Nicht ohne Regenschirm (eBook)
238 Seiten
Friedrich Reinhardt Verlag
978-3-7245-2745-9 (ISBN)
Die Baslerin Helen Liebendörfer ist bekannt als Stadtführerin und Dozentin der Volkshochschule Basel sowie als Autorin zahlreicher Stadtführer und historischer Romane. Sie bringt die Besonderheiten der Stadt Basel und der Menschen, die einst darin lebten, auf vielfältige Art den Gästen, Leserinnen und Lesern näher. Für ihr Engagement erhielt sie im Jahr 2008 den Ehrendoktor der Universität Basel sowie im Jahr 2018 vom Sperber-Kollegium die Auszeichnung «Ehrespalebärglereme» verliehen.
Die Baslerin Helen Liebendörfer ist bekannt als Stadtführerin und Dozentin der Volkshochschule Basel sowie als Autorin zahlreicher Stadtführer und historischer Romane. Sie bringt die Besonderheiten der Stadt Basel und der Menschen, die einst darin lebten, auf vielfältige Art den Gästen, Leserinnen und Lesern näher. Für ihr Engagement erhielt sie im Jahr 2008 den Ehrendoktor der Universität Basel sowie im Jahr 2018 vom Sperber-Kollegium die Auszeichnung «Ehrespalebärglereme» verliehen.
Basel, 1848
Das stattliche Haus zum Kirschgarten erstrahlte im Kerzenlicht. Die Besucherinnen, sorgfältig frisiert, mit Hut und in Krinolinen gekleidet, schritten die breite, schwungvoll gestaltete Treppe graziös empor, jeweils von ihren Herren am Arm geführt. Zwischen den mächtigen Säulen im ersten Stock standen Caroline und ihr Ehegatte Johann Bischoff, begrüssten die Gäste und reichten sie zu Tante Charlotte Kestner weiter, welche am Durchgang zum Blauen Salon stand, dem eigentlichen Empfangsraum. Charlotte stützte sich leicht auf ihren schwarzen Regenschirm, um die Rückenschmerzen etwas zu lindern, und lächelte ergeben, wenn ein unbekannter Gast auf sie zutrat. Sie kannte die Reaktion der Leute, wenn sie sich vorstellte.
«Charlotte Kestner? Doch nicht etwa Goethes Lotte?», entfuhr es den Spontanen. Am heutigen Empfang äusserten sich die Gäste jedoch zurückhaltender, denn es hatte sich längst in der Stadt herumgesprochen, wer Charlotte war. Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther war auch siebzig Jahre nach seinem Erscheinen überall bekannt, alle hatten ihn gelesen und man wusste in Basel, dass Charlotte Kestner im Kirschgarten die Tochter von Goethes «Lotte» war, in die er sich einst unglücklich verliebt hatte. Deshalb murmelten sie bei der Begrüssung freundlich: «Ihr Name erinnert mich an Goethe», manchmal auch «Sie tragen einen berühmten Namen» oder etwas in der Art. Charlotte wusste, es half nichts, sich dagegen aufzulehnen. Seit sie sich in der Gesellschaft bewegte, wurde sie darauf angesprochen, obwohl die Sätze eigentlich ihrer Mutter galten. Sie selbst bildete nur so etwas wie einen fernen Abglanz der berühmten Liebesgeschichte. Ihre ganze Persönlichkeit umwob ein Hauch einer vergangenen, grossen Zeit und eines der grössten Namen Deutschlands. Die Leute der weit verbreiteten Goethegemeinde nahten sich ihr mit wahrer Ehrfurcht, was ihr stets überaus peinlich war.
Äusserlich glich Charlotte ihrer Mutter. Ihre kleine, zierliche Gestalt, ihre träumerisch blickenden Augen und das weiche kastanienbraune Haar vermittelten einen Schimmer von Vornehmheit, ganz so, wie die Leute es erwarteten. Wie hätte sich der grosse Goethe sonst in «Lotte» verlieben können? Unterdessen war sie allerdings älter geworden, aber immer noch mit braunen Haaren und strahlend blickenden Augen. Während sie Konversation machte und Begrüssungsfloskeln austauschte, versuchte Charlotte, ihre Rückenschmerzen zu ignorieren. In ihrer Kindheit hatte sie sich bei einem Unfall eine Rückenverkrümmung zugezogen. Mit zunehmendem Alter machten sich nun Schmerzen bemerkbar. Ein Regenschirm war ihr ständiger Begleiter. Sie stützte sich mit ihrer linken Hand, an welchem ein Brillantring steckte, darauf. In Gedanken lächelte sie über sich. Eine verehrte Person der Goethegemeinde, die sich auf einen Regenschirm stützen musste, passte schlecht zusammen. Von aller Welt ihr Leben lang Tante genannt, war sie längst zur «Tante mit dem Regenschirm» avanciert.
Sie begrüsste höflich den nächsten Gast und bekräftigte einmal mehr, dass das Wetter in diesem Jahr besonders garstig sei, aber wenigstens scheine die Sonne hin und wieder mit wohltuender Wärme. Damit traten die Gäste über die Schwelle zum Blauen Salon, murmelten «I bi so frei» und mischten sich unter die Leute. Mit blauer Seide überzogene Sitzgelegenheiten standen den Wänden entlang, welche mit korinthischen Pilastern verziert waren, einige Ölgemälde von Landschaften und Vorfahren zierten die Wände, ein schlichter, weisser Kachelofen spendete wohltuende Wärme und an der Decke prangte ein Leuchter aus Murano. Die Vorhänge an den hohen Fenstern liessen nur wenig Licht herein, und zwischen den Fenstern waren Spiegel angebracht in Rahmen mit rankenartig vergoldeten Schnitzereien. Die unaufdringliche Eleganz des Raumes bildete den perfekten Rahmen für die Kleider der Damen, welche, wie es sich für Basel gehörte, schlicht, aber aus erlesenen Stoffen qualitätvoll angefertigt waren.
Als auch die letzten Gäste die Schwelle überschritten hatten, mischte sich Charlotte unter die Leute. Es war eine illustre Gesellschaft; die Herren waren Bankiers und Kaufleute, darunter waren aber auch Geisteswissenschaftler. Die Damen schienen ihr alle aus dem gleichen Holz geschnitzt, sie vermittelten einen charakterfesten und grundsoliden Eindruck und strömten etwas Ehrfurchtgebietendes aus in ihren dunklen Seidenroben. Charlotte lauschte hier und nickte da und trat schliesslich zum jungen Musikdirektor Ernst Reiter und seiner Frau, der Sängerin Josephine Bildstein. Sie kannte Josephine schon von früher her, weil sie einmal ihr Gast gewesen war. Reiters Anzug zeigte keinerlei Eleganz; er war sauber, aber durchaus nicht modern, doch Reiters Gesicht mit der hohen Stirn, der edlen Nase, dem schmalen Bart und dem leicht spöttischen Mund lenkte davon ab. Er musste etwas über dreissig Jahre alt sein. Vor ein paar Jahren aus dem Grossherzogtum Baden via Strassburg nach Basel gekommen, war er nun Konzertmeister der Basler Konzertgesellschaft und seit Kurzem Dirigent des Gesangvereins. Im Gespräch mit Professor Bachofen, in das er verwickelt war, wurde jedoch nicht über Musik geredet, wie Charlotte gleich feststellte, sondern über Rom, die Stadt, die Johann Jakob Bachofen vor allem am Herzen lag. Eifrig gesellte sie sich dazu. Rom war für sie eine Herzensangelegenheit, lebte doch ihr besonders geliebter Bruder August dort. Sie selbst hatte die Stadt unter seiner Führung kennen- und lieben gelernt.
Der blaue Salon, Empfangsraum im Haus zum Kirschgarten
«Schön, dass Sie zu uns stossen, Jungfer1 Kestner, ich erzähle Herrn Reiter und seiner Gemahlin gerade von der antiken Gräberwelt und deren Symbolik. Sie ist äusserst faszinierend», erklärte Bachofen begeistert und beschrieb sie in wortreichen Farben. Reiter nutzte eine Pause im Redefluss und meinte zu Charlotte gewandt erklärend:
«Sie müssen wissen, Herr Professor Bachofen gilt als einer der kenntnisreichsten Führer der Stadt Rom.» Charlotte hatte aufmerksam zugehört.
«Mein Bruder August lebt in Rom. Ich war schon bei ihm zu Besuch und er hat mir viel gezeigt von der grossartigen Stadt, aber an Gräber kann ich mich nicht erinnern.»
«Ja, die Gräber und ihre Symbolik werden leider viel zu wenig beachtet. Darf ich fragen, was Ihr Bruder in Rom macht?»
«Er ist Gesandter von Hannover beim Heiligen Stuhl.»
«Oh, das ist beeindruckend. Dann hat er sicher jede Möglichkeit, Rom und seine Schätze zu erkunden.»
«Ja, es war sein grösster Wunsch, in Rom zu leben. Schon als Kind hatte er hauptsächlich Interesse an der Antike. Er ist ein grosser Sammler.»
«Dann weiss ich, von wem Sie sprechen, natürlich, der Name Kestner wurde mir schon öfters genannt wegen seiner grossartigen Sammlung», rief Bachofen aus.
«Das kann gut sein, viele Romreisende besuchen ihn deswegen. Er ist elf Jahre älter als ich. Aber wir haben zu Hause in der Bodenkammer zusammen die antiken Autoren gelesen, auch sonst viel Literatur. Ich hatte das Glück, dass er mich miteinbezog, üblicherweise kommt ein Mädchen ja selten zu guter Lektüre. Nach Shakespeares Sturm haben wir uns gegenseitig die Namen Ariel und Prospero zugelegt.» Charlotte hielt erschrocken inne. Wie kam sie dazu, so etwas zu erzählen? Sie fühlte, wie sie rot wurde. Ihre Spontanität machte ihr immer wieder einen Strich durch das gute Benehmen. Bachofen schmunzelte und gab sich ganz ungezwungen.
«Ariel und Prospero – was man doch in jungen Jahren für köstliche Spielchen treibt!» Charlotte umklammerte den Knauf ihres Regenschirms und fuhr mit blitzenden Augen fort:
«Wir nennen uns jetzt noch hin und wieder bei diesen Namen. Es gibt uns eine besondere Art von Verbundenheit. Mein Bruder berichtet mir in seinen Briefen stets von Dingen, die er in Rom gesehen und entdeckt hat.» Sie wandte sich an Reiter. «Kürzlich schwärmte er mir von einem besonderen Musikstück, das er in der Sixtinischen Kapelle gehört habe, ein Miserere von Allegri, das jeweils in der Karwoche aufgeführt wird. Er habe danach kaum schlafen können, so sehr habe es ihn beeindruckt.»
«O ja, man erzählt sich, dass der vierzehnjährige Mozart das Stück bei einem Romaufenthalt gehört und später aus dem Gedächtnis korrekt aufgeschrieben habe», schmunzelte Reiter, «es wäre ein Stück für eines der Hauskränzchen, und Ihre Tochter Caroline könnte das Sopransolo singen, welches darin vorkommt.» Charlotte war einen Moment verwirrt. Schliesslich meinte sie mit leiser Stimme:
«Caroline ist nicht meine Tochter, sie ist das Kind meines Bruders Carl. Ich habe sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder aufgezogen, seit sie sechs Jahre alt war.» Reiter schwieg einen Moment und wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
«Hätten Sie vielleicht Interesse daran, bei mir an der Augustinergasse meine Sammlung von antiken Vasen, Grablampen und Bronzen zu betrachten? Ich würde mich sehr über einen Besuch von Ihnen freuen», fragte Bachofen dazwischen. Charlotte nickte, sie war froh, das Thema nicht weiter ausführen zu müssen.
«Mit dem grössten Vergnügen.»
«Diese Einladung gilt natürlich auch Ihnen», wandte sich Bachofen an Ernst Reiter und seine Frau, «ich freue mich immer, wenn ich jemandem meine Sammlung zeigen kann.»
Charlotte genoss als Tochter von Goethes «Lotte» auch Vorteile, sie wurde in jeden illustren Kreis...
| Erscheint lt. Verlag | 23.9.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | Basel |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 19. Jahrhundert • Basel • Charlotte Kestner • Frauenschicksal • Goethe • Helen Liebendörfer • Historischer Roman • Kestern |
| ISBN-10 | 3-7245-2745-4 / 3724527454 |
| ISBN-13 | 978-3-7245-2745-9 / 9783724527459 |
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