Panik (eBook)
274 Seiten
Goldmann Verlag
978-3-641-32376-9 (ISBN)
Um ihre kriselnde Ehe zu retten, verbringen Ruth und Bill ein Wochenende in einem Luxus-Strandhaus an der Ostsee. Das architektonische Schmuckstück gehörte früher einem Tech-Mogul. Als Ruth mitten in der Nacht aufwacht, ist ihr Mann verschwunden. Panisch durchsucht sie das Haus und sieht Bill schließlich auf der anderen Seite des Panoramafensters: Er ist im Garten ausgesperrt, sie selbst im hermetisch abgeriegelten Haus gefangen. Ohne eine Chance, miteinander zu kommunizieren, merken Ruth und Bill bald: Das KI-gesteuerte Sicherheitssystem des Smarthomes hat das Kommando übernommen. Und es macht Jagd auf sie beide ...
Sebastian Halm, Jahrgang 1978, ist ein mit dem LfM-Hörfunkpreis ausgezeichneter Rundfunk- und Online-Journalist. Nach dem Volontariat studierte er Germanistik und Literaturwissenschaft in Bochum (B.A.). Er lebt und arbeitet als Wissenschaftsjournalist mit dem Schwerpunkt Künstliche Intelligenz in München.
ANKUNFT
Sie wachte auf, und Bill war verschwunden. Neben ihr im Dunkel nur ein leeres Laken. Und alles fühlte sich anders an, falsch, verschoben. Kurz dachte sie, sie träumte, vielleicht daher das merkwürdige Gefühl. Doch dann wusste sie, woran es lag: Dass sie ja nicht zu Hause war, sie waren in dem Strandhaus, sie und Bill. Wie dumm von ihr, das zu vergessen. Fast so dumm wie die ganze Idee, überhaupt erst herzukommen. Er hatte die Idee gehabt, sie war skeptisch gewesen. Es ergebe keinen Sinn, was solle da anders sein als hier.
Doch er hatte sie überzeugt: »Nur du, das Meer und ich. Lass uns reden. Wenn man aufhört zu reden, ist man am Ende!« Reden? Soll das ein Scherz sein?, hatte sie in Gebärdensprache erwidert und ihn böse angesehen. Doch er hatte sich ihr zugewandt, sodass sie von seinen Lippen lesen konnte, und geantwortet: »Du weißt, wie ich es meine!«
Und sie hatte zugeben müssen, dass das stimmte. Es gab Tage, die guten, da war alles normal, Ruths Gehörlosigkeit war kein Thema zwischen ihnen. An anderen Tagen aber, wenn es ihr zu viel wurde, der Frust zu groß oder sie sich einfach unverstanden fühlte, dann ließ sie ihn spüren, dass sie anders war. Ein wenig Rücksicht wollte, etwas Sensibilität. Inzwischen waren die guten Tage immer weniger geworden. Und die anderen Tage … nun, die waren nun normal.
Das Haus sollte also alles in Ordnung bringen. Und das Meer, drei Tage, ein langes Wochenende. »Nur du und ich, darauf kommt es an.« Sie hatte ihn angesehen, und schließlich hatte sie genickt. Er wollte bezahlen, sie hatte den erhobenen Zeigefinger vor der Brust entlanggeführt: Nein. Aber er hatte gelächelt und langsam und ruhig gesagt: »Ich bestehe darauf«, also signalisierte sie ihm Okay.
Ein holpriger Anfang. Sie hielt es für einen Fehler. Alles. Und das schon lange, bevor sie ahnen konnte, was noch kam. Bevor sie wusste, dass die Flasche Sekt, die er am Abend öffnete, die letzte sein würde, die er für sie beide jemals öffnete.
Er hatte ihre Schulter berührt, damit sie ihn ansah, die andere Hand am Steuer. »Ich finde das Haus nicht«, hatte er gesagt, als er den Wagen langsam in die kleine Sackgasse hineinsteuerte. Hinter den Häusern, hinter dem dünnen Streifen Gras, auf dem sie gebaut waren, begann der Strand. hundert Meter Sand und dann: das Meer. Unendlich, grau, stürmisch. »Schau mal«, las sie von seinen Lippen: »Da ist 8, das da drüben ist 9 und dann – nichts! Wo ist 10?«
Sie beugte sich vor. Doch sie konnte es auch nicht finden. Links und rechts standen kleine Villen, viele davon weiß, manche aus rotem Backstein, andere Fachwerk mit Reetdächern. Doch die bedachte Unscheinbarkeit täuschte sie nicht, das waren teure Heime, wohlsituierte Häuser. Sie kniff die Augen zusammen und spähte noch einmal hinaus, doch es blieb dabei: Links neben ihnen stand Haus Nummer 6, gegenüber zu ihrer Rechten befanden sich 7 und 9, und schließlich, als letztes Haus auf der Linken, folgte 8. Dann nichts mehr.
Na, das geht ja gut los! Sie begleitete die Gesten mit einem Augenrollen.
»Jetzt sei nicht so negativ, wir können ja einfach noch mal die Dame anruf… Warte mal – da!« Er zeigte nach vorne, die andere Hand auf dem Lenkrad.
Hinter dem letzten Haus, einem Fachwerkgebäude mit Schilfdach auf der linken Seite, wuchs dichtes Gebüsch, ein paar Bäume und Sträucher, doch wenn man genau hinsah, entdeckte man es: Unter den herabhängenden Ästen einer Birke war eine Lücke im Dickicht, breit genug für ein Auto. Und dort lagen einige dicke Bretter im Sand, führten nach links von der Straße fort, kurz bevor diese in den Wendekreis der Sackgasse mündete. Die Bretter waren mit dicken, durch Bohrlöcher gezogenen Seilen verbunden. Sie machten nach einigen Metern eine Biegung nach rechts ins Unterholz und entzogen sich hinter Blättern und Buschwerk dem Blick des Betrachters.
»Vielleicht ist es dort!«
Sie nickte und wedelte die gespreizten Finger der rechten Hand: Ja, vielleicht.
Er bog nach links ab, steuerte den Wagen behutsam zwischen die Büsche und Bäume auf den behelfsmäßigen Weg aus Brettern und fuhr von der Straße ab. Sie legten einige Meter unter einem dichten Blätterdach zurück, dann lichtete sich der Baldachin, und die Bretterstraße führte sie den Strand entlang, rechts von ihnen war Sand, dahinter verwildertes Gestrüpp, zu ihrer Linken sahen sie nichts außer einer hohen fast weißen Düne, die den Blick auf das Meer verdeckte. Hier und dort wuchsen verwelkte Küstenpflanzen. Es war, als fahre man den Schallschutz einer Autobahn entlang. Und die Bretterstraße ging weiter und weiter, sie mussten schon dreihundert, vierhundert Meter so zurückgelegt haben.
Sie zeigte hinaus und bedeutete ihm: Das ist ja das Ende der Welt.
»In der Beschreibung stand, dass es abgelegen ist, das war es doch, was wir wollten.«
Du wolltest das, dachte sie sich, verkniff sich jedoch die Bemerkung. Stattdessen sagte sie in Gebärde: Ich wette, unser Haus ist die einzige Ruine zwischen den ganzen Villen.
Er drehte sich zu ihr: »Quatsch«, er lachte die Bemerkung weg, »du hast doch die Bilder gesehen.«
Ja, Bilder. Fotos von Immobilien. Denen kann man natürlich »immer« vertrauen! Du weißt schon, dass solche Anzeigen reine fantastische Literatur sind? Er löste den Blick von ihren Händen und steuerte ruckartig zurück auf die Bretterstraße, die er beinahe verlassen hätte, während er ihre Gesten gelesen hatte. Sie lächelte: Mann am Steuer!
Der Wall aus Sand zu ihrer Linken flachte sich ab, schrumpfte in den Grund des Strandes hinein und war verschwunden. Der Blick auf den Ozean wurde frei.
Er stupste sie sanft an. »Wow!«, sagte er, zeigte nach links und verlangsamte den Wagen.
Vor der eisgrauen, stürmischen See stand ein einsames modernes Haus aus glattem weißen Stein, der glänzte wie Marmor. Zwei Stockwerke türmten sich zu einem flachen Bau auf, dessen makellose Undurchdringlichkeit auf der Vorderseite nur von einigen schmalen Fenstern durchbrochen wurde. Sie verliehen der Konstruktion etwas von einem Bunker mit Schießscharten. Nach den romantischen Backstein-, Fachwerk- und Schilfkonstruktionen in der Sackgasse wirkte es nun, als hätten sie eine Zeitreise in eine modernistische Zukunft unternommen. Das Haus musste größer und neuer sein als alle anderen, die sie seit ihrer Ankunft in dem Küstenort gesehen hatten. Hinter dem Haus erkannte sie einen Teil eines eisblau schimmernden, großen Swimmingpools. Das Haus selbst war umschlossen von der grünen Fläche eines präzise getrimmten, großzügig bemessenen Gartens. Eine einsam angepflanzte Buche neigte sich rechts hinter dem Haus bis an einen umlaufenden Balkon im ersten Stock heran. Und dann war da noch der Zaun, das ganze Grundstück war von einem hüfthohen Zaun umgeben, der aus vier eng gespannten, horizontal verlaufenden Drähten bestand, sie spannten sich von einem Stahlpfosten zum nächsten. Ihn erinnerte der Zaun an ein Gehege im Zoo, sie musste an ein Gefängnis denken. Am Zaun endete die Rasenfläche wie mit dem Lineal gezogen, übergangslos begann der Strand.
Das Haus war wie eine Insel im Sand, mit scharfen Küstenlinien, vermutlich war es auf ein Fundament gestellt worden, das man ausgehoben und in den Boden hineingegossen hatte. Vom Haus mochten es vielleicht siebzig Meter zum Meer sein. Vermutlich handelte es sich bei dem Abschnitt, der an die Villa anschloss, um einen Privatstrand.
Sie war verwirrt von dem Anblick. Hier würde es sich zweifelsohne leben lassen das Wochenende über. Es war mitnichten die einzige Ruine in der Nachbarschaft, ein fast schon brutaler Luxus und Reichtum ging von dem kompromisslosen Design aus. Aber zugleich war das Gebäude abweisend. Sie wusste nicht, weshalb; vielleicht lag es einfach nur am Zaun.
Er warf ihr einen kurzen Blick zu: »Wahnsinn, oder?«, formten seine Lippen überdeutlich. »Das sieht richtig cool aus!« Er sah wieder auf die Straße, sie nickte. Doch seine Begeisterung hielt an, er wandte sich ihr erneut zu: »Hast du gesehen, die haben sogar einen Pool!«
Sie nickte. Wieso haben Häuser am Meer eigentlich Pools, fragte sie sich.
Nun bemerkten sie beide die Gestalt, die neben einem vor dem Haus geparkten Wagen wartete. Die blondierte Frau sandte eine riesige weiße Wolke gen Himmel, als sie den Dampf ihrer E-Zigarette ausstieß. Sie musste ihren Wagen gehört haben, denn sie fuhr herum und bleckte die Zähne zu einem professionellen Lächeln, streckte eine Hand in die Höhe und winkte.
Er fuhr noch langsamer. Einige Dutzend Meter vor dem Haus endete die Zufahrt aus Brettern an einem halbkreisförmigen Vorplatz aus Asphalt. Der Wagen der Frau stand rechts vor dem Zaun, Bill steuerte ihr Auto links daneben. Der kleine Asphaltvorplatz würde gerade so genug Platz zum Wenden lassen, ohne dass man mit den Rädern in den Sand rutschte und womöglich stecken blieb; ihm fiel auf, dass es keine Garage gab.
Er parkte neben dem Mercedes der Frau. Es konnte nur die Vermieterin sein, bei der sie die Villa online gebucht hatten. Als er den Motor abstellte, kam sie mit linkischen Bewegungen näher, so als ginge sie auf Zehenspitzen über glühende Kohlen. Sie brachte ihr Gesicht, das halb von großen roten Sonnenbrillengläsern verdeckt wurde, nahe an die Beifahrerscheibe. Die Vermieterin winkte mit der E-Zigaretten-Hand, mit der anderen presste sie sich eine große Handtasche an die Brust. Ruth lächelte gequält vom Beifahrersitz zurück, sie hätte sich nicht gewundert, wenn einer dieser winzigen Hunde seinen Kopf aus der Handtasche gesteckt...
| Erscheint lt. Verlag | 1.7.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | eBooks • Ostsee • Psychothriller • Thriller |
| ISBN-10 | 3-641-32376-2 / 3641323762 |
| ISBN-13 | 978-3-641-32376-9 / 9783641323769 |
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