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Jakobea (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
320 Seiten
Cosmos Verlag
978-3-305-00499-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Jakobea -  Werner Ryser
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«Ein frommer Mann ...», Jakobea lacht bitter, «ich kenne ihn besser. Er ist reich, er ist mächtig, er ist gnadenlos.» Die Rede ist von Kaspar Stockalper, dessen Schloss in Brig mit den drei hoch aufragenden Türmen noch heute an ihn, den «Roi du Simplon», erinnert. Jakobea jedoch, die über ein Jahrzehnt seiner Gattin als Magd dient, ist längst vergessen. In seinem Folgeroman zum 'Walliser Totentanz' stellt Werner Ryser Stockalpers grenzenloser Gier nach Macht und Geld die Geschichte Jakobeas gegenüber: Als Kind armer Leute wird sie 1612 im Mattertal geboren, als Fünfzehnjährige von drei Henkersknechten vergewaltigt, dann von reichen Leuten gedemütigt und ausgenutzt. Ihren Zorn, wenn er hochkommen will, unterdrückt sie, denn eine, die andern untertan ist, darf nicht zornig sein. Doch es kommt der Tag, an dem ihre Wut zum ersten Mal ausbricht ...

Werner Ryser, geboren 1947 in Winterthur, lebt in Basel. Nach dem Debütroman «Walliser Totentanz» folgten bisher die Romane «Das Ketzerweib», «Die Revoluzzer» sowie die Bände der kaukasischen Tetralogie «Geh, wilder Knochenmann!», «Die grusinische Braut», «Kaukasische Sinfonie» und «Windhauch, das ist alles Windhauch».

Werner Ryser, geboren 1947 in Winterthur, lebt in Basel. Nach dem Debütroman «Walliser Totentanz» folgten bisher die Romane «Das Ketzerweib», «Die Revoluzzer» sowie die Bände der kaukasischen Tetralogie «Geh, wilder Knochenmann!», «Die grusinische Braut», «Kaukasische Sinfonie» und «Windhauch, das ist alles Windhauch».

Hass und Gewalt


Aus den privaten Aufzeichnungen von Kaspar Stockalper vom Thurm


Nihil solidum nisi solum – Nichts ist beständig ausser Grund und Boden. Nur weil es im Wallis kaum ein Städtchen oder Dorf gibt, wo ich nicht mindestens einen Acker, eine Wiese oder Alpweide besitze, glauben manche Zeitgenossen, das sei mein Wahlspruch. Aber das stimmt nicht. Meine wahre Devise besteht aus den siebzehn Buchstaben, aus denen sich in einem Anagramm mein Name, Casparus Stoc(k)alper, bilden lässt: Sospes lucra carpat. Gottes Günstling soll die Gewinne abschöpfen. Ich habe diesen Satz über dem Eingang zum Festsaal im Stammhaus unserer Familie anbringen lassen und immer wieder in meinen Handels- und Rechnungsbüchern vermerkt, denn Gottes Günstling war ich. Mir, Kaspar Stockalper vom Thurm, verlieh der Papst den Titel eines Ritters vom goldenen Sporn, Kaiser Ferdinand machte mich zum Ritter des Heiligen Römischen Reiches, Herzog Emanuel von Savoyen erhob mich zum Baron von Duin, und die französischen Könige hefteten mir die Orden vom heiligen Michael und vom Heiligen Geist an die Brust. Ich war Landeshauptmann, Handelsherr, Salzbaron, Inhaber von Söldnerkontingenten, Bauherr und Stifter. Ich habe alles erreicht, was es zu erreichen gibt: Einfluss, Macht, Besitz. Der Allmächtige bescherte mir reiche Geistesgaben, die ich zeit meines Lebens nutzte, um gewinnbringende Geschäfte abzuschliessen.

Auch über meine Herkunft wird oft Unwahres berichtet: Dass wir von den adeligen Olteri aus Mailand abstammen, ist eine fromme Lüge. Wahr ist, dass der Erste unseres Geschlechts sein Leben im Dunkel der Vergangenheit, mitten in der Wildnis, auf halber Höhe zum Simplon, fristete. Als er sein Land rodete, liess er die Wurzelstöcke stehen. So erklären sich der Name Stockalper und das Familienwappen: drei goldene Baumstümpfe auf drei silbernen Bergen vor rotem Hintergrund.

Als ich 1609 zur Welt kam, lebte unsere Familie bereits seit vier oder fünf Generationen in Brig, gehörte zu den Grossen im Land und besetzte wichtige Ämter. Von meinem früh verstorbenen Vater, dem Notar Peter Stockalper, erbte ich ein Vermögen, das es mir erlaubte, meine Ausbildung am Gymnasium der Gesellschaft Jesu in Venthen und in Brig zu machen und anschliessend an der Universität Freiburg im Breisgau zu studieren. Ich beherrsche Deutsch, Französisch, Italienisch und Latein in Wort und Schrift. Ausserdem kann ich mich leidlich auf Spanisch und Griechisch ausdrücken. Und nein, ich musste mich nicht hochkämpfen wie andere, aber niemand kann behaupten, ich hätte nicht mit meinen Pfunden gewuchert. Was ich ererbte, habe ich um das Zweitausendfache vermehrt.

Mein Tochtermann, Georg Mannhaft, der meine Vermögensverhältnisse kennt, hat errechnet, dass sich mit meinen liquiden Mitteln 122233 Kühe kaufen liessen. Er ist Maler, was seine Neigung zu müssigen Gedankenspielereien erklären mag. Stellte man die Tiere Kopf an Schwanz in einer Reihe auf, behauptet er, bildeten die Kühe eine Kolonne von Brig über den Simplon bis in die Gegend von Genua. Nicht eingerechnet in dieser «Viehwährung» sind mein Schloss und andere Güter in Brig, ebenso wenig meine Häuser auf dem Simplon, meine Besitzungen unterhalb von Sankt Leonhard, im Val d’Ossola und in der Baronie Duin.

«Der grosse Stockalper als guter Hirte», soll mein Vetter, Anton Maria Stockalper, gespottet haben, als er davon hörte. «Achte er nur darauf, dass man ihm seinen Besitz und seine Macht nicht neide, sonst wird es ein böses Ende mit ihm nehmen – gleich wie mit meinem Vater.»

Sein Vater, der Ritter und Söldnerhauptmann Anton Stockalper, war das Oberhaupt unserer Sippe. Er legte sich mit den Mächtigen im Land an. Sie nahmen ihn fest, liessen ihn foltern und übergaben ihn am 4. Dezember 1627 in Leuk dem Scharfrichter. Ich war damals achtzehn Jahre alt. Sein Schicksal stand mir stets als warnendes Beispiel vor Augen. Aber meine Vorsicht war vergeblich. Fortuna, die launische Göttin, der unser Geschlecht den Aufstieg verdankt, griff in die Speichen des Glücksrads und liess mich stürzen. Ich musste das Wallis verlassen und auf die Südseite des Simplons fliehen. Meine alten Tage verbringe ich im Palazzo Silva, einem herrschaftlichen Haus, das ich in Domodossola erworben habe.

Domodossola, im Juni 1684

Leuk, 1627: Aus dem Leben von Jakobea


1


Am Vormittag des 4. Dezembers 1627 überquerte die fünfzehnjährige Jakobea Truffer die Rottenbrücke und nahm den Aufstieg zum Städtchen Leuk in Angriff. Dort sollte der Ritter Anton Stockalper enthauptet werden. Der Mann war vor zwei Monaten im Gasthof, wo sie arbeitete, verhaftet und im bischöflichen Schloss von Leuk eingekerkert worden. Franziska, die Grossmagd, hatte ihr frei gegeben. «Ich selber habe keine Zeit hinzugehen», hatte sie erklärt, «aber dich kann ich heute entbehren. Dafür berichtest du mir am Abend genau, wie es war, als der Henker dem hohen Herrn den Kopf abschlug.»

Jakobea freute sich weder über den freien Tag noch darauf zuzuschauen, wie ein Verurteilter vom Leben zum Tode befördert wurde. Sie hatte das schon mehr als einmal gesehen. Wie anderswo wurden auch im Zenden Visp, wo sie herkam, Räuber und Mörder, nachdem man sie mit glühenden Zangen gezwickt hatte, öffentlich hingerichtet. Auch kleine Schelme, die sich etwas hatten zuschulden kommen lassen, einen Diebstahl etwa, kamen an den Galgen. Zur Warnung und Belehrung des Volkes liess man die Leichen, an denen sich die Krähenvögel gütlich taten, tagelang hängen. Zur Warnung und Belehrung des Volkes wurden Männer und Frauen für geringfügige Vergehen auf dem Platz vor der Kirche mit Ruten gestäupt und für Stunden an den Pranger gestellt, wo sie dem Hohn und Spott der Gaffer preisgegeben waren. Das galt ebenso für Mädchen, die zur Unzeit schwanger geworden waren. Dieses Schicksal drohte jetzt auch Jakobea, denn ihre Monatsblutung war seit sechs Wochen überfällig, und sie wusste, was das bedeutete.

Beim Ringacker, wo die Leuker ihre Toten begruben, verliess sie die Strasse, ging durch den Friedhof und betrat die unscheinbare Kapelle, in der man für das Seelenheil der Verstorbenen betete. Vor der aus Lindenholz geschnitzten Jungfrau mit Kind, die an der rechten Seitenwand auf einer Konsole stand, fiel sie auf die Knie. «Gegrüsset seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Weibern», stammelte sie und verstummte. Dann fasste sie sich ein Herz und sagte laut, wofür sie in den vergangenen Wochen Nacht für Nacht in der Dunkelheit ihrer Kammer heimlich gebetet hatte: «Heilige Muttergottes, lass die Frucht meines Leibes verderben!» Erschrocken über die Ungeheuerlichkeit ihrer Bitte, brach sie in Tränen aus.

Jakobea war Jungmagd in der Sust von Leuk. Der Gasthof, zu dem ein Lagerhaus und ein grosser Stall gehörten, lag am Rand des Pfynwalds, auf der linken Seite des Rottens, dort, wo der Saumweg von Bern über die Gemmi in die Handelsroute mündete, die von Lyon nach Genf durchs Wallis und über den Simplon und Domodossola bis nach Mailand führte. Hier feilschten Händler beim Kauf und Verkauf von Waren, hier versorgten die Säumer ihre Tiere, hier assen, tranken und nächtigten sie, bevor sie anderntags Richtung Brig, Sitten oder Kandersteg weiterzogen. Es herrschte ein reges Kommen und Gehen, und die Tage von Jakobea, die als Jungmagd niedrige Dienste verrichtete, dauerten oft zwölf Stunden und mehr. Noch vor Sonnenaufgang musste sie den Herd in der Küche anfeuern, sie leerte Nachttöpfe, fegte die Kammern aus, in denen die Männer geschlafen hatten, füllte Matratzen mit frischem Stroh, schleppte kübelweise Wasser vom Brunnen in die Küche, rüstete Gemüse, wusch dreckige Wäsche. Abends trug sie Krüge mit Wein und dampfende Schüsseln voller Fleisch und Gemüse in die Gaststube. Die Arbeit war hart, aber darüber beklagte sie sich nicht. Von zuhause war sie gewohnt zuzupacken. Neu war für sie hingegen die Zudringlichkeit der Männer, die sie in den Hintern kniffen, nach ihren Brüsten griffen, sie bei Gelegenheit in einer dunklen Ecke gegen die Wand pressten und versuchten, ihr einen Kuss zu rauben. «Frauenschicksal», meinte Franziska, der sie ihr Leid klagte. «Du musst dich wehren, so gut du kannst. Lass dir von keinem dieser Kerle ein Balg anhängen. Wenn du dann wegen Unzucht vor der Kirche am Pranger stehst, kennen sie dich nicht mehr.»

«Heilige Muttergottes, lass die Frucht meines Leibes verderben», wiederholte Jakobea schluchzend und streckte flehend die gefalteten Hände der geschnitzten Jungfrau entgegen.

«Versündige dich nicht!», sagte eine zornige Stimme hinter ihr. Erschreckt fuhr Jakobea herum. In schwarzer Soutane, ein Birett auf dem Kopf, stand ein Priester vor ihr. Sie hatte nicht realisiert, dass noch jemand in der Kapelle war. Der Mann war jung, nicht viel älter als zwanzig. Er war gross und hager, seine Gesichtszüge hatten etwas Asketisches. Jakobea, die noch immer auf den Knien lag, schaute zu ihm hoch.

«Wie kannst du es wagen, die Mutter unseres Herrn, die frei von Sünde ist, um so etwas zu bitten?»

Sie schlug die Hände vors Gesicht. «Was soll ich tun?», schluchzte sie. «Ich bin von Gott und der Welt verlassen. Man wird mich auspeitschen und an den Pranger stellen. Ich werde meine Arbeit verlieren, und die Eltern werden mir die Türe weisen.» Sie liess die Hände sinken und schaute den Geistlichen aus tränenverquollenen Augen an.

«Das hättest du dir überlegen müssen, als du deine Lust nicht...

Erscheint lt. Verlag 28.10.2024
Verlagsort Muri bei Bern
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Schlagworte Gier nach Macht und Geld • Henkersknechten • Roman • Walliser Totentanz
ISBN-10 3-305-00499-1 / 3305004991
ISBN-13 978-3-305-00499-7 / 9783305004997
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