Der Schild der 10000 Jahre (eBook)
350 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-6623-6 (ISBN)
Geboren 1976 in der Goethestadt Wetzlar im schönen Hessen, hat der Autor sein Abitur an der Wilhelm-von-Oranien-Schule Dillenburg bestanden und im Anschluss die Fächer Germanistik, Sport und Geschichte an der Justus-Liebig Universität-Gießen studiert. Mittlerweile arbeitet er in München als Privatlehrer und versucht dort - neben dem Verfassen des ein oder anderen kleinen Romans - gemeinsam mit seinen tapferen Schülern den harten bayrischen Schulalltag zu meistern.
Awaria
»Meditation ist ein Krieg.«
Drohend baut er sich vor When auf.
Ein fleischgewordener Panzerschrank, und When fragt sich, welche Zahlenkombination er braucht, um ihn in den Ruhemodus zu bringen.
»Vergesst alles, was ihr bisher über Meditation gehört habt. Vergesst diesen lächerlichen Begriff.«
Seine Augen bohren sich in die des jungen Schülers.
Ein Bodybuilder, nur halt eben in der Robe der Gelugpas, frisch aus einem Retreat im Himalaya.
In dem sie anscheinend Kinder gegessen und Kali gehuldigt haben, vermutet When, und kann ein Lächeln nicht unterdrücken.
»Habe ich etwas Komisches gesagt, Schüler?«
When spürt seine Kraft. Unbändig zunächst. Dann gebündelt, wie ein Laser.
Dieses Spiel können wir beide spielen.
Und der Junge erwidert den Blick. Bis sich Nadeln in seine Gliedmaßen bohren, und er zu Boden schauen muss.
Er keucht. Fast vermutet er, dass Blut aus seiner Nase läuft.
»Ahhh, das Wunderkind. Ich verstehe.«
Cremp wendet sich der Tafel zu, und die Schüler wundern sich, woher er die bekommen hat.
»Vergesst alles. Meditation. Bücher über Meditation. Sutren, Religionen, Heilige, Möchtegernlehrer, die euch mal anerkennend auf die Schulter geklopft haben.«
Er dreht sich wieder den Schülern zu, plötzlich einen Zenstab in der Hand.
»Und vor allem, vergesst wer ihr seid. Euren Namen, Herkunft, Freunde, Eltern.«
Er wirft einen kurzen Blick auf When.
»Wann ihr das erste Mal beglückt wurdet, welche Examen ihr absolviert, was ihr geschafft habt, versucht habt, worin ihr versagt habt. Welche Auszeichnungen an eurer Wand hängen, was ihr für die Umwelt tut, welche Geheimnisse ihr meint hüten zu müssen.«
Sein Stimme wird zu einem dumpfen Dröhnen.
»Glaubt mir, Schüler. Dies ist alles schon dagewesen. Alles.«
Blitzschnell schießt der Stab hervor, und trifft ein Mädchen zwischen Hals und Schulterblättern.
When erinnerst sich an ihre goldenen Locken, ihre großen Augen, in die jetzt die Tränen schießen.
»Aber eins vergesst nicht. Eure Haltung.«
Seine Blicke sind fühlbar auf der Haut. Wie mechanisch strafft sich Whens Rücken. Er wagt nicht einmal, sich umzuschauen, aber bestimmt spannen sich seine Mitschüler ebenfalls an.
»Gerade Wirbelsäule. Ob ihr im Himalaya seid oder im Herzen von Afrika. Oder in einem eurer Beauty und Spa Wassertanks … gerade Wirbelsäule. Der Rest ist zweitrangig.«
Wieder schnellt der Stab vor. Als es wieder Goldlöckchen trifft, muss When fast lachen.
Wenn er damals gewusst hätte, wie schmerzhaft sich so etwas anfühlt, und wie oft er dieses Vergnügen noch haben würde …
Er hätte nicht gelacht.
*
Unterrichtsende. Man hört fast den Raum mit Erleichterung aufatmen.
Dann betritt der Direktor das Klassenzimmer. »Das ist erst der Anfang. Zu hohe Erwartungen könnten alles zerstören.«
Der Veteran blickt ihn scharf an. »Zu geringe aber auch.« Er blickt aus dem Fenster in den Regen. »Die Zeit läuft uns davon. Je friedfertiger wir werden, umso gieriger und brutaler werden unsere Nachbarn. Ist nicht das erste Mal, dass ich das erlebe.«
Der Direktor neigt zustimmend den Kopf. »Und? Werden sie es überleben? Das Training?«
Cremp wirft einen Blick auf den Zenstab. »Körperlich, ja, wenn du das meinst.« Er legt den Stab beiseite. »Wenn du das Potential von ihnen meinst, habe ich meine Zweifel. Sie sind alle fleißig. Ausdauernd. Ruhig.« Er blickt auf den leeren Stuhl am Fenster. »Na ja. Fast alle.«
Der Direktor folgt seinem Blick. »Du redest von ihrem Bruder?«
»Ja. Er wird ein hartes Stück Arbeit. Und wir haben so wenig Zeit. Es wird schwer.«
»Aber …?« Der Direktor hat ein Aufblitzen in den Augen seines Gegenübers gesehen.
»Ich habe ihn zu einem Duell herausgefordert.«
»Du hast was? Die Schüler sind sechzehn. Und ihn haben wir von der Straße aufgelesen, er hat noch weit weniger Erfahrung als alle anderen.«
Der Veteran winkt ab. »Ihm ist nichts passiert. Er hat abgebrochen, bevor ich es beenden konnte.«
»Und?«, fragt der Direktor neugierig.
»Und die Millisekunde vorher hat er mich fast aus meinen Schuhen gehauen.«
*
Der Viktualienmarkt.
Sturmfrei heute, was selten vorkommt seit dem Ende der Zwanziger.
Lärm schleicht sich durch die Straßen, erreicht ihn aber nicht. Vielleicht wegen der Statue. Sie, in ihrer letzten, heroischen Pose, die Hand gebieterisch erhoben.
Oder weil die Erinnerung ihn fesselt.
Als er noch jung war und auf den Straßen, war dies immer der Ort gewesen, mit ihren Lieblingstouristen. Die er und seine Freunde am liebsten erleichtert haben. Damit der Weg nach Hause in Bierseligkeit und behängt mit Souvenirs nicht mehr ganz so beschwerlich werden würde.
Er blickt an sich herab. Hätten die Polizisten ihm damals zugerufen – während sie vergeblich versuchten, ihm durch die Gassen zu folgen – , er würde selbst mal Uniform tragen, hätte er bestimmt laut gelacht.
»Bruder«, holt ihn eine sanfte Stimme in die Gegenwart zurück.
Was seine Trainer an der Akademie wohl über diese geistigen Ausflüge gesagt hätten?
»Die Tanks stehen bereit.«
Er nickt und folgt seinem Bruder den Alten Peter hinauf. Der wirklich alt ist, und mit bester Aussicht.
*
Meliannenplatz.
Eine Menschenmenge wogt hin und her und wartet auf ihren Helden.
»Wie lange schon?«
When fokussiert seinen Blick, nimmt Details einzelner Personen auf.
»Siebenundvierzig Minuten seit dem Eintreffen der ersten nennenswerten Gruppen.«»Gab es Ausschreitungen?«
»Ja. Aber wenige. Du weißt, wie er vorgeht.«
Er nickt. Das Warten, der Druck auf dem Kessel, vor dem großen Auftritt.
»Wir haben eine Schwester der Hand eingesetzt, um Schlimmeres zu vermeiden. Mussten sie aber abziehen.«
Ein schelmisches Lächeln fliegt über das Gesicht seines Bruders, erinnert ihn daran, dass sie auch nur Menschen sind.
»Zu viele Gegner?«, fragt When.
Wohl kaum. Die Monate, die er mit ihnen trainiert hat, gehören zu den schmerzhaftesten seines Lebens. Aikido. Defensiver Kampfstil. Als ob, denkt er.
»Auch ihren Fähigkeiten sind Grenzen gesetzt. Anscheinend waren es irgendwann so viele Gegner, dass diese irgendwann ineinander gelaufen sind. Oder in ihre eigenen Tritte. Es wurde doch ein wenig blutig.«
When nickt verständnisvoll, während er weiterhin die Menge dort unten beobachtet.
»Er kommt.«
Applaus brandet auf.
Er ist nicht in seinem sensitiven Modus, aber selbst ein Stein könnte die aufkommende Flutwelle spüren. Die Wut. Die Hoffnung. Sie kommt mit ihm.
Fast bescheiden betritt der Tribun die Bühne, schaut erst auf, als er am Rednerpult steht.
Ein Mann des Volkes ist er geworden. Seinen Anzug hat er gegen einen Trainingsanzug Marke »Wille zum Widerstand« eingetauscht, seine braunen Lederschuhe mussten Turnschuhen weichen. Vom Länderchef zum Rebellen innerhalb weniger Jahre.
Wandelbar ist er jedenfalls, denkt When.
Und als der Tribun seine Arme hebt und der Masse einen Blick gönnt, spürt When den Atem seines Bruders unregelmäßig werden.
*
»Bürger.«
Alles wird still.
Seine Stimme klingt melodisch, aber fest. Hell, aber mit einem Bariton im Untergrund.
Unsere Brüder des mittleren Weges sollten dich studieren. Zumindest einige Aspekte von dir, mein Freund.
»Bürger!« Dieses Mal klingt es wie ein Appell, fast flehend. »Wie gerne würde ich euch Freunde nennen, sogar Brüder oder Schwestern. Aber diese Worte, einst so schön, so bedeutsam, wurden zunichtegemacht.«
Langsam hebt er seine Hand und mahnend ruckt sein Finger wie ein Fallbeil auf zwei Brüder des Ordens, die am Rande des Platzes die Menge flankieren, und dabei seltsam unbeteiligt schauen. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie hoffnungslos in der Unterzahl sind.
»Von ihnen.«
Schmährufe werden laut, Hände schießen in die Luft, und When spürt den Hass hinaufkriechen. Vielleicht sind einige Agitatoren darunter, aber bestimmt weniger als angenommen.
»Sollen wir beginnen? Bevor es schlimmer wird?« Sein Bruder neben ihm hat wieder Ruhe erlangt, funktioniert wieder.
»Noch nicht«, sagt When, ohne seinen Blick abzuwenden.
Er soll sich erst noch ein wenig austoben. Schuldige finden, die Meute aufbauschen. Verschieß erst einmal dein Pulver.
»Seht euch um, meine lieben Bürger. Schaut nach rechts und nach links«, verlangt der...
| Erscheint lt. Verlag | 10.10.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | harmonisches Miteinander • Kampf für Frieden und Leben • Krieg, Gewalt und Hass • postapokalyptische Welt • Ruhe Meditation Stille • Wächter des Friedens • Weltfrieden |
| ISBN-10 | 3-7597-6623-4 / 3759766234 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-6623-6 / 9783759766236 |
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