Im Alter von sechs Jahren griff T. J. Klune zu Stift und Papier und schrieb eine mitreißende Fanfiction zum Videospiel »Super Metroid«. Zu seinem Verdruss meldete sich die Videospiel-Firma nie zu seiner verbesserten Variante der Handlung zurück. Doch die Begeisterung für Geschichten hat T. J. Klune auch über dreißig Jahre nach seinem ersten Versuch nicht verlassen. Nachdem er einige Zeit als Schadensregulierer bei einer Versicherung gearbeitet hat, widmet er sich inzwischen ganz dem Schreiben. Für die herausragende Darstellung queerer Figuren in seinen Romanen wurde er mit dem Lambda Literary Award ausgezeichnet. Mit seinem Roman »Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte« gelang T. J. Klune der Durchbruch als international gefeierter Bestsellerautor.
Versprechungen
Wir brechen auf«, sagte der Alpha.
Ox stand neben der Tür, er hatte dunkle Ringe unter den Augen und wirkte kleiner, als ich ihn je gesehen hatte.
Das würde nicht gut laufen. Das taten Überfälle aus dem Hinterhalt nie.
»Was?«, fragte er mit zusammengekniffenen Augen. »Wann?«
»Morgen.«
Er sagte: »Du weißt, dass ich noch nicht wegkann.«
Ich berührte den Raben auf meinem Unterarm, spürte, wie er mit den Flügeln schlug, spürte das Pulsieren seiner Magie. Es brannte.
»Ich muss in zwei Wochen mit dem Anwalt Moms Testament durchgehen. Und dann ist da noch das Haus und …«
»Nicht du, Ox«, erwiderte Joe Bennett, der hinter dem Schreibtisch seines Vaters saß.
Thomas Bennett war nur noch Asche.
Ich sah den Moment, in dem die Bedeutung der Worte einsank. Es war brutal. Ein Verrat an einem bereits gebrochenen Herzen.
»Auch nicht Mom und Mark.«
Carter und Kelly Bennett standen Seite an Seite neben Joe und traten unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Ich gehörte nicht zum Rudel, und das schon sehr, sehr lange nicht mehr, doch selbst ich konnte die Wut spüren, die in ihnen brodelte. Aber nicht auf Joe. Auch nicht auf Ox. Auf niemanden in diesem Raum. Rachedurst kochte in ihren Adern, das Verlangen zu packen und zu zerfetzen. Sie konnten an nichts anderes mehr denken.
Und ich auch nicht. Ox wusste nur noch nichts davon.
»Aber du«, sagte Ox. »Und Carter und Kelly.«
»Und Gordo.«
Ox sah mich nicht an. Es war, als wären er und Joe allein im Raum. »Und Gordo«, wiederholte er. »Warum?«
»Um zu tun, was richtig ist.«
»Nichts von dem, was hier passiert, ist richtig«, widersprach Ox. »Warum hast du mir nichts davon erzählt?«
»Ich tue es jetzt«, erwiderte Joe in vollem Wissen, dass das nicht gut …
»Weil es das Richtige ist … Was habt ihr vor?«
»Richard aufspüren.«
Als Ox noch ein Junge war, ist sein beschissener Vater eines Tages einfach abgehauen. Es dauerte Wochen, bis Ox zum Telefon gegriffen und mich angerufen hat, aber schließlich hat er es getan. Er sprach langsam, und ich hörte den Schmerz in jedem Wort, als er sagte, dass es ihnen nicht gut ging, dass Briefe von der Bank gekommen waren, in denen davon die Rede war, ihm und seiner Mutter das Haus an der alten, unbefestigten Straße wegzunehmen, in dem sie lebten.
Könnte ich einen Job haben? Wir brauchen Geld, und sie darf das Haus nicht verlieren. Es ist alles, was wir noch haben. Ich würde mich wirklich anstrengen, Gordo. Gute Arbeit abliefern und für immer bleiben. Es wäre sowieso irgendwann passiert, dann können wir es doch auch gleich machen, oder? Bitte. Es muss jetzt sein, weil ich jetzt der Mann bin.
Es war die Stimme eines verlorenen Jungen.
Und derselbe verlorene Junge stand nun ein weiteres Mal vor mir. Sicher, er war älter und größer, aber seine Mutter lag unter der Erde, sein Alpha war Rauch und Asche, und ausgerechnet sein Gefährte hatte ihm gerade die Klauen in die Brust geschlagen, um ihm das Herz herauszureißen.
Ich versuchte nicht, es zu verhindern. Dazu war es bereits zu spät. Für uns alle.
»Warum?«, fragte Ox mit krächzender Stimme.
Warum, warum, warum.
Weil Thomas tot war.
Weil sie uns etwas weggenommen hatten.
Weil sie nach Green Creek gekommen waren, Richard Collins und seine Omegas, mit violetten Augen, und sich auf den gefallenen König gestürzt hatten.
Ich hatte getan, was ich konnte.
Es war nicht genug gewesen.
Da war ein Junge, noch nicht einmal achtzehn Jahre alt, der nun das Erbe seines Vaters übernehmen musste, dem Monster aus seiner Kindheit erneut gegenübertreten. Seine Augen brannten rot, und er kannte nur noch Rache. Sie pulsierte in einem nie endenden Kreislauf durch ihn und seine Brüder, der Zorn des einen nährte den Zorn des anderen. Joe war vom jungen Prinz zum wütenden König geworden, und er brauchte meine Hilfe.
Elizabeth Bennett war still und ließ es geschehen. Mit einer Häkeldecke um die Schultern stand sie da wie eine stumme Königin und beobachtete, wie sich die Tragödie vor ihren Augen abspielte. Ich war nicht einmal sicher, ob sie überhaupt ganz bei sich war.
Und Mark, er …
Nein. Nicht jetzt.
Vorbei war vorbei war vorbei.
Sie stritten, fletschten die Zähne und knurrten sich an. Fügten sich Wunde um Wunde zu, bis sie beide vor unseren Augen am Verbluten waren. Ich verstand Ox. Die Angst, geliebte Menschen zu verlieren. Die Angst vor einer Verantwortung, um die man nie gebeten hat. Die Angst, etwas gesagt zu bekommen, das man nie hören wollte.
Ich verstand auch Joe. Ich wollte es nicht, aber ich tat es.
Wir glauben, dass es dein Vater war, flüsterte Osmond. Robert Livingstone hat einen Weg gefunden, sich seine Kräfte zurückzuholen, und dann hat er Richard Collins befreit.
Ja. Ich glaube, ich verstand Joe am besten von allen.
»Du darfst das Rudel jetzt nicht auseinanderreißen«, flehte Ox. »Nicht jetzt. Du bist der verdammte Alpha, Joe. Das Rudel braucht dich. Wir alle. Glaubst du wirklich, die anderen lassen dich einfach …«
»Ich habe es ihnen schon vor Tagen gesagt«, unterbrach Joe, dann zuckte er zusammen. »Scheiße.«
Ich schloss die Augen.
Danach passierte Folgendes:
»Diese ganze Sache ist scheiße, Gordo.«
»Ja.«
»Und du machst mit.«
»Jemand muss aufpassen, dass er sich nicht umbringt.«
»Und dieser Jemand bist du. Weil du wieder zum Rudel gehörst.«
»Sieht ganz so aus.«
»Freiwillig?«
»Ich denke schon.«
Aber so einfach war es natürlich nicht. War es nie.
»Ihr zieht los, um zu töten. Findest du das in Ordnung?«
»Nichts an alldem ist in Ordnung, Ox, aber Joe hat recht. Wir können nicht zulassen, dass das noch jemandem passiert. Richard wollte Thomas’ Rudel, aber wie lange wird es dauern, bis er sich ein anderes aussucht, nur um Alpha zu werden? Wie lange wird es dauern, bis er sich eine noch größere Gefolgschaft aufgebaut hat, größer als seine vorige? Die Spur wird bereits kalt, Ox. Wir müssen das beenden, solange wir noch können. Für alle. Es ist nichts anderes als Rache, aber wir haben einen guten Grund dafür.«
Ich fragte mich, ob ich meine eigenen Lügen wirklich glaubte.
Schließlich:
»Du solltest mit ihm reden. Bevor du gehst.«
»Mit Joe?«
»Mit Mark.«
»Ox …«
»Was, wenn du nicht zurückkommst? Willst du wirklich, dass er glaubt, er wäre dir egal? Das wäre beschissen, Mann. Du kennst mich, aber manchmal scheinst du zu vergessen, dass ich dich genauso gut kenne. Vielleicht sogar besser.«
Dieses verdammte Arschloch.
Sie stand in der Küche des Bennett-Hauses und starrte aus dem Fenster. Ihre Hände krallten sich in die Arbeitsplatte. Ihre Schultern waren angespannt, und sie trug ihre Trauer wie ein Leichentuch. Obwohl ich seit Jahren nichts mehr mit Wölfen zu tun haben wollte, wusste ich, dass sie Respekt verdiente. Sie war eine Königin, ob sie es wollte oder nicht.
»Gordo«, sagte Elizabeth, ohne sich umzudrehen. Ich fragte mich, ob sie auf die Wölfe lauschte, die Lieder sangen, die ich schon lange nicht mehr hören konnte. »Wie geht es ihm?«
»Er ist wütend.«
»Das war zu erwarten.«
»Ach ja?«
»Ich denke schon«, sagte sie leise. »Aber wir beide sind älter. Vielleicht nicht weiser, aber älter. Alles, was wir durchgemacht haben, alles, was wir gesehen haben, ist nur … noch eine Sache mehr in unserem Leben. Ox ist noch ein Junge. Wir haben ihn so gut wie möglich geschützt. Wir …«
»Ihr habt ihm das angetan«, widersprach ich, bevor ich es verhindern konnte. Die Worte explodierten wie eine Granate vor ihren Füßen. »Wenn ihr weggeblieben wärt, wenn ihr ihn nicht mit hineingezogen hättet, würde er immer noch …«
»Es tut mir leid, was wir dir angetan haben«, unterbrach sie mich, und mir versagte die Stimme. »Was dein Vater dir angetan hat, war weder richtig noch fair. Kein Kind sollte durchmachen müssen, was du durchgemacht hast.«
»Und trotzdem habt ihr nichts unternommen, um es zu verhindern«, sagte ich bitter. »Du, Thomas, Abel. Meine Mutter. Keiner von euch. Euch war nur wichtig, was ich für euch sein könnte, nicht, was das für mich bedeutet. Was mein Vater mir angetan hat, hat euch nicht gekümmert. Und dann seid ihr gegangen und habt mich zurückgelassen …«
»Du hast deine Bande zum Rudel durchtrennt.«
»Die einfachste Entscheidung, die ich je getroffen habe.«
»Ich höre, wenn du lügst, Gordo. Deine Magie kann deinen Herzschlag nicht verbergen. Nicht immer. Nicht, wenn es wirklich wichtig ist.«
»Verdammte Werwölfe.« Dann: »Ich war zwölf, als ich zur Hexe des Bennett-Rudels gemacht wurde. Meine Mutter war gestorben. Mein Vater war verschwunden. Und trotzdem ist Abel zu mir gekommen, und der einzige Grund, warum ich Ja gesagt habe, war, weil ich es nicht besser wusste. Weil ich nicht allein sein wollte. Ich hatte Angst und …«
»Du hast es nicht für Abel getan.«
Ich kniff die Augen zusammen. »Wovon zum Teufel redest du?«
Elizabeth drehte sich endlich um und sah mich an. Sie hatte die Decke immer noch um die Schultern gelegt....
| Erscheint lt. Verlag | 13.8.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Green-Creek-Romane |
| Übersetzer | Michael Pfingstl |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Ravensong – Green Creek Book 2 |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | eBooks • Fantasy • fated mates • found family • Hexer • Magie • Queere Fantasy • Romantasy • Serien • SPIEGEL-Bestsellerautor • Urban Fantasy • Werwölfe |
| ISBN-10 | 3-641-32799-7 / 3641327997 |
| ISBN-13 | 978-3-641-32799-6 / 9783641327996 |
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