J. M. Miro lebt und schreibt im Pazifischen Nordwesten.
1
Seelenverwandt
Alice Quicke stand im düsteren Licht von Montparnasse unter einer heruntergekommenen Platane, den Kragen ihres Ölzeugmantels aufgestellt, der Regen tropfte von ihrer Hutkrempe.
Sie war still, ihre Augen dunkel. In ihrem Ärmel versteckt trug sie ein Fingermesser, ein weiteres steckte in einem Halfter an ihrem Fußgelenk. In der einen Hand hielt sie eine meterlange Eisenstange. Ein Fiaker bog um die Ecke, der Kutscher verborgen. Donnernd und scheppernd und spritzend fuhr er an ihr vorbei, die Laternen an der Seite schaukelten hin und her. Sonst war Paris dunkel. Der Regen war dunkel.
Sie sah gewöhnlich aus – jedenfalls für das gewöhnliche Auge. So war das mit Monstern: Den echten sah man es nicht an. Alice war schon fast einen Monat in der Stadt und erzeugte bei allen Menschen, denen sie sich näherte, ein leichtes Unbehagen, das sich dann in der Menge ausbreitete wie eine sich kräuselnde Welle auf einem Teich. Es lag nicht an ihrer Kleidung, an der Hose, dem fleckigen Ölzeugmantel – in Paris zumindest erregte eine Frau in Männerkleidung wenig Aufmerksamkeit. Auch dass die Knöchel ihrer Hand dicker waren als die der meisten Männer und die Rückseite ihrer Handgelenke vernarbt wie die eines Schmieds oder dass ihr gelbes verfilztes Haar mit Erde verklumpt war: Nichts davon war ausschlaggebend. Ausschlaggebend war der schmale halbmondförmige Glanz in ihrem Auge – wie ein waagerechtes Messer. Ein Glanz, der genügte, um die meisten neugierigen Nachfragen von vornherein abzuschrecken. Nur vier Monate zuvor hatte sie ihren Partner und Freund getötet, ihm eine Kugel ins Herz gejagt und ihm dabei direkt in die Augen geblickt. Und schon davor hatte sie schreckliche Dinge sehen müssen, Dinge, die eigentlich ins Reich der Märchen gehörten: Kinder, die mit seltsamen Fähigkeiten gestraft waren – und Monster, echte Monster, solche, die sie immer noch sah, wenn sie die Augen schloss. Eines dieser Monster hatte sie schwer verletzt, sie auf dem Dach eines rasenden Zugs mit einem Tentakel aus Rauch durchbohrt. Und was es auch war, womit dieses Monster sie damals infiziert hatte: Es steckte immer noch in ihr. Jeden Morgen wachte sie vor Schmerzen auf und presste sich die Hand an die Rippen, auf die alte Wunde, bildete sich ein, dass sich dort etwas Monströses entfaltete, direkt unter der Haut, ein Teil von ihr.
Jetzt kam eine Gestalt in einem schlammbespritzten Mantel um die Ecke und ging im Regen eilig über den Boulevard auf sie zu. Es war Ribs. Sie hatte eine Richtlaterne dabei, die an ihrem Gürtel befestigt war. Alice trat aus dem Schatten, und zusammen eilten sie zu einem Gullydeckel mitten auf der Straße. Alice hebelte ihn mit der Eisenstange auf, der Regen floss schäumend über den Rand, über die verrosteten Eisensprossen hinab ins schwarze Nichts. Ribs kletterte hinein. Alice folgte ihr.
Dann, an die Eisensprossen geklammert, fasste Alice über sich hoch und zerrte die schwere Abdeckung wieder zu, schnitt den Regen ab. Und in der Dunkelheit folgte sie ihrer Freundin in die Tiefe, tief in die Katakomben von Paris.
»Jesus«, murmelte sie, als ihre Stiefel unerwartet auf den Boden stießen. Ihre Stimme hallte durch die Dunkelheit. »Ein bisschen Licht wäre nett?«
Nach einem Moment öffnete sich die Blende der Richtlaterne, eine altmodische Kerzenlaterne mit einer Fischaugenlinse, und ihr schwacher gelber Lichtstrahl brachte eine Galerie zum Vorschein. Ribs hatte die Laterne von ihrem Gürtel gelöst und an die Wand gelehnt. Alice schaute zu, wie das Mädchen ihre nasse Kapuze zurückzog und ihr rotes Haar glatt strich. Die Luft war kalt, schmeckte sauer.
Ribs grinste Alice an und entblößte dabei ihre Zahnlücke. »Nicht Jesus. Ich bin’s.«
Alice sah sie ausdruckslos an.
»Was?«, fragte Ribs.
»Ich warte schon fast eine Stunde.«
Das Mädchen zwinkerte ihr zu. »Kann ich ja nix für, wenn du zu früh kommst. Außerdem hab ich uns Mittagessen geholt. Hast du wahrscheinlich nicht daran gedacht, hab ich recht?«
»Niemand hat dich gesehen?«
»Mich gesehen?« Ribs klang beleidigt. Sie schniefte, öffnete ihren Umhang, und zum Vorschein kam ein Paket aus braunem Papier, das sie sich unter den Arm gebunden hatte. »Sieh dir das an: ein Baguette und ein halber Käse. Müssen ja nicht bis auf die Knochen abmagern, bloß weil alle anderen hier unten so aussehen. Oder?«
Alice unterdrückte ein Lächeln. Ribs war wohl etwa fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, aber etwas an ihr gab Alice das Gefühl, dass sie nie ein Kind gewesen war, nicht wirklich. Und etwas anderes an ihr ließ Alice vermuten, dass sie auch nie ganz erwachsen werden würde.
Eine dichte Stille füllte die Katakomben. Aus der Galerie zweigten drei Tunnel in verschiedene Richtungen ab, hoch und gewölbt. Alice schloss die Augen, konzentrierte sich auf den dunklen Schmerz, der in ihrer Seite aufblühte.
Sie waren hier unten, um den zweiten Orsine zu suchen, eine Tür zwischen den Welten, um so in die Welt der Toten zu gelangen und einen lebenden Jungen zu finden, der dort gefangen war. Dass dieser Orsine irgendwo unter Paris war, hatte Dr. Berghast Alice erzählt – viele lange Monate war das her, in seinem sonnendurchfluteten Gewächshaus in Cairndale, seine Augen kalt und tot, auf seinem Handgelenk ein Knochenvogel, der seltsam klickende Geräusche machte. Und als Alice dann in Paris angekommen war, hatte sie es fast sofort gespürt: den Schmerz, der von ihrer alten Wunde in ihre ganze Körperhälfte ausstrahlte, eine Kälte, die ihren linken Arm runterkroch, bis in ihre Fingerspitzen. Als ob der Staub, mit dem Jacob Marber sie infiziert hatte – Jacob, ein vom rechten Weg abgekommenes Talent, Diener einer bösen Macht, die schrecklicher war als alles, was Alice sich bis dahin hatte vorstellen können –, als ob dieser Staub also sich in ihr rühren würde. Als würde er erwachen. Als wüsste der Staub, dass ein Orsine in der Nähe war. Und dieser Schmerz hatte sie durch Paris geführt, wie ein Angelhaken in ihrer Flanke, erst durch die überfüllten Gassen und Boulevards, über die Brücken, dann hinab in das Labyrinth aus Ossarien. Ribs, die sie dabei begleitet hatte, war nichts anderes übrig geblieben, als ihr nachzulaufen. Alice war einfach dahin gegangen, wo es am meisten wehtat.
Jetzt aber waren sie nicht in den Ossarien. Unter Paris spannte sich ein kilometerweites Netz aus Minen, Tunneln und Treppen, die direkt in den Kalkstein geschlagen waren, unterirdische Kammern, in deren vollkommener Dunkelheit Brunnenschächte lauerten. Nur ein kleiner Teil davon war bekannt. Man erzählte sich Geschichten von Lebewesen, die hier im Untergrund lebten, blassen Kreaturen, rachsüchtigen Gespenstern. Raubmördern und Taschendieben. Geschichten von Dienern, die in der schwarzen Dunkelheit verloren gegangen waren, als ihre Laternen erloschen, deren Körper erst Jahre später wiederentdeckt wurden. Geschichten von Menschen, die unerwartet in verborgene Abgründe gestürzt waren, die sich in Sackgassen verlaufen hatten, die unter einstürzenden Decken begraben worden waren.
Vielleicht stimmte sogar einiges davon. Aber Alice hatte das Gefühl, dass das Schlimmste in dieser Dunkelheit wahrscheinlich sie selbst war, und das Ding in ihrem Inneren.
Sie bemerkte, dass Ribs sie gerade fragend ansah. »Also? In welche Richtung?«
Alice verzog das Gesicht. Sie bog in den Tunnel ganz links ein, folgte ihren Schritten von voriger Nacht, folgte dem Strich aus roter Kreide, den sie hinterlassen hatten. Ribs ging ihr hinterher.
Die Tunnel waren zunächst breit und trocken. Der schwache Lichtstrahl der Laterne wackelte im Rhythmus von Ribs’ Schritten hin und her. Sie konnten einen Meter weit sehen, mehr nicht. Der Tunnel bog ab, dann noch mal, dann gingen sie eine Eisentreppe hinab, die irgendwann im letzten Jahrhundert errichtet worden war, und schlichen an einem Brunnenschacht vorbei und durch einen Riss im Kalkstein. Die ganze Zeit hielten sie nach der Linie aus roter Kreide Ausschau, die ihren Weg kennzeichnete. Sie kamen in einem langen Durchgang an, in dem Säulen die Decke stützten und schiefe und schweigsame Schatten in den Raum warfen. Die Luft war hier kälter. Sie eilten weiter.
Hier und da hielten sie an, um einen Schluck Wasser zu trinken oder ein Stückchen Brot zu essen, aber sie verweilten nie lange. Ribs kletterte dann immer auf einen der großen Kalksteinblöcke, breitete sich aus und ließ die Arme baumeln oder fläzte sich, wenn es trocken war, auf den Boden und atmete lustlos die miese Luft ein.
Es geschah während einer dieser Pausen, dass Ribs ihre gemeinsame Freundin erwähnte, die Staublenkerin Komako. Die war nach Spanien gereist, um einen uralten Glyphic zu suchen und von ihm die Geheimnisse des zweiten Orsine zu erfahren. Sie hatte darauf bestanden, die Reise allein zu machen. »So verdammt stur. Jesus. Aber ihr geht’s wahrscheinlich gut, oder?«
»Komako kann gut auf sich aufpassen«, murmelte Alice. »Ich mache mir mehr Sorgen um den Glyphic.«
Sie hörte Ribs schnauben.
Es klang, als würde sich die Dunkelheit zwischen sie drängeln, ihre Stimmen dämpfen. Alice gefiel die neue Müdigkeit nicht, die sie bei ihrer Freundin hörte. Sie sagte: »Wir werden den zweiten Orsine finden. Das weißt du, oder?«
Das Mädchen schwieg.
»Ribs?«
»Klar«, antwortete Ribs schließlich. »Aber das, was danach kommt, macht mir Sorgen.«
»Danach holen wir Marlowe da raus. Das kommt danach.«
Ribs rollte sich auf die Seite, hob den Kopf. Im...
| Erscheint lt. Verlag | 27.8.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die "Dunkle Talente"-Reihe |
| Übersetzer | Thomas Salter |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Bringer of Dust – Talents Book 2 |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Schlagworte | Abenteuer • Agenten • dark academia • Dunkle Magie • eBooks • Epos • Fantasy • Fantasy Action • Intrigen • Serien • Umbrella Academy • viktorianische Epoche • wednesday • Welt der Toten |
| ISBN-10 | 3-641-29038-4 / 3641290384 |
| ISBN-13 | 978-3-641-29038-2 / 9783641290382 |
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