Jerry Cotton Sonder-Edition 248 (eBook)
80 Seiten
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
978-3-7517-7167-2 (ISBN)
New Yorks verwöhnter Jetset fieberte der Sensation des Jahres entgegen: Diamantenshow in der Fifth Avenue. Die teuersten Steine, die reichsten Millionäre, die schönsten Frauen. Unerkannt in der Menge: die kaltblütigsten Gangster! Sie starteten ihr Rififi bei Tiffany ...
1
New York, Manhattan, vier Uhr morgens
Tom Barett, Fahrer des Streifenwagens Two-Zero-Two, steuerte sein Fahrzeug aus der 59th Street in die Fifth Avenue. Er verzog das Gesicht, als er das hässliche Schleifgeräusch hörte. Seit acht Tagen gab der Wagen das Geräusch von sich, wenn Barett das Steuer einschlug.
»Dieser Schlitten ist überholungsbedürftig wie ein Barmädchen nach zwanzig Thekenjahren«, brummte Patrick Mills, der Streifenführer.
»Wir sind erst in zwei Monaten an der Reihe. Kein Geld in der Reparaturkasse.«
Sie sahen die roten Schlusslichter des Wagens, der sich drei Blocks straßenabwärts vom Fahrbahnrand löste und mit zunehmender Geschwindigkeit die Fifth Avenue Richtung Downtown fuhr.
»Ein Lieferwagen«, sagte Mills.
»Scheint es eilig zu haben.«
»Wer liefern muss, hat es meistens eilig.«
Die Schlusslichter verschwanden. Das Fahrzeug war in eine Querstraße eingebogen.
Der Streifenwagen rollte vorbei an den Schaufenstern von F.A.O. Schwarz, noch immer trotz aller japanischen Anstrengungen der größte Spielzeugladen der Welt. Auch um vier Uhr morgens waren die Schaufenster von geheimnisvollem Leben erfüllt. Unermüdlich kreisten Minieisenbahnen, tappten Roboter durch eine Mondlandschaft aus Pappmaché, nickten sich Puppen mit steifen Bewegungen zu. In einem Schaufenster, das zu einem wassergefüllten Aquarium ausgebaut worden war, schwamm fußtief unter der Oberfläche ein Spielzeugmodell des Atom-U-Boots Revenger. Ein Schild verkündete: Raketenabschüsse um 11, 14, 16 und 18 Uhr.
Der Streifenwagen kreuzte die 58th Street.
Das Licht der Bogenlampen spiegelte sich in der silberglänzenden Fassade von Tiffany. Die Schaufenster glühten in Rot, Blau und Samtgrün wie geheimnisvolle Höhlen. Barett trat hart auf die Bremse.
Dicht am Fahrbahnrand lag ein Mann auf dem Gesicht.
Mills sprang aus dem Wagen, beugte sich zu dem Mann, der eine Glatze hatte und aus einer schrecklichen Kopfwunde blutete. »Er lebt noch!«
Barett griff zum Hörer und rief die Zentrale. »Two-Zero-Two. Schwerverletzter. Fifth Avenue vor Eingang Tiffany. Ambulanz dringend!«
»Verbrechen? Unfall?«, fragte die Zentrale.
Mills kam zum Wagen und nahm die Erste-Hilfe-Kiste vom Rücksitz.
»Irgendwer hat ihm einen harten Gegenstand auf den Schädel geschlagen.«
»Verbrechen«, teilte Barett der Zentrale mit. Dann stieg er aus, um Mills zu helfen.
Der Mann röchelte leise. Sein Gesicht hatte eine unnatürliche fahlgelbe Farbe angenommen. Vorsichtig schoben sie ein hartes Stützkissen unter den Kopf und deckten die Wunde mit Mull ab.
»Glaubst du, dass der Lieferwagen damit zu tun hat?«, fragte Barett.
Mills zuckte mit den Schultern. »Sieh nach, ob er Papiere besitzt.«
In der zugeknöpften Innentasche der Jacke fand Barett einen Pass mit dem Aufdruck Königreich der Niederlande.
»Ein Dutchman.« Er buchstabierte den Namen. »Joop Seldebrock.« Er durchblätterte den Pass. Der Stempel der Immigrationskontrolle von Kennedy Airport trug das gestrige Datum.
»Den hat's schnell erwischt, Pat. Kaum vierundzwanzig Stunden im Land und schon ...«
Ein Streifenwagen, von der Zentrale zur Unterstützung geschickt, näherte sich mit heulender Sirene. Ihm folgte knapp an der Geschwindigkeitsgrenze ein schmutziger, beulennarbiger Ford Pinto, der Wagen eines Kriminalreporters.
Die Neuigkeitsjäger hörten den Sprechfunkverkehr mit und hängen sich an, wenn ihnen der Einsatz sensationsträchtig zu sein schien.
Barett, Mills und die Polizisten aus dem zweiten Streifenwagen sahen zu, wie der Reporter Perdy Hill ein knappes Dutzend Aufnahmen von dem niedergestreckten Mann schoss.
»He, warum vergeudest du deinen Film?«, fragte Mills. »Der arme Bursche ist nur ein Ausländer, den die Straßenhyänen angefallen haben. Davon gibt's vierzig Fälle pro Nacht.«
»Besteht ein Zusammenhang mit Tiffany?«, fragte Hill gierig. »Leute, für einen Tipp in dieser Richtung schicke ich euch drei Kästen Bier zur Weihnachtsfeier.«
»Tiffany?« Mills drehte sich um und betrachtete die Fassade und die geheimnisvoll glühenden Schaufensterhöhlen. »Glaubst du, er hätte versucht, ein Schaufenster zu knacken? Jedermann weiß, dass sie nachts nur Imitationen ausstellen.«
»Okay, aber sie planen die größte Diamantenshow der Welt. Und vielleicht hat der Mann ...«
Das schrille Klingeln der Ambulanz war zu hören.
Barett schob den Reporter zurück. »Ich verstehe, dass du deine Fotos zum großen Gag machen willst, doch ich sage dir, er ist nur ein Ausländer, der glaubte, New Yorks Straßen wären so sicher wie die Straßen in seinem Dorf. Steh den Ambulanzleuten nicht im Weg! Die Ärzte beschweren sich schnell, und wir haben den Ärger, weil wir euch nicht auf Distanz halten.«
Der Ambulanzwagen kam aus der 58th Street und stoppte vor den Streifen. Ein Arzt stieg aus, kniete neben dem Opfer des Überfalls nieder, hob ein Lid an und tastete nach dem Puls.
»Transfusion!«, befahl er und öffnete seine Tasche.
Während einer der Sanitäter die Serumfusion anlegte, injizierte der Arzt Adrenalin.
»Ich glaube nicht, dass er es schafft«, sagte er. Vorsichtig wurde der Bewusstlose auf die Trage gelegt und in den Ambulanzwagen gebracht. Der zweite Streifenwagen setzte sich an die Spitze des kleinen Konvois. Seine Besatzung sorgte mit Sirene und Warnlicht für freie Straßen und leere Kreuzungen.
Alle Eile blieb vergeblich. Joop Seldebrock, achtundfünfzig Jahre alt, holländischer Staatsbürger aus Amsterdam, starb während des Transports. Auch intensive Bemühungen eines Ärzteteams des Zion Medical Center vermochten nicht, ihn ins Leben zurückzuholen.
Um sechs Uhr morgens kam der leitende Arzt zu Detective Sergeant Heyer. Er wartete seit einer Stunde auf das Ergebnis.
»Er ist endgültig tot«, sagte der Arzt. »Sie können über die Leiche verfügen.«
Heyer faltete die Zeitung zusammen. »Lassen Sie den Mann ins Leichenschauhaus bringen, Doc. Bevor wir uns für eine Obduktion entscheiden, möchten wir die Angehörigen benachrichtigen. Wo sind seine Sachen? Vielleicht finde ich einen Hinweis.«
Der Arzt geleitete ihn in einen Aufbewahrungsraum. Anzug, Wäsche, Schuhe – alle Habseligkeiten des Toten waren in zwei Plastiksäcke gestopft worden.
Heyer studierte Pass und Brieftasche. Er fand eine Zimmerbestätigung des Hilton Hotel.
»Ich denke, das bringt uns weiter. Eine Suite im Hilton. Arm kann er nicht gewesen sein. Trug er viel Geld bei sich, Doc?«
Der Arzt warf ihm einen Blick zu, dessen Bedeutung Heyer verstand.
»Sorry, Doc, ich wollte Ihnen nicht unterstellen, dass Sie in den Kleidern eines Patienten herumgewühlt hätten. In der Brieftasche sind nur zwanzig Dollar.«
Er fand einen kleinen Beutel aus weichem Leder, nicht größer als ein halber Handteller.
»Was ist das, Doc?«
»Keine Ahnung. Er trug es um den Hals.«
Der Beutel war mit einem Reißverschluss versehen. Heyer öffnete den Verschluss. Er sah eine kleine Menge kristallischer Steine. Sie glitzerten wie kalte gelbliche Sterne. Vorsichtig schüttete er einen Teil davon in die hohle Hand.
»Sehen aus wie Brillanten.«
Der Arzt warf einen flüchtigen, wenig interessierten Blick auf die Kristalle. »Sind Brillanten nicht immer weiß?«
»Ich glaube, es gibt auch blaue und gelbe Steine.« Vorsichtig schüttete Heyer alles in den Lederbeutel zurück. »Vielleicht sind sie aus Glas.«
»Brauchen Sie mich noch, Sergeant?«
Heyer antwortete nicht. Er überflog die Meldung der Streifenwagenbesatzung, die den Mann gefunden hatte.
»Er lag vor Tiffany«, murmelte er, griff noch einmal nach dem blauen Pass. »Können Sie Holländisch, Doktor?«
»Nein, nur etwas Deutsch.«
Heyer hielt dem Arzt den Pass hin und wies mit dem Finger auf die Spalte mit der Berufseintragung.
»Was heißt es?« Er versuchte, das Wort auszusprechen. »Koopmanen ...«
»Ich denke, es bedeutet so viel wie Juwelenhändler«, sagte der Arzt.
Joshua Nuggey – seine Kumpel nannten ihn Nugget, Goldklumpen – hatte auf einer Bank im Central Park geschlafen, obwohl der Park bei Nacht auch für Leute ohne jeden Cent – und zu ihnen gehörte Nuggey trotz seines schönen Spitznamen –, gefährlich war.
Nuggey hatte die Nacht verhältnismäßig angenehm unter einer Schicht Zeitungen verbracht. Er hatte sich den Mund mit dem Wasser der Pulitzer Fountain ausgespült – seine übliche Morgentoilette. Jetzt hinkte und schlurfte er die Fifth Avenue downtown.
Zu dieser frühen Stunde war die Fifth Avenue noch nicht von den Strömen der Besucher,...
| Erscheint lt. Verlag | 9.11.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • Action Abenteuer • action romane • action thriller • action thriller deutsch • alfred-bekker • Bastei • bastei hefte • bastei heftromane • bastei romane • bastei romane hefte • Bestseller • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • erste fälle • Fall • gman • G-Man • Hamburg • Heft • Heftchen • Heftroman • heftromane bastei • Kindle • Krimi • Krimiautoren • Krimi deutsch • krimi ebook • Krimi kindle • Kriminalfälle • Kriminalgeschichte • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Kriminalromane • kriminalromane 2018 • kriminalromane deutsch • Krimi Reihe • Krimireihen • krimi romane • Krimis • krimis&thriller • krimis und thriller kindle • Krimi Urlaub • letzte fälle • martin-barkawitz • Polizeiroman • Romanheft • Roman-Heft • schwerste fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • spannende Thriller • Spannungsroman • Stefan Wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7517-7167-0 / 3751771670 |
| ISBN-13 | 978-3-7517-7167-2 / 9783751771672 |
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