NACHTS (eBook)
208 Seiten
BoD - Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-9905-0 (ISBN)
HOBBY-AUTORIN: LUZIE IRENE PEIN 1950 in Lippstadt/NRW geboren, begann sie das Schreiben mit Gedichten über Erlebnisse, Gefühle, Natur und Sinnesfindung und veröffentlicht inzwi-schen auch Kurzgeschichten, in denen sie die Leser gern in die Irre führt. In ihrem Sati(e)re Buch zeigt sie, dass sie auch einen Hang zum Komischen hat. Fotos literarisch zu untermalen ist eine weitere Leidenschaft von ihr. Sie ist Gründungs-Mitglied der BördeAutoren, dort mit Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien vertreten.
Augenwischerei
Endlich Wochenende.
Die Wohnung ist geputzt und die Lebensmittel vom Einkauf sind im Kühlschrank verstaut. Für mich allein benötige ich nicht viel. Es sei denn, mein Sohn möchte mit mir essen, was relativ selten vorkommt. Egal, ich habe immer eine Reserve. Gemüse und Gemüsesuppen, natürlich von frischen Zutaten. Gekocht und in Portionen eingefroren. Meine Lieblingssuppe ist die Hühnersuppe. Huhn, Hohe - oder Querrippe dazu, Suppengemüse, ein Lorbeerblatt, in der Pfanne geschwärzte Zwiebeln mit Schale, das gibt der Brühe mehr Farbe, ein wenig Ingwer, geschält, und eine Prise Muskatnussblüte. Salz darf nicht vergessen werden.
Ab und zu den Schaum abschöpfen, damit die Kraftbrühe klar bleibt.
Hühnersuppe, ein kulinarisches 'Highlight'.
Oh, mein Magen meldet sich.
Was esse ich denn jetzt? Eine Stulle mit Rübenkraut, die habe ich als Kind schon gern gegessen. Das weckt Erinnerungen in mir.
Ob ich wohl noch in den Garten gehe und Unkraut jäte? Die Fenster müssten auch mal wieder geputzt werden. Nein, dann kann ich mit dem Hausputz von vorn anfangen.
Irgendetwas berührt zärtlich meine Wangen, als ich die Tür öffne und in den Garten schaue. Eine angenehme Brise fächelt mir warme Luft in mein farbloses Gesicht. Die Lichtstrahlen der Herbstsonne fallen durch die vom Wind schaukelnden Äste und tänzeln auf meiner Haut. Sie laden mich ein, den Tag mit ihnen zu verbringen.
Schnell meine Jeans anziehen und eine leichte Jacke mitnehmen, falls es sich abkühlt. Vorsichtshalber lege ich mir den Regenschirm ins Auto, obwohl es gar nicht danach aussieht und auch kein Niederschlag angekündigt ist.
Ab ins Auto, die Arbeit läuft nicht weg. Schnell muss ich noch tanken. Der Tank meines alten Ford Fiesta ist fast restlos leer. Aber mein schnuckeliges, kleines, silbergraues Gefährt bringt mich noch überall hin, und wenn es aus der Waschanlage kommt, glänzt es noch richtig schick. In einem größeren Auto würde ich mir wegen meiner Körpergröße auch verloren vorkommen.
Ich fahre aus der Stadt. Obwohl ich eher am Stadtrand wohne, muss ich doch fast am Zentrum vorbeifahren.
Nach ungefähr zwanzig Kilometern verlasse ich die Landstrasse und biege links ab. Ein kleines Wäldchen an einem Hügel sieht recht einladend aus, und so entschließe ich mich, dort anzuhalten und mir ein lauschiges Plätzchen suchen, um mich von der Hektik der Stadt und meinem Stress auszuruhen. Nur ein wenig abschalten, Landluft atmen, die Seele baumeln lassen. Einfach eins sein mit der Natur. Gott sei Dank habe ich keine High Heels an, sondern meine flachen Schuhe mit den Einlagen vom Orthopäden - angeblich ist ein Bein kürzer ist als das andere - die Schuhe sind halt zweckmäßig. Flachlandtreter eben und für den Schotterweg zum Berg hinauf sehr geeignet.
In meiner Sturm- und Drangzeit gab es eine andere Bezeichnung für die hochhackigen Schuhe. Stöckelschuhe nannte man sie, und sie waren genauso unbequem wie heutzutage. Knochenbrüche, Verstauchungen waren die kleineren Übel, wenn man mit diesen Pumps umknickte. Zum Tanzkleid, ja, da sahen sie perfekt aus. Nostalgie überfällt mich, ich muss kichern.
Leider habe ich nie einen Tanzkurs besucht, aber das ist eine andere Geschichte.
Dazu fällt mir gerade ein, dass wir zu meiner Schulzeit eine sehr neugierige, eifersüchtige Nachbarin hatten, die keine Kinder bekommen konnte. Vor meinem Schulabschluss fragte sie meine Mutter, als sie unseren Vorgarten harkte, wann ich wohl meine ersten Stöckelschuhe und eine Dauerwelle bekommen würde. Meine Mutter antwortete nur mit einem Kopfschütteln und ließ sie stehen. Keine Antwort ist bekanntlich auch eine Antwort.
Die Nachbarin verschwand eingeschnappt und Po wackelnd in ihrem Hauseingang. Meine Mutter lächelte amüsiert und kam ins Haus.
Ich gehe weiter, einen kleinen Feldweg hoch und sehe eine Bank dort oben am Waldrand. Es ist ein sogenannter Mischwald. Nadel- und Laubbäume haben sich hier heimisch niedergelassen oder sind bewusst angepflanzt worden. Wälder sind die grüne Lunge unserer Erde, die unser Klima regulieren, Sauerstoff produzieren, ohne den wir nicht existieren können.
Leider werden viel zu viele Ur- und Regenwälder vernichtet, für die Möbelindustrie, für Papier, Kosmetika, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie werden vermeintlich gewinnbringend verarbeitet. Riesige Flächen werden gerodet und zu Rinderweiden nutzbar gemacht, damit alle Welt saftige Steaks kaufen kann. Es wird Raubbau mit unseren natürlichen Schätzen betrieben. Vor allem in den Ländern, in denen es noch Ureingesessene, exotische Pflanzen und Tiere zu erkunden gibt.
Sauerstoff wird auch von Algen in den Meeren erzeugt.
Meine Gedanken schweifen ab. Ich bin doch hierhergefahren, um zur Ruhe zu kommen. Und jetzt das. Liegt es an der Landschaft, dem Frieden, den ich suche und hier finden möchte? Wendet sich mein inneres Schweigen in unbeantwortete Fragen, die ich mir selbst stelle?
Stopp, ich zwinge meine Gedankenflüge zum Anhalten, will sie nicht in ihren Einfällen behindern, nur zu einer kurzen Pause überreden. Ich sehe ausgedehnte Grünflächen am Hang, auf denen Pferde und Kühe nebeneinander in Eintracht grasen. Diese Stille, kein Lufthauch weht. Ich setze meine Sonnenbrille ab, weil sie mir den Blick auf die wunderbare Schöpfung der Natur verdunkelt.
In den Wipfeln der Bäume, die für sich die Farbpalette der Jahreszeit bereits in Anspruch genommen und ihre Blätter in Weinrot und Goldgelb eingetaucht haben, zwitschern Vögel um die Wette. Über ihnen strahlt die goldene Sonne am azurblauen, wolkenlosen Himmel. Gibt es was zu gewinnen? Oder sind sie einfach nur glücklich und mit sich im Reinen? Sie führen ein freies Leben, können sich von den Aufwinden tragen und in ferne Welten gleiten lassen. Im Gegensatz zu uns Menschen, die teilweise nur nach der Uhr leben, immer und überall funktionieren und stets für die Belange anderer bereit sein müssen. Ich beneide die Stars der Lüfte, träume oft, dass ich mit ausgebreiteten Armen über den Dächern fliege und mir die Menschen von oben ansehe. Manchmal komme ich aber auch nicht so hoch. Ich habe den Sinn noch nicht wirklich erkannt, aber in Traumbüchern darüber gelesen.
Natürlich gibt es, wie so oft in wissenschaftlichen Büchern, verschiedene Meinungen der Psychoanalytiker. Egal, ich lausche dem lieblichen Klang der Melodien, meine Schritte werden leichter, meine Gemütslage passt sich ihnen beschwingt an.
So, jetzt noch um die kleine Schonung herum. Die Landschaft liegt vor mir, noch schöner, als ich mir eben ausgemalt habe. Flimmerndes Licht ergießt sich auf eine sattfarbene Wiese mit vielen bunten Wildblumen. Ein Wildbach schlängelt sich in seinem Strombett den Abhang hinunter und mündet in dem Dorfweiher. In dem kristallklaren Wasser spiegeln sich die Umrisse der dunklen Tannen, die am Ufer stehen.
Meine Nasenflügel vibrieren bei dem Duft von frisch geschnittenem Gras auf einem angrenzenden Weideland. Ich ziehe den Geruch gierig ein. Ein Geschenk der Natur. Ich nehme es dankbar an, atme tief ein und aus. Reine Luft strömt in meine Lungenflügel und lässt mich das erste Mal seit langer Zeit wieder frei durchatmen.
Ich darf nicht vergessen, den Rasen zu Hause dringend zu mähen. Hätte ich ein Stofftaschentuch dabei, würde ich einen Knoten hinein machen. Pech. Papiertaschentuch geht nicht, wenn ich es benutze und wegwerfe, entsorge ich auch meine Gedächtnisstütze.
Was ist das? Ich höre eine schrille Stimme, die meinen Gehörsinn reizt und sogar den Tinnitus in meiner rechten Ohrmuschel übertönt. Sie ist laut und bestimmend. Auch hier gibt es scheinbar Streit zwischen Eheleuten, Eltern und Kindern.
Das muss ich mir nicht auch noch antun. In den letzten Wochen habe ich meine Kraft völlig aufgebraucht. Mein Akku ist leer. Zu viele Erinnerungen, Albträume haben meine Gemütsruhe gestört.
Ich stutze. Eine zierliche Person sitzt mittig auf einer morschen, halb verfallenen Holzbank, die jeden Moment zusammenbrechen könnte. Ihr weißes, halblanges seidiges Haar glänzt im Sonnenlicht und rahmt ihr kleines Gesicht bildhaft ein.
Ein modischer glatter Haarschnitt wird von einem schwarzen Samtkragen gestützt, keine Hausfrauendauerwelle, die ich oft bei älteren Frauen sehe. Die Jacke ihres hellgrauen Kostüms hängt locker über ihren schmalen Schultern und dem gekrümmten Rücken. Sie sieht darin so zerbrechlich aus. Weiße, zarte Spitze, die aus den Ärmeln der viel zu großen Kostümjacke heraus schimmert, ziert ihre knöchernen Hände. Sonnenstrahlen lassen Altersflecken auf der Haut aufleuchten. In der einen Hand hält sie einen Gehstock und bewegt ihn recht schwungvoll in alle Richtungen.
Ich schätze ihr Alter auf achtzig oder neunzig Jahre.
Sie unterhält sich sehr angeregt, aber ich kann nicht erkennen, mit wem. Außer ihr und mir ist niemand anwesend. Sitzt da jemand im Gebüsch hinter der...
| Erscheint lt. Verlag | 27.8.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Erinnerungen • Fantasie • Liebe, Leidenschaft • Nachts • Träume |
| ISBN-10 | 3-7597-9905-1 / 3759799051 |
| ISBN-13 | 978-3-7597-9905-0 / 9783759799050 |
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