Zum Hauptinhalt springen
Nicht aus der Schweiz? Besuchen Sie lehmanns.de

Leo Tolstoi - Die besten Geschichten (eBook)

Diese Sammlung enthält "Die Kreutzersonate", "Wie viel Boden braucht der Mensch", "Ein Überfall" und andere Erzählungen des Großmeisters

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025
403 Seiten
Anaconda Verlag
978-3-641-33201-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Leo Tolstoi - Die besten Geschichten - Leo Tolstoi
Systemvoraussetzungen
4,99 inkl. MwSt
(CHF 4,85)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
  • Download sofort lieferbar
  • Zahlungsarten anzeigen
Den großen russischen Erzähler Tolstoi kennt man in erster Linie als Autor seiner breit angelegten Romane 'Krieg und Frieden' und 'Anna Karenina'. Doch auch die kleineren literarischen Formen beherrschte er wie kaum ein anderer. Dieser Band enthält 7 Erzählungen: Neben Geschichten aus dem Kaukasus wie den 'Holzschlag' oder den 'Schneesturm' auch einige seiner Volkserzählungen, u.a. 'Wie viel Erde braucht der Mensch'. Schließlich zwei seiner großen Novellen: 'Der Tod des Iwan Iljitsch' und die 'Kreutzersonate'.
  • 'Leo Tolstoi ist aktueller denn je' Der Tagesspiegel
  • Sieben Geschichten des großen russischen Erzählers in einem Band
  • Tolstoi hat nicht nur Monumentalwerke wie 'Anna Karenina' und 'Krieg und Frieden' verfasst: Er ist auch ein Meister der kurzen Form
  • Unter anderem mit 'Die Kreutzersonate', 'Der Tod des Iwan Iljitsch', 'Der Schneesturm', 'Ein Überfall' und 'Wie viel Boden braucht der Mensch' etc.


Leo Tolstoi (1828-1910) entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa zog er sich auf sein Familiengut Jasnaja Poljana zurück und verfasste dort seine berühmten Romane und Erzählungen.

Der Holzschlag

Erzählung eines Fähnrichs

I

Im Jahre 185. um die Mitte des Winters gehörte eine Abteilung unserer Batterie zu einem Detachement, das in der Großen Tschetschnja stand. Am Abend des 14. Februar erfuhr ich, dass die Korporalschaft, die ich in Abwesenheit des Offiziers befehligte, dazu bestimmt war, am nächsten Tage einen Teil einer Kolonne zu bilden, welche Holz fällen sollte. Nachdem ich noch am Abend die nötigen Befehle empfangen und weitergegeben hatte, begab ich mich früher als gewöhnlich in mein Zelt, und da ich nicht die schlechte Gewohnheit hatte, dieses mit glühenden Kohlen zu heizen, so legte ich mich in den Kleidern auf mein Bett, das auf Pflöcken hergestellt war, zog die Fellmütze auf die Augen herunter, wickelte mich in meinen Pelz und versank in jenen eigenartigen festen, schweren Schlaf, den man in Zeiten der Aufregung und Unruhe vor einer Gefahr zu schlafen pflegt. Was mich in diesen Zustand versetzte, war die Erwartung eines Gefechtes für den bevorstehenden Tag.

Um drei Uhr morgens, als es noch völlig dunkel war, zerrte mir jemand den schön angewärmten Schafpelz vom Leib, und das dunkelrote Licht einer Kerze fiel mir unangenehm in die verschlafenen Augen.

»Bitte, stehen Sie auf!«, sagte eine Stimme. Ich schloss von Neuem die Augen, zog unbewusst den Schafpelz wieder über mich und schlief ein. »Bitte, stehen Sie auf!«, wiederholte Dmitri und schüttelte mich erbarmungslos an der Schulter; »die Infanterie rückt schon aus.« Ich kam auf einmal zur Erkenntnis der Wirklichkeit, fuhr zusammen und sprang auf die Beine. Nachdem ich schnell ein Glas Tee getrunken und mich in vereistem Wasser gewaschen hatte, kroch ich aus dem Zelt und ging in den Park (das ist der Ort, wo die Geschütze stehen). Es war dunkel, neblig und kalt. Die nächtlichen Wachtfeuer, die hier und da im Lager glühten, beleuchteten die Gestalten der verschlafenen Soldaten, die um sie herum lagen, und ließen durch ihren matten, rötlichen Schein die Dunkelheit noch dunkler erscheinen. In der Nähe hörte man gleichmäßiges, ruhiges Schnarchen, in der Ferne die Bewegungen der Infanterie, ihre Gespräche und das Klirren ihrer Gewehre; sie machte sich zum Abmarsch fertig. Es roch nach Rauch, nach Pferdemist, nach Lunte und nach Nebel. Ein morgendliches Zittern lief mir über den Rücken, und die Zähne schlugen mir wider meinen Willen aufeinander.

Nur an dem Schnauben und dem vereinzelten Stampfen konnte man in dieser undurchdringlichen Dunkelheit erkennen, wo die bespannten Protzen und Munitionswagen standen, und an den leuchtenden Punkten der Zündruten, wo sich die Geschütze befanden. Auf die Worte »Mit Gott!«, fuhr klirrend das erste Geschütz los; hinter ihm rasselte der Munitionswagen, und die Korporalschaft setzte sich in Bewegung. Wir nahmen alle die Mützen ab und bekreuzten uns. Nachdem die Korporalschaft in einen Zwischenraum zwischen der Infanterie eingerückt war, machte sie halt und wartete ungefähr eine Viertelstunde, bis die ganze Kolonne beisammen wäre und der Kommandeur käme.

»Nikolai Petrowitsch, bei uns fehlt ein Mann«, sagte eine an mich herantretende schwarze Gestalt, die ich nur an der Stimme als den Feuerwerker der Korporalschaft, Maximow, erkannte.

»Wer denn?«

»Welentschuk fehlt. Als angespannt wurde, war er noch da; ich habe ihn gesehen; aber jetzt fehlt er.«

Da nicht anzunehmen war, dass die Kolonne sich sofort in Bewegung setzen werde, beschlossen wir, den Gefreiten Antonow auszuschicken, um Welentschuk zu suchen. Bald darauf trabten in der Dunkelheit einige Reiter an uns vorüber: Das war der Kommandeur mit seiner Suite; und unmittelbar darauf rührte sich die Spitze der Kolonne und setzte sich in Bewegung, endlich auch wir – aber Antonow und Welentschuk waren nicht da. Indessen hatten wir noch nicht hundert Schritte zurückgelegt, als beide Soldaten uns einholten.

»Wo war er denn?«, fragte ich Antonow.

»Er schlief im Park.«

»Also ist er betrunken, ja?«

»Nicht im Geringsten.«

»Wie kommt es denn, dass er wieder eingeschlafen ist?«

»Das weiß ich nicht.«

Etwa drei Stunden lang zogen wir langsam, immer schweigend und im Nebel, über ungepflügte, schneefreie Felder und durch niedriges Buschwerk, das unter den Rädern der Geschütze knirschte. Endlich, nachdem wir einen nicht tiefen, aber außerordentlich reißenden Bach überschritten hatten, wurde befohlen, haltzumachen, und bei der Avantgarde ertönten einzelne Flintenschüsse. Diese Laute wirkten, wie das immer der Fall ist, auf alle stark aufregend. Die Truppe erwachte gleichsam: Die Leute rührten sich in den Reihen, man hörte sie sprechen und lachen. Hier rang ein Soldat mit einem Kameraden; dort hüpfte einer von einem Bein auf das andere; dort kaute einer seinen Zwieback oder machte zum Zeitvertreib »Präsentiert das Gewehr« und »Gewehr bei Fuß«. Gleichzeitig begann der Nebel im Osten merklich weiß zu werden; die Feuchtigkeit machte sich stärker fühlbar, und die umgebenden Gegenstände traten allmählich aus der Dunkelheit heraus. Ich unterschied schon die grünen Lafetten und Munitionswagen, das von Nebelnässe bedeckte Metall der Geschütze, die bekannten, mir ganz von selbst bis auf die kleinsten Einzelheiten vertraut gewordenen Gestalten meiner Soldaten, die braunen Pferde und die Reihen der Infanterie mit ihren hellen Bajonetten, den Brotbeuteln, den Kugelziehern und den Kochkesseln auf dem Rücken.

Bald wurde uns befohlen, wieder vorzurücken, und nachdem wir einige hundert Schritte ohne Weg marschiert waren, wurde uns ein Platz angewiesen. Auf der rechten Seite sahen wir das steile Ufer eines sich schlängelnden Flüsschens und die hohen Holzpfähle eines tatarischen Begräbnisplatzes; vorn links und geradeaus war durch den Nebel hindurch ein schwarzer Streifen wahrnehmbar. Die Korporalschaft protzte ab. Die achte Kompagnie, die uns zur Deckung diente, stellte die Gewehre zusammen, und ein Bataillon ging mit Gewehren und Äxten in den Wald.

Es waren noch nicht fünf Minuten vergangen, als auf allen Seiten Wachtfeuer zu knistern und zu rauchen anfingen; die Soldaten hatten sich zerstreut, sie fachten das Feuer mit den Händen und den Füßen an und schleppten Reisig und Äste herbei; im Wald erschollen unaufhörlich Hunderte von Äxten und fallenden Bäumen.

Die Artilleristen hatten sich, infolge einer gewissen Rivalität mit den Infanteristen, ein eigenes Wachtfeuer zurechtgemacht, und obgleich dieses schon dermaßen brannte, dass man sich ihm nicht auf zwei Schritte nähern konnte, und dichter, schwerer Rauch durch die beeisten Zweige drang, die die Soldaten auf das Feuer heraufpackten und von denen Tropfen zischend ins Feuer hineinfielen und sich unten Kohlen und abgestorbenes weißes Gras rings um das Wachtfeuer gebildet hatten, so schien das den Soldaten immer noch nicht genug: Sie schleppten ganze Stämme heran, legten Steppengras darunter und fachten die Glut immer mehr an.

Als ich zu dem Wachtfeuer trat, um mir eine Zigarette anzuzünden, holte Welentschuk, der immer eine große Geschäftigkeit bewies, jetzt aber im Bewusstsein seiner Verschuldung sich mehr als alle anderen um das Feuer bemühte, in einem Anfall von besonderem Eifer mitten aus der Glut mit der bloßen Hand eine Kohle heraus, warf sie ein paarmal von einer Hand in die andere und ließ sie dann auf die Erde fallen.

»Steck doch einen Span an und reich den hin!«, sagte ein anderer. »Gebt doch eine Zündrute her, Brüder!«, sagte ein Dritter.

Als ich schließlich ohne Welentschuks Hilfe, der noch einmal mit den Händen eine Kohle herausholen wollte, meine Zigarette angezündet hatte, rieb er seine verbrannten Finger an dem unteren Hinterteil seines Halbpelzes, hob, um sich irgendwie zu betätigen, einen großen Platanenklotz in die Höhe und warf ihn mit gewaltigem Schwung ins Feuer. Dann endlich glaubte er sich erholen zu dürfen; er trat dicht an die Glut heran, schlug seinen Mantel auseinander, den er wie eine Mantille an dem hinteren Kragenknopf trug, spreizte die Beine, streckte seine großen, schwarzen Hände vor, zog den Mund schief und kniff die Augen zusammen.

»Na so was! Ich habe meine Pfeife vergessen. Ist das ein Malheur, Brüder!«, sagte er nach einem kurzen Stillschweigen, ohne sich an jemand insbesondere zu wenden.

II

In Russland gibt es drei vorherrschende Soldatentypen, unter die sich die Soldaten aller Truppengattungen einrangieren lassen, die der Kaukasusarmee ebenso wie die von der Linie, von der Garde, der Infanterie, der Kavallerie, der Artillerie und so weiter.

Diese Haupttypen sind, von den vielen Untergruppen und Zwischenstufen abgesehen, folgende:

1. die Gehorsamen,

2. die Befehlshaberischen und

3. die Verwegenen.

Die Gehorsamen zerfallen in a) die gleichmütigen Gehorsamen, b) die geschäftigen Gehorsamen.

Die Befehlshaberischen zerfallen in a) die rauen Befehlshaberischen und b) die höflichen Befehlshaberischen.

Die Verwegenen zerfallen in a) die spaßhaften Verwegenen und b) die liederlichen Verwegenen.

Der häufigste und zugleich liebenswürdigste, sympathischste Typus, der sich meist mit den besten christlichen Tugenden, Sanftmut, Frömmigkeit, Geduld und Ergebung in den Willen Gottes, paart, ist der Gesamttypus des Gehorsamen. Das unterscheidende Merkmal des gleichmütigen Gehorsamen ist eine durch nichts zu erschütternde Ruhe und eine Verachtung für alle Wandlungen des Geschicks, die ihn treffen können. Das unterscheidende Merkmal des trunksüchtigen Gehorsamen ist ein stiller, poetischer Hang und eine gewisse Empfindsamkeit; das unterscheidende Merkmal des geschäftigen...

Erscheint lt. Verlag 19.6.2025
Übersetzer Alexander Eliasberg, Julie Goldbaum, Raphael Löwenfeld, Hermann Röhl
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte anna karenenina • eBooks • Erzählungen • Geschichtensammlung • Krieg und Frieden • Kurzgeschichten für Erwachsene • Leo Tolstoi • Lew Nikolajewitsch Tolstoi • Lew Tolstoi • realistischer Roman • Russische Klassiker • Russische Literatur • Russische Schriftsteller
ISBN-10 3-641-33201-X / 364133201X
ISBN-13 978-3-641-33201-3 / 9783641332013
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
Haben Sie eine Frage zum Produkt?
EPUBEPUB (Wasserzeichen)

DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasser­zeichen und ist damit für Sie persona­lisiert. Bei einer missbräuch­lichen Weiter­gabe des eBooks an Dritte ist eine Rück­ver­folgung an die Quelle möglich.

Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belle­tristik und Sach­büchern. Der Fließ­text wird dynamisch an die Display- und Schrift­größe ange­passt. Auch für mobile Lese­geräte ist EPUB daher gut geeignet.

Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise

Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.

Mehr entdecken
aus dem Bereich
Roman

von Iris Wolff

eBook Download (2024)
Klett-Cotta (Verlag)
CHF 9,75
Radiosendungen nach Deutschland | Neuausgabe mit einem Vorwort und …

von Thomas Mann

eBook Download (2025)
Fischer E-Books (Verlag)
CHF 18,55