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Nicht falsch, nur neurodivergent -  Charlotte Suhr

Nicht falsch, nur neurodivergent (eBook)

Aus dem Leben einer erwachsenen Autistin mit ADHS
eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
166 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-7389-0 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
16,99 inkl. MwSt
(CHF 16,60)
Der eBook-Verkauf erfolgt durch die Lehmanns Media GmbH (Berlin) zum Preis in Euro inkl. MwSt.
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Weiblich, 29, Neurodivergent. Dies ist meine Geschichte. 29 Jahre lang wusste ich, dass ich anders bin als andere Menschen. 29 Jahre, in denen ich versuchte, mich anzupassen, meine Schwierigkeiten, Bedürfnisse und wahren Empfindungen zu verbergen. 29 Jahre, bis ich die Diagnose bekam, die mein Leben verändern sollte: ADHS. Auf einmal verstand ich mich selbst, meine Biographie, die Beziehungen in meinem Leben, all die schmerzhaften beruflichen Erfahrungen. Und als wäre eine Diagnose nicht genug, kam über ein Jahr später eine zweite dazu: Autistisch ist sie also auch. Wie mein Leben als undiagnostiziertes Mädchen verlief, die Hürden und Probleme beim Erwachsenwerden und den Weg zu gleich zwei lebensverändernden Diagnosen, habe ich niedergeschrieben in der Hoffnung, mir und anderen zu zeigen: Wir sind nicht falsch. Nur neurodivergent.

Charlotte Suhr, geboren 1993, ist studierte Philosophin, Autorin und Content Creatorin unter dem Namen @chaarlottchen. 2022 erschien ihr erstes Buch La Vie En Philosophie und wöchentlich schreibt sie ihre Kolumne zu persönlichen und gesellschaftsrelevanten Themen. Sie hat einen Podcast mit dem Namen Neurodiverdings zusammen mit Co-Host Lisa Vogel über die Themen ADHS, Autismus und mentale Gesundheit.

Leben, Alltag und Symptome


Das innere und äußere Kind


Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich fast sechs Jahre alt war. Fotos, Videoaufnahmen und Erzählungen meiner Familie prägen das Bild, das ich vor der Scheidung von mir selbst in dieser Zeit habe. Videoaufnahmen aus meiner Kindheit zeigen ein kleines Mädchen mit schwarzen Locken, dessen wilde Aufregung und körperliche Vibrationen hart gegängelt wurden. Eins, das singend an seinem Tisch malt oder mit ihrem Vater Grimassen schneidet. Ein Kind, das bei seiner Einschulung in die Vorschule stolpernd auf die Bühne rennt, während ein Familienmitglied im Off des Videos hämisch lacht und kommentiert: „Charlotte fliegt mal wieder hin“. Als ich diese Aufnahme als erwachsene Person sah, fühlte ich einen Kloß im Hals ob der vertrauten Scham, die über mich hinwegrollte. Der Film war wie ein Wurmloch zu den Empfindungen meines fünfjährigen Ichs.

Ich war ein chaotisches Kind ohne Sinn für Ordnung und Sauberkeit, und wenn ich nicht gerade wie in Trance meinen Spiel- und Malprojekten nachging, rannte und tobte ich durch die Wohnung, malte Teppiche aus, schnitt mir meinen eigenen Pony ab, tigerte über das Sofa, anstatt still am Tisch zu sitzen, und sollte oberkörperfrei essen, damit ich mir nicht schon wieder meine gesamte Kleidung bekleckerte.

Meine Familie beschrieb mich später als Sonnenschein mit immer guter Laune und einem Lächeln für jede Person. Einfach, genügsam, verspielt und fröhlich. Lieb. Meine Erinnerung ist weniger positiv. Ein prägendes Gefühl meiner Kindheit war die Angst davor, etwas falsch zu machen. Ich hatte das Gefühl, dauernd Mist zu bauen, und lebte in ständiger Furcht, dass ich unabsichtlich etwas tat, mit dem ich Erwachsene verärgerte. Doch so sehr ich mir auch Mühe gab, ich konnte es einfach nicht verhindern, dass mir Dinge passierten, auf die ich scheinbar keinen Einfluss hatte. Ich wischte versehentlich Gläser vom Tisch und ließ krachend das Besteck fallen. Ich rannte mit dem Knie gegen den Türrahmen und riss Möbel um, während ich durch die Wohnung hetzte. Ich verlor Mützen und Handschuhe, zerstörte unabsichtlich die Barbies meiner Schwester und ließ meinen Turnbeutel mehrmals im Bus liegen. Ich war eine „Trödelliese“ und ein „Polterheini“. Flog von Zimmer zu Zimmer, weil ich nicht anders konnte. Ich lachte und tobte so laut, dass ich pausenlos ermahnt wurde, leiser zu sein.

Ich erlebte abschätzige Blicke auf meine schmutzigen Hosen, Kommentare über meine Ungeschicklichkeit und Spielsachen, die wie von Zauberhand nach fünf Minuten kaputt waren, obwohl ich hätte schwören können, dass ich nichts gemacht hatte. Ich wollte nichts mehr, als alles richtig zu machen, doch hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Die Dinge entzogen sich völlig meiner Kontrolle und ich hatte das Gefühl, dass mir Sachen einfach passierten.

Meine Grundschulzeit wurde vom Gefühl der massiven Überforderung dominiert. Ich wusste die Hälfte der Zeit nicht, was um mich herum passierte. Ich passte im Unterricht nicht auf, vergaß meine Utensilien und wunderte mich, warum meine Hefte und Bücher aussahen wie durch den Schredder gezogen. Am Boden meiner Schultasche sammelten sich kaputte Skulpturen aus dem Kunst-Unterricht, zerfetzte Mathehefte und Elternzettel, die niemals das Licht der Welt erblicken sollten. Ich machte keine Hausaufgaben, passte nur auf, wenn ich etwas besonders spannend fand, und war so herausragend in Deutsch wie abgrundtief schlecht in Mathematik. Ich hatte keine Nerven oder Geduld zu lernen und entweder konnte ich Sachen einfach oder eben nicht. Einige Lehrkräfte hielten mich für brillant, andere wollten mich in den Förderunterricht stecken.

Mein allergrößtes Hobby in dieser Zeit waren Bücher und Sprache. Ich las stundenlang, tagelang, nächtelang. Ich kannte die Inhalte meiner riesigen Büchersammlung auswendig und legte eine Liste aller Bücher an, die ich je gelesen hatte. Schließlich wollte ich mich auch an meine Bibliotheksschätze erinnern und archivierte ihre Titel. Ich legte mir ein Notizbuch an, in dem ich Fremdwörter und Fachbegriffe sammelte. Bei fast allen erinnerte ich mich genau daran, wann und wo ich sie zum ersten Mal gehört habe.

Durch mehrere Umzüge nach der Scheidung meiner Eltern besuchte ich insgesamt drei verschiedene Grundschulen. Ich wechselte meine Freundinnen und meinen Klassen-Status wie Unterhosen, ohne das Gefühl, darauf Einfluss zu haben. Ich war Außenseiterin, Klassenclown, Teilzeit-Anhängsel der Coolen-Clique, Streberin, Klassensprecherin,

Schulsprecherin, Heulsuse, Stunkmacherin und immer wieder Mobbing-Opfer. Es gab keine Regeln, außer, dass ich nie die Kontrolle über Dinge hatte. Alles passierte einfach und ich wusste nie, wieso. Ich verstand nicht, warum schon wieder alle auf mich wütend waren, warum ich an einem Tag mit dem beliebtesten Mädchen der Klasse verabredet war und an anderen Tagen aus der Gruppe ausgeschlossen wurde.

Ich bin nie gerne zur Schule gegangen. Schon als Kind hasste ich es, wenn Menschen mir sagten, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich war wütend auf meine mangelnde Freiheit, den Schlaf, der mir genommen wurde und die Tatsache, dass ich lernen musste, was ein externer Plan vorgab. In manchen Fächern ging es mir viel zu langsam voran, während ich in anderen nicht mitkam. Mein eigenes Tempo schien nie angemessen zu sein. Ich mochte keine Lehrkräfte und Autoritäten und fühlte mich permanent zu alt und „herausgewachsen“ aus meinen Situationen. In der Grundschule konnte ich es nicht erwarten, aufs Gymnasium zu kommen, und im Abitur sehnte ich mich nach nichts mehr als dem Studium. Ich wollte nie Kind sein, sondern erwachsen werden, ausziehen, alleine wohnen, selbst Entscheidungen treffen, von niemandem abhängig sein und mein eigenes Geld verdienen. Die Schule war für mich ein Gefängnis, das mich davon abhielt, ich selbst sein zu können.

Die anderen Kinder – inklusive meiner Freundinnen – schienen jeden Tag neu zu entscheiden, ob sie mich mochten oder nicht. Ich fühlte mich nie sicher und hatte das Gefühl, dass meine Qualitäten täglich neu verhandelt wurden. Vor allem die Jungs machten keinen Hehl daraus, dass sie mich nicht ausstehen konnten. Ich wurde regelmäßig geärgert und trug offensichtlich sämtliche Triggerpunkte wie auf einem Silbertablett vor mir her. Ich dachte, ich könnte mich aus Hänseleien herausargumentieren.

Wenn ich den anderen nur logisch erklären konnte, warum sie falschlagen, müssten sie mich in Ruhe lassen, dachte ich. Ich versuchte zu beweisen, dass die Dinge, die sie über mich sagten, einfach nicht stimmten, und begriff nicht, dass es in Wahrheit gar nicht um die Inhalte ging. Dass ich mich damit stattdessen zu einem wesentlich unterhaltsameren Opfer machte. Ich war wie ein Bulle, der umso härter ausschlug, je fester das Geschirr angezogen wurde. Man konnte fantastisch mit mir und meinen Emotionen spielen.

Umso beschämender ist die Tatsache, dass meine schmerzhaften Mobbing-Erfahrungen in der Schule mich nicht davon abhielten, später selbst oft die Gelegenheiten zu nutzen, grausam zu anderen Kindern zu sein. Ich tat viel, um „auch einmal“ über anderen zu stehen, und trat nicht selten nach unten, teilte oftmals sogar gegen Klassenkamerad:innen aus, die ebenfalls als „seltsam“ galten. Im Versuch, mich von diesen abzugrenzen und meinen eigenen Wert zu erhöhen, machte ich mich häufig lustig über andere Kinder, manchmal sogar meine eigenen Freundinnen. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass mein eigenes Unglück mich sensitiv für die Verletzlichkeit von anderen machte, doch leider war häufig das Gegenteil der Fall. Stattdessen hatte ich lange Zeit die Tendenz auszuteilen, und brauchte Jahre der Therapie, um auch mein eigenes Fehlverhalten gegenüber anderen zu erkennen und zu reflektieren.

Wenn es nicht nur die Neurodivergenz ist


Im Alter von sechs bis zehn wohnte ich allein bei meinem Vater. Dies war die einsamste und chaotischste Zeit meines Lebens. Ich war sehr stark auf mich alleine gestellt, denn mein Vater war emotional und körperlich viel abwesend. Ich lernte in dieser Zeit, dass ich mich um mich selbst kümmern musste und die Schule meine private Angelegenheit war. Ich hatte keine Hilfe bei Hausaufgaben, niemand schaute in meine Schultasche, räumte mit mir auf oder erklärte mir meine Aufgaben. Wir beide lebten unser Leben fast separat voneinander und hatten ein distanziertes Verhältnis.

Ohne elterliche Partizipation in Hort und Schule, fühlte ich mich pausenlos überfordert, unvorbereitet und verloren. Ich schummelte mich durch meinen Alltag, den Unterricht und meine Hort-Zeit. Meine eigene Identität zwischen deutsch und kurdisch wurde damals durch den Unterschied zwischen dem Leben zu Hause und dem „da draußen“ nur untermauert. Ich fühlte eine unsichtbare Barriere zwischen beiden Welten, die durch kulturelle Unterschiede nur noch verstärkt wurde. Ich musste mir selbst einen Reim aus dem Land und der Familie...

Erscheint lt. Verlag 30.8.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7597-7389-3 / 3759773893
ISBN-13 978-3-7597-7389-0 / 9783759773890
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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Größe: 394 KB

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