen • dystopie fantasy • eBooks • enemies to lovers • England • Fantasy • Liebesromane • London • Romantasy • Serien • TikTok |
| ISBN-10 | 3-641-32136-0 / 3641321360 |
| ISBN-13 | 978-3-641-32136-9 / 9783641321369 |
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