Die roten Blüten der Sehnsucht (eBook)
416 Seiten
MORE by Aufbau Digital (Verlag)
978-3-96797-638-0 (ISBN)
Das Glück des roten Kontinents.
Seit sieben Jahren sind die Missionarstochter Dorothea und ihr geliebter Ian glücklich zusammen, als ihre Welt einzustürzen droht: Eines Tages trifft ein Anwalt auf Eden House ein und mit ihm zwei Verwandte, die Ian zu ihrem Cousin, dem verschollenen Sohn eines englischen Grafen, erklären. Mit der Ankunft des Geschwisterpaares beginnt für Ian und Dorothea eine aufregende - und unerwartet gefährliche Zeit ...
Werden sie trotz aller Hindernisse an ihrem Traum vom Lebensglück in Australien festhalten können?
Susan Peterson wurde 1955 in Erlangen geboren und lebt in Süddeutschland. Ihre Recherchen über die Kolonisierung Südaustraliens und die dortigen Aborigines inspirierten die Ethnologin zu ihren gefühlvollen, aber auch abenteuerlichen Australien-Romanen.
Prolog
»Noch einen!« Wet Ned wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen und schob das schmierige Glas über den Tresen.
»Hast du nicht schon genug?« Der Wirt sah missmutig auf seinen einzigen Gast.
»Noch einen. – Oder soll ich nachhelfen?«
Wet Ned war für seine schnellen Fäuste berüchtigt, und was ging es ihn schließlich an, wenn er nachher am Straßenrand umkippte? Der Wirt zuckte die Achseln und füllte neues Ale nach, wobei er darauf achtete, es stark schäumen zu lassen. Man musste den Gästen ja nicht mehr als nötig einschenken. »Was sitzt du eigentlich hier herum, wo alle Männer doch nach dem Kleinen suchen?«
»Hab was Besseres zu tun«, gab Wet Ned kurz angebunden zurück.
»Ach nein? Was denn?«
»Ich warte hier auf einen Geschäftspartner«, knurrte der schäbig gekleidete Mann. »Warum so neugierig? Kann recht ungesund sein.«
»Ich wollte nur freundlich sein«, gab der Wirt beleidigt zurück und verschwand in der Küche, wo er seinen Ärger hörbar am Küchenmädchen ausließ.
Wet Ned rülpste, verzog das Gesicht, als ihm die Rüben von vorhin aufstießen, und wechselte zu einem Tisch am Fenster. Von dort starrte er angestrengt durch die halb blinden Fensterscheiben in die Nacht hinaus. Wo blieb der Mann? Er nahm einen großen Schluck von dem säuerlichen Ale. Eigentlich sollte er besser nicht so viel trinken. Sein Auftraggeber würde jede Schwäche seinerseits auszunutzen wissen. Andererseits musste er sich ja irgendwie beruhigen, oder? Ihm war äußerst unbehaglich zumute, wenn er an das bevorstehende Gespräch dachte. Nicht, dass er Gewissensbisse gehabt hätte zu lügen. Nein, es war eher die Befürchtung, dass seine Lüge durchschaut werden könnte. Und das – daran zweifelte er keinen Augenblick – würde für ihn ausgesprochen unangenehme Konsequenzen haben. Drei Wochen war es her, dass er auf dem nächtlichen Heimweg plötzlich angesprochen worden war. Im ersten Moment hatte er zuschlagen wollen. Niemand wusste besser als er, wie vorsichtig man in diesen Zeiten sein musste. Schließlich war es seine ureigene Masche, angesäuselte Kneipengänger auszunehmen. Aber sein Gegner hatte ihm blitzschnell eine blitzende Klinge unters Kinn gehalten. Da hatte er nur gefragt, was er für den Herrn tun könne. Ein vornehmer Herr war er auf jeden Fall. Der Wollumhang mochte zerschlissen sein, aber darunter blitzten schneeweiße Manschetten, und die Stiefel glänzten im Mondlicht, wie es nur von einem Spezialisten polierte Schuhe tun. »Ich brauche einen Gauner und Halsabschneider«, hatte der Herr gesagt.
»Besser hätten Euer Gnaden es nich’ treffen können«, hatte Wet Ned ihm versichert und vorsichtig die Degenspitze zur Seite gedrückt. Feinen Herren rutschte sie gerne aus, und nach einem toten Straßenräuber würde kein Hahn krähen. »Womit kann ich Euer Gnaden dienen?«
»Du sollst mir ein Balg vom Hals schaffen. Ist das ein Problem für dich?«
Ned hatte keinen Moment gezögert. Zwar hatte er bisher deutlich weniger Leute ermordet, als er sich rühmte. Um genau zu sein: noch niemanden. Aber es konnte ja nicht so schwer sein.
»Die Mutter auch?«, bot er an. »Es würde Sie nicht mal das Doppelte kosten.«
»Nein.« Der Herr hatte den Kopf geschüttelt. »Das würde zu viel Aufsehen erregen.«
Jetzt war es Ned doch etwas unbehaglich zumute geworden. »Was ist es für ein Kind?«, hatte er nachgefragt. War er ursprünglich davon ausgegangen, dass er das unerwünschte Ergebnis einer nicht standesgemäßen Liaison beseitigen sollte, so schien es doch nicht so einfach zu werden wie erhofft.
»Der kleine Embersleigh«, hatte der Herr unumwunden gesagt.
Ned war zusammengezuckt. Der Sohn des Earl of Embersleigh!
»Ähm …« Das war schon eine ganz andere Geschichte.
Der Herr hatte offenbar gespürt, dass Ned kurz davorstand, sich in die Büsche zu schlagen.
»Du hast zwei Möglichkeiten, Bursche«, hatte er mit einer sehr leisen, aber umso unheimlicheren Stimme gesagt. »Entweder du haust ab, dann werde ich dem Friedensrichter klarmachen, dass es höchste Zeit ist, dich endlich wegen Straßenräuberei zu hängen. Einen Beweis dafür wird er finden. Und du brauchst nicht zu denken, dass man dir auch nur ein Wort glauben wird von dieser Unterredung. Oder du tust, was ich von dir verlange. Dann bekommst du von mir einen Beutel Sovereigns und kannst aus der Gegend verschwinden. Ein neues Leben anfangen. Na, wie klingt das?«
»Gut, Euer Gnaden«, hatte Ned geächzt. Er dachte an Molly, die bald niederkommen würde. Hatte es überhaupt eine andere Möglichkeit gegeben, als zuzustimmen? Und es war wirklich nicht schwer gewesen: Der Fensterflügel war nur zugezogen gewesen wie versprochen. Auf dem Fensterbrett hatte die Flasche Chloroform bereitgestanden. Sogar ein
Lappen hatte daneben gelegen. Ned hatte das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden, abgeschüttelt und getan, was ihm aufgetragen worden war. Der Junge hatte friedlich geschlafen. Als er ihm den nassen Lappen aufs Gesicht gedrückt hatte, war er fast augenblicklich still gewesen.
Schon hatte Ned ein Bein über das Fenstersims geschwungen, als doch tatsächlich dieses blöde Kindermädchen erschienen war. Halb im Schlaf, mit der Kerze in der Hand, hatte sie zuerst gar nicht richtig realisiert, was vor sich ging. Zeit genug, um das leichte Bündel abzulegen und noch einmal den Chloroformlappen einzusetzen. Die Kleine hatte allerdings mehr Widerstand geleistet als erwartet. Bei seinem Versuch, ihr den Lappen vor das Gesicht zu halten, hatte sie so um sich geschlagen, dass die Flasche mit dem Chloroform sich über sie ergoss.
Es war verflucht anstrengend gewesen, die Last der beiden Körper, so leicht sie ihm auch zu Anfang erschienen waren, bis zu der Jagdhüterhütte zu schleppen. So anstrengend, dass er beschlossen hatte, erst einmal eine Stärkung verdient zu haben, ehe er sein Werk zu Ende brachte. Auf ein oder zwei Stunden kam es ja wohl nicht an. Das Würmchen hatte sich so zerbrechlich angefühlt – und dass er jetzt auch die Kleine umbringen musste, war nicht ausgemacht gewesen. Sie war ja auch noch fast ein Kind.
Es waren dann drei Stunden im Hinterzimmer des Pubs geworden, wo der Wirt ausschenkte, wenn eigentlich Sperrstunde war. Als er die aufgebrochene Tür gesehen hatte, war sein erstes Gefühl Erleichterung gewesen. Erleichterung, dass er doch nicht zum Mörder von zwei Kindern werden musste.
Dann jedoch war ihm der Herr in den Sinn gekommen. Er würde kein Verständnis haben, wenn er ihm gestand, dass sie entwischt wären. Er wollte nicht hängen! Molly brauchte ihn. Molly und das Kind, das sie bald zur Welt bringen würde.
Also hatte er sich an die Verfolgung gemacht. Es war nicht schwer gewesen, denn der Kleine hatte laut geweint. Am Flussufer hatte er sie gestellt. Was er nicht erwartet hatte, war der Mut des Kindermädchens. Sobald sie ihn gesehen hatte, war sie in den Fluss gestapft und hatte versucht, das andere Ufer zu erreichen.
Wet Ned hieß nicht umsonst so. Alle wussten von seiner Scheu vor Wasser. Dennoch hatte er versucht, hinter den beiden herzuwaten. Die Angst vor seinem Auftraggeber war größer gewesen als die Angst vor dem Fluss. Auf einem schlüpfrigen Stein war die Kleine ausgeglitten und in den reißenden Teil des Avon gefallen. Während sie ihren Schützling fest umklammerte, waren die beiden den Fluss hinuntergetrieben. Die Köpfe tanzten dabei wie Borkenschiffchen auf und ab. An der unteren Stromschnelle hatte Ned sie aus den Augen verloren. Aber das war nicht weiter schlimm. Die Strudel dort waren schon versierteren Schwimmern zum Verhängnis geworden.
Was für ein Glück! Mit äußerster Vorsicht war er wieder ans Ufer geklettert und hatte sich noch ein letztes Mal umgedreht. Nichts. Die beiden Köpfe waren nicht mehr zu sehen. Manchmal dauerte es Tage, bis die Strudel die kaum noch kenntlichen Körper freigaben.
Trotz der nassen Stiefel war er bester Stimmung. Er hatte sich nicht die Hände schmutzig machen müssen, und dennoch konnte er dem Herrn heute Abend berichten, dass er den Auftrag erfolgreich ausgeführt hatte.
Und so saß er nun in der düsteren Kaschemme und wartete darauf, dass sich am vereinbarten Treffpunkt bei der Selbstmörder-Eiche die vermummte Gestalt zeigte.
Fast hätte er ihn übersehen. Er verschmolz beinahe mit den Schatten der tief hängenden Äste. Wet Ned stürzte den Rest Ale hinunter und ging ungewohnt unsicher auf seinen Auftraggeber zu.
»Ich bin sehr zufrieden mit dir«, raunte der Herr. »Alle glauben an einen Unfall. Keine Spur von Blut, obwohl sie sogar die Jagdhunde eingesetzt haben. Die konnten die Spur aber nur bis zum Fluss verfolgen. Hast du sie erwürgt und die Leichen in den Fluss geworfen?«
Ned nickte. Er traute seiner Stimme nicht ganz. Dieser Herr könnte vielleicht hören, wenn er log.
»Wie du siehst, halte ich mein Versprechen.« Der Herr zog einen prall gefüllten Beutel unter dem Umhang hervor und warf ihn ohne Vorwarnung Wet Ned zu. Der fing ihn auf. »An deiner Stelle würde ich zusehen, aus der Gegend zu verschwinden«, flüsterte der Mann mit heiserer Stimme. »Haben wir uns verstanden?«
Wet Ned nickte erneut. Im nächsten Moment war der Herr verschwunden. Ned hütete sich allerdings, ihm nachzusehen. Ein kalter Schauer überlief ihn. So ähnlich musste man sich fühlen, wenn man dem leibhaftigen Teufel begegnete, dachte er und presste den kalten, harten Beutel Münzen an sich, als könne er ihn...
| Erscheint lt. Verlag | 13.1.2025 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Farben des Kontinents | Die Farben des Kontinents |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Die roten Blüten der Sehnsucht |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Aborigines • Alte Liebe • Anna Jacobs • Australien • Australien Saga • Barbara Wood • Das Land der roten Sonne • Elizabeth Haran • Geheimnis • Große Liebe • Harmony Verna • Lucinda Riley • Norfolk Island • Rote Erde • Rote Sonne • Sarah Lark • Sonne • Ulrike Renk • Vergangenheit |
| ISBN-10 | 3-96797-638-6 / 3967976386 |
| ISBN-13 | 978-3-96797-638-0 / 9783967976380 |
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