Erinnerungen an William Voltz (eBook)
374 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-0956-1 (ISBN)
Frau Inge Mahn war die Ehefrau von William Voltz bis zu dessen Tod. Mit ihm zusammen hat sie zwei Söhne, Ralph und Stephen. Sie fasste ihre Erlebnisse und Erinnerungen in dieser Biografie zusammen. Frau Mahn lebte bis zu ihrem Tod mit ihrem Lebensgefährten abwechselnd in den USA und in Deutschland.
Verstärkung für das Perry-Rhodan Team
Willis neues Aufgabengebiet im Team der PERRY RHODAN-Autoren bereitete ihm nicht nur Arbeit; es machte ihm Spaß und er war mit Enthusiasmus dabei. Ab sieben Uhr morgens tat er seinen Dienst in der Fabrik. Nach “Feierabend” setzte sich Willi an die Schreibmaschine und schrieb etwa drei Seiten für seinen nächsten PERRY RHODAN-Roman. Es sollte Band Nr. 87 werden. An den Wochenenden wurde dann meist etwas mehr geschrieben.
Seine uralte Schreibmaschine, ich glaube, es war eine “Adler”, hatte er inzwischen gegen eine modernere Maschine aus der ehemaligen DDR ausgetauscht. Gelegentlich hatte ich das Vergnügen, auf dieser Maschine schreiben zu dürfen. Man musste seine ganze Kraft aufwenden, um einen Buchstaben aufs Papier zu bringen. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte Willi diese Maschine K. H. Scheer abgekauft.
Die folgenden PERRY RHODAN-Romane waren die Nummern 92 und 99.
Von jedem Roman wurden, wie das früher üblich war, mit Kohlepapier Kopien gemacht. Das Original des Romans ging an Günther M. Schelwokat, die Kopien wurden an die Autoren verteilt. Das Sortieren der Kopien war meine Aufgabe.
GMS erwartete, dass Willi einige Tage nach Ablieferung seiner Romane (üblicherweise Freitagabend) anrufen würde, um sich seine Abfuhr erteilen zu lassen. Da Willi kein eigenes Telefon besaß, und er nicht das Telefon seiner Eltern benutzen wollte, sammelte er Markstücke und ging jedes Mal zum nächsten Telefonhäuschen.
Willi verbrachte viel Zeit in dem engen Gehäuse. Nicht selten verging eine Stunde, bevor er wieder frische Luft atmen konnte... Im Sommer ließ Willi die Tür des Häuschens offen, damit er ausreichend Sauerstoff bekam, um G. M. Schelwokats Verbesserungsvorschlägen folgen zu können. Wenn es nichts Wichtigeres gab, konnte dieser sich minutenlang über ein Komma auslassen.
GMS war zweifellos ein Kenner der Science-Fiction und ein Meister seines Metiers. Im Umgang mit Menschen fehlte ihm, meiner Meinung nach, manchmal das Gefühl. William Voltz war ein geduldiger und gelehriger Schüler, und es dauerte nicht sehr lange, bis er den alten Preußen auf seiner Seite hatte.
Auch von KHS bekam der Neuling Hilfestellung und Anregungen für seine Mitarbeit an der PERRY RHODAN-Serie.
Ich erinnere mich an unseren ersten gemeinsamen Besuch im Hause Scheer. Willi besaß noch kein Auto. Wir waren auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, um von Offenbach nach Friedrichsdorf im Taunus zu gelangen. Die Straßenbahn brachte uns an einem Sonntag nach Frankfurt. In der Nähe des Messegeländes stiegen wir um in einen Bus, der uns nach Bad Homburg brachte. Dort nahmen wir die “Bimmelbahn” nach Friedrichsdorf. Den Rest des Weges gingen wir zu Fuß. K. H. und Heidrun Scheer wohnten damals noch in einem gemieteten Häuschen. Inzwischen war es Nachmittag und es gab zum Kaffee den vom Heyne Verlag zu Weihnachten an die Geschäftskollegen verschickten original Dresdner Christstollen (Dresden war die Heimat der Familie Heyne).
Trotz meiner Abneigung gegen diese Art von Kuchen lehnte ich das mir angebotene Stück nicht ab. Ich war nach unserer langen Anfahrt einfach zu hungrig, und meine Schüchternheit ließ es nicht zu, nach etwas anderem zu fragen.
Wider Erwarten schmeckte mir der Stollen, und ich änderte von da an meine Meinung. Das war auch gut so, denn mit Willis Einstieg in die PERRY RHODAN-Serie gehörten wir zu dem erwählten Kreis der Stollen-Empfänger in der Weihnachtszeit. Wir empfanden es als eine nette Geste.
1962 war das Jahr, in dem meine Mutter eine Wohnung in Nieder-Eschbach bezog. Dieser kleine Ort liegt im Taunus, nicht weit von Bad Homburg entfernt. Für unsere damaligen Verhältnisse war es am Ende der Welt. Meine Mutter war Sekretärin des Oberpostdirektors in Frankfurt und bekam nach langer Suche diese Wohnung durch die Post. Sehr zu unserer Beruhigung behielt meine Oma noch für eine Weile die Wohnung in der Bleichstraße in Offenbach. Sie übte immer noch ihren Beruf als Musikpädagogin aus.
Willi, der ein Jahr zuvor seinen Führerschein gemacht hatte, kaufte sich im Sommer 1962 von einem Bekannten ein gebrauchtes Auto. Es war ein Opel Olympia-Cabriolet, Baujahr 1952.
Für ein Jahr hatte er kein Steuer in der Hand. Als Willi nun stolz und zum ersten Mal in die Einfahrt zu seinem Wohnhaus einbog, rammte er leicht aber geräuschvoll einen Pfosten aus Stein. Sein Vater meinte nur: „Willi kommt!“
Der Stein war etwas angekratzt – am Auto sah man nichts. Die Qualität der Karosserien war damals wohl doch besser als heutzutage.
Es sollte nicht das letzte Erlebnis sein, das Willi mit diesem Auto hatte.
1962 war auch das Jahr, in dem Willi seinen ersten Urlaub machte.
Seit dem Tod seiner Mutter gab es keinen Familienurlaub mehr. Sein Vater war mit seiner zweiten Frau zu einem begeisterten Camper geworden. Willi verbrachte seit Jahren seine Ferien und die Wochenenden im Sommer alleine zu Hause. Als nun einige seiner Kollegen, mit denen er befreundet war, die Idee hatten, einen günstigen Urlaub in Südfrankreich zu verbringen, gesellte sich Willi zu ihnen. Die Truppe fuhr mit dem Bus an die Cote d’Azur, in die Nähe von Toulon. Es wurde viel getrunken und wenig geschlafen – die Wellblechhütten luden dazu auch nicht gerade ein.
Willi genoss die zwei Wochen und kam braungebrannt zurück.
Willis Mitarbeit an der PERRY RHODAN-Serie machte Fortschritte.
Nach den Bänden 74, 87, 92 und 99 war nun Band Nr. 104 an der Reihe. Am 22.4.1963 stellte Kurt Bernhardt, Cheflektor für Science-Fiction im Arthur Moewig-Verlag in München, den Vertrag für den Roman „Pincer, das Greenhorn“ aus. Der Titel war Willis erste Wahl für diesen Roman. Für jeden Roman musste der Autor drei Titel liefern. Die endgültige Entscheidung wurde vom Lektor getroffen – und der entschied sich für „Nur ein Greenhorn“.
Das Honorar für die ersten Bände betrug 650.– DM. Ab Band Nr. 119 – Willis Titel für diesen Roman war „Der Ruf des Scouts“ und wurde von GMS in „Saat des Verderbens“ geändert – wurde das Honorar auf 700.– DM erhöht.
Im Jahr 1963 schrieb Kurt Bernhardt an Willi:
„Auch ich freue mich, dass Sie sich im Laufe der Zeit ausgezeichnet in das PERRY RHODAN-Team eingefügt haben und dass Sie heute schon mit zu den Spitzenautoren gehören…“
Man erinnerte sich aber auch an Willis Kurzgeschichten. Mit der Nummer 316 erschien in der TERRA-Reihe des Moewig-Verlags der Band "QUARANTÄNE und andere Stories."
Unter dem Titel GRATULATION verfasste Walter Ernsting eine durchweg positive Kritik zu diesem TERRA-Kleinband, der die Stories Heimkehr bei Nacht, Ernesto, der Ballspieler, Quarantäne, Vorurteile und Der Preis enthielt.
W.E. beendete seinen Bericht über Willis Debüt in der TERRA-Reihe mit den Worten:
„Lesen Sie selbst diese fünf SF-Stories von W. Voltz, dann werden Sie begreifen, warum ich so rückhaltlos begeistert bin.“
Die Sammlung QUARANTÄNE wäre eines Heyne-Taschenbuches würdig gewesen, denn sie gefällt mir wesentlich besser als der Großteil der dort erscheinenden Kurzgeschichten. Auf der anderen Seite hat TERRA-Kleinband Nr. 316 bewiesen, wie unsagbar dumm jemand ist, der Hefte pauschal als Schund bezeichnet. Wer einen Menschen nach seinem Anzug allein beurteilt, ist auch dumm. – Nochmals, WiVo, meine Gratulation. Mit diesen fünf Stories hast Du die Spitze erreicht und sogar Franke übertroffen.
Da Willi inzwischen motorisiert war, konnten wir gelegentlich einen Trip zu Heidrun und Karl-Herbert Scheer machen. KHS nahm damals noch an, dass Willi handwerklich begabt sei und bat ihn, eine Rohrzange mitzubringen, weil in seinem Bad ein Wasserhahn tropfte. Der immer hilfsbereite Willi ließ sich von seinem Vater die benötigte Zange geben und nahm sie mit nach Friedrichsdorf, um das Problem zu beheben. Weder Willi noch Karl-Herbert waren in der Lage, das Tropfen des Wasserhahns zu beenden. Es gab zwar, wie an anderer Stelle berichtet, keine Überschwemmung im Hause Scheer, aber für die Beseitigung des Problems musste ein Fachmann gerufen werden.
In anderer Hinsicht erkannte KHS jedoch bald Willis Fähigkeiten. Es ergab sich, dass bei allen Treffen über die Fortführung der PERRY RHODAN-Serie gesprochen wurde. Willi war nicht der Autor, der nur aufs nächste Exposé wartete. Obwohl es nicht seine Aufgabe war, machte er sich Gedanken über die zukünftige Handlung, über Personen, Figuren etc. Willis Integration in die Serie hatte stattgefunden und er fühlte sich von Anfang an mitverantwortlich. Der Exposé-Redakteur nahm die Unterstützung gerne an und bat Willi schon bald, seine Ideen niederzuschreiben und ihm zu senden oder beim nächsten Treffen mitzubringen.
So kam es, dass Willis Ideen, seine Phantasie, schon sehr früh die PERRY RHODAN-Serie mitprägten – lange bevor seine Mitarbeit an den Exposés offiziell begann.
Es war Ende 1963, an einem kalten Wintertag, als mich Willi nach Nieder-Eschbach fuhr. Als er sich auf den...
| Erscheint lt. Verlag | 10.9.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-7597-0956-7 / 3759709567 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-0956-1 / 9783759709561 |
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