The Wizard - Wenn Worte töten - Light Novel (eBook)
384 Seiten
Tokyopop Verlag
978-3-7593-0978-5 (ISBN)
Prolog
Liang Yuanfeng brachte seinen Wagen schräg vor dem Revier zum Stehen. Er sprang hinaus, verschwendete keinen Gedanken daran, die Autotür zu schließen, und stürmte in die Wache. Im Vorbeilaufen warf er dem Polizisten am Empfang die Autoschlüssel zu. »Park für mich!«
Er ignorierte den Fahrstuhl, hastete drei Stockwerke hinab und stieß eine Brandschutztür auf. Sein Ziel war die Gewahrsamszelle, aus der gerade zwei uniformierte Polizisten einen jungen Mann in Handschellen abführten.
»Stopp! Geben Sie mir einen Moment!«, rief Liang Yuanfeng den Beamten zu. Die tauschten kurz Blicke und drehten sich dann zu ihm um. Der Hauptkommissar befand sich noch in der Zelle. »Wartet hier!«, befahl Liang Yuanfeng erneut, ehe er die Gewahrsamszelle betrat. Eilig fischte er sein Handy aus der Hosentasche. »Ich habe Beweise!«, verkündete Liang Yuanfeng, suchte eine Videodatei heraus und hielt Kriminalhauptkommissar Li Mingguang das Handy vor die Nase. »Jemand hat zufällig gefilmt, wie Cheng Jinxi vor dem Hauseingang von Cheng Tongfang steht, das Gebäude aber nicht betritt! Und nach etwa fünfzehn Minuten geht er wieder. Ist alles auf Video!«
Etwas widerwillig nahm der Hauptkommissar das Handy in die Hand. »In diesem Fall«, begann er und blickte stirnrunzelnd auf das Display, »geht es aber nicht nur um Cheng Tongfang.« Er spulte das Video vor und zurück. »Woher hast du das?«
»Im Haus schräg gegenüber, im ersten Stock, wohnt ein Spanner. Der wollte eigentlich nur das Zimmer einer Studentin filmen.«
»Du hast ihn doch nicht verprügelt, oder?«, knurrte der Hauptkommissar, wohl wissend, wie sein Kollege tickte.
»Nein«, entgegnete Liang Yuanfeng sofort. »Der Augenzeuge war sehr gewillt, die Polizei bei der Aufklärung zu unterstützen.«
Kommissar Li taxierte ihn kurz und gab ihm dann mit einem Seufzen das Handy zurück. »Yuanfeng, Cheng Jinxi hat bereits gestanden.«
»Er kann es nicht gewesen sein! Das ergibt keinen Sinn! Er ist gerade achtzehn geworden, er unterliegt dem Erwachsenenstrafrecht. Das wird sein Leben zerstören!«, sagte Liang Yuanfeng aufgebracht. »Hauptkommissar Li, lassen Sie mich nur zehn, nein, fünf Minuten mit ihm sprechen! Wenn er sein Geständnis widerruft, können wir die Sache noch umkehren! Wir dürfen den wahren Mörder nicht entkommen lassen.«
Natürlich wusste Li Mingguang, dass an der Sache etwas faul war. Niemand hielt es für möglich, dass ein solch zierlicher Jugendlicher in nur einer Nacht vier Häuser abgeklappert und insgesamt zwölf seiner Verwandten umgebracht haben sollte. Doch das Problem war, dass er alles gestanden hatte. Und das spielte der Staatsanwaltschaft und der Polizei in die Karten, die dem enormen Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt waren – obwohl das Ergebnis zahlreiche Unstimmigkeiten aufwies. Und da Hauptkommissar Li spürte, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmte, sah er gern über diese Unstimmigkeiten hinweg. Doch er wusste auch, dass der Polizist vor ihm nicht lockerlassen würde, also gab er nach. »Du hast fünf Minuten.«
»Danke schön.« Liang Yuanfengs Gesicht hellte sich auf, als der Hauptkommissar den zwei Polizisten befahl, den jungen Mann zurückzubringen.
Cheng Jinxi nahm erneut in der Gewahrsamszelle Platz. Ruhig musterte er Liang Yuanfeng.
»Ich kann beweisen, dass du nicht am Tatort warst.« Mit diesen Worten legte Liang Yuanfeng sein Handy zwischen sie beide auf den Tisch und spielte das Video ab. »Du hättest das nicht gestehen müssen«, sagte er sanft. »Widerrufe deine Aussage und ich helfe dir, schnell einen Anwalt zu finden. Dann bist du aus der Sache raus.«
Cheng Jinxi verfolgte die Bewegungen des Polizisten. Da das Gespräch nur fünf Minuten dauern sollte, hatte man ihn nicht an den Tisch gekettet. Als er nun die Hände ausstreckte, um nach dem Handy zu greifen, hielt ihn niemand auf.
Liang Yuanfeng beobachtete lächelnd, wie er sich das Video ansah. »Du musst nur …« Weiter kam er nicht, denn Cheng Jinxi schmetterte das Handy mit voller Wucht gegen die Betonwand.
»Was zur Hölle soll das?!« Während Liang Yuanfeng schockiert das zerbrochene Beweismittel anstarrte, hatte Li Mingguang den Jungen bereits an den Schultern gepackt. Cheng Jinxi wehrte sich nicht. Unschuldig dreinblickend sah er zu dem Hauptkommissar hoch. »Darf ich jetzt gehen?« Es klang, als würde ein Schüler mit seinem Lehrer sprechen.
Liang Yuanfeng hatte sich derweil wieder gefangen. Wütend haute er mit beiden Händen auf den Tisch. »Findest du das etwa lustig?! Egal wie sehr du deine Verwandten gehasst hast, jetzt sind sie tot! Willst du deswegen ernsthaft dein Leben wegschmeißen und den Mörder ungeschoren davonkommen lassen?«
Cheng Jinxi schien die Wut nicht nachvollziehen zu können. Mit leicht geneigtem Kopf blinzelte er den tobenden Polizisten an. »Was veranlasst Sie zu glauben, dass ich nicht der Mörder bin?«
»Du standest nur am Eingang, wie sollst du das gemacht haben? Erklär’s mir!« Liang Yuanfeng hatte das starke Bedürfnis, den Jungen zu schütteln. Wie konnte er der Sache nur so gleichgültig gegenüberstehen?
Liang Yuanfeng wusste, dass seine Vorgesetzten Zweifel an Cheng Jinxis psychischer Verfassung hatten. Nur ein gefühlloser Unmensch wäre zu so einer Tat imstande. Laut den Gutachten zweier Psychologen war Cheng Jinxis Geisteszustand jedoch ganz normal.
Mittlerweile glaubten nur noch Liang Yuanfeng und einige seiner Kollegen, dass Cheng Jinxi unschuldig war und versuchte, jemanden zu decken.
Bei seiner Festnahme hatte Liang Yuanfeng gesehen, wie sich der junge Mann mit einer Umarmung und einem warmherzigen Lächeln von seiner kleinen Nichte verabschiedet hatte. Dem Polizisten war klar, dass der Junge kein Unmensch war, doch wen wollte er schützen? Außer seiner fünfjährigen Nichte hatte er keine Verwandten mehr.
Für einen kurzen Moment wirkte es so, als würde Cheng Jinxi etwas sagen wollen, dann wandte er sich jedoch wieder an Hauptkommissar Li. »Darf ich gehen?«
Li Mingguang wollte ihn am liebsten würgen und die Wahrheit aus ihm herausquetschen, allerdings hielt ihn das äußerst unschuldige Gesicht des jungen Mannes davon ab.
Seine Mundwinkel waren leicht nach oben gebogen, wodurch es aussah, als würde er schmunzeln. Sein Blick war klar und sein Äußeres gepflegt. Zudem war er sehr hübsch. Die Frauen im Team hatten bereits mit einem Lineal in ihren Händen über die Länge seiner Wimpern diskutiert. Und selbst die allseits bekannte Schönheit aus der Verwaltung hatte nach einem Blick in den Spiegel nur zugeben können, dass sie mit Cheng Jinxi nicht mithalten konnte.
Hinzu kam das sanfte Gemüt des Jungen. Ihn anzuschreien und mit den Händen auf den Tisch zu schlagen, war schon das Äußerste der Gefühle.
Li Mingguangs Blick fiel auf Cheng Jinxis schmale Handgelenke. Die Handschellen hatten ihre Spuren hinterlassen, sodass sie nun mit blauen Flecken übersät waren. Als er daraufhin in das Gesicht des Jungen sah, wurde ihm wieder bewusst, wie jung dieser Mann mit den unschuldigen Zügen noch war. Und wie er mit allen kooperierte. Er hatte alle Fragen beantwortet, alles zugegeben und als man ihn nach dem Tatverlauf gefragt hatte, war er bemüht gewesen, eine gute Geschichte abzuliefern. Hatte man ihn auf die Logikfehler hingewiesen, hatte er angestrengt die Stirn gerunzelt, als grübelte er über einer schweren Matheaufgabe. Und als man auch die neue Antwort infrage gestellt hatte, hatte Cheng Jinxi angegeben, sich nicht mehr zu erinnern. Dabei hatte er höflich gelächelt, sodass den Ermittlern nichts anderes übrig geblieben war, als die Aussage hinzunehmen.
Hauptkommissar Li seufzte und zog Cheng Jinxi am Ellenbogen hoch. »Du kannst gehen.«
»Vielen Dank«, sagte Cheng Jinxi und schenkte dem Hauptkommissar sogar noch ein freundliches Lächeln, das diesem jeglichen Wind aus den Segeln nahm. Liang Yuanfeng hingegen eilte um den Tisch, um beide aufzuhalten. Bevor er jedoch Cheng Jinxi packen und ihm das Lächeln aus dem Gesicht schütteln konnte, hielt sein Vorgesetzter ihn auf. »Yuanfeng, es reicht!«
»Weißt du, was die im Gefängnis mit Jungen wie dir anstellen? Du wirst deren Spielzeug!«, brüllte Liang Yuanfeng Cheng Jinxi entgegen. Zornesröte breitet sich auf seinem Gesicht aus, während Li Mingguang ihn vehement zurückhielt.
Die Worte brachten Cheng Jinxi zum Lachen. Dann wurde sein Blick ernst und er erwiderte: »Woher wollen Sie wissen, dass nicht ich sie zu meinem Spielzeug mache?«
Liang Yuanfengs Augen weiteten sich und für einen kurzen Moment war er sprachlos. Hauptkommissar Li befahl den zwei Polizisten, Cheng Jinxi abzuführen. Der nickte Liang Yuanfeng und Li Mingguang noch höflich zu, ehe er brav mit den Beamten mitging. Das Lächeln verließ dabei nicht seine Lippen, nicht einmal, als er die zwei Männer hinter sich streiten hörte.
Man brachte ihn zu einem Gefangenentransporter, in dem bereits andere Straftäter warteten. Als er einstieg, sorgte der Anblick des Jungen für Unruhe, die die Beamten sofort unterbanden.
Einer der Polizisten setzte sich als Vorsichtsmaßnahme neben Cheng Jinxi. Die Hand am Schlagstock ruhend beobachtete er die anderen Häftlinge. Erst als der Wagen sich in Bewegung setzte und einige Kilometer Strecke gemacht hatte, sah der Polizist zu Cheng Jinxi. Auch er verstand nicht, warum der Junge gestanden hatte, gab es doch keine Beweise, die in irgendeiner Weise seine Schuld feststellen konnten. Trotzdem hatte er die Morde zugegeben und auf die Vertretung durch einen Anwalt verzichtet. Die Polizei hatte tagelang mit der Staatsanwaltschaft...
| Erscheint lt. Verlag | 13.11.2024 |
|---|---|
| Reihe/Serie | The Wizard |
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Boys Love • Light Novel • Magie • Mord • Novel • Supernatural • Thriller |
| ISBN-10 | 3-7593-0978-X / 375930978X |
| ISBN-13 | 978-3-7593-0978-5 / 9783759309785 |
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