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Die Wahrsagerin kleiner Schicksale (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025
499 Seiten
Heyne Verlag
978-3-641-32380-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Wahrsagerin kleiner Schicksale - Julie Leong
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Auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit streift die junge Magierin Tao mit ihrem gutmütigen Maultier durch die Lande und sagt den Leuten für ein paar Münzen die Zukunft voraus. Aber nur die kleinen Dinge, denn große Schicksale haben meist große Konsequenzen, wie Tao aus leidvoller Erfahrung weiß. Dann begegnet sie eines Tages einem ehemaligen Söldner, der auf der Suche nach seiner Tochter ist. Begleitet wird er von seinem besten Freund, einem Ex-Dieb, der das Gaunern aber doch nicht so ganz lassen kann. Als Tao sich den beiden anschließt, gerät sie nicht nur in das größte Abenteuer ihres Lebens, sondern findet dabei auch etwas, mit dem sie nicht gerechnet hat – eine Familie ...

Julie Leong wuchs als Tochter malaysisch-chinesischer Immigranten in New Jersey auf und lebte einige Jahre in Peking, bevor sie in Yale Wirtschaft und Politikwissenschaften studierte. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Hund Kaya in San Francisco. »Die Wahrsagerin kleiner Schicksale« ist ihr Debütroman.

2


Zwei Stunden westlich von Necker rumpelte ihr Wagen über holprige Wege und erwischte dabei ein besonders tiefes Schlagloch. Tao zuckte zusammen. Der Aufprall jagte ihr einen starken Schmerz durch den Rücken. Laohu warf ihr einen Blick zu und schnaubte besorgt, aber sie winkte ab. »Es geht mir gut«, beruhigte sie ihn und seufzte. »Ich hatte vergessen, wie schlecht die Straßen hier im Westen sein können.«

Natürlich würde sie sich für den Zustand der Straße nicht interessieren, wenn sie nicht mit einem Wagen darüberrattern würde, der allein durch rostige Nägel und Sturheit zusammengehalten wurde. Und auch dann nicht, wenn ihr Rücken nicht ohnehin schon schmerzen würde, da sie mehr Nächte in besagtem Wagen als in einem richtigen Bett verbrachte. Aber so war es nun einmal. Tao seufzte erneut und rieb sich behutsam über die schmerzende Stelle. Sie musste sich wirklich eine Möglichkeit überlegen, ihre Sitzbank zu polstern … Vielleicht sollte sie auf dem nächsten Markt einen mit Stroh ausgestopften Sack kaufen. Oder falls sie ein paar Münzen entbehren konnte – vielleicht sogar einen, der mit Wolle gefüllt war? Als sie über diese Optionen nachdachte, erinnerte sie sich an die Kutsche, mit der sie in Margrave häufig gefahren war: bestickte Kissen und poliertes Holz; sanft trabende Pferde, die auf einer flachen asphaltierten Straße in Mittelstadt entlangliefen. Unaufgefordert drang die Stimme ihres Stiefvaters in ihren Kopf: Kopf hoch, Mädchen. Schultern zurück. Sieh nicht nach draußen zu den Pferden! Sieh mich an. Du musst immer die Person ansehen, die mit dir spricht, oder sie wird denken, dass du einfältig bist. Du trägst nun meinen Familiennamen, also bring ihn besser nicht in Verruf.

Laohu schnaubte unglücklich und Tao bemerkte, dass sie die Zügel unnötig fest hielt. Sie ließ sie locker und versuchte, die plötzliche Anspannung abzuschütteln. »Entschuldige, alter Freund.« Selbst mit einem halben Königreich zwischen ihnen brachten die Erinnerungen an ihren Stiefvater sie immer noch dazu, sich wieder wie ein Kind zu fühlen. Klein und wütend, so als ob alles, was sie tat – alles, was sie war –, falsch war.

Tao schüttelte sich innerlich und betrachtete ihre Umgebung, während der Wagen weiterrollte. Sie zwang sich dazu, normal zu atmen, nach vorne auf die Straße zu blicken, die sich weit und einladend vor ihr erstreckte. Ich bin frei, dachte sie. Frei von ihm, frei von ihnen allen.

Das Dorf Havelin lag nur einen halben Tagesritt westlich und sie wollte keinen weiteren Gedanken an die Vergangenheit verschwenden, die sie hinter sich gelassen hatte.

Die Hand der Frau zuckte in ihrem Schoß, als sie auf dem Stuhl vor Tao saß. Sie lächelte dankbar, als Tao ihr den dampfenden Becher Tee anbot, aber es war ein sprödes Lächeln, kurz und zittrig, und erinnerte Tao an eine Schwalbe aus Porzellan, die sie einst in dem Schaufenster eines Schmuckladens gesehen hatte. Sie wirkte, als wäre sie mitten im Flug, die kleinen Flügel in eine Brise gehoben. Obwohl sie wunderschön gewesen war, hatte die Schwalbe etwas Trauriges an sich.

Die Frau, die den Namen Esther trug, war in ihren frühen Dreißigern. Die einzige Tochter des alternden Kesselflickers von Havelin war an diesem Tag eine der Ersten in der Schlange vor Taos Zelt gewesen. Tao hatte ihren Wagen auf der Grünfläche direkt neben den Stallungen geparkt und die Kunde der Ankunft der Wahrsagerin hatte sich schnell in Havelin verbreitet.

Esther schlürfte langsam ihren Tee. Tao beobachtete sie, während sie es ihr gleichtat.

Ein paar dünne Linien zeichneten sich um Esthers Augen ab und die Art und Weise, wie sie sich hielt, ließ darauf schließen, dass sie mehr im Leben gesehen hatte, als nur dessen Frühlinge erlebt. Man konnte sie nicht direkt als schön bezeichnen, ihr Kinn war zu ausgeprägt und spitz für ihr Gesicht, aber sie hatte zauberhaftes blondes Haar, das in Wellen über ihre Schultern floss, und in ihrem Blick lag eine Intelligenz, die sie zumindest interessant, wenn nicht gar attraktiv erscheinen ließ.

Tao wusste, dass Esther nervös war. Manche Kunden waren das, wenn sie ihr Zelt betraten – besonders die, die kamen, um die nackte Wahrheit zu erfahren, nicht wie jene, die das Ganze bloß als Spaß verstanden. Sie räusperte sich sanft.

»Gibt es etwas, das dich beschäftigt? Ich kann nicht garantieren, was ich sehe. Aber wenn es einen bestimmten Bereich gibt, auf den ich meine Vision lenken soll, dann kann ich mein Bestes versuchen.«

Esther traf zögerlich ihren Blick. »Ich … Ja, ich schätze mal, dass es da etwas gibt.« Tao wartete geduldig.

»Wie du siehst, bin ich kein junges Fräulein mehr«, sagte Esther. Sie ließ ein unerwartetes Lächeln aufblitzen, selbstbewusst, und Tao dachte sich, dass sie dadurch plötzlich wirklich hübsch war. »Ich bin … unglücklich verliebt, würden es vielleicht manche nennen. Und mein Pa macht sich Sorgen, weil ich keinen Gatten habe. Er hört nicht auf, mir damit in den Ohren zu liegen.«

Tao nickte. »Du willst wissen, ob du heiraten wirst? Das ist etwas größer als ein kleines Schicksal, aber ich kann versuchen …« Sie warf einen Blick auf Esthers Becher, der erst zur Hälfte geleert war und in dem die Blätter in kleinen Wirbeln schwammen. Eine andere Methode also. »Darf ich deine Handflächen sehen?«

Liebesvorhersagen waren häufig bei jungen alleinstehenden Frauen; meistens konnte Tao ihnen nur prophezeien, dass sie am nächsten Tag der Mutter einen pickligen Ziegenhirten in der Scheune küssen würden oder dass ihr zukünftiger Ehemann einen seltsam aussehenden kleinen Zeh habe und sie vielleicht darum bitten sollten, die Zehen der jungen Männer zu sehen, denen sie begegneten, wenn sie es genauer wissen wollten (aber das war womöglich etwas riskant, da ein Mann dies falsch verstehen könnte).

»Warte«, brach es aus Esther hervor. »Ja, ich meine, das würde ich, aber …« Sie knetete die Hände, wrang den Stoff ihres Rockes. »Wenn du etwas siehst – also falls ich heiraten sollte – und die anderen im Dorf nichts davon wissen …«

»Alles, was hier in diesem Zelt gesagt wird, ist bei mir sicher«, erklärte Tao, nachdem sie glaubte, Esthers Problem erfasst zu haben. Tao nahm ihre Hände und beugte sich über den Tisch. Sie konzentrierte sich auf ihre Gabe; atmete ein und aus und wieder ein, während sie die zarten Linien auf Esthers Handfläche betrachtete. Sie suchte mit ihrem Geist nach den Wegen, die sich leicht und schwindelerregend anfühlten, bei denen sich der Puls beschleunigte und das Innerste erwärmte, denn dies waren die Linien der Anziehung – manchmal sogar die der Liebe. Tao fand eine, die vielversprechend war, und folgte dem geschlängelten Pfad zurück zu einer Vertiefung, in der sie in einer hellen wie verschwommenen Vision eine lachende junge Esther auf einer Weide sah, die errötete, und eine Hand, die sich nach ihr ausstreckte und … oh. Oh!

»Was siehst du?«, erkundigte Esther sich ängstlich, da Tao ihre Gesichtsregungen nicht ganz unter Kontrolle halten konnte.

»Ich habe einen Blick in deine Vergangenheit geworfen«, gestand Tao langsam. »Dich gesehen. Auf einer Weide voll Löwenzahn, mit …«

Esthers Hände waren erstarrt. »Mit Jane.«

»Ja«, bestätigte Tao. »Braune Haare. Sommersprossen auf der Nase.«

Stille.

Dann meinte Esther verbittert: »Ich schätze mal, nun weißt du, warum ich keinen Gatten habe. Ich hatte Angebote von guten standhaften Männern, aber ich konnte sie nicht akzeptieren, denn ich würde sie niemals lieben, zumindest nicht auf die Art, wie es eine Ehefrau sollte. Aber was soll eine Frau schon ohne Ehemann oder eigene Kinder machen? Mein Pa wird nicht mehr lang da sein und dann werde ich für den Rest meiner Tage allein bleiben und mich mit dem Tratsch in Havelin herumschlagen müssen. ›Da ist die alte Jungfer Esther.‹ Wie soll ich damit umgehen? Muss ich wirklich zwischen einem Leben allein und dem Zwang, mit einem Mann zusammen zu sein, den ich nicht will, wählen?«

Tränen glitzerten in ihren Augen, während die Worte nur so aus ihr herausflossen, als ob sie sie sehr lange zurückgehalten hätte und sie nun endlich in diesem blauen Seidenzelt zuließ.

»Was ist aus Jane geworden?«, erkundigte sich Tao sanft.

»Sie ist kurz darauf nach Yuris gezogen, zwei Dörfer weiter. Wir haben … keinen Kontakt mehr. Ich hörte, dass sie inzwischen mit dem Bäckersohn verheiratet ist und zwei wundervolle Kinder hat«, erzählte Esther und sah weg. »Unsere … unsere Freundschaft war für sie nur vorübergehend. Sie hat gemerkt, dass sie Männer doch genug mag. Ich nicht.« Langsam senkte sie den Kopf, als ob sie auf ihre Verurteilung wartete.

Tao überlegte lange, was sie darauf erwidern sollte. Die Dörfer und Städtchen Mittellands lagen in den ländlichen Außenbereichen Eshteras. Es war eine kleine Welt, die oft zu einer engstirnigen Sichtweise auf gewisse Dinge führte. Für Esther würde es in Havelin keine Möglichkeit geben, so zu leben, wie sie es sich erhoffte. Egal wie schwer es ihr fiel, dies zuzugeben, aber Esther hatte recht. Sie würde diese Wahl treffen müssen.

Wenn sie blieb.

»Ich habe dein Schicksal noch nicht gelesen«, sagte Tao zu Esther. »Du hast mich dafür bezahlt, in deine Zukunft zu blicken, nicht in deine Vergangenheit. Darf ich es noch einmal versuchen?«

Esther blickte auf und rieb sich die Augen. »Wenn du das möchtest«, schniefte sie und reichte Tao erneut ihre Hände.

Tao gab sich...

Erscheint lt. Verlag 16.4.2025
Übersetzer Jara Dressler-Rohilla
Sprache deutsch
Original-Titel The Teller of Small Fortunes
Themenwelt Literatur Fantasy / Science Fiction Fantasy
Schlagworte Abenteuer • Cosy Fantasy • eBooks • Fantasy • found family • High Fantasy • Magie • Wahrsager
ISBN-10 3-641-32380-0 / 3641323800
ISBN-13 978-3-641-32380-6 / 9783641323806
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